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Hersfelöer Kreisblatt
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Nr. 297 (Erstes Blatts
Sonnabend, den 19. Dezember 1931
81. Jahrgang
Basel vor der Entscheidung
Die Tatsachen beweiskräftiger als Frankreichs Theorien — Auch die Reichsbahn kann nicht zahlen
Erläuterung der Brejse-Berorduung
Die Richtlinien des Reichsinnenministeriums.
Der Reichsminister des Innern hat den obersten Reichsund Landesbehörden für die Handhabung der Verordnungen des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen vom 28. März 1931 und 10. August 1931 Richtlinien mitgeteilt, in denen folgendes bestimmt wird:
Vor dem Erlaß jedes Verbotes einer periodischen Druckschrift ist nicht nur zu prüfen, ob das Verbot auf Grund der Bestimmungen der Rotverordnungen rechtlich zulässig ist, sondern es ist in jedem Einzelfalle auch zu erwägen, ob das Verbot im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und damit im Staaksinteresse unbedingt notwendig ist.
Die allgemeine Tendenz einer periodischen Druckschrift kann zwar für die Auslegung des Inhaltes einer Veröffentlichung in der Druckschrift von Bedeutung sein. Dagegen hat die allgemeine Tendenz einer periodischen Druckschrift bei Prüfung der Frage außer Betracht zu bleiben, ob das Verbot notwendig ist. Insbesondere sind Verbote nicht deshalb zu erlassen oder auf besonders lange Dauer zu erstrecken, weil eine periodische Druckschrift die Forderungen einer Oppositionspartei vertritt.
Bei Prüfung der Frage, wann die Schreibweise die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet, ist insbesondere folgendes zu beachten:
Falsche Nachrichten, die geeignet sind, die Bevölkerung in Erregung zu versetzen, gefährden die öffentliche Sicherheit und Dränung. Dasselbe gilt für alarmierende Sensationsnachrichten oder Schlagzeilen, die die von der Reichsregierung getroffenen Maßnahmen zur Gesundung der wirtschaftlichen^ finanziellen uuo Jnnchen Verhältnisse empfindlich durchkreuzen. Die Zeitungsverbote sind dazu da, um die labile Stimmung der Bevölkerung nicht durch verantwortungslose Aufreizung, vor allem nicht durch alarmierende, einseitig gefärbte und zur Aufhetzung geeignete Zeitungsberichte und Nachrichten, aufpeitschen zu lassen.
Schärfer als die dem Nachrichtendienst und der politischen Belehrung dienenden, hauptsächlich im Wege des Abonnentenbezuges vertriebenen periodischen Druckschriften sind diejenigen Zeitschriften auf die Notwendigkeit von Verboten zu prüfen, die im wesentlichen nur dem Sensationsbedürs» nis zu dienen bestimmt sind und ausschließlich oder hauptsächlich im Straßenhandel vertrieben werden.
Postgebühren werden gesenkt
Beschlüsse des Verwaltungsrats.
Der Arbeitsausschuß des Derwaltungsrates der Deutschen Reichspost beschäftigte sich eingehend mit den auch bei der Deutschen Reichspost auf Grund der 4. Notverordnung zu erwartenden finanziellen Einsparungen. Die Frage, ob die Deutsche Reichspost diese Einsparungen ebenso wie die entsprechenden Summen früherer Notverordnungen an das Reich abzuführen habe oder ob sie die Ersparnisse der 4. Notverordnung für ihre Zwecke verwenden kann, ist von ausschlaggebender Bedeutung dafür, ob und inwieweit die Deutsche Reichspost in der Lage ist, Gebührenherabsetzungen vorzunehmen. Der Arbeitsausschuß des Verwaltungs- rats hat sich hiernach auf den Standpunkt gestellt, daß die durch die neuen Lohn- und Gehaltskürzungen bei der Reichspost ersparten Mittel der Reichspost verbleiben müssen und demnach über den bereits jetzt von der Reichspost dem Reich zur Verfügung gestellten Jahresbetrag von rund 240 Millionen RM. hinaus eine weitere Ablieferung im Hinblick auf die finanzielle Lage der Reichspost und aiff dringende Belange der Wirtschaft nicht stattfinden darf.
Der Arbeitsausschuß beschloß ferner, daß die Ersparnisse der 4. Rotverordnung vor allem zur Ermäßigung der Gebühren in dem allgemein auch von der Wirtschaft verlangten Rahmen, ferner zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit der Reichspost und zur Vermeidung sozialer Härten im Arbeit-- Verhältnis der Beschäftigten verwendet werden sollen.
Breubens Notverordnung verabschiedet
Berlin, 19. Dezember.
Das preußische Staatsministerium hat in mehrstündiger Kabinettssitzung die neue preußische Sparnotverordnung endgültig verabschiedet. Ueber den Inhalt der Rotverordnung wird amtlich zunächst Stillschweigen bewahrt; die Verordnung soll erst Anfang der nächsten Woche veröffent- licht werden. Angeblich ist auf die Schlachtsteuer verzichtet worden.
Senkung der Kalivreile
Berlin, 19. Dezember.
Der Reichskalirat ermächtigte seinen Vorsitzenden, die auf Grund der Rotverordnung erforderliche Veröffentlichung über die neuen Inlandspreise für Kali vorzunehmen.
Baseler Feststellungen
Auch die Reichsbahn kann nicht zahlen.
Basel, 18. Dezember.
Der Beratende Sonderausschuß hielt eine Vollsitzung ab, in der der Bericht über die Lage der Reichsbahn genehmigt wurde. Alles deutet darauf hin, daß die Arbeiten allmählich ihrem Ende entgegengehen. Das Interesse konzentriert sich immer mehr auf den in Vorbereitung befindlichen Schlußberichl. für den die Materialzusammenstellung jetzt so gut wie beendet ist.
Die Einzeluntersuchungen, so z. V. über die deutsche Zah- lungs- und Handelsbilanz, die deutsche Budgetgestaltung, die Lage der Reichsbank usw. werden vermutlich in dem zweiten Teil des Berichtes in Form von Anlagen ausführlich wiedergegeben werden.
Die Berichte, die die beiden Unterausschüsse für Statistik und für den deutschen Reichshaushall der Vollversammlung des Sonderausschusses erstattet haben, lassen erkennen, daß es unmöglich ist, entsprechend dem Wunsch Frankreichs die ganze Prüfung der Lage Deutschlands und der Geldkrise mit einem kurzen Bericht abzutun und alles andere in den verschiedenen Anhängen zu dem Gutachten zu verstecken. Die Berichte über die Verschuldung, den Reichshaushalt und die Deutsche Reichbahn bilden einen integrierenden Bestandteil des Gutachtens, und um eine ausführliche Darlegung dieser drei Fragenbereiche, zu dem als viertes noch die Reichsbank gehört, kommt der Sonderausschuß nicht herum. Dies entspricht auch der englischen Auffassung und der der Reulralen. Das Tatsachenmaterial spricht eine so deutliche Sprache, daß die Havas-Agentur es nicht wagt, den französischen Lesern genaue Einzelheiten davon zu unterbreiten.
Dec A-Ücht LbeS ^s Lage der Reichsbahn vergleicht N nächst die aus den günstigen Jahren 1925 bis 1929 erzielten Betriebsüberschüsse, die die Reichsbahn auch instand setzte, Reparationen zu tätigen und einen Betriebs-Koeffizienten von 81 bis 85 v. H. aufwies, mit den Verschlechterungen der Jahre 1930 bis 1931, wo ein Einnahmerückgang von nicht weniger als 1^ Milliarden zu verzeichnen sei, d. h. 28 v. H. weniger als von 1925 bis 1929. Die Reichsbahn sei dadurch gezwungen, auf ihre Reserven z u- rückzugreifen und daraus ihre Lasten, darunter auch die Reparationen, zu bestreiten. Für das folgende Jahr entwickelt der Unterausschuß die Auffassung, daß, wenn man das Sinken der Betriebseinnahmen durch Tarifherabsetzungen und der Betriebsausgaben durch Gehälterabbau usw. berücksichtige, es der Reichsbahn unmöglich sein werde, ihren Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Ueber die voraussichtliche Entwicklung der Lage der Reichsbahn in den folgenden Jahren äußert sich der Unterausschuß nicht. Sie hängt ab von der Weiterentwicklung der allgemeinen Wirtschaftskrise sowie von den Maßnahmen, die die Gesellschaft in bezug auf Tarifgestaltung und Ausgaben einschlagen werde. Die vom Ausschuß vorgelegten Ziffern ergeben zusammen mit den festgestellten Tatsachen und den von den Sachverständigen vorgenommenen Vergleichen, daß, sobald einmal Deutschland wie die ganze Welt ihr Gleichgewicht wiedergewonnen hätten, und zu regelmäßigen wirtschaftlichen Verhältnissen zurückgekommen sein würden, die Reichsbahn in der Lage sein werde, einen reinen Betriebsüberschuß zu erbringen, der dem von anderen Bahngesellschaften erzielten Betriebs-Ueberschuß vergleichbar sei.
England verhandelt nicht!
Deutschland kündigt Gegenmaßnahmen an.
Berlin, 19. Dezember.
Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, hat die englische Regierung das Ersuchen der deutschen Regierung auf Verhandlungen über die Auswirkungen der englischen Zollmaßnahmen auf den deutsch-englischen Handelsvertrag dahingehend beantwortet, daß sie zwar anerkennt, daß auf Grund des Handelsvertrages Deutschland Anspruch auf der- artige Verhandlungen hat; die englische Regierung teilt aber weiter mit, daß derartige Verhandlungen völlig zwecklos sein würden. Sie sei entschlossen, von den beschlossenen Zollmaßnahmen nichts zurückzunehmen.
Nach Mitteilungen von unterrichteter Seite hat die deutsche Regierung auf Grund dieser Antwort trotz ihres eindeutigen Rechtsanspruches auf solche Verhandlungen über die Folgen der englischen Zollpolitik auf den deutsch-englischen Handelsvertrag davon abgesehen, auf ihr formales Recht zu bestehen.
In der Mitteilung, die über diesen Verzicht der englischen Regierung gemacht worden ist, ist aber das starke Befremden der deutschen Regierung über diese Haltung Englands zum Ausdruck gekommen und weiter betont worden, daß Deutschland sich selbstverständlich für seine Maßnahmen völlig freie Hand Vorbehalten muß.
Schutzzölle ausgedehnt
Das englische Handelsamt veröffentlicht auf Grund des Gesetzes gegen ungewöhnlich große Einfuhr die dritte Verordnung. Sie setzt mit Wirkung vom 19. Dezember ein« iUvro^entig« Wertzollsteuer auf zahlreiche Artikel fest.
England und die Tributsrage
Der Inhalt der Rote an Frankreich.
London, 19. Dezember.
Der Pariser Korrespondent der „Times" gibt auf Grund besonderer Unterrichtung eine eingehende Inhaltsangabe der englischen Note über die Tribute und kurzfristigen Verpflichtungen, die der französischen Regierung übermittelt worden war. Ihm zufolge legt die Note die allgemeinen Grundsätze für die kommenden Verhandlungen dar. Einzelheiten sollen dem Sachverständigenausschuß in Basel überlassen werden.
Die Rote gibt eine Uebersicht über die Auswirkung der Tribute und Kriegsschulden, die als hauptsächlichste Ursache der Wirtschaftskrise bezeichnet werden. Ihre völlige Beseitigung oder doch Milderung sei das wirksamste und schnellste Mittel zur Behebung der Krise. Die Lage Deutschlands sei der Angelpunkt der Krise. Mit den bekannten Gründen wird dann ausgeführt, warum es Deutschland ermöglicht werden müsse, seine kurzfristigen Verpflichtungen zu erfüllen.
Bei der Erörterung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands erklärt die englische Regierung, Frankreich müsse berücksichtigen, daß Deutschland während der letzten Jahre von England am Leben erhalten und so in die Lage versetzt wurde, die Tribute hauptsächlich aus englischen Anleihen zu bezahlen, während gleichzeitig die englische Politik der offenen Tür eine günstige deutsche Handelsbilanz ermöglicht habe. Frankreich habe also einen großen Teil seiner Tribute mittelbar aus England erhalten.
Eine verdiente Zurechtweisung
Berlin, 19. Dezember
-?>te-3wn~^ Äußerungen der französischen Presse zu der Haltung vesamerika.'W^ Kon gresses gegenüber den interalliierten Schulden u^ dem Hooverfeierjahr haben die „Germania, der man nach- sagt, daß sie dem Kanzler besonders nahesteht, veranlaßt, sich besonders mit der französischen Behauptung ausein- anderzusetzen, Amerika habe Deutschland ermutigt, die Zahlungen einzustellen.
Das Blatt schreibt hierzu u. a.: Amerika hat durch sein Eingreifen den Weltkrieg zugunsten Frankreichs entschieden und dadurch die heutige Weltstellung Frankreichs geschaffen. Wenn Amerikas Kongreß eine Notifizierung des Der- sailler Vertrages und eine Garantieleistung für Frankreichs europäische Kriegserrungenschaften abgelehnt hat, so geschah dies aus der allzu späten Erkenntnis, daß man von Frankreich zu eigensüchtigen Zwecken mißbraucht worden war. Frankreich konnte nicht wohl verlangen, daß Amerika für den französischen Vorteil auch noch durch Streichung seiner Schuldenforderungen aufzahlen sollte.
Frankreichs phankasierüstungen sind ja nicht zur unmittelbaren Sicherheit des Landes, sondern zur Ausübung der Hegemonie in Europa geschaffen, und Amerikas öffentliche Meinung opponiert gegen die Möglichkeit, einem ohnehin reichen Lande diese Hegemoniepolitik durch Schulden- streichung , in einem so kritischen finanzpolitischen Augenblick zu erleichtern.
NSA.: „Einmal und nicht wieder"
Washington, 18. Dezember.
Die Annahme des Gesetzentwurfes über das einjährige Moratorium auf die Schulden fremder Regierungen erfolgte im Finanzausschuß des Repräsentantenhauses mit 21 gegen | 4 Stimmen. Man hofft, da der Kongreß sich am nächsten ! Dienstag über Weihnachten bis zum 4. Januar vertagen ' möchte, am Sonnabendabend die Abstimmung vornehmen zu können. Ob allerdings auch der Senat noch vor den Weih- nachtsferien über den Gesetzentwurf abstimmen kann, ist zweifelhaft, da der Zusatz, der sich gegen eine Herabsetzung der alliierten Schulden ausspricht, die Lage kompliziert hat.
Der Vorsitzende des Finanzausschusses, der Demokrat Eollier, erklärte auf Befragen von Pressevertretern über die Bedeutung dieses Zusatzes: „Er bedeutet weiter nichts, als daß wir einmal und nicht wieder ein derartiges Moratorium ratifizieren. Wenn die alliierten Regierungen glauben, ihre Schulden an uns nicht zahlen zu können, so mögen sie sich der für diesen Fall in ihren Schuldenabkommen mit uns eingefügten Klausel bedienen, und dann werden wir weiter sehen. Wir jedenfalls werden ihnen kein Moralo- rlum mehr anbieten."
MacFadden Isoliert
„Times" berichtet aus Washington daß der republikanische Senator Reed erklärt habe, er werde sein möglichstes tun, um die Wiederwahl seines Parteigenossen MacFadden zu verhindern, der, so wie er selbst, einen Wahlkreis in I Pennsylvania vertritt. MacFadden hatte im Parlament unerhörte Beschuldigungen gegen Deutschland erhoben, und mehrere gegen MacFaddens Behauptungen polemisierende Leitartikel werden dem Kongreßbericht einverleibt werden.
McFadden ist inzwischen von Präsident Hoover aus der Partes qwd*bfa>ifen worden. ...,—-