Hersfel-erTageblatt
Pnzetgenp«i»r Nt einspalttgt ptti^eHt 15 Pfennig, öle Reklamyelle 50 Pfennig. (Grundschrist Korvus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preisnachlaß gewährt. ♦ Kür ölt Schriftleitung verantwortlich: Kranz Kunk in hrrsMd. ♦ -ernsprecher Nr.
Hersselüer Kreisbla«
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Nr. 285 (Erstes Blatts
Sonnabend, den 5. Dezember 1931
81. Jahrgang
Burgfrieden über Weihnachten
Die Reichsregierung will politischen Weihnachtsfrieden bis 6. Januar verordnen
Devifen-Terminhandel eingerichtet
Berlin, 5. Dezember.
Die Reichsbank hat sich nunmehr entschlossen, den vielfachen Wünschen des Handels und der Industrie nach Kurssicherung nachzukommen. Zu diesem Zweck wird bei der Reichshäuptbank in Berlin eine „Stelle für Devisentermin- geschäfle" eingerichtet, deren Tätigkeit darin bestehen soll, diejenigen Interessenten zusammenzubringen, die einerseits Devisen auf Termin zu kaufen und andererseits zu verkaufen wünschen.
Dieser Handel ist jedoch nur zwischen Handels- und Jn- dustriefirmen, also nicht unter Banken, zulässig, und soll nur der Kurssicherung von zu erfüllenden Verpflichtungen oder zu erwartenden Eingängen dienen. Importfirmen dürfen grundsätzlich an diesem Devisenhandel nur dann teilnehmen, wenn sie von der Devisenbewirtschaftungsstelle eine generelle Devisenhandelsgenehmigung erhalten haben. Die Unterlagen der Devisentermingeschäfte sind sobald wie möglich einzurei- chen. Die Tätigkeit der „Stelle für Devisentermingeschäfte" ist eine reine Vermittlungstätigkeit und erfolgt gebührenfrei. Irgendein Risiko oder Engagement wird von der Reichs- bank nicht übernommen; das Risiko ist vielmehr lediglich von dem unmittelbar an dem Geschäft Beteiligten zu tragen. Daher hat auch jede Firma das Recht, den ihr von der „Stelle für Devisentermingeschäfte" genannten Kontrahenten abzulehnen. Ebenso müssen die kontrahierenden Firmen, soweit sie es für angezeigt halten, sich direkt über die Bestellung von Sicherheiten einigen. Die Reichsbank ist bereit, auch diese Sicherheiten kostenlos in treuhänderische Verwaltung zu übernehmen. Sie wird auch eine Obligo-Kontrolle der einzelnen Firmen führen, jedoch ohne damit eine Verbindlichkeit für die Bonität der Firmen zu übernehmen. Auskünfte über die Firmen werden von der „Stelle für Devisentermingeschäfte" nicht erteilt. Die Beteiligung am De- visenterminhandel bedingt ein Depot von 1 pro Mille der gehandelten Beträge, mindestens 500 Mark. Dieses Depot steht der Firma wieder zur freien Verfügung, sobald sie sich nicht mehr am Devisenterminhandel zu beteiligen wünscht oder wenn die Devisentermingeschäfte in der vorliegenden Form aufhören.
Die Devisentermingeschäfte gegen Reichsmark werden zu dem Tagesmittelkurs desjenigen Tages abgeschlossen, an dem der Geschäftsabschluß zustande kommt. Zur Vereinfachung des Geschäftes haben die Firmen die Fälligkeit der Termindevisen nach Möglichkeit auf den 10., 20. und Ultimo eines jeden Monats abzuftellen. Legt eine Firma unbedingt Wert darauf, Devisen für einen bestimmten Tag zu kaufen, so muß sie dies bei dem Anträge angeben.
Die Maßnahme der Reichsbank stellt einen Versuch dar, den Bedürfnissen der am Außenhandel beteiligten Jndustrie- und Handelskreise nach Kurssicherung gerecht zu werden. Das Gelingen des Versuches wird im wesentlichen davon abhängen, ob Angebot und Nachfrage sich quantitativ einigermaßen ausgleichen.
Sie Landgemeinden brauchen Hilfe
Dr. Gereke über die dringlichsten Forderungen.
Oldenburg, 5. Dezember
Der Verband der Oldenburgischen Landgemeinden hielt einen großen Gemeindetag ab, in dessen Mittelpunkt ein Vortrag des Präsidenten des Deutschen Landgemeindetags Dr. Gereke über die neuen Notverordnungen und ihre Auswirkungen auf die Landgemeinden stand. Man müsse erwarten, erklärte der Redner, daß die in den nächsten Tagen erscheinenden neuen Notverordnungen die Gemeinden wirksam entlasten.
Die Wehreinnahmen aus der Umsatzsteuer, soweit sie nicht vom Reich gebraucht würden, mühten ganz oder zum allergrößten Teil den Gemeinden für ioziale Ausgaben zur Verfügung gestellt werden.
Dr. Gereke beschäftigte sich dann eingehend mit der Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Jetzt am Ende des Jahres 1931 sei die Lage bereits so, daß knapp noch 25 Prozent der Erwerbslosen von der Arbeitslosenversicherung betreut werden, während der gesamte übrige Rest sich in der Krisenfür- sorge oder in der Wohlfahrtspflege befinde.
Schon hätten verschiedene Gemeinden die Zahlungen an die Wohlfahrtserwerbslosen eingestellt; ihnen würden in den nächsten Wochen zahlreiche weitere Gemeinden folgen.
Welche katastrophalen Auswirkungen das für das Staats- ganze haben müßte, läge auf der Hand! Es komme heute nicht darauf an, nur die Etats des Reiches oder der Länder zu sanieren, sondern man müsse in erster Linie auch an die zusammenbrechenden Gemeinden, den Unterbau des Staates, denken.
Im Haushaltsausschuß des Reichstages wird die große Aussprache über die Finanzlage des Reiches nunmehr am Donnerstag, den 10. Dezember, stattfinden, nachdem Reichsfinanzminister Dietrich sein Erscheinen an diesem Tage zugesagt hat.
Friedliche Weihnachten
Die Reichsregierung will für Burgfrieden sorgen.
Berlin, 5. Dezember.
Von bayrischer Seite ist bei der Reichsregierung angeregt worden, daß sie in der Weihnachtszeit für einen politischen Burgfrieden Sorge tragen möge. Wie zuverlässig mitgeteilt wird, will die Reichsregierung für die Verwirklichung Sorge tragen. Wan denkt sich die Verwirklichung so, daß die Reichsregierung in einem Erlaß an die Länder Maßnahmen verlangt, die für die Weihnachtszeit jede parteipolitische Betätigung in Wort und Schrift verbieten. Das würde bedeuten, daß politische Versammlungen und Demonstrationen untersagt würden und auch jede Plakatpropaganda wegfiele.
Daß man die Meinungsäußerung der Presse nicht unterbinden kann, liegt auf der Hand. Immerhin würde durch den Zustand eines solchen Burgfriedens zweifellos eine wesentliche Entgiftung der ganzen politischen Atmosphäre während dieser Zeit eintreten, die bis zum Festtage der Heiligen Drei Könige, also bis zum 6. Januar, ausgedehnt werden soll. Bisher hat das Reichskabinett über diese Dinge noch keinen Beschluß gefaßt.
Kontrolle der privaten Waffenbesitzes
Bereits seit längerer Zeit find Gerüchte im Umlauf, daß eine Daffennotverordnung zu erwarten fei, die eine Kontrolle des in privaten Händen befindlichen Waffenbesitzes durchführen soll. Aus dem Reichsinnenministerium wird dazu mitgeteilt, daß beabsichtigt wird, den Ländern eine Ermächtigung zu erteilen, eine Kontrolle des privaten Waffen- ' besitzes durchzuführen. Vorgesehen ist u. a. eine Anmelde- und Ablieferungspflicht für Waffen, desgleichen möglicherweise eine Konzessionspflichi für Laffenhandlungen.
Gebührensenlung der Retchsposi?
Unter der Voraussetzung, daß die Summen, die durch die Gehaltskürzung der Beamten frei werden, der Reichspost verbleiben und nicht an das Reich abgeliefert werden müssen,- ist im Reichspostministerium ein Plan der Gebüh- rensenkung aufgestellt worden, der eine fühlbare Erleichterung der deutschen Wirtschaft bringen würde, besonders im Hinblick auf die ebenfalls geplante Tarifsenkung der Reichsbahn.
Dieser Plan soll vorsehen, daß eine Gebührensenkung! in Höhe von rund 120 Millionen RW stattfinden soll, die sich auf alle Gebiete der Post, des Telegraphen- und Fern- sprechwesens sowie des Rundfunks erstreckt. Besonders ist in Aussicht genommen eine Senkung der Gebühren bei den Paketen und. Drucksachen sowie im Telephonwesen beim Orts- und Fernverkehr. Endlich wird auch noch an eine Senkung der Rundfunkgebühren gedacht.
Ueber das Schicksal dieses Planes wird das Kabinett zu beraten haben. Dabei wird die Frage geprüft werden müssen, ob zum Haushaltsausgleich diese Summen dringend benötigt werden oder ob sie durch andere Maßnahmen ersetzt werden können. Außer der sechsprozentigen Abgabe von der Einnahme hat die Reichspost im vergangenen Jahre rund 110 Millionen infolge der eingetretenen Kürzung der Beamtengehälter mehr an das Reich abliefern können, so daß die Gesamtablieferung der Reichspost rund 250 Millionen RM beträgt.
ANion zur Senkung der Fleischpreile
Im Reichsernährungsminis ium finden zur Zeit Verhandlungen mit den beteiligten Fachkreisen statt, die auf eine Senkung der Fleischpreise abzielen. Vor allem ist die verbilligte Abgabe von Fleisch an Erwerbslose und Unterstützungsempfänger in Aussicht genommen. Für diesen Zweck ist von Reichs wegen eine Summe von 15 Millionen RM | bereitgestellt, bei der Aktion sollen jedoch auch gewisse Opfer von dem Fleisch-Groß- und -Kleinhandel getragen werden.
Ueber diese Sonderaktion hinaus wird eine allgemeine Senkung der Fleischpreise erstrebt durch Abbau aller Unkosten und Lasten, die für die Preisspanne zwischen Stall und Laden verantwortlich sind. Die Besprechungen sind bereits so weit gediehen, daß mit der Inkraftsetzung der niedrigeren preise am 15. Dezember gerechnet werden kann.
Keine Reichrtagreinberusmg
Berlin, 5. Dezember
Nachdem erst vor kurzem ein kommunistischer Antrag auf Einberufung des Reichstages im Aeltestenrat des Reichstages in Abwesenheit der Nationalsozialisten abgelehnt worden war, hat der Aeltestenrat am Freitagnachmittag einen neuen derartigen Antrag der Kommunisten abschlägig be- schieden.
Die Nationalsozialisten und Deutschnationalen sowie die Volkspartei unterstützten den kommunistischen Antrag. Eine Mehrheit für die Reichstagseinberufung kam nur deshalb nicht zustande, da Landvolk und Wirtschaftspartei sich ablehnend verhielten mit der Begründung, daß vor Bekanntgabe der Notverordnung die Reichstagseinberufung unzweckmäßig fei. Man erwartet nunmehr einen erneuten kommunistischen Antrag in der kommenden Woche.
Gegen neue Steuerlasten
Klagen des Handwerks.
Hannover, 5. Dezember.
Die Pläne der Reichsregierung, die Umsatzsteuer auf 2. v. H. zu erhöhen, haben eine starke Beunruhigung im Handwerk hervorgerufen und den Reichsverband des Deutschen Handwerks in Hannover veranlaßt, beim Reichskanzler gegen eine solche Absicht vorstellig zu werden. Die Erhöhung der Umsatzsteuer könne innerpolitisch, wenngleich sie die gesamte Wirtschaft gleichmäßig belaste, doch nur die Folge haben, die vom Handwerk schon wiederholt beklagte und nachgewiesene Ungerechtigkeit der Verteilung der Steuerlasten weiter zu verschärfen.
Der Reichsverband des Deutschen Handwerks schlägt vor, zunächst einmal die sehr ergiebigen Quellen auszuschöp- fen, die das geltende Umsatzsteuersystem frei lasse, nämlich die sogenannten inneren Umsätze sowie die Zwischenhandelsumsätze. Die Reichsregierung wird dringend gebeten, bei ihrer Entscheidung auf die Vorstellungen des Handwerks Rücksicht zu nehmen.
Protest des Reichslandbundes
Auch das Präsidium des Reichslandbundes hat an den Reichskanzler eine Eingabe gegen die geplanten Steuererhöhungen gerichtet, in der es u. a. heißt: Der Reichslandbund muß nachdrücklichst gegen jede schärfere steuerliche Belastung der Wirtschaft Einspruch erheben, da die steuerliche Belastung schon längst die Grenze des für die Wirtschaft Tragbaren überschritten hat. Gegen die Erhöhung der Umsatzsteuer spricht vor allem aber die Tatsache, daß eine Umsatzsteuererhöhung beträchtlichen Ausmaßes, wie sie anscheinend beabsichtigt ist, in diametralem Gegensatz zu der von der Reichsregierung verkündeten Preissenkungsaktion und insbesondere zu der heutigen gesunkenen Kaufkraft der Bevölkerung steht. Auch gegen die Absicht, eine besondere Kapitalertragssteuer einzuführen, bestehen seitens der Landwirtschaft schwerste Bedenken. Es ist zu befürchten, daß eine zusätzliche neue Belastung des Leihkapitals nur zu einer weiteren Verknappung der Kreditmittel und zu einer weiteren Erhöhung der Zinsbelastung führen wird.
Beratungen der Spitzengewertschasten
Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund teilt mit: „Die Spitzengewerkschaften aller Richtungen einschließlich der Beamtenbünd- kamen zu einer erneuten Besprechung zusammen. Angesichts der mit jedem Tage zunehmenden Not der Volksmassen, insbesondere der Millionen Arbeitslosen, herrschte volle Uebereinstimmung darüber, daß die
Arbeitsbeschaffung und die Wiedereinschalkung der Arbeitslosen in den Arbeitsprozeß nach wie vor das dringendste Gebot der Stunde ist.Ebenso müsse die Kaufkraft der Volksmassen geschützt und der soziale Schutz der Arbeitnehmerschaft aufrechterhalten werden. Eingehend befaßte sich die Besprechung mit dem Bruderkrieg, in dem weite Kreise des deutschen Volkes sich gegenwärtig befinden. Ferner beschäftigten sich die Gewerkschaftsvertreter mit dem bevorstehenden Zusammentritt des Sonderausschusses zur Begutachtung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands in Basel. Man beschloß, sich mit einer gemeinsamen Verlautbarung an die Öffentlichkeit zu wenden. Die Bekanntgabe dieser Verlautbarung steht bevor."
„Umbau des Reiches" Reichsminister a. D. Geßler über Reichsreform.
Freiburg, 5. Dezember.
Auf Einladung der Politischen Gesellschaft der Univer- sitüt Freiburg sprach Reichsminister a. D. Geßler, der Vorsitzende des Bundes zur Erneuerung des Reicbes, über das Problem der Reichsreform. Wie in Konstanz sprach Geßler auch hier von der drohenden Staatskrise im nächsten Frühjahr. Er verwahrte sich gegen das Gerücht, in Leipzig von einem Fünf-Milliarden-Fehlbetrag gesprochen zu haben. Diese Zahl sei nicht authentisch. Aber darüber könne kein Zweifel bestehen, daß man in Zukunft mit einem Ausfall von Steuern rechnen müsse, der nach Milliarden zählen könne, und daß der wachsende Fehlbetrag des Reiches einen Abbau und Umbau der Verwaltung notwendig machen werde, von dessen Umfang wir heute noch keine rechte Vorstellung hätten.
Es gibt nach Ansicht Gehlers nur zwei Möglichkeiten für die Reichsreform, entweder Wiederherstellung des früheren Bismarckschen Reiches, in dem die Reichsregierung von Preußen gestellt wird und dieses auch die Führung im Reichsrat übernimmt, oder die Reichsregierung wird mit der preußischen Regierung vereinigt. Er zählte noch andere Möglichkeiten auf, die sich aus den Zeltverhaltnissen für Finanz- und Steuerfragen ergeben könnten. Entscheidend müsse fein, was dem Volk und was dem Reiche von Nutzen sei. Zwischen Reich, Staat und Volk müßten seelische Verbindungen jeffassen werM