Ein aufsehenerregender Schritt
Regierung löst ostpreußische Landwirtschaftskammer auf.
Königsberg, 23. Dezember
Wie amtlich mitgeteilt wird, ist die ostpreußische Land- wirtschaftskammer von der preußischen Staatsregierung aufgelöst worden. Die Auflösung erfolgte wegen des Beschlusses der Landwirtschaftskammer vom 15. Dezember 1931, in der der Rücktritt des Reichspräsidenten und der Reichsregierung gefordert worden war.
Die preußische Regierung sieht in diesem Beschluß eine Ueberschreitung der der Kammer zustehenden Befugnisse, die im Interesse der Erhaltung der Staatsautorität nicht hingenommen werden könne. Der Landeskulturamt-Präsident Pauly in Königsberg ist für die zwischenzeitliche Verwaltung zum Staatskommissar für die Landwirtschaftskammer bestellt worden.
Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt dazu mit: Die ostpreußische Landwirtschaftskammer hat in ihrer Vollversammlung vom 15. Dezember 1931 eine Entschließung Ul- rich-Sturmat (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) angenommen: „Die Vollversammlung bittet den Herrn Präsidenten Brandes, dem Herrn Reichspräsidenten zu erklären: Der ostpreußische Landstand erkennt die Machtlosigkeit des Herrn Reichspräsidenten der heutigen Systemkraft gegenüber. In tiefster wirtschaftlicher und seelischer Not bittet er den Herrn Reichspräsidenten, sowohl für seine Person als auch für das derzeitige Reichskabinett den Weg alsbald freizumachen für Männer, die aus Kampf und Glauben zusammengeschweißt, jetzt nur noch allein in der Lage sind, nicht nur die Landwirtschaft, sondern das ganze Volk zu retten."
Dieser Beschluß fordert ausdrücklich den Rücktritt des Herrn Reichspräsidenten und der Reichsregierung. Die den Antragstellern nahestehende „Preußische Zeitung" hat das offen bestätigt. Damit hat die Kammer politische Forderungen gestellt und die ihr gesetzten zustehenden Befugnisse überschritten. Selbst bei weitherzigster Auslegung des Selbst- verwaltungsrechtes der Kammer kann ein solcher Beschluß im Interesse der Erhaltung der Staatsautorität nicht hingenommen werden und bedarf der schärfsten Ahndung. Zwar hat der Vorstand der Landwirtschaftskammer in einer Sitzung von 19. d. Mts. beschlossen, die Angelegenheit noch einmal auf die Tagesordnung der nächsten Vollversammlung zu setzen, um erneut über den gefaßten Beschluß zu beraten mit der Begründung, daß ein Teil der Kammermitglieder sich über die Tragweite des Beschlusses nicht im Klaren gewesen sei. Dieser Vorstandsbeschluß kann jedoch nach Auffassung der Staatsregierung an den bekannten festgestellten Tatsachen nichts ändern. Die Staatsregierung hat sich deshalb genötigt gesehen, die ostpreußische Landwirtschaftskammer aufzulösen und den Landeskulturamts-Präsidenten Pauly in Königsberg zum Staatskommissar für die zwischenzeitliche Verwaltung zu ernennen.
Beschlüsse des Reichsrates
Berlin, 23. Dezember.
Der Reichsrat genehmigle die Verordnung zur vorstäd- tischen Kleinsiedlung und Bereitstellung von Kleingärten für Erwerbslose bei Stimmenthaltung Bayerns. Die bayerische Regierung hatte Vertagung gewünscht, weil sie sich mit dem Entwurf noch nicht hatte beschäftigen können.
Der Plan für die Verteilung der 80 Millionen RM. Reichshilfe zur Erleichterung' der Wohlfahrtslasten der Gemeinden, der gleichfalls auf der Tagesordnung stand, wurde nicht beraten, weil sich herausgestellt hatte, daß diese Vorlage nicht der formellen Zustimmung des Reichsrats bedarf.
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Der Deckeneinsturz im Vatikan
Vier Arbeiter vermißt.
Rom. Bei dem Deckeneinsturz in der -alten Vatikanischen Bibliothek werden vier Arbeiter vermißt, die wahrscheinlich unter den Trümmern begraben sind. Rund 20 000 Bände wurden unter den Trümmern begraben. Die unersetzlichen Manuskripte, die bis ins vierte Jahrhundert nach Christus zurückreichen, dürften mit ganz wenigen Ausnahmen unbeschädigt geblieben sein. Wertvolle Deckengemälde sind vernichtet worden.
Hochspannung in Basel
Französische Opposition gegen den Schlußbericht.
Basel, 23. Dezember.
Die Spannung, die über den Verhandlungen des Beratenden Sonderausschusses seit einigen Tagen lagerte, hat gestern abend ihren Höhepunkt erreicht. Die Verhandlungen sind am krischen Punkt angelangt. Die Beratungen des Redaktionskomitees wurden in den späten Abendstunden abgebrochen.
Das Schicksal des Schlußberichtes scheint wieder einmal in Frage gestellt worden zu sein. Man hört, daß der französische Delegierte Einwände gegen die im Bericht enthaltenen Formulierungen, die von den Einwirkungen der Reparationen auf die allgemeine Weltkrise handeln, erhoben habe. Der Standpunkt Frankreichs in diesem Punkte ist bekannt. Es will nicht anerkennen, daß die störenden Wirkungen der Reparationen so groß sind, wie es nach Ansicht der Mehrheit des Ausschusses der Fall ist.
Das zweite Kapitel des Schlußberichtes, das von den Ursachen der wirtschaftlichen und finanziellen Krise Deutschlands handelt, konnte im großen und ganzen abgeschlossen rverden. Heute werden die Besprechungen fortgesetzt.
Heute Abend Schlußsitzung?
Nach den übereinstimmenden Mitteilungen verschiedener Ausschußmitglieder wird der Beratende Sonderausschuß der BJZ. seine Tagung, die einer Untersuchung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands gewidmet war, heute abend abschließen. Sollten in einer am Vormittag stattfindenden vertraulichen Sitzung keine neuen Schwierigkeiten auftauchen, so könnte am Nachmittag in einer Vollsitzung des Ausschusses der gesamte Bericht angenommen werden.
Der Bericht des Ausschusses, der mit seinen zahlreichen Anhängen ein sehr umfangreiches Schriftstück darstellt, soll dann noch im Laufe des Abends der Oeffentlichkeit übergeben werden.
Ungarn erklärt Transfer-Moratorium
Stillhalteabkommen für private kurzfristige Schulden?
Budapest, 23. Dezember.
Die ungarische Regierung hat gestern ein Transfer- Moratorium erklärt und angekündigt, sie werde in den kommenden zwölf Monaten, von gewissen Ausnahmen abgesehen, die in diesem Zeitraum fälligen Zahlungen aus den Auslandsverpflichtungen Ungarns nicht in fremden Zahlungen, sondern in Pengö tilgen.
Die Zahlungen erfolgen nicht direkt zu Händen der Gläubiger, sondern an einen von der Ungarischen Nationalbank verwalteten Fonds, aus dem die ausländischen Forderungen im Einvernehmen mit dem von der BJZ. der Ungarischen Nationalbank zugeteilten Beirat unter Anhörung des Vertreters der Gläubiger honoriert werden. Hinsichtlich der privaten kurzfristigen Anleihen strebt die Regierung ein sechs- monatiges Stillhalteabkommen an.
Neue französische Regierungsschlappe
Paris, 23. Dezember.
Bei der Weiterberatung der Vorlage für die Sanierung der Compagnie Generale Transatlantique durch staatliche Mittel wurde von sozialistischer Seile der Antrag auf Rück- verweisung an die zuständigen Ausschüsse gestellt. Obwohl Ministerpräsident Laval und der Minister für Handelsmarine diesen Antrag bekämpften, wurde er mit 275 gegen 266 Stimmen angenommen.
In der Diskussion sprach sich der Minister für die H a n - delsmarine für die Rationalisierung und internationale Verständigung der Handelsschiffahrt aus, mit der sich demnächst eine nach Paris einberufene internationckle Schiffahrts- konferenz zu befassen haben werde.
Explosion an Bord
New Park. An Bord des 3000 Tonnen großen deutschen Frachtdampfers „Henry Horn" aus Flensburg ereignete sich gestern im Maschinenraum eine Explosion. Vier Heizer wurden j ch w e r v e r l e tz t, drei von ihnen schweben in Lebensgefahr.
Eine Million Wohlfahrtserwerbslose
nur allein in Preußen . . .
Berlin, 23. Dezember.
Nach der Erhebung des Preußischen Statistischen Lan- desamtes vom 30. November sind in Preußen 999 585 vom Arbeitsamt anerkannte Wohlfahrtserwerbslose bei den Bezirksfürsorgeverbänden gezählt worden gegenüber 920 408 am Ende des Vormonats, so daß sich im November eine Zunahme um 79177 ergibt.
Einschließlich der unterstützten Wohlfahrtserwerbslosen, deren Anerkennung durch das Arbeitsamt am Stichtage noch nicht ausgesprochen worden ist (19 858) sowie der strittigen Fälle (5360), ist die Gesamtzahl der von den preußischen Bezirksfürsorgeverbänden laufend unterstützten Wohlfahrtserwerbslosen Ende November auf 1025 000 angewachsen.
Berschiedung der Abrüsinngskonserenr?
Englischer Schritt in Tokio.
Tokio, 23. Dezember.
Wie aus gut unterrichteter Stelle verlautet, hat der britische Botschafter dem Ministerpräsidenten eine Note über- reicht, in der die japanische Regierung gebeten wird, sich über die Frage einer Vertagung der Abrüstungskonferenz um zwei oder drei Wochen auszusprechen.
Die chinesische Krise
Nanking, 23. Dezember.
Die chinesische Nationalregierung ist nunmehr in ihrer Gesamtheit zurückgetreten. Tschiangkaischek ist nach Peng- Hua auf dem Luftwege abgereist.
Japans Offensive
In einer amtlichen japanischen Mitteilung aus Mulden heißt es, daß japanische Infanterie nach großer Artillerievorbereitung und unter Maschinengewehrfeuer den Angriff auf Kintschau ausgenommen habe. Die japanischen Truppen hättet? die chinesischen Stellungen nach heftigen Kämpfen gestürmt und befänden sich in ununterbrochenem Vormarsch auf Kintschau. Die Verluste würden auf beiden Seiten auf mehrere hundert Mann geschätzt.
Nach einer Meldung aus Peking teilt die chinesische Regierung amtlich mit, daß Marschall Tschanghsueliang Befehl erhalten habe, den japanischen Truppen Widerstand zu leisten. In dem Befehl heißt es, daß Kintschau unter keinen Umständen aufgegeben werden dürfe. Für den Fall, daß die Chinesen die Stadt doch räumen müssen, sollen alle Brücken und wichtigen Gebäude in die Luft gesprengt werden.
Die Mandschureilommiffare
Der Völkerbundsrat hat bekanntlich im Verlaufe seiner letzten Sitzung beschlossen, eine aus fünf Mitgliedern bestehende Untersuchungskommission nach der Mandschurei zu entsenden. Nach langwierigen Verhandlungen ist es, wie die Schweizerische Depeschenagentur meldet, gelungen, sich über die Zusammensetzung der Kommission zu einigen. Den Vorsitz wird wahrscheinlich Lord L y t t o n , Delegierter Groß-Britanniens bei der Völkerbundsversammlung, führen. Die übrigen Mitglieder sind General C l o u d e I-Frankreich, Reichstagsabgeordneter Schnee- Deutschland, Graf A l • Ko v r änTl, ehemaliger Botschafter Italiens in Berlin, und H i n e s, ehemaliger Sachverständiger des Völkerbundes für Verkehrsfragen. Man rechnet kaum damit, daß die Kommission vor dem Monat Januar nach der Mandschurei abreisen kann.
Um die Postgebührensenkung.
' Meldungen, daß mit dem Inkrafttreten der möglicherweise gesenkten neuen Postgebühren erst für den 1. Apri zu rechnen sei, werden von zuständiger Stelle für unrichtic erklärt. Es hänge bekanntlich von der Reichsregierung ab ob sie dem Antrag des Reichspostministers auf Verzicht bei Ablieferung von 120 Millionen RM. zustimmen werde. Du Verhandlungen dauern an.
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Roman von Marlise Sonneborn
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halte (Saale)
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„Darauf kommt es nicht an, gnädige Frau. Wir leben hier streng diät. Das wird den Herrschaften zumeist anfangs schwer. Sie lassen sich durch eigene Dienerschaft dann Nahrungsmittel besorgen. Der Erfolg der ganzen Kur steht auf dem Spiel. Herr Doktor van Delden macht deshalb nie eine Ausnahme."
„Das ist ja Unsinn."
„Wir haben auch kein Zimmer frei."
„Das Fräulein kann auf einer Chaiselongue in meinem Zimmer schlafen."
„Das ist ganz ausgeschlossen, gnädige Frau. Jeder Patient kann nur einen einzigen Raum beanspruchen — und die Räume sind nicht sehr groß."
„Wenn man mir solche Schwierigkeiten macht, reise ich eben wieder ab."
„Vielleicht wäre das das beste, gnädige Frau."
„Jedenfalls will ich sofort den Arzt sprechen. Lasten Sie ihn kommen. Untergeordnete Personen wie Sie, Schwester, haben ja nichts zu entscheiden."
Lächelnd und kopfschüttelnd geleitete die Schwester die Dame in das Wartezimmer.
Dann telephonierte sie Doktor van Delden an, kurz die Sachlage schildernd.
„Schicken Sie sie nur gleich wieder fort", rief der zurück. „Ich weiß durch ihren Arzt, was mit ihr los ist. Schwer verzogen. Ueberpflegt. Vor Langweile krank. Bisher waren's die Nerven. Jetzt ist's die Lunge. Eingebildete Kranke durch und durch. Ich nahm sie nur aus Gefälligkeit gegen den schwerbedrängten Kollegen. Pariert sie nicht — ex!"
„Wollen Sie ihr das nicht lieber selber sagen? Mir wird die Dame keinen Glauben schenken."
„Versuchen! Wenn nicht — nochmal anrufen."
Frau Antony zuckte hochmütig mit den Achseln.
„Mit Personal verhandele ich nicht. Sagen Sie das dem Herrn!"
Die Schwester gab die Botschaft im Beisein der Dame wörtlich durch das Telephon.
„Warten lassen!" klang es zurück.
„Mit der Zofe?"
„Nein!" brüllte Doktor van Delden so zornig-laut zurück, daß die Dame es von ihrem Sitz aus vernahm.
„Kultur — scheint hier nicht zu herrschen?" meinte sie ironisch.
„Wir sind in einer Anstalt, in der ernsthaft Kranke ernsthaft Heilung suchen."
„Meinen Sie etwa, ich wäre nicht ernsthaft krank?"
„Ich habe keine Meinung darüber. Herr Doktor van Delden wird seine Anordnungen geben."
„Sie werden mich zu pflegen haben?"
Die Schwester nickte.
„Ich glaube nicht, daß wir zusammen harmonieren. Ich werde mit Doktor van Delden reden. Ich wünsche andere Bedienung."
„Bedienen tut Sie ein Zimmermädchen. Zur Pflege wird sich nach der Verteilung der Patienten auf die Zimmer kaum eine andere Schwester finden."
Frau Lasar zuckte mit den Achseln.
„Entschuldigen Sie mich jetzt, gnädige Frau — ich habe Pflichten."
„Schicken Sie mir die Frieda!"
„Gnädige Frau — Sie hörten, Herr Doktor hat es ausdrücklich verboten."
„Ich werde mich ausdrücklich beschweren!"
Mit leichter Verneigung verließ die Schwester den Warteraum. Achselzuckend und in verächtlicher Gereiztheit warf sich die junge Frau in einen der Sessel — prüfte die ausliegenden Journale.
„Nichts Ordentliches — wie zu erwarten", dachte sie zornig. „Ich begreife Doktor Frank nicht, mich aus- gerechnet hierher zu schicken. Das scheint doch wirklich nur
für arme Leute zu sein! Eine derartige Behandlung. Oder — vielleicht — für ganz Schwerkranke."
Draußen hatte Doktor van Delden bereits das mitgeschleppte Personal fortgeschickt.
Die Jungfer weinte beinah vor Aufregung.
„Die gnädige Frau wird mich sofort entlassen, wenn ich ohne ihre Erlaubnis gehe. Und die Stelle ist sonst wirklich gut."
„Die gnädige Frau hat sich hier absolut der Haus, ordnung zu fügen. Warten Sie ein, zwei Tage in Gens Entweder die Dame bleibt hier, indem sie sich fügt oder sie reist bald wieder ab. Dann werde ich Sie benachrichtigen lassen. Fräulein — Sie sind dann zur Stelle, und ich übernehme es persönlich, Sie zu rechtfertigen."
Zögernd gehorchte die Jungfer.
„Gut würde es der tun — auch mal parieren müssen", dachte sie mit leiser Genugtuung.
Erst nach längerer Zeit — Frau Lasar brannte vor Ungeduld! - ließ Doktor van Delden sie zu sich bitten.
Es war ein weiter Weg zu dem Arzthaus, in dem sich Doktor van Deldens Sprechzimmer befand, und Frau Antony fragte die sie führende Schwester hochmütig: „Kann denn der Arzt sich nicht zu mir bemühen?"
„Gnädige Frau, Herr Doktor van Delden hat viel zu tun."
„Aber bei den besseren Patienten ..." >
„Hier gibt es nur — Kranke."
Doktor van Delden empfing die Dame mit zurück- haltender Höflichkeit.
„Ihr Arzt schreibt mir, daß Sie sich ernsthaft krank fühlen und hier Genesung suchen. Das ist nur möglich bei strikter Befolgung der Hausordnung!"
„Die unsympathische Schwester, die mich empfing, hat gepetzt?"
„Gnädige Frau — hier petzt nleptanb. Aber ich halte darauf, von allem unterrichtet zu sein. Ihre Jungfer habe ich nach Genf zurückgeschickt. Sie erwartet Sie dort. Denn ich würde es verstehen, wenn Sie es vorziehen, das Sanatorium alsbald wieder an verlassen." (»<«tf uuo