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Hersfelder Kreisblatt
Mmtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
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Nr. 277
Donnerstag, den 26. November 1931
81. Jahrgang
Riesenaufträge der Reichsbahn
Der Erlös der Anleihe wird in Höhe von 250 Millionen Mark für Arbeitsbeschaffung bereitgestellt
Dem Winter zu
Der letzte Ausweis über die deutsche Erwerbslosigkeit stellt für die erste Novemberhälfte eine Zunahme der Erwerbslosen um 220 000 auf insgesamt 4,84 Millionen fest. Das ist ein beängstigendes Anwachsen der Arbeitslosigkeit, wenn es auch den angenommenen Rahmen nicht übersteigt. Man wird auch im Laufe der zweiten Novemberhälfte mit einem weiteren Ansteigen rechnen müssen, während die Hochflut der Arbeitslosigkeit erst unmittelbar nach Weihnachten in Erscheinung treten wird. Man kann also nicht behaupten, daß der von allen Seiten betonte Wille, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, bisher auch nur das geringste Ergebnis gehabt hat. Eine kleine Erleichterung dürfte das soeben bekanntgegebene Arbeitsbeschaffungspro- g r a m m bringen, das der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn in seiner Sitzung vom 23. und 24. November beschlossen hat. Der Ertrag der steuerfreien Reichsbahnan- ieihe 1931 soll durch Auftragserteilung im Werte von 250 Millionen den notleidenden Wirtschaftszweigen und den einzelnen Notgebieten des Reiches in abgewogener Verteilung zugute kommen. Da in diesen 250 Millionen ein hoher Prozentsatz Löhne enthalten sein wird, wird das Wirtschaftsleben über die beteiligten Industrien hinaus von diesen Neuaufträgen da». Reichsbahn Nutzen zu ziehen vermögen.
Aber damit ist das Problem der Arbeitslosigkeit nicht gelöst, wenn auch Anlaß und Wirkung des Vorgehens der Reichsbahn ein interessantes Beispiel für das Jneinander- greifen von produktiver Arbeitsbeschaf ung und Belebung der Wirtschaft bietet. Neue Wege sollte der Wirtschaftsbei- rat der Reichsregierung aufzeigen, um der immer drückender werdenden Krise entgegenzuwirken und die allzu großen Trugen mn-'-em v»r-tzer Tür stshsr^enzu bannen. Das Ergebnis dieser dreiwöchigen Arbeit ist bekannt. Es geht über eine Reihe fick zum Teil widersprechenden Empfehlungen nicht hinaus, die zudem den Charakter der Neuheit bereits verloren haben. Aber kaum war laut geworden, was man der Regierung als Grundlagen für ihr Winterprogramm oorschlug, da meldeten sich bereits von den verschiedensten Seiten Widerspruch und Protest. Der Erfolg war die Ankündigung einer Vorlage an das Reichskabinett, die u. a. in der Brot- und Fleischpreisfrage Maßnahmen vorsieht. Weitere Forderungen beziehen sich auf sozial- und tarifrechtliche Fragen, während ziemlich einmütig der Protest gegen die vorgesehene Lohn- und Gehaltssenkung hervor- tritt.
In weitesten Kreisen des deutschen Volkes hat man den Eindruck, daß der Hauptkampf bei Aufstellung des Winterprogramms der Regierung abermals um die Frage Preis- und Lohnsenkung gehen wird. Reichsarbeitsminister Steger- wald hat, wie außerhalb des amtlichen Communique bekanntgeworden ist, in der Schlußsitzung des Wirtschaftsbeirates mit aller Entschiedenheit erklärt, daß die Reichsregierung keiner Lohn- und Gehaltssenkung zustimmen würde, wenn nicht gleichzeitig eine Preissenkung zur Durchführung kommt, die die Kaufkraft des Einkommens sicherstellt. Für die große Masse der erwerbstätigen Bevölkerung einschließlich des gewerblichen Mittelstandes kann nur eine solche Preissenkung als wirksam anerkannt werden, die sich preisverbilligend auswirkt gerade für die Waren des täglichen Verbrauchs. Wenn das nicht erreicht wird, wenn also nicht Lebensmittel, Kleidung, Feuerung, Licht, Verkehrstarife, Miete und dergleichen eine entsprechende Senkung erfahren, dann ist eine neue Lohn- und Gehaltssenkung nicht nur für die davon Betroffenen sondern für die ganze Volkswirtschaft untragbar. Eine noch weitere Einschrumpfung des Realeinkommens, also eine weitere Herabsetzung der Kaufkraft des Einkommens, muß den Warenumsatz n einer Weise drosseln, daß in nicht absehbarem Um- ange die ganze deutsche Produktionswirtschaft zum Erregen kommt.
Das Kabinett hat sich nach einer amtlichen Verlautbarung mit bestimmten Vorschlägen noch nicht befaßt. Die einzelnen Ministerien sind vielmehr auf Grund des Beirats- gutachtens und der darüber im Kabinett stattgekundenen Aussprache beauftragt worden, entsprechende Vorschläge aus- zuarbeiten. Ein aber seit einigen Tagen umlaufendes Gerücht erhält sich fast unangefochten, daß nämlich geplant sei, im Interesse des Haushaltsausgleichs eine Erhöhung der Umsatzsteuer vorzunehmen und ebenfalls die Kapitalsertragssteuer in verstärktem Maße Wiederaufleben zu lassen. Man will besonders mit Rücksicht auf die bevorstehenden Reparations- und Kreditverhandlungen den Gläu- Vigermächten und privaten Geldgebern einen ausgeglichenen Reichsetat aufweisen. Vorerst sind es Gerüchte, die deshalb zunächst unglaubwürdig erscheinen, weil sie jeglicher Maßnahme zur Senkung der Preise, Mieten und Tarife zu- widerlaufen würden. Andererseits steht fest, daß der Reichsfinanzminister bei einer früheren Gelegenheit von der Er^ höhung der Umsatzsteuer als einer „letzten Reserve gesprochen hat. Nachdem der Kanzler erst kürzlich wieder erklärt hat, daß bei den jetzt zu treffenden Maßnahmen Opfer von jedem einzelnen gefordert werden müßten, und daß es sich um Notmaßnahmen von außergewöhnlichem Ausmaß handeln würde, ist leider die Befürchtung nicht unbegründet, daß derartige Pläne mindestens in einigen
Ministerien ernsthaft erwogen werden. Es scheint also etwas daran zu sein, wenn man sich auch über die Gestalt dieser Umsatzsteuererhöhung noch nicht ganz klar ist.
Bei der geplanten Senkung der Brot- und F l e i s ch p r e i s e, die im Kabinett offenbar vordringlich behandelt werden soll, will man einmal durch teilweise Aufhebung des Nachtbackverbots, zum anderen durch Rückgrifj auf die öffentlichen Getreidevorräte, weiter durch Senkung der Schlachthofgebühren und öffentlichen Abgaben und ähnliche Maßnahmen zum Ziele kommen. Das Hauptgewicht der behördlichen Maßnahmen zur Senkung der Lebensmittelpreise wird aber auf die Verringerung der Handelsspanne gelegt werden müssen unter dem Gesichtspunkt, daß die allgemeine Einkommenssenkung sich auch in dieser Richtung auszuwirken hat nach dem Grundsatz, daß Opfer von allen Teilen der Bevölkerung gebracht werden müssen.
Reichsbahn schafft Arbeit
Erfolg der Anleihe. — Sinkende Einnahmen.
Berlin, 25. November.
Der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft beschäftigte sich mit der Verwendung der steuerfreien Reichsbahn-Anleihe 1931, deren günstiges Ergebnis zum guten Teil auch als der Ausdruck des allgemeinen Vertrauens in das Reichsbahnunternehmen betrachtet werden darf.
Der Ertrag der Anleihe wird entsprechend den Abmachungen mit der Reichsregierung für zusätzliche Aufträge der Reichsbahn verwendet, um zur Linderung der Arbeits- not nach Kräften beizutragen. Die Aufträge im Werke von rso Aliüivnelt riM. sollen unter Berücksichtigung des Bedürfnisses der Reichsbahn möglichst den notleidenden Wirtschaftszweigen und Rotgebieten im Reiche zugute kommen. Bei der Vergebung wird auch darauf geachtet, daß Handwerk und Kleinindustrie besondere Berücksichtigung finden. Von größeren Bauten ist die Elektrifizierung der Wannsee- bohn hervorzuheben.
Die Reichsbahnaufträge verteilen sich auf die Wirtschaft folgendermaßen: Eisen- und Stahlindustrie 51,5, Maschinen- und Fahrzeugbau 59, Industrie der Steine und Erden 16,5, Baugewerbe 94,5 (davon Hochbau 25,5 und Tiefbau 69), Elektro-Jndustrie 5,3, Holzgewerbe 8,1, Kautschuk- und Asbest-Industrie 0,1 und zusätzliche Lohnachwendungen für Oberbau-Einbau und Werkstättenarbeiter 15 Millionen.
Um diese Hilfe der deutschen Wirtschaft gewähren zu können, hat der Verwaltungsrat seine Bedenken gegen sofortige Herausgabe der Aufträge zurückgestellt, obwohl die Ein- zahlungstermine für die Anleihe bis zum August 1932 laufen. Der Verwaltungsrat beschäftigte sich ferner mit der laufenden Einnahmegestaltung bei der Reichsbahn.
Von Jahresanfang bis Ende Oktober wurden gegenüber dem gleichen Zeitraum in 1930 rund 638 Millionen RM. oder 16,5 Prozent weniger eingenommen. Mit dem Jahre 1929 in Vergleich gefetzt, belauft sich die Mindereinnahme in 1931 auf 1,3 Milliarden RM. oder 28,1 Prozent. Mit diesen Verlusten können die Ersparnisse bei den Personal- sowie Sachausgaben nicht Schritt halten.
Trotz dieser überaus ernsten Finanzlage hat die Reichsbahn, wie in den Vorjahren so auch im laufenden Jahre eine große Zahl von Einzeltarifermäßigungen zugunsten der Wirtschaft gewährt, die besonderer Notlage Rechnung tru- - gen und die Preissenkung fördern sollten. Seit der Tariferhöhung im Oktober 1928 find für solche SondertarifmaM | nahmen allein über 150 Millionen RM. aufgewandt worden. Hinzu kommen die anläßlich der tariflichen Bindung des gewerbsmäßigen Kraftwagenverkehrs am 1. November 1931 gewährten Tariferleichterungen mit einem jährlichen Ausfall von rund 65 Millionen RM.
Darüber hinaus hat der Verwaltungsrat zur Erleichterung des Berufsreiseverkehrs der Einführung von Netz- und Bezirkskarten sowie eines um 33% Prozent ermäßigten Ausnahme-Gepäcktarifs für Musterkoffer zum 1. Januar 1932 zugestimmt. Weitere Tarifermäßigungen für bestimmte Sondergebiete sind vorgesehen. Als notwendige Ergänzung der Kraftverkehrsverordnung betrachtet der Verwaltungsrat die seit langem von der Reichsbahn erstrebte Neuordnung im Speditionswesen.
Reichsbanlaurweis günstiger
Berlin, 26. November
Der Reichsbankausweis für die 3. Rovemberwoche weist eine normale Entlastung aus. Der Notenumlauf ist um 176 Mill. auf 4277 Will. RW. zurückgegangen. Einem Rückgang des Goldbestandes um 29 Millionen steht eine Steigerung der deckungsfähigen Devisen von 15 Millionen gegenüber, so daß die Deckungsbeslände weiter um 14 Millionen zurückgegangen sind. Die Deckung der Roten durch Gold und Devisen stieg von 26,7 v. H. auf 27,5 v. H. £
Deutsches Recht auf Abrüstung Kundgebung des Arbeitsausschusses deutscher Verbände.
Berlin, 26. November.
Der Arbeitsausschuß deutscher Verbände veranstaltete im Plenarsaal des Reichstags eine Kundgebung über das Thema: „Deutschland und die Abrüstungs- k o n f e r e n z 1932 ", wozu zahlreiche Vertreter der Reichs-, Staats- und städtischen Behörden erschienen waren.
In seiner Eröffnungsansprache wies der Präsident des Arbeitsausschusses Deutscher Verbände, der volksparteiliche Reichstagsabgeordnete Gouverneur z. D. D r. S ch n e e, erneut darauf hin, daß die deutsche Abrüstung lediglich den Anfang der allgemeinen Abrüstung habe bilden sollen. Deutschland habe einen Rechtsanspruch darauf, daß die anderen Nationen die von ihnen übernommene vertragsmäßige Verpflichtung, ihrerseits gleichfalls abzurüften, erfüllen. Die kommende Abrüstungskonferenz müsse diesem deutschen Rechtsanspruch Genüge tun.
Nach Dr. Schnee ergriff der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Generalleutnant a. D. Ritter von E p p das Wort, der die Wehrlosigkeit Deutschlands der rechtlichen Lage gegenüberstellte, wie sie durch den Frie- densoertrag und den Völkerbundspakt bedingt wäre.
Der Reichstagsabgeordnete Sachsenberg (Wirtschaftspartei) wies auf die kriegsfördernde Wirkung des gegenwärtigen Rüstungsstandes hin.
Der deutschnationale Redner, Fregattenkapitän a. D. Scheibe, behandelte die seepolitische Bedeutung der Ab- rüstungsfrage.
Der Reichstagsabgeordnete der Deutschen Zentrumspartei Dr. Vo ckel widerlegte in seinen Ausführungen die französische These, daß Frankreich seine volle Rüstung brauche, um Europa gegen die bolschewistische Gefahr zu schützen.
Graf W e st a r p von der Konservativen Volkspartei verwies auf die Bedrohung der Sicherheit Deutschlands.
Weiter sprachen die Reichstagsabgeordneten von Quadt- Jsny (Bayerische Volkspartei), Lemmer (Staatspartei) und Dr. Gereke vom Deutschen Landvolk.
Die Versammlung nahm eine Entschließung an, die besagt:
1. Der Verfailler Vertrag legt nicht nur Deutschland die inzwischen voll erfüllte Pflicht zur Entwaffnung auf, sondern gewährt ihm auch einen Rechtsanspruch auf die wirkliche Abrüstung seiner Vertragspartner; beides ist voneinander abhängig. Grundsätzlich muß an die Stelle einseitig auferlegter Diktate ein alle Staaten auf der Grundlage gleicher Rechte und Pflichten gleichmäßig bindender Vertrag treten; materiell müssen schon auf der ersten Abrüstungskonferenz wesenliche Schritte zur Angleichung der Rüstungen gemäß den bei Kriegsende übernommenen Verpflichtungen vereinbart werden.
2. Der für die Abrüstungskonferenz in Genf ausgearbel- tete Konventionsentwurf ist unzureichend, weil die vorgesehenen budgetären Begrenzungen der Herstellung immer furchtbarerer kriegerischer Vernichtungswerkzeuge keinen Riegel vorschieben; er ist unannehmbar, weil er die bisherige Ungleichheit aufrechterhält. Eine echte Abrüstung muß zur vollständigen Abschaffung gerade der zum Ueberfall und An- griff auf die anderen Völker bestimmten und verleitenden Waffenarten führen.
3. Rur die Befolgung solcher Grundsätze durch die Regierungen vermag, den Anspruch des deutschen Volkes auf gleiche Sicherheit und Achtung unter den Völkern und den Anspruch aller Völker auf Sicherung des Weltfriedens zu gewährleisten.
Englands Studenten für Revision
London, 26. November.
Auf einem öffentlichen, in der Form englischer Par> lamentsoerhandlungen abgehaltenen Diskussionsabend der Studentenschaft der Universität Cambridge sprach Staatssekretär z. D. von Rheinbaben gegen die vorliegende Tagesordnung, wonach eine sofortige Revision des Verfall- ler Vertrages eine schwere Gefahr für den europäischen Frieden bedeuten sollte. Sein Gegenreferent war der bemannte Abgeordnete General Spears.
Rheinbaben vertrat die These, daß nicht nur als Mindestforderung Deutschlands für seine nationale llnabhän- gigkeit und Freiheit, sondern auch gerade im Interesse des allgemeinen Friedens folgende Revision des Verfailler Frie- densverkrages im Zuge der kommenden internationalen Verhandlungen erfolgen müßte: völliges Ende der Reparationen, gleiches Recht als Grundsatz des Rüstungsstandes und der nationalen Sicherheit, Revision der Ostgrenzen. Räch eingehender Diskussion wurde auf Rheinbabens Antrag, der u. a. auch von einem deutschen Studenten in einem Referat formvollendet unterstützt worden war, die Tagesordnung mit 253 gegen 36 Stimmen abgelehnt, d. h. die überwiegende Mehrheit der Cambridger Studenten erklärt ftd) mit der von dem deutschen Politiker wirkungsvoll vorgetragenen These einverstanden. . —