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hersfel-erTageblatt

Hersfel-er Kreisbla«

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelü

Nr. 266 Donnerstag, den 12. November 1931 81. Jahrgang

JInjdjtnpcds* Mt tlnfpolfffit prfffjcHt 15 pfennta/ die Reklamezette 50 Pfennig. (Grun-schrift Korpus). Bei wte-rryolungen wir- ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. Für die Schristleitung verant­wortlich : Franz Funk in Hersfeld. Fernsprecher Nr.

Noch keine Einigung mit Paris

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der deutschen und der französischen Regierung bestehen fort

Das Vertrauen auf Ferien

Krisenzeiten bringen immer die verschiedensten Gerücht- und Behauptungen hervor, ohne daß in jedem einzelner Falle nachzuweisen ist, daß an diesen Dingen wirklich hum dertprozentig nichts wäre. In den parteipolitischen Kämp­fen spielen solche Gerüchte und Erzählungen eine beson­ders wichtige Rolle, weil sie unter dem Gesichtspunkt aus­gestreut werden: Nur tüchtig drauflosbehaupten, etwa« bleibt doch davon hängen! Das ist natürlich kein Verfahren Dinge sachlich zu klären oder Meinungskämpfe auszufech- ten. Noch bedenklicher aber ist es, Gerüchte-über wirtschaft­liche oder finanzielle Vorgänge in die Welt zu setzen, nur um Sensation zu erregen und eine besonders gute In­formierung vorzutäuschen. Es kann damit sehr viel Schaden für den einzelnen oder für die Allgemeinheit verursach! werden.

Dieser Tage wurde in der Presse die Behauptung auf­gestellt, die Regierung plane eine Zwangskonvertie- rungderAuslandsanleihen, und auch für die In­landsanleihen denke man an eine zwangsweise Senkung der Zinsen. Diese und ähnliche Nachrichten haben im Aus­land deshalb ein besonderes Interesse, weil wir dort in Ermangelung eigenen Kapitals jene Gelder leihen müssen, die wir zur Aufrechterhaltung unserer Wirtschaft brauchen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß man in amerikani­schen Geldkreisen über diese Nachrichten in der deutschen Presse stark beunruhigt war, was zur Folge hatte, daß man telephonisch an Berliner zuständiger Stelle anfragte, was es mit diesen Behauptungen auf sich habe. Vom Reichsfinanzministerium ist daraufhin eine Erklärung nach New Jork gekabelt worden, daß alle derartigen Behauptun­gen unrichtig seien, weil weder derartige Plane bestehen, qfi^. SB

rika hat diese Erklärung beruhigend gewirkt. Man hat also dort das Vertrauen zur deutschen Regierung, daß sie nichts unternehmen werde, was die Interessen der ausländischen Geldgeber schädigen könnte.

Ganz anders aber ist es im Inland. Die nach Amerika gekabelte Erklärung ist ohne Kenntnis des eigentlichen An­lasses auch der deutschen Öffentlichkeit bekanntgegeben wor­den. Nähere Erläuterungen von zuständiger Stelle haben nicht vermocht, jenes Mißtrauen zu erschüttern, das vielfach ;erade in jenen Kreisen gegen die geplanten Maßnahmen )er Regierung besteht, die der Regierung besonders nahe- tehen. Man weist darauf hin, daß der Wirtschaftsbeirat >er Reichsregierung einen besonderen Unterausschuß einge- etzt hat, der sich gerade mit dem Zi n s e n p r o b l e m be- chäftigen soll. Diese Tatsache läßt mindestens die Auf- assung zu, daß man sich innerhalb der Reichsregierung mit Fragen der Zinsensenkung beschäftigt hat. An zuständiger Stelle wird hierzu gesagt, daß dem Wirtschaftsbeirat die Auf­gabe gestellt sei, alle Maßnahmen zu prüfen, die geeignet erscheinen, eine Unkostensenkung herbeizuführen. Die Selbstkostenfaktoren sind Rohstoffe, auf deren Preisgestal­tung Deutschland jedoch so gut wie keinen Einfluß hat, Löhne, Frachten, Abgaben und Zinsen. Es ist danach also selbstverständlich, daß auch das Zinsproblem zum Gegen­stand der Prüfung des Wirtschaftsbeirats gemacht werden muß.

Ein ausländischer Bankier, der in der internationa­len Bankwelt einen besonderen Ruf genießt, hat dieser Tage auf die Frage eines hohen Reichsbeamten, was er für das entscheidende Charakteristikum unserer Wirtschaft halte, erklärt:Das Vertrauen der Welt ist auf Fe­rien. Es kommt darauf an, ihm den Heimataufenthalt so an­genehm zu machen, daß es bald von seinem Urlaub zurück- kehrt." Das ist eine bildliche Skizzierung der gegenwärtigen Verhältnisse, die nicht nur das Vertrauensverhältnis des Auslandes zu Deutschland sondern auch das Vertrauensver­hältnis innerhalb Deutschlands gut wiedergibt. Fast nir­gends ist noch Vertrauen festzustellen; einer mißtraut dem anderen. Dabei wird das große Ziel, nämlich die Erhaltung und Wiedererstarkung des Reiches, völlig aus den Augen verloren. Jede Maßnahme, mag sie noch so zwingend und notwendig erscheinen, wird abgelehnt und beargwöhnt, wenn sie von einer Seite kommt, der man . selbst nicht zugehört. Wir tun in Deutschland eigentlich so, als drückten uns kei­nerlei Sorgen, so daß wir erst künstlich uns solche machen müßten, um nur über die Zeit der Langenweile hinweg- zukommen. Und doch hätten wir es so notwendig, alles beiseitezustellen, was uns trennt, um gemeinsam die Auf­gabe zu lösen, an der wir alle mit Hab und Gut, mit Herz und Seele interessiert sind.

Das Vertrauen ist auf Ferien! In Deutschland jeden­falls sucht man es heute vergeblich. Wo man irgendwie kam, hamstert man Banknoten, weil man den Banken und den Sparkassen nicht mehr traut. Man tut damit das Ver­kehrteste, was möglich ist, man entzieht der Wirtschaft das Lebensmark, das Betriebskapital, und uns selbst damit die wirtschaftliche Grundlage. Der Wirtschaftsbeirat soll nach dem Willen des Reichspräsidenten unbeeinflußt von jeg­licher Partei- und Interessengruppe die Maßnahmen erfor­schen, die notwendig sind, um den schweren Winter ohne neue Erschütterungen uberstehen zu können. Von allen, Sei-1 ton gber bringt man diesem Beirat nur Mißtrauen, Kritik

und Vorurteil entgegen. Die Preissenkung ist heute in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion gerückt, da man ein- sieht, daß alle voraufgegangenen Lohn- und Gehaltssenkun­gen ihren Zweck nicht erfüllen können, wenn die Preise die­ser Senkungswelle nicht folgen. Schon aber fliegt das Ge­rücht auf, daß man allgemein die Preise, die Löhne, Ge­hälter, Tarife und Zinsen um 20 Prozent senken wolle. Nur von einer Steuersenkung hört man nichts. Von einer Ver­allgemeinerung der Senkungspolitik kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil man damit die K a u f k r a f t des Volks­einkommens in bedenklichster Weise herabmindern würde. Es wäre gut, wenn wir uns die Auffassung des erwähnten aus­ländischen Bankiers zu eigen machten, nämlich dafür zu sor­gen, daß wir durch entsprechende Gestaltung unserer innerpo­litischen Verhältnisse das Vertrauen veranlaßten, recht bald von seinem Urlaub zurückzukehren. Die Krisenfrage ist in Wahrheit eine Vertrauensfrage. Dabei wird die Haupt­sache sein, daß wir das Vertrauen zu uns selbst wiedergewinnen.

Bom Wirtschaftsbeirat

Vorläufiger Abschluß der Ausschuharbeilen.

Berlin, 12. November.

Die Arbeiten der beiden Ausschüsse des Wirtschaflsbei- rakesProduktionskosten und preise sowieZinsen und Kredite" sind bereits zu einem gewissen Abschluß gelangt. Die Pläne, die in den zweitägigen Beratungen der Aus- schüsse ausgearbeitet wurden, werden jetzt von den zustän­digen Ressorts geprüft.

Der Wirtschaftsbeirat wird infolgedessen am Donners­tag eine etwa achttägige Pause in seinen Verhandlungen eintreten lassen und erst dann wieder zusammentreten, wenn bei den einzelnen Ministerien Klarheit über die Verwen- chu»OLmöcillch?^t fr^f u^rfchy^wso üchr.ichMgL. -0ewarmen woMA^ttÄls Zeitpunkt für Veröffentlichung der zu erwartenden Verordnung über das Winter-Wirtschaftspro- gramm ist nach wie vor das letzte Drittel des Monats No­vember zu betrachten.

Gegenüber Gerüchten, wonach Erwägungen über einen Abbau oder Umbau der Krisensteuer schweben sollen, wird vom Reichsfinanzministerium erklärt, daß von solchen Plä­nen nichts bekannt ist

Keine Fortschritte in Paris Rückkehr Francois-poncets nach Berlin.

Paris, 12. November.

Die großen Pariser Blätter stellen noch einmal geschlos­sen und wie auf höheren Befehl fest, daß die Verhandlun­gen, die seit einiger Zeit zwischen dem deutschen Botschafter von Hoesch im Auftrage der Reichsregierung und den ver­antwortlichen französischen Ministern gepflogen werden, kei­nerlei Fortschritte gemacht haben.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Re­gierungen beständen nach wie vor in der Frage der Zustän­digkeit des Baseler Untersuchungsausschusses, die die Reichs­regierung erweitert sehen möchte. Frankreich lehne diese Er­weiterung ab, da es hierin ein stillschweigendes Zugeständ­nis seinerseits erblicken würde, die privaten Schulden mit den Reparationen auf gleichen Fuß zu stellen oder ihnen sogar den Vorrang zu geben.

Francois-Poncet kehrte am Mittwoch wieder nach Ber­lin zurück, wo er sich sofort mit Reichskanzler Brüning in Verbindung setzen wird.

Der Zwischensoll im Berliner Rundfunk Aussprache Groener-Braun.

Berlin, 12. November

Zwischen Reichsinnenminister Groener und Minister­präsident Braun ist wegen der Rundfunküberwachungsan- gelegenheit eine mündliche Aussprache verabredet worden, die bereits in aller nächster Zeit stattfinden dürfte. Die Kri­tik des Reichsinnenministers an den von dem Ueber- wachungsausschuß mit Mehrheitsbeschluß genehmigten Aus­führungen des Reichsbannerfübrers Höltermann richtet sich u. a. gegen die Tatsache, daß sich Höltermann als Vertreter der Frontsoldaten bezeichnet hat. Groener wendet sich ferner gegen den Teil des Vortrages, wo es heißt, daß die Ver- assung von Weimar ohne den August 1914 nicht denkbar ei. Der Reichsinnenminister hat aus der Gesamtheit der Ausführungen hierüber den Eindruck gewonnen, daß es sich um Aeußerungen von vorwiegend parteipolitischem Cha­rakter handele. Insbesondere wendet sich Groener auch ge­gen die Unterstellung, daß der sozialdemokratische Reichs­tagsabgeordnete Frank um politischer Zwecke willen in den Krieg gezogen sei.

An zuständiger preußischer Stelle wird demgegenüber die Ansicht vertreten, daß es sich bei der ganzen Angelegen­heit in Wirklichkeit um eine Bagatelle handele. Es sei Sache der Regierungschefs von Preußen und dem Reich, die An­gelegenheit zu bereinigen. Die Ueberwachung des Rundfunks beruhe im übrigen auf Richtlinien, die der Reichsrar aus­gestellt habe. Preußen sei allerdings der Ansicht, daß sich das bisherig? Ueherwachun-gsverfahren bewährt habe.

Landtagsoräfldent Bartels f

Berlin, 12. November.

Der Präsident des preußischen Landtages Bartels ist am Mittwochabend im 61. Lebensjahr gestorben.

Der Zustand Bartels' hatte sich in den letzten Tagen so verschlimmert, daß er sich am Mittwochvormittag einer Operation unterziehen mußte, die Professor Sauerbruch vor- nahm. Da eine Bauchfellentzündung sich entwickelte, Herz­schwäche und allgemeiner körperlicher Verfall eintraten, war der Kranke nicht mehr zu retten.

~ SSartefs Hichörte^Lr^ozialbrmskrattscherr Partei an. Seit 1913 zählte er zum Vorstand der SPD. Von Beruf Maler, war er von 1904 bis 1913 Bürgerschaftsmitglied in Hamburg, seit 1919 vertrat er im Preußischen Landtag den Wahlkreis Potsdam II für feine Partei. Seit 1925 war er ununterbrochen Landtagspräsident. Bartels Heimat war Loitz in Vorpommern.

BerhandlMgrbeMn mit der Schweiz

Vermehrte Ausfuhr nach Deutschland.

Berlin, 12. November

Die schweizerische Delegation zur Fortführung der Ver­handlungen über die Abänderung des deutsch-schweizerischen Handelsvertrages ist in Berlin eingetroffen. Es hat bereits eine erste Fühlungnahme der Delegationsführer, Ministerial­direktor Posse und Rat Stucki, stattgefunden. Heute findet die erste offizielle Sitzung statt.

Angesichts der Verhandlungen lohnt es sich, einen Blick auf die schweizerischen Außenhandelsziffern für den Monat Oktober zu werfen. Entgegen den Schweizer Befürchtungen zeigt der Oktober keine Verschlechterung der Außenhandels­bilanz. Die Ausfuhr in Höhe von 112,8 Mill. Franken ist noch mit 4,1 Millionen höher als im Vormonat, und zwar infolge vermehrter Ausfuhr nach Deutsch­land. Auch die Einfuhrziffer zeigt nicht die gefürchtet« Ueberschwemmung mit deutschen oder englischen Waren. Sie beläuft sich auf 192,1 Millionen Franken. Das sind 7,1 Mil­lionen mehr als im September.

Ungarn ehrt Hisdenburg

Der Reichspräsident Inhaber eines Regiments.

Berlin, 12. November

Am kommenden Sonntag wird in Berlin eine Deputa­tion des dritten Königl. ungarischen Infanterie-Regiments, Garnison Stuhlweißenburg, eintreffen, um dem Reichsprä­sidenten von Hindenburg die Jnhaberschaft des Regiments anzutragen.

Diese Ehrung, die im Aufträge des Reichsverwesers von Horthy erfolgt, ist um so mehr zu begrüßen, als bisher

außer dem Reichsverweser nur der König von Ita­lien zum Chef eines ungarischen Regiments ernannt wurde.

Vor dem vorgesehenen Empfang beim Reichspräsiden­ten wird sich die Deputation mit den hiesigen verdienten Militärattachee General Stojakowitsch zum Ehrenmal in der Neuen Wache begeben, um zu Ehren ihrer im Weltkrieg gefallenen deutschen Waffenbrüder einen Kranz niederzu­legen.

Reichsbahn senkt die Löhne

Berlin, 12. November.

Im Lohnstreit der Deutschen Reichsbahngesellschaft ist von der Schlichterkammer ein Schiedsspruch gefallt worden, nach dem mit Wirkung vom 8. November 1931 die Grund­löhne um 4A Prozent gesenkt werden. Diese Lohnregelung ist erstmalig kündbar -am 81. März 1932.