Hersfel-erTageblatt Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 264 Dienstag, den 10. November 193) 81. Jahrgang
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Das Wirtschaftsprogramm für den Winter
Verdilligung der Kredite u. Senkung der Zinsen — Aenderung der Zolle — Senkung der Preise — Aushebung der Kartellbindungen
Beginn der Wirtschaltsverhandlnngen
Berlin, 10. November
Mit dem Beginn der neuen Woche sind die politisch loten letzten Tage durch eine stärkere Lebhaftigkeit abgelöst worden, da die Arbeiten für die große Notverordnung, die die wirtschaftliche Seite des Herbst- und Winterprogramms regeln soll, am Montag mit einer Sabinettssitzung in ihr akutes Stadium traten. Das Kabinett behandelt die „Leitsätze", die von den zuständigen Ministerien ausgearbeitet worden sind und entsprechend der in der vorigen Woche ergangenen Ankündigung am heutigen Dienstag den beiden Ausschüssen des Wirlschaftsbeirales vorgelegt werden.
Der Ausschuß 1 setzt sich folgendermaßen zusammen: Von der Industrie: Geheimrat Ernst von Borsig, Generaldirektor Vögler und Fabrikdirektor Wittke-Dresden; von Arbeitnehmerseite: Gewerkschaftsführer Peter Grahmann (Freie Gewerkschaften), Bernhard Otte (Christliche Gewerk- tchaften) und Max Rössiger (Hirsch-Dunker), von der Landwirtschaft: Präsident Dr. Brandes, ferner für den gewerblichen Mittelstand und andere Berufe: Maurer- u. Zimmermeister Robert Groß-Königsberg, Kaufmann Dr. Grund- Breslau, Papierfabrikant Haindl-Augsburg, Kaufmann Körner-Berlin und Bäckermeister Pflugmacher-Magdeburg.
Die Mitglieder des Ausschusses 2 sind: Für die Arbeitnehmer Otto Suhr (Afa), Wilhelm Egger (Freie Gewerkschaften) und Hegewald (Christliche Gewerkschaften); für die übrigen Berufsstände Geheimrat Cuno von der Hapag, Kaufmann Dr. Dr. Hackelberger-Oeflingen in Baden, Wagenbaumeister Hecker-Düsseldorf, die Gutsbesitzer Dr. Holt- meier-Kienen und von Oppen-Dannenwalde, Direktor Pferdmenges-Köln, Generaldirektor Dr. Schmitt (Allianz), Geheimrat Schmitz (I. G. Farben) und Dr. Silverberg- Köln.
In uniettichMeti Kreisen Wird ^LSSML-8- ZM «s den Ausschüssen gelingen wird, ihre Arbeiten noch im Laufe" dieser Woche zu beenden.
Das große Programm
Die schon seit langem erwartete Notverordnung über das Winter-Wirtschaftsprogramm dürfte dann im letzten Drittel des Monats November veröffentlicht werden. Ueber Einzelheiten des Programms läßt sich noch nichts sagen, »och gilt es als wahrscheinlich, daß die Ausschüsse des Wirt- chaftsbeirates sich u. a. mit der Frage der Verbilligung der Kredite durch Senkung der Reichsbankzinsen und der Zin- en für Wertpapiere, ferner mit einer etwaigen Aenderung )er Zölle, unter Umständen auch der Zölle für Lebensmittel, weiter der zeitweiligen Aufhebung der Kartellbindungen, der weiteren Senkung der preise für Markenartikel und der Anpassung der Löhne und Gehälter an den herbeizufühcen- den niedrigen Preisstand beschäftigen werden. Das Letztere dürfte unter Umständen durch biegsamere Gestaltung des bisherigen Tarifsystems erstrebt werden. In dem Gesamt- programm dürfte voraussichtlich eine Senkung der Löhne und Gehälter von einer vorhergehenden Senkung des Preisstandes abhängig gemacht werden. Wie diese Fragen im einzelnen gestaltet werden, hängt jedoch von dem Gang der Beratungen ab.
Aussprache über die SiedlungsplSue
Behandlung im Siedlungsausschuß des Reichstags.
• Berlin, 10. November.
In einer vertraulichen Sitzung des Siedlungsausschusses des Reichstags berichtete Reichskommissar B. Saassen über die Richtlinien für die landwirtschaftliche Siedlung und die vorstädtische Kleinsiedlung. Der Reichskommissar erklärte, daß zunächst einmal 20 000 Erwerbslose in vorstäd- tischen Kleinsiedlungen untergebracht werden sollen.
Der Ausschuß faßte k e i n e B e s ch l ü s s e. Er wird sich am 1. Dezember erneut versammeln, um vor allem die landwirtschaftliche Siedlung zu erörtern.
Nach dem halbamtlichen Bericht sind die Maßnahmen der Regierung von den Mitgliedern des Ausschusses im allgemeinen begrüßt worden, ohne daß man sich jedoch einen nennenswerten, über das Maß der Hilfe im eigenen Haushalt hinausgehenden wirtschaftlichen Erfolg davon verspro- chen hätte. Man habe die Hauptvorzüge in der Erleichterung der seelischen Verfassung der Erwerbslosen gesehen sowie in der wesentlichen Verringerung ihrer Haushaltskosten und in einer Entlastung der Gemeinden und Gemeindeverbände von ihren sozialen Leistungen.
Londons traditionelles
Guildhall-BanKett
Englands neue Regierung erstmalig vor der Oeffenllichkeit. MacDonald will das Pfund stabilisieren.
London, 10. November.
Das Jahresbankett anläßlich der Amtseinsetzung des neuen Lordmajors von London in der Guildhall gewann in diesem Jahre besondere Bedeutung durch die Tatsache, daß die neugewählten Minister der englischen Krone zum ersten Male vor die Oeffentlichkeit traten.
V. D^r neue Staatssekretär des Musteren. Sir Sohn
S t mo n, begrüßte die auswärtigen Botschafter und Gesandten, deren Anwesenheit ein Beweis für den Grundsatz der britischen Außenpolitik sei, daß England auf der Grundlage gleicher und sicherer Freundschaft mit allen Nationen der Welt zu stehen suche.
Der Staatssekretär für Luftfahrt, Lord Londonder- r y, betonte, daß Verteidigung allein das Ziel der britischen Politik sei und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß Friede und Sicherheit aufrecht erhalten werden müssen. „Obwohl England der Welt reichlich Beweise dieser Ueberzeugung gegeben habe, sehe man Symptome, die zu wirklichen Befürchtungen Anlaß geben. Im Interesse der physischen und moralischen Unterstützung der Welt wäre es aus diesem Grunde töricht, jenen „Index der nationalen Sicherheit" preiszuge- ben, oder weiterhin zu schwächen, der in der Aufrechterhaltung der Reichsstreitkräfte der Krone verkörpert ist."
Der Lordkanzler S a n k e y ermähnte, alles zu vergessen, was während ^>er Wahlzeit gesagt worden sei und die Augen auf das zukünftige Glück Englands zu richten. Er sagte: „Laßt uns die Bitterkeit vergessen. Seid britisch und kauft britische Waren."
Premierminister MacDonald erklärte: Wir sind eine nationale Regierung. Das Kabinett und die Regierung bestehen aus Mitgliedern aller Parteien, die sich zusammengeschlossen haben, um der Nation bei der Ueberwindung be« (anderer Schwierigkeiten in ihrem wirtschaftlichen Leben zu dienen. Die Wirtschaft Europas müsse geregelt und rationalisiert werden. Vorher kann keine Nation in Europa eine Grundlage für stabile wirtschaftliche und industrielle Bedingungen finden. Die augenblickliche Lage Deutschlands im Verhältnis zum übrigen Teil der Welt müsse der Gegenstand einer völligen „Ueberholung" werden, bei der Deutschland
Kein williger Mitarbeiter fein müsse, und endgültige inbarungen mühten erzielt werden, die erträglich und durchführbar feien: die ferner nicht in ihrer Auswirkung zu immer größec-ett MäüMueN atw :^TO führten und die nicht verhinderten, daß der internationale Austausch der Waren in normale Bahnen zurückkehre. Wir haben den völligen Zusammenbruch der Doktrin nationaler wirtschaftlicher Selbstgenügsamkeit erlebt und wir haben den Historikern und den Wirtschaftlern aller Zeiten Material für viele Studien über die Unwirksamkeit und Unzulänglichkeit dieser Doktrin geboten. Man stehe in Wirklichkeit, so fuhr der Premierminister fort, einer seit dem Kriege an- wachsenden „Revolution der Ueberzeugungen" gegenüber.
Wie alt, wie überlebt, ist doch die Welt vom Jahre 1913!
5m Verlaufe feiner weiteren Ausführungen erklärte Mac Donald u. a. auch: _ , .
„Wir haben die Absicht, sobald es die Umstände zulassen, Maßnahmen zu treffen, durch die die englische Währung unbedingt auf einer solchen Basis stabilisiert wird, die sie von spekulativen Bewegungen oder Tagesgeschehnissen unabhängig macht."
Zur augenblicklichen Lage Deutschlands führte MacDonald dann im einzelnen aus: Als ich letztes Jahr von dieser Stelle aus sprach, waren alle von der weltweiten industriellen Depression und der weltweiten fi- nanziellen Krisis bedrückt. Die Bankschwierigkeiten in Österreich waren der erste Zusammenbruch. Die Erschütterungen dehnten sich auf Deutschland aus, das „uns warnen mußte, daß es nicht nur mit Regierungs-, sondern auch mit privaten Ausländsanleihen in Verzug geraten müsse". Eine Atempause ist durch Präsident Hoovers rechtzeitige Morato- riumsvorschläge geboten worden. Wer kann sagen, was geschehen wäre, wenn der amerikanische Präsident nur ein besorgter Zuschauer geblieben wäre?
Jetzt ist es Sache der in Betracht kommenden Regierungen — an erster Stelle Frankreichs und Deutschlands — zu einer Vereinbarung darüber zu gelangen, was jetzt geschehen muß und später, wenn das Hoover-Moralorium zu Ende gegangen ist. Dafür darf keine Zeit verloren gehen. Eine Reihe stückweiser und vergänglicher Kompromisse rein zeitweiliger Art wird nicht den Umständen begegnen können. Eine umfassende und dauernde Regelung ist jetzt erforderlich. Alle Staaten müssen Zugeständnisse machen aus dem einfache» Grunde, daß, wenn sie nicht machen, die Weltlage immer schlimmer werden wird, bis ein Zusammenbruch und eine Revolution der einzige Ausweg sein mögen.
Die britische Regierung habe mit großer Genugtuung von Lavals Besuch in Washington gehört und hoffe, daß darauf ein Einvernehmen zwischen Frankreich und Deutschland folgen möge, das als eine wesentliche Bedingung für die Wiederaufbauarbeit in Europa betrachtet werden müsse. Die herannahende Abrüstungskonferenz kann nicht losgelöst werden — und darin schließ« ich mich vollkommen Präsident Hoover an — von der allgemeinen Weltlage. Die britische Regierung wird ihr Aeuherstes tun, um den Erfolg dieser Konferenz sicher zu stellen.
MacDonald schließt seine Rede: Ich glaube, daß England durch seine Wahlen zwei große Dinge zustandegebracht hat. Es hat in den Herzen aller Männer und Frauen den Glauben und das Vertrauen zur repräsentativen Demokratie wieder hergestellt. Es hat aber noch mehr getan. Es hat nämlich den Bürgern aller Nationen der Welt, die Volksregierungen besitzen, ein Beispiel dafür gegeben, daß es bei einer nationalen Notlage keine Meinungsverschiedenheiten gibt, sondern daß alle Klassen und alle Varteien aller Rich- kunaen beim Eintreten solcher Notlaa« sich in einer aemein^
schaftlichen Anstrengung züsammenschließen, um der Welt den nötigen Mut und den entschlossenen Willen zu geben, sich durch diese Schwierigkeiten hindurchzuarbeiten und der gan- Zen Welt zu zeigen, was nationale Einigkeit ist und wie diese nationale Einigkeit zustandegebracht werden kann. Bei die- ser Pionierarbeit, die nicht in einem Tage oder einem Monat geleistet werden kann, und die auf mancherlei Hindernisse stoßen wird, muß das ganze Volk mithelfen. Jeder einzelne hat bei diesem Unternehmen eine große Rolle zu spielen. Die britische Regierung wünscht, in Reih und Glied mit den an- deren Nationen im Osten und Westen zusammenzuwirken die in der Erkenntnis, daß kein Volk für sich allein bestehen kann, ihren Einfluß und ihren Wohlstand benutzen woll-m um jeder einzelnen Nation Harmonie, Frieden und Sicher- heit zu geben. (Lebhafter Beifall.)
Die Berhalldlungen mit Baris
keine deutschen Aufträge für Francois-poncet.
Berlin, 10. November.
Die Besprechungen zwischen dem Ministerpräsidenten Laval und dem französischen Botschafter in Berlin Fran- cois-Poncet wurden auch am Montag fortgesetzt.
Die Pariser Presse, die den Besuch des französischen Botschafters in Berlin, Francois-Poncet, zunächst mit neuen Vorschlägen der Reichsregierung in Verbindung brächte, berichtigt ihre Stellungnahme und betont übereinstimmend, daß der französische Botschafter auf Wunsch des französischen Ministerpräsidenten nach Paris gekommen sei, um Bericht über seine letzten Besprechungen mit Reichskanzler Brüning und Staatssekretär von Bülow zu erstatten. Von neuen deutschen Vorschlägen könne jedoch in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein. Auch die bevorstehende Aufnahme der Arbeit des deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses yäbv eine-fr-imiic Larlsguss der Snsr-rrr Deutschland wh_ wendig gemacht.
Wie der „Matin" hervorhebt, ist Francois-Poncet von Laval nach Paris berufen worden, weil der französisch« Ministerpräsident sich über die Unterredung unterrichten wollte, die Francois-Poncet in Berlin hatte, und weil er ihn über seine Verhandlungen mit Botschafter von Hoesch orientieren wollte. Botschafter Francois-Poncet habe vom Ministerpräsidenten Laval alle etwa notwendigen Direktiven erhalten.
Auch an zuständiger Berliner Stelle wird betont, daß der französische Botschafter Francois-poncet für feine Reise nach Paris keinerlei besondere Aufträge der Reichsregte- rung habe. Die Verhandlungen mit der französischen Regierung würden in der üblichen Form weitergefüyrt. Da» heißt, daß die Besprechungen über die Erweiterung der Vollmachten des BJZ.-Ausschusfes durch den deutschen Botschafter in Paris geführt werden, der sich in der vorigen Woche bei seinem Aufenthalt in Berlin über die diesbezüglichen Gedankengänge der Reichsregierung ins Bild gesetzt hat.
Berwaltungsratsfitzuag der »33
Basel, 10. November
Der Verwaltungsrat der Bank für Internationale» Zahlungsausgleich ist zu seiner 16. Verwaltungsrakssitzunk zusammengekreken.
An Stelle des zur Zeit in den Vereinigten Staaten weilenden Präsidenten W. Gates Mac Garrah leitet der Senioi der Verwaltungsratsmitglieder, Sir Charles Addis-Lon- don, die Sitzung. Pon prominenten Verwaltungsratsmit- gliedern sind Reichsbankpräsident Dr. Luther und der belgische Vizegouverneur Emile Francqui nicht erschienen.
Die Sitzung des Verwaltungsrates der VJZ. dauert« nur zwei Stunden. Die Gewährung eines 60-Millionen- Schilling-Kredits an Oesterreich, den die Bank von Frankreich der BJZ zur Ablösung eines Teils des von der Banl von England gewährten Kredites geben wollte, ist vertag! worden, weil nach Ansicht des Verwaltungsrats „die Gewährung eines solchen Kredites nicht den Charakter bei Eile habe". Da gewisse Reformen von feiten der österreichischen Regierung gemeinsam mit den internationalen Organen in Angriff genommen worden sind, so hält es der Verwaltungsrat für vorteilhaft, erst ein gewisses Ergebnis dieser Reformen abzuwarten.
Weiter wurde ein Unterausschuß eingesetzt, der mlf der Leitung der $33 mehrere grundsätzliche Fragen regeln soll, um für die Anlegung ihrer Gelder die Goldklausel in Anwendung zu bringen und sich so gegen Verluste zu schützen. Der Unterausschuß hat seine Arbeiten bereits am Montagnachmittag begonnen.
Schließlich nahm der Verwaltungsrat noch Kenntnis von dem Bericht über die Prayer Devisenkonferenz somit von dem Bericht über die gegenwärtige österreichische Finanz- lag«, die den Umständen entsprechend als verhältnismäßig günstig bezeichnet wird. Die nächst« Verwaltungsratssitzung wird am 14. Dezember ftattfinben.
Schweizerischen Pressemeldungen zufolge sollen die deutsch-schweizerischen Vertragsverhandlungen am Donnerstag in Berlin wiederaufgenommen werden. -^