Hersfel-erTageblatt
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Reisfelder KreisblaN
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelü
Nr. 267
Freitag, den 13. November 1931
81. Jahrgang
Kompromist mit Frankreich?
Man erwartet baldigen Abschluß der Borbesprechungen und Anrufung des Sonderausschusses der $33
Ergebnis der Woche
Politischer Rundfunk.
Kr. Kr. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Wenn der Reichsinnenminister Groener, der doch sicher einer irgendwie parteipolitischen Interessenvertretung unverdächtig ist, gegen den augenblicklichen Zustand im Verhältnis der Politik und des Rundfunks einiges einzuwenden hat, so kann das unmöglich damit abgetan werden: der Minister sei noch zu neu in seinem Ressort, oder er sei nicht ganz richtig unterrichtet worden. Ganz gewiß muß er einen gewichtigen Anlaß haben, die augenblickliche politische Ueberwachung des Rundfunks als nicht dienlich für die Reichsinteressen anzusehen. Wie weit die Gründe des Reichsministers reichen, wie weit es ihm gelingt, die nach seiner Meinung nicht gewahrten Reichsinteressen künftig zur Geltung zu bringen, werden die Verhandlungen ergeben, die zwischen Preußen und dem Reich über den akuten Fall im Gange sind. Wenn auch dieser Anlaß nicht sehr bedeutend scheint, so bringt er uns doch wieder die Zerrissenheit der deutschen politischen Verhältnisse deutlich vor Augen. Wir haben doch allen Grund, endlich einmal einig zu sein, ganz besonders aber angesichts der katastrophalen Lage unseres Staates, der jeden Augenblick die Grundlagen seiner Existenz verlieren kann.
Für Freiheit, Arbeit und Brot!
Wir können uns zurzeit keine inneren Streitigkeiten erlauben. Die nächsten Wochen kämpfen wir nach außen um unser Recht auf Leben. Auf unser pures Leben. Denn wenn jetzt auch schon ein Abschluß der diplomatischen Verhandlungen mit Paris dadurch erreicht ist, daß die große Europa-Konferenz — wahrscheinlich schon im Dezember — zusammentritt, um eine Neuregelung der wirtschaftlichen Verhältnisse herbei,mführem-la heiß-t di-Z mKrboä-^ £te -praktische ArbÄt beginnen muß. Für uns heißt Das zunächst, die Ohren steif halten! Hier müssen wir unsere ganze Kraft sammeln, um zu erreichen, daß wir endlich wieder unsere Arbeit leisten und damit leben können. Ein sehr einsichtsvoller Artikel der „Times" zeigt, daß England unsere ganze Lage erfaßt hat. Der Artikel erkennt rück- haltlos die Anstrengungen, ja die verbissene Entschlossenheit des deutschen Volkes an, sich wieder Luft zu schaffen. Nicht in Revolution und Anarchie sucht es den Ausweg aus feiner Bedrückung, sondern durch Arbeit. Aber nicht um Reparationen zu zahlen, sondern um sich von den Lasten des verlorenen Krieges zu befreien. Der Artikel weist darauf hin, daß Druck und Spannung in Deutschland wie in Oesterreich den höchsten Grad des Erträglichen erreicht haben. Daß unbedingt um Europas willen diese Spannung gemildert werden müsse. Wir haben dem nur Hinzuzufugen: daß das deutsche Volk sich befreien will von weiteren Lasten des verlorenen Krieges, die ihm zu Unrecht mit Gewalt aufgebürdet wurden. Deren Unrecht so eklatant in Erscheinung tritt, daß zuletzt die ganze Welt in Mitleidenschaft gezogen ist. Das stimmt ganz mit dem überein, was der englische Premierminister kürzlich gesagt hat. Die Regelung von Versailles war unbeschwert von aller Verantwortung und von aller Rücksicht auf das Mögliche getroffen worden, und mußte somit naturgemäß zum Unglück selbst für die Verfasser dieser Verträge ausschlagen. Noch kräftiger wies der Redner der englischen Opposition auf Unsinn und Unrecht von Versailles hin, das wiedergutgemacht werden müsse, wenn die Welt wieder in die Fugen gebracht werden solle. Das sind Hinweise, die ganz gewiß schon der kommenden Europakonferenz zur Beachtung angezeigt werden. Die Tagesordnung der Europa-Konferenz lautet in eine kurze Formel gebracht: Freiheit, Arbeit und Brot! Nicht nur für Deutschland sondern für die ganze Welt.
Deutschlands Aufgabe auf der Europakonferenz.
So angesehen, gewinnt die Haltung, die Deutschland auf dieser Konferenz einzunehmen hat, eine ungeheure sittliche Verantwortung für ganz Europa. Es muß einem Unrecht, das nicht nur ihm, sondern eben ganz Europa und der Welt zur Qual wurde, entgegentreten. Es muß die Drachensaat von Versailles vernichten, daß endlich alle wieder atmen können. Es darf nicht mehr fünf grade fein lassen, um nur einen Abschluß zu gewinnen wie zuletzt im Haag. Wie es sich zeigt, stehen ihm Helfer und Mittler zur Seite, aber selbst wenn es allein stünde, dürfte es nichts mehr annehmen, was auch nur um einige Monate den augenblicklichen Zustand verlängerte. Diese sittliche Verantwortung in der Politik ist durchaus gleich der sittlichen Verantwortung dessen, oer gezwungen zu den Waffen greift. Bischof Schreiber hat vor dem Friedensbund deutscher Katholiken klar und deutlich erklärt: „Der gerechte Krieg ist sittlich erlaubt, ja sogar sozial-ethische Pflicht. Die Teilnahme daran als Erfüllung einer sozial-ethischen Pflicht kann darum zu hohem Verdienst werden." Wenn Unrecht geschieht, so hat jeder Mensch die Pflicht, dieses Unrecht zu verhindern, mit jedem Mittel, selbst mit Einsatz des Lebens. Das ist der hohe sittliche Gehalt des Schiller Wortes: „Und fetzt ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben ge- wonnen sein." So muß auf der Europa-Konferenz weiteres Unrecht verhindert und geschehenes wiedergutgemacht wer- den. Ueber die Einzelheiten wird in den nächsten Wochen noch zu sprechen fein.
„Spiegelberg, wir kennen dir!"
Eine Gefahr birgt diese Konferenz in sich, nämlich die, daß die Rüstungsfrage mit der Reparationsfrage vermischt wird und für beide Fragen nur Uebles herauskommt. Wir kennen das Geschrei der französischen Politiker nach Sicherheit zur Genüge. Wir wissen, wie sie die Sicherheit immer wieder hervorziehen, wenn sie ganz andere Dinge wollen Nun, diese Methode ist genug durchschaut, auch von den anderen. Bedenklich wäre nur, wenn bis zu jenen Verhandlungen erwiesen wäre, daß der Völkerbund gar nicht in der Lage ist, einen Krieg zu verhindern und ein angegriffenes Land zu schützen. Daß dieser Beweis erbracht wird, steht angesichts der Vorgänge in der Mandschurei gar nicht so außer Sicht. Denn zurzeit sieht es doch so aus, als ob Japan scheinbar lieber aus dem Völkerbund austritt, als von der Eroberung der Mandschurei abläßt. Sollte es dahin kommen, dann dürften Hinweise auf Völkerbund, Kellogg- Pakt und ähnliches kein Vertrauen auf Sicherheit geben. Auch uns nicht. Das wollen wir bedenken.
Ein Kompromiß?
Die deutsch-französischen Verhandlungen.
Paris, 13. November
Der Berliner Berichterstatter des „Paris Midi" meldet, daß die deutsch-französischen Verhandlungen über die Zuständigkeit des Baseler Poung-Ausschusses zu einem grundsätzlichen Kompromiß geführt hätten, dessen Inhalt dem Reichspräsidenten durch Dr. Brüning unterbreitet worden sei. Die Oesfentlichkeit werde jedoch erst später davon Kennt- ^M2-erhnlteL^Ls-L«vat-L«N Wi>ns«y gsänßsvt h«l»e, die fron-- zösische Kammeraussprache abzuwarlen. Die Reichsregie- rung habe ihrerseits die Absicht, den interessierten Staaten am Montag oder Dienstag eine Note zugehen zu lassen, in der sie die Einberufung des BJZ-Ausschusses beantragen werde. Der Ausschuß solle dann vermutlich am 23. November in Basel zusammentreten. Seine Zuständigkeit werde sich nach deutscher Auffassung auf die Prüfung der Gesamt- i Heil der deutschen Zahlungsfähigkeit erstrecken.
Hierzu könne man sagen, daß von französischer Seite weder in der Frage des von Deutschland ursprünglich geforderten Vorranges der Privatschulen vor den Tributlasten noch in der Frage eines Zusammenhanges zwischen Privat- schulden und Tributen Zugeständnisse gemacht worden seien. Wenn man von einem französischen Zugeständnis sprechen wolle, so bestehe es nur darin, daß Frankreich einer gleichzeitigen Tagung des Poung-Ausschusses der BJZ. und des Bankierausschusses in Basel (letzterer für die Stillhaltefragen D. Red.) zugestimmt habe.
„Bier Punkte"
Während der deutsche Botschafter in Paris von Hoesch durch Ministerialdirektor Ritter vom Auswärtigen Amt, der als deutscher Generalsekretär des Gemischten Wirtschaftsausschusses nach Paris fuhr, neue Weisungen der Reichsregierung erhielt, kehrte Francois-Poncet mit genauen Anweisungen Lavals zur Präzi- sierung der französischen Haltung auf seinen Berliner Posten zurück. Es handelt sich £abei, wie es heißt, nicht nur um die Frage der Privatschsilden und der Reparationen, sondern auch um die Befugnisse der beratenden Kommission, die auf Wunsch Deutschlands im Rahmen des Noung-Plans die Zahlungsfähigkeit des Reiches prüfen soll. Die „Position" der französischen Regierung faßt der „Excelsior" in vier Punkten zusammen, die allerdings von dem Blatt etwas zugespitzt zu sein scheinen:
„1 . Das im Doungplan vorgesehene beratende Komitee hat genau begrenzte Vollmachten.
2. Es handelt sich darum, die deutsche Lage zu prüfen und nicht die deutsche Zahlungsfähigkeit noch einmal zu kalkulieren; denn ein reiches Volk, das durch schlechte Verwaltung seine» Kredit zerstört hat, hat gar keine Zahlungsfähigkeit. Internationale Regelungen auf einer solchen Grundlage abzuschließen, hieße die Fehler der verschwenderischen Völker durch die sparsamen Völker beseitigen.
3. Die in Deutschland eingefrorenen Handelsschulden haben nichts mit den Reparationen zu tun, und die Kriegsschäden werden auf keinen Fall den Handelsschulden geopfert werden. Die französische Regierung wird aber nicht den Zusammentritt eines Komitees von Gläubigern und Schuldnern ablehnen, das die Möglichkeiten einer teilweise» Mobilisierung dieser Kredite prüfen soll.
4. Die französische Regierung wird eine neue vollständige und endgültige Regelung der Reparationen nur annehmen, wenn die Vereinigten Staaten eine parallele Schuldenherabsehung zu- geslehen, die Frankreich den im Doungplan garantierten Ueber- schuß der nicht bedingten Zahlungen beläßt."
Die deutsche Delegation der deutsch-französischen Wirtschaftskommission ist unter Führung von Staatssekretär Dr. j Trendelenburg in Paris eingetroffen.
Deutschlands Aussichten Aufschlußreiche Betrachtungen der „Times".
London, 13. November.
In einem großen Aufsatz des Berliner „Times"-Korre- spondenten über die Lage Deutschlands heißt es u. a.: Di< Umstände. haben nach Ansicht vieler Deutscher dem Lande bei den kommenden internationalen Verhandlungen ein« Ueberlegenheit gegeben. Man hofft, daß Deutsche land nur sehr wenig Reparationen zu zahlen haben wird und den größten Teil davon in Sachlieferungen, während die Tilgung seiner privaten Schulden in erträglichen Jahresraten erfolgen wird, so daß die vormaligen politischer Gläubiger direkt ein Interesse daran haben dürften, sich Deutschland gegenüber gut zu benehmen.
Die Aussichten darauf, daß die deutschen Verbindlichkeiten vielleicht eine erhebliche Herabsetzung erfahren werden, haben die Führer der deutschen Oesfentlichkeit veranlaßt, die Nation aufzufordern, die jetzigen Opfer als den Preis einer besseren Zukunft zu tragen. Die ganze Lage hat sich zweifellos vorwärts entwickelt, unbedingt zum Bester Deutschlands und vielleicht auch zum Besten der Welt.
Der Korrespondent erklärt weiter: Inzwischen geht das Leben in Deutschland so ziemlich seinen gewohnten Gang. Das Land leidet unter Einschränkungen, aber die Einschränkungen sind nicht übertrieben. Es hat noch niemals eine so wohlwollende Diktatur gegeben. Die Notlage, der seit 18 Monaten mit Notverordnungen begegnet wurde, war nicht eine bevorstehende Revolte oder Katastrophe, sondern die Unfähigkeit des Reichstages, mit seiner Unzahl von Gruppen und Parteien als gesetzgebender Körper zu arbeiten. Notverordnungen, die einen sehr extremen Eindruck .machen, sind, im Geilt der Mäüiminn wr RnmaiMüii.-. na. macht worden.
Im Leitartikel erklärt das englische Blatt u. a.: Deutschland sei so schwer verschuldet, daß es seine jetzigen Verpflichtungen weder vollkommen noch pünktlich erfüllen könne. Ob es überhaupt jemals zur vollständigen Erfüllung imstande sein werde, werde wahrscheinlich bald offiziell untersucht werden. Die Zahl der Arbeitslosen betrage mehr als 4K Millionen und steige noch immer.
Löhne und Gehälter seien wiederholt herabgesetzt worden, und der Lebensstandard sei so niedrig, daß Tausende von verzweifelten Leuten Revolution oder Anarchie als Ausweg predigten. Aber die Verzweiflung sei gegenwärtig nicht die vorherrschende Note. In der Finsternis zeige sich ein Hoffnungsschimmer, ein intuitiver Glaube, daß bessere Tage bevorstünden. Gerade die Niederdrückung des Lebensstandards der Arbeiter habe Deutschland zum größten Exportland der Welt gemacht.
Es habe den Vorteil, einen wirklichen Führer zu besitzen, oder vielmehr ein Triumvirat von Führern, und bisher habe es jedem Aufruf, den Dr. Brüning habe ergehen lassen, mit Disziplin und Geduld Folge geleistet. Der Zweck der jetzigen verbissenen Entschlossenheit des deutschen Volkes sei, größere Freiheit von den Lasten eines verlorenen Krieges zu erlangen.
In Wien, so erklärt das Blatt weiter, scheine im Gegensatz hierzu eine Stimmung der Resignation und bei« nahe der Hilflosigkeit vorzuherrschen. Die Heimwehr denke an den endgültigen Sturz der parlamentarischen Regierung. „Times" schließt: In beiden Ländern ist das normale politische, wirtschaftliche und finanzielle Leben einer so schweren Belastung ausgesetzt, wie sie gerade noch erträglich ist. Es ist von größter Wichtigkeit für die gesunde Entwicklung Europas, zu verhindern, daß die Belastung derartig wächst, daß ein Zusammenbruch erfolgt, und jede Anstrengung zu unternehmen, um die Last zu erleichtern.
Unter französischer Kuratel
Kontrolle der gemeindlichen Verpflichtungen im Saargebiet.
Saarbrücken, 13. November
Die Regierungskommission hat dem Landesrat einen Gesetzentwurf zugehen lassen, wonach künftig alle Anleihen, auch die kurzfristigen, ebenso alle Bürgschaftsverpflichtunaen und sonstigen Verpflichtungen aus Gewährsverträgen der vorherigen Genehmigung bedürfen. Außerdem sollen die Rechtsgeschäfte der Gemeinden der Zustimmung der Re- gierungsmitglieder für die Angelegenheiten des Innern und der Finanzen unterworfen werden und weiterhin an die Zustimmung der gesamten Regierungskommission ge- bunden fein, sofern die Rechtsgeschäfte in einer anderen als der gesetzlichen Währung getätigt werden.
Die Saarbrücker Zeitung erblickt in dieser Vorlage das Bestreben der Regierungskommission, dem lang gehegten Wunsch ihres französischen Mitglieds, die Saarkommunen unter Kuratel zu stellen, nunmehr Rechnung zu tragen. Die Berufung auf hie preußische Notverordnung erfolge zu Unrecht. Denn noch sei die Lage der saarländischen Kommunen wesentlich anders als die Lage der Kommunen im Reun. Die ungeheuren Schwierigkeiten der finanziellen Verhältnisse im Reich hätten sich im Saargebiet noch keineswegs so ausgewirkt, daß die Notwendigkeit vorläge. die aus ftärffter Zwangslage heraus ergangene Notverordnung des Reiches yachzuahmen. _-------