Hersfel-erTageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
Nr. 283
Donnerstag, den 3. Dezember 1031
81. Jahrgang
Erst Preissenkung — dann Lohnabbau
Der Grundgedanke -er Kabinettsberatongen über die bevorstehende grobe Notverordnung
Unser WeihnachtsgeMent
Wir wissen es seit langem: Es wird kein Geschenk sein, das uns Freude bereitet. Die neue Notverordnung wird vielmehr ein Höchstmaß von Opfern von uns allen verlangen. Noch stehen allerdings die Einzelheiten der neuen Verordnung nicht fest Das Reichskabinett hofft aber, mit feinen Beratungen darüber bis Ende dieser Woche fertig zu werden. Anfang der nächsten Woche wird dann die Veröffentlichung der neuen Notverordnung erfolgen. Sie steht unter dem Grundgedanken der Etatsicherung und einer fühlbaren Entlastung des Arbeitsmarktes. Ob man tatsächlich diesem Ziele näherkommen wird, ist allerdings schwer zu sagen. Der starke Rückgang der Steuererträgnisse und der deutschen Steuerzahlungen überhaupt im letzten Monat hat die Regierung veranlaßt, erneut die einzelnen Etatpositionen zu überprüfen, um das heute schon mit 400 Millionen Mark errechnete Defizit zu verhindern. Der Sparstift muß also erneut in Anwendung kommen. Da dem Reich keine Möglichkeit gegeben ist, durch Personalentlassungen die persönlichen Ausgaben zu senken, ist erneut die Frage einer Beamtengehaltskürzung in Höhe von 10 J H in den Vordergrund gerückt. Im Reichsfinanzministerium soll darüber mit den Finanzministern der Länder noch vor der endgültigen Entscheidung verhandelt werden. Die zum Teil scharfen Proteste, sowohl aus Beamten- wie aus Arbeiter- und Angestelltenkreisen, gegen den geplanten neuen Lohn- und Gehaltsabbau haben die Regierung veranlaßt, zunächst auf eine entschiedene Senkung der Preise zu dringen.
Damit allein aber wird der Ausgleich des Reichshaushalts noch nicht gewährleistet. Deshalb ist erneut der Gedanke einer Erhöhung der Umsatzsteuer zur Besprechung gestellt worden. Wie verlautet, ist eine Erhöhung dieser Steuer bis zu 2 v H. in Aussicht genommen. Ferner will man eine Kapitalertragssteuer für festverzinsliche Werte einfüdxen. 'Diese PwnesleheiFWTZMmmenhang mit ÖSF^pnnwn Aenderung in der Erhebung und in der Höhe der Hauszinssteuer. Die Erwägungen hierüber sind aber bisher noch nicht zum Abschluß gekommen.
Mit der Etatsicherung eng in Verbindung stehen auch die Pläne der Reichsregierung auf Preissenkung und elastischere Gestaltung der Tarifverträge. Die Kartelle sollen angewiesen werden, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine durchgeführte Preissenkung beim zuständigen Reichswirtschaftsministerium zu melden. Sofern dieser Aufforderung nicht Folge geleistet wird, sollen die betreffenden K a r t e l l e und sonstigen Organisationen der A u f l ö s u n g verfallen. Um alle hierfür notwendigen Maßnahmen zentral durchführen und überwachen zu können, soll ein besonderer Preissenkungskommissar mit entsprechenden Vollmachten ernannt werden. Zum gleichen Zeitpunkt sollen durch Gesetz alle bestehenden Tarifverträge aufgekündigt sein und hinfort nur noch kurzfristige Tarifverträge abgeschlossen werden. Bei dem Neuabschluß solcher Verträge sollen die besonderen Anregungen des Wirtschaftsbeirates über die Elastizität der Tarifverträge hinsichtlich der Branchen und der Gebiete Beachtung finden.
Die verschiedenen Zweige der Sozialversicherung können bei den neuen notwendig gewordenen Sparmaßnahmen nicht unberücksichtigt gelassen werden, wobei aber der Gedanke der Leistungssicherung vorwalten soll. In der Invalidenversicherung soll eine Zurückführung der Leistungen auf den Stand von 1928 erfolgen, aber auch noch einige andere Kürzungen, wie z. B. eine Streichung der Witwenrenten von Versicherten, die vor 1913 verstorben sind. Diese Kürzung soll allein rund 20 Millionen RM einbringen. In der Unfallversicherung sollen die sogenannten Zwergrenten fortfallen, dagegen ist dem Vernehmen nach nicht beabsichtigt, dem Wunsche der Arbeitgeber stattzugeben, auch die Entschädigung der Unfälle auf dem Wege von und zur Arbeit auf» zuheben. Auch innerhalb der Knappschaft stehen einzelne Aenderungen bevor. Die Krankenversicherung wird in der Notverordnung nur insofern behandelt werden, als es notwendig ist, den Vertrag zwischen den Aerztever- bänden und den Krankenkassenverbänden auf dem Wege der Notverordnung zur Durchführung zu bringen. Die Betriebs- krankenkassen und auch die Land-undInnungskran- kenkassenverbände hatten sich gegen diesen Vertrag ausgesprochen. Es ist möglich, daß die ursprüngliche Fassung des Vertrages in einzelnen an sich unwichtigen Punkten noch eine Aenderung erfährt. Aber auch die A n g e» st eilten Versicherung soll diesmal in die Notverordnung mit einbezogen werden. Zwar liegen hier noch keine festen Pläne vor; man hört nur die allgemeine Tendenz, daß, wenn auch eine Leistungssicherung aus finanziellen Gründen nicht notwendig ist, da die Finanzen der Reichsversicherungsanstalt sich in guter Ordnung befinden, doch im Hinblick auf die psychologische Wirkung gegenüber den Ver- ücherten der anderen Sozialversicherungen eine Kürzung durchgeführt werden soll. Es wird davon gesprochen, daß auch hier, ähnlich wie in der Invalidenversicherung, eine Zurückführung der Leistungen auf den Stand des Jahres 1928 erfolgen soll.
Daneben werden noch andere Bestimmungen in des Ä&BS&SM »Malten sein, darunter Vorschrll^H
über Landesverrat, deren Tendenz der Reichswehrund Reichsinnenminister schon angekündigt hat. So wird auch diese neue bevorstehende Notverordnung wiederum im wesentlichen der Sicherung der Arbeit der Reichsregierung dienen, die darauf abzielt, den Rücken freizubekommen, damit sie in den bevorstehenden außenpolitischen Verhandlungen die Frage der Sicherung der deutschen Wirtschaft, Befreiung von den Reparationen und der Regelung der privaten internationalen Verschuldung mit größerem Nachdruck vertreten kann. Daß man dabei mit mancherlei Ueberraschun- gen wird rechnen müssen, hat uns soeben wieder Frankreichs Vorgehen gegen England bewiesen.
Zuerst Preisabbau!
Die Grundlage der Kabinettsberatungen.
Die Kabinetts- und Ressortberatungen über die kommende Notverordnung wurden auch am Mittwoch mit Nachdruck fortgesetzt. Das Kabinett läßt sich bei den Beratungen, wie an zuständiger Stelle versichert wird, immer von dem Grundgedanken leiten, daß die Preissenkung der Gehalts- und Lohnsenkung unter allen Umständen vorauszugehen habe.
Die Notverordnung, die, wie man noch immer hofft, gegen Ende der Woche fertiggestellt sein soll, wird zwar sämtliche Fragengruppen enthalten, doch sollen diejenigen Punkte, die nicht unmittelbar mit der Preissenkung zusammenfallen, zeitlich später in Kraft treten. Entgegen anderslautenden Meldungen muß jedoch betont werden, daß das Kabinett irgendwelche Beschlüsse noch nicht gefaßt hat.
Warnung der Sozialdemokraten
Wie gemeldet wird, wollen die Unterhändler der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion am heutigen Donnerstag wiederum den Reichskanzler Dr. Brüning aufsuchen, um sich über den Inhalt der bevorstehenden Notverordnung der ^Reichsr?2.i'?r-.'.NL - ^ lasten. In dielsrn ^iiwm- menhang ist ergkMMkst zu Ü21TMM7 däg m der letzten Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion die Gerüchte über eine durch die Notverordnung vorzuschreibende Gehalts- und Lohnkürzung sehr lebhaft erörtert worden sind. Ein hervorragendes Mitglied der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion habe feinen Standpunkt dahin präcisiert, daß die Alternative so lauten müsse:
Entweder Verzicht auf Zwangsvorschriften über Lohn- und Gehaltskürzungen oder Aufhören der Tolerierungs- politik der SPD.
In politischen Kreisen wird hierzu noch versichert, daß ursprünglich die Absicht bestanden habe, die neue Notverordnung der Reichsregierung am 7. Dezember erscheinen zu lassen und darin vorzuschreiben, bereits am 16. Dezember alle geltenden Lohn- und Gehaltstarife zwecks Abschlusses kurzfristiger und niedrigerer neuer Tarife außer Kraft zu setzen. Unmittelbar nach dem Erscheinen der neuen Notverordnung ist mit einer Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu rechnen, von deren Ergebnis die weitere Haltung der SPD gegenüber dem Kabinett Brüning abhängig sei.
In sozialdemokratischen Kreisen wird versichert, daß man sich hierbei durchaus der Verantwortung für die po- litifche Situation im Reich nach einem etwaigen Aufhören der Tolerlerungspolitik bewußt sein müsse. Man halte es in Kreisen der SPD für eine Utopie, zu versuchen, die den Export erschwerenden englischen Schutzzölle für die deutsche Industrie durch innerdeutsche Lohn- und Gehaltssenkungen auszugleichen.
Senkung wichtiger Neichsbahutarike
Ueber die Beratungen des Reichskabinetts wird noch bekannt, daß gegenwärtig eingehende Verhandlungen mit der Reichsbahn über eine erhebliche Senkung einer Reihe der etwa 300 bestehenden Sondertarife stattfinden, die noch nicht zum Abschluß gekommen sind. Es verlautet, daß sich die Gesamtsumme der geplanten Senkungen auf etwa 250 Millionen Mark belaufen werde. Diese Tarifsenkung soll die erste Vorbedingung für die unter allen Umständen durch- zuführende Preissenkung sein.
Der Preissenkungskommissar
Die Einsetzung eines mit besonderen Vollmachten aus- gestatteten preissenkungskommissars soll die Gewähr dafür bieten, daß schon in ganz kurzer Zeit fühlbare Erleichterungen eintreten. Für dieses neue Amt ist eine Persönlichkeit aus der Wirtschaft feinst in Aussicht genommen, die aus der Kriegswirtschaft gewifse Erfahrungen auf diesem Gebiete hat. Eine Kandidatur des Herrn Balocki soll aber nicht in Betracht kommen.
Zugzusammenstotz in Belgien
15 Person enschwer verletzt.
Brüssel. Am Mittwoch stieß zwischen Malines und Dussel ein Zug der Strecke Brüssel-Anwerpen mit einem Zug der Strecke Lille—Antwerpen zusammen. Dabei wurden drei Wagen des letztgenannten Zuges umgestürzt und etwa 15 Personen schwer verletzt. Der Zug Brüssel-Antwerpen blieb unbeschädigt und auch die darin beförderten Passagiere erlitten keine Verletzungen.
Industrie gegen neue Steuern Scharfe Stellungnahme des Reichsverbandes.
Berlin, 3. Dezember
Der Reichsverband der Deutschen Industrie teilt mit: Nach Pressemitteilungen beabsichtigt die Reichsregierung, den bis jetzt festgestellten Fehlbetrag des Reichshaushalts 1931 u. a. auch durch Steuererhöhungen erheblichsten Ausmaßes auszugleichen. Der Reichsverband der Deutschen Industrie stellt fest, daß dieses Vorgehen der Reichsregierung in einem eklatanten Widerspruch zu den Auffassungen steht, die die Reichsregierung noch bis in die jüngste Zeit hinein zum Ausdruck gebracht hat. Es ist mehrfach gerade von der Reichsregierung die Ansicht vertreten worden, daß der Wirtschaft Steuererhöhungen nicht mehr zugemutet werden können.
wenn die Reichsregierung nunmehr trotzdem im Gegensatz zu ihrer bisherigen, auch von allen Wirtschaftskreisen seit langem geteilten Ansicht glaubt, die sich aus der Wirtschaftslage notwendigerweise ergebende Verringerung des Steueraufkommens in der Hauptsache durch Steuererhöhungen ausgleichen zu müssen, so muh die Beschreitung dieses Weges zu einem neuen Schrumpfungsprozeß in der Volkswirtschaft führen, der automatisch neue Fehlbeträge im Reichshaushalt erzeugt. Weite Kreise der Industrie befürchten insbesondere von der geplanten Erhöhung der Umsatzsteuer entweder eine starke Gefährdung der Senkung des Preisniveaus oder eine weitere Einschränkung der Ver- dienstmöglichkeiken in der Stufe der Produktion.
Ganz besonders abwegig und völlig widersinnig sind du geplante Wiedereinführung der Kapitalertragsteuer aus Zinsen von festverzinslichen Werten, die beabsichtigte Erhöhung des Steuersatzes sowie die in Aussicht genommene Beseitigung ihrer Anrechnung auf die Einkommensteuer. Ein« derartige Maßnahme ertötet den Spartrieb, gefährdet bit dringend notwendige Kapitalbildung aufs schwerste und zer- rütret insbesondere, demMarkt der festverzinslichen Wert« ■■nun; imuti, Dies isljon jegt aus anüeren wlunveu ve— Fall ist. Sie nimmt damit allen Sparern den letzten Rest des Vertrauens. Daran wird auch nichts geändert, wenn wie verlautet, geplant ist, die Kapitalertragsteuer in dies« Form nur einmal zu erheben.
Der Reichrbankaurmeis
Notendeckung beträgt 25,3 Prozent.
Berlin, 3. Dezember
Nach dem letzten Ausweis der Reichsbank hat sich in der Ultimowoche die gesamte Kapitalanlage der Bank in Wechseln und Schecks, Lombards und Effekten um 437,4 Mill. auf 4 314,2 Mill. RM erhöht. Im einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und -Schecks um 246,3 Mill. auf 3901,3 Mill. RM, die Lombardbestände um 135,3 Mill auf 254,3 Mill. RM zugenommen. Die Bestände an Reichsschatzwechseln, die am Schluß der Vorwoche 30 000 RM betragen hatten, werden mit 55,7 Mill. RM ausgewiesen.
' An Reichsbanknoten und Rentenbankscheinen zusammen sind 374,9 Mill. RM in den Verkehr abgeflossen, und zwar hat sich der Umlauf an Reichsbanknoten um 363,4 Mill aus 4640,6 Mill. RM, derjenige an Rentenbankscheinen um 11,3 Mill. auf 420,1 Mill. RM erhöht. Dementsprechend haben sich die Bestände der Reichsbank an Rentenbankscheinen aus 7,3 Mill. RM vermindert. Die fremden Gelder zeigen mit 506,1 Mill. RM eine Zunahme um 81,7 Mill. RM.
Die Bestände an Gold und deckungsfähigen Devisen haben sich um 0,9 auf 1175,2 Will. RW vermindert. 3m einzelnen haben die Goldbestände um 3,6 Will. auf 1 004,S Will. RW abgenommen, die Bestände an deckungsfähigen Devisen um 2,7 Will, auf 170,3 Will. RW zugenommen. Die Deckung der Noten durch Gold und deckungsfähige Devisen beträgt 25,3 Prozent gegen 27,5 Prozent in der Vorwoche.
Franksurter Bank zahlungsunsahig
Frankfurt a. W., 3. Dezember. Die seit 1918 bestehend« Bank für Handel und Grundbesitz in Frankfurt a. M., eint Gründung des Frankfurter Haus- und Grundbefitzervereins, hat ihre Schalter geschlossen. Die Bank strebt einen gerichtlichen Vergleich an. 3n den Verwaltungskreisen der Bank hofft man, die Einleger bei einer ruhigen Abwicklung voll befriedigen zu können.
Btgrenzung der Höchstvensionea auf 12 000 Wark im Ausschuß beschlossen.
Berlin, 3. Dezember
Der Haushaltsausschuß des Reichstages berät gegenwärtig das pensionskürzungsgeseh. Es wurde zunächst beschlossen, eine Höchstgrenze für die Ruhegehälter der Beamten und Offiziere einzuführen. Die Sozialdemokraten beantragten, daß grundsätzlich Pensionen über 12 000 RW jährlich nicht mehr bezahlt werden sollen, während nach dem Re- gierungsvorschlag bei Pensionen über 12 000 RW der Wehr- betrag lediglich um 10 bis 50 Prozent gekürzt werden sollte, wenn der Betreffende weniger als fünf Jahre der Besoldungsgruppe angehörte, nach der das Ruhegeld berechnet wird. Der sozialdemokratische Antrag wurde nach ausführlicher Debatte trotz dem Widerspruch der Regierung angenommen.