HersfelöerTageblatt
Hersfelder Kreisblau
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-
Nr. 252 Dienstag, den 27. Oktober 1931 81. Jahrgang
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Es hat sich nichts geändert!
Keine finanziellen Zugeständnisse Washingtons — Keine politischen Zusagen für Paris
Zwei Staatskonferenzen
Es ist kein Zweifel: Laval ist mit mancherlei Hoffnungen und bestimmten Wünschen nach Amerika gereist. Er hat das zwar beftritten, die Geschwätzigkeit seiner Presse und die Voreiligkeit des französischen Nachrichtenbüros haben aber den Schleier über manche geheime Absicht des französischen Staatschefs gelüftet. Er reist jetzt nach Frankreich zurück mit der stolzen Ueberzeugung, keine der französischen Thesen über Rüstung?- und Reparationsfragen aufgegeben, aber auch mit der bestimmten Erkenntnis, keines seiner Ziele durchgesetzt zu haben Aber auch Hoover hat keines seiner Prinzipien geopfert. So bleibt als Ergebnis: Keine der Sonderinteressen haben sich durchsetzen lassen. Uebrig- blieb neben dem Austausch höflicher Redensarten lediglich die Feststellung der beiderseitigen Auffassungen über die Fragen, deren Interesse über das der beiden Länder und Völker hinausgeht.
Man wird gerade wegen des letzten Punktes nicht sagen dürfen, daß der Besuch Laoals in Washington für die internationale Politik völlig ergebnislos gewesen sei. Laval kennt die Stimmung der Amerikaner, kennt sie in einigen Fragen wie der Vertragsrevision, j)er Abrüstung und der interalliierten Schulden besser, als ihm vielleicht lieb ist. Er wird diese Kenntnis in Zukunft bei allen internationalen Verhandlungen nicht einfach ignorieren können. Im Interesse einer Vereinfachung solcher Verhandlungen läßt fich da mit der Zeit vielleicht doch mancher Vorteil erwarten. In Amerika wiederum wird man aus der Art, wie Frankreich seine diplomatischen Konferenzen pressepolitisch zu unterstützen versteht. manche Nutzanwendung ziehen, Mindestens die, daß eine französische Presseinformation nicht hundertprozentig den Tatsachen entspricht.
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in Washington manch bemerkenswerte Klarstellung gebracht. Zunächst die eine, daß es in allen Fragen seiner politischen Freiheit nicht nachlassen darf, eine sachliche Aufklärung zu betreiben, die die politischen und wirtschaftlichen Gefahren der Versailler Friedensregelung unzweideutig erkennen läßt. Das Vorgehen Senator B o r a h s zeigt uns, daß die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit erpreßter Frie- densoerträge in immer weitere Unreife eindringt. Wir stehen also nicht mehr allein, sondern haben uns heute schon in dieser Frage manch einflußreiche Freunde gewonnen. Daneben hat uns die Washingtoner Konferenz aber auch darüber belehrt, daß Frankreichs Einstellung zur Reparations- wie zur Abrüstungsfrage auch durch Hoovers Vermittlung nicht geändert werden konnte. Laval hat in Washington den Gedanken von der UnabänderlichkeitderVerträge und von der Aufrechterhaltung des Tributplanes entschieden vertreten und davon keinerlei Abstriche machen lassen. Hoover hat zweifellos die Absicht gehabt, Laval oorzuschlagen, in eine Verlängerung des Hoo- ver-Moratoriums einzutreten. Das hat Laval abgelehnt vielmehr verlangt, daß mit Ablauf des Hoooer-Feierjahres der Youngplan wieder in Kraft tritt. Das geht deutlich aus dem Satz in dem Washingtoner SchlußcommuniquS über die Besprechungen zwischen Laval und Hoover hervor, „daß vor Ablauf des Hoover-Moratoriums irgendein Abkommen darüber notwendig sein dürfte, durch das die Periode geschäftlicher Depression überbrückt wird." Aber nicht Amerika wird hierbei die Initiative ergreifen. Diese wird vielmehr „baldigst von den europäischen Mächten ergriffen werden, die im Rahmen der vor dem 1. Juli 1931 bestehenden Abkommen hauptsächlich daran beteiligt sind." Man zielt also auf eine neue Schuldenkonferenz hin, die dadurch eingeleitet werden soll, daß Deutschland die im Youngplan vorgesehenen Schritte tut, d. h. daß es ein Reparationsmo- ratorium beantragt. Frankreich gewinnt damit die Initiative in der Reparationsfrage wieder insofern, als es nach dem im Youngplan vorgesehenen Verfahren die Feststellung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands beantragen kann. Was Hoover vermeiden wollte, nämlich die wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Erschütterungen eines Moratoriumsantrages, wird von Frankreich erstrebt, und zwar unter dem einen Gesichtspunkt: bestehende Ver- träge müssen respektiert werden.
Fast zu gleicher Zeit, da über alle diese Fragen in Washington Klarheit geschaffen wurde, legte der italienische Ministerpräsident Mussolini unter eindeutiger Stützung der Mission seines Außenministers Grandi in Berlin Italiens Auffassung über eben die gleichen Fragen dar. Erforderte im Interesse der politischen und wirtschaftlichen Beruhigung, im Interesse des Weltfriedens eine Neuauf- rollung der Reparationsfrage und eine Abänderung einiger Klauseln der Friedensoerträge, die „die Welt an den Abgrund des Zusammenbruchs und der Verzweiflung geführt haben." Man wird nach dem ganzen äußeren Verlauf des Besuches Grandis in Berlin feststellen dürfen, daß er zwar nicht mit einem festumrissenen Plan aber mit ganz klaren Gedanken über eine Reihe die Welt- und Wirtschaftspolitik beherrschender Probleme seine Deutschland Reise ausgeführt hat. Italien sucht die Freundschaft Deutschlands nicht aus egoistischen Gründen sondern aus Gründen der Verständigung und des Friedens. Zu sehr sind Wirtschaft und Politik der einzelnen Völker miteinander verbunden, als daß sie Lux NäM hM Wünschen und Interessen einzelner Völker ge
löst werden könnten. Grandi ist mit dem ausdrücklichen Auftrage seines Chefs nach Berlin gekommen, um die in den voraufgegangenen deutsch-italienischen Besprechungen behandelten Fragen politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu vertiefen. Er hat über seinen Auftrag am Montag der deutschen Presse eine formulierte Erklärung abgegeben, die an Aufrichtigkeit und freundschaftlichen Gefühlen kaum etwas zu wünschen übrig läßt. Man wird unwillkürlich an jenen Presseempfang erinnert der seinerzeit bei den französischen Ministern in Berlin stattfand, und der auch nicht eine Spur freundschaftlichen Geistes verriet. Grandi hat mit dem Kanzler wie mit dem Reichspräsidenten eingehende Besprechungen gehabt, und begibt sich mit den Eindrücken und Ergebnissen seiner Reise nach Rom zurück, um Mussolini zu berichten. Der Besuch Grandis ist deshalb aber noch von besonderer Bedeutung, daß er vorausgeht der Reise Grandis nach Amerika, wo er mit Hoover gleichfalls in eine Aussprache über die Probleme eintreten wird, die schon jetzt in Washington und in Berlin zur Diskussion standen.
Schuldenremfiou notwendig
Keine politischen Abmachungen in Washington.
Washington, 26. Oktober.
Der amtliche Bericht über die Besprechungen zwischen Präsident Hoover und Laval wurde mit vielsagender Verspätung ausgegeben. Zu Beginn der gemeinsamen Erklärung wird auf die traditionelle Freundschaft Frankreichs und Amerikas, auf das Nichtvorhandensein irgendwelcher Streitfragen zwischen beiden Regierungen und auf die gemeinsamen Bemühungen um den Weltfrieden hingewiesen, die erst kürzlich in der Annadme des Kelloqq-Briand-Paktes •Wsrtrnrtt^eft^^ Aktes Stes tMevsiU
treter beider Länder wünschenswert gemacht, die zahlreichen Fragen durchzusprechen, an denen sie gemeinsam interessiert seien, denn es sei Pflicht der Staatsmänner, kein Mittel zu einer praktischen Zusammenarbeit im Interesse des allgemeinen Wohls außer acht zu lassen. „Die auf gegenseitigem Vertrauen beruhenden Beziehungen zwischen beiden Regierungen sind von größter Bedeutung für die Beschleunigung der von uns angestrebten Wiedergesundung. Wir haben diese Aufgabe mit vollem Freimut übernommen. Wir haben wirkliche Fortschritte erzielt."
Anschließend werden die Fragen aufgezählt, die während der Unterhaltungen besprochen wurden: die weltwirtschaftliche Lage, die internationalen Beziehungen, soweit sie auf die Wirtschaftslage Einfluß haben, die bevorstehende Abrüstungskonferenz, die Wirkungen der Wirtschaftsde- presfion auf die politischen Schuldenzahlungen, Stabilisierung der internationalen Währungen und andere Finanz- und Wirtschaftfragen. Die gemeinsame Erklärung betont ausdrücklich, daßesnichtZweck derBejprechun- gen gewesen sei, Verpflichtungen einzu- gehen, die für beide Regierungen verbindlich seien, sondern „durch die Entwicklung von Tatsachen" jedem Land die Möglichkeit zu geben, wirksamer auf seinem eigenen Feld zu arbeiten.
Die Frage der Kriegsschulden wird in einem überaus vorsichtig formulierten Satz berührt. Beide Parteien, so heißt es in der Erklärung, erkennten an, daß vor Ablauf des hoover-Jeierjahres eine Abmachung bezüglich der Regierungsschulden vielleicht nolwen- d i g sein könne, doch machten alle Regierungen alle Vorbehalte hinsichtlich der Bedingungen für solche Abmachungen. „Was die- zwischen den Regierungen eingegangenen Verpflichtungen betrifft, so erkennen wir an, daß vor Ablauf des hoover-Jahres irgendeine Vereinbarung für die Zeit der Wirtschaftsdepression notwendig sein mag, doch machen beide Regierungen alle Vorbehalte bezüglich der Bestimmungen und Bedingungen einer solchen Abmachung. Die I n i t i a t i v e in dieser Angelegenheit sollte im Rahmen der im Juli 1931 getroffenen Abmachungen zu einem frühen Zeitpunkt von hauptsächlich interessierten europäischen Regierungen ergriffen werden."
Was die Abrüstungsfrage angehe, sei es die gemeinsame Absicht beider Nationen, daß die kommende Abrüstungskonferenz nicht verfehlen werde, die sich bietende große Möglichkeit auszunutzen, daß sie ihre wahre Mission erfülle, die darin bestehe, daß sie die Grundlage für einen dauernden Frieden gebe.
Der Erklärung wird hinzugefügt, daß die B e i b e h a l - tung des Goldstandards in Frankreich uno m den Vereinigten Staaten von größtem Einfluß auf die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts sei.
Laval abgereift
Laval ist um 1 Uhr nachts (7 Uhr MEZ.) aus Washington abgereist. Er hat sich am Nachmittag in New York an Bord der „Jsle de France" nach Frankreich eingelchisst Lava! lehnte jede Presse-Unterredung ab. Er verwies daraus, daß die amtliche Verlautbarung in ihrem Text klar genug sei, als daß er sie zu ergänzen brauche. Borah verweigerte ebenfalls jede Aeußerung. In Senatskreisen ist die Scei« nung über das Ergebnis des Besuches Lavals durchaus geteilt.
Brüfung der Zahlungslätzigleit
Sie $ari|er Presse ist im großen und ganzen mit dem Washingtoner Ergebnis zufrieden. Man begrüßt insbeson- bere die Tatsache, daß der amerikanische Staatspräsident sich verpflichtet hat, das Moratorium von sich aus nicht zu ver- langern, und daß in der Frage der Abrüstung praktisch nichts geschehen qt. Nur die äußerste Rechts- und Linkspresse zeigen sich, lebe auf ihre Weise, sehr unzufrieden.
Der außenpolitische Berichterstatter des „Echo de Paris", perkmax, erklärt, daß Laval die Absicht habe, sobald wie möglich den Sachverständigenausschuß des Poung-Plans ein- juberufen, um die Zahlungsfähigkeit Deutschlands noch vor Ablauf des Hoovec-Moraloriums zu prüfen.
Amerikanische Stimmen
Die Washingtoner Berichte der New Yorker Blätter bringen ausführlich die Washingtoner Besprechungen. „Time s" hebt die Uebereinstimmung Hoovers mit Laval über Schritte zur Herbeiführung einer weltwirtschaftlichen Stabilität und über die Grundlagen einer Schuldenrevision hervor. Der Washingtoner Korrespondent der „New York Times" detailliert diese Ergebnisse. „H e r a l d Tribune" meint, nur wer sich Illusionen hingab, könne darüber enttäuscht sein, daß kein Allgemeinrezept für die Sicherheit Europas, die Herabsetzung der Reparationen und die Revision des polnischen Korridors, gefunden worden sei.
Die Auffassung in Berlin
Die Berliner Blätter, die alle über den Besuch Grandis und über die Washingtoner Besprechungen in großer Aufmachung berichten, nehmen in ihren Kommentaren zum Teil sekr kritisch zu dem Communique über diese Bespre-
Der„Abend" bezeichnet Pas Ergebnis der'Amerikafahrt als „u n b e f c i e d i g e n b'L und qt der Austastung, daß durch das negative Ergebnis der Reise Laoals die Notwendigkeit der deutsch-französischen Verständigung nur noch gesteigert und unterstrichen werde.
Die «Vossische Zeitung" sieht in dem Washingtoner Ergebnis theoretisch eine Verschlechterung für i Deutschland. Praktisch werde sich kaum etwas ändern. 1 Dke gemeinsame Verlautbarung versuche kaum, das Fiasko zu verschleiern.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" empfindet als besonders bedeutungsvoll die Festlegung auf die Aufrechterhaltung des Goldstandards in Frankreich und in den Vereinigten Staaten. Im übrigen scheine Laval nur erreicht zu haben, daß man, ohne Deutschland zu nennen, doch uns die Initiative für die weitere Behandlung der Tributfrage zu- schiebe.
Der „Lokal-Anzeiger" sieht es als einen Erfolg Lavals an, daß es ihm gelungen fei, selbst den Anschein der geringsten Verpflichtung in den entscheidenden Fragen der Reparationen, der Schulden und des Korridors zu vermeiden. Andererseits habe er eine Ablehnung feines Planes für einen französisch-amerikanischen Sicherheitspakt hinnehmen müssen.
Die „Deutsche Zeitung" bezeichnet es als das einzige Ergebnis, daß Europa nicht aus Wunder warten dürfe, sondern gegen Frankreich selbst zupacken müsse. Die europäische Selbsthilfe warte jetzt auf Deutschland.
Baldige Hilfe?
Die Bedeutung des Washingtoner Ergebnisses.
Washington, 27. Oktober.
Zur Frage der Bedeutung des über die Washingtoner Besprechungen herausgegebenen Kommuniques wurde dem Vertreter des W.T.B. gegenüber an maßgebender Stelle betont, daß hier tatsächlich keine Absicht bestehe, sich von der internationalen Schuldenfrage zu isolieren. Im Gegenteil,
der wichtigste Punkt der Unterredungen mit Laval sei die Diskussion von Mitteln und Wegen gewesen, wie man Deutschland helfen könne. Räch reiflicher Erwägung des Für und Wider habe es sich als am praktisch- sten herausgestellt, das Problem durch die im Poung- Plan vorgesehene Maschinerie anpassen zu lassen. Je eher das geschehe, desto besser sei es.
Bekanntlich sei auf Sachverständigenkonferen- ze n, wie sie unter dem Young-Plan wahrscheinlich einberu- fen würden, stets Amerika vertreten; und wenn die erste Erregung über das Kommunique, das notwendigerweise mit Rücksicht auf die innerpolitischen Situationen in Frankreich sowohl wie in Amerika gewisse „Worte gebrauchte, um gewisse Gedanken zu verbergen", vorbei sei, werde man auch in der deutschen öffentlichen Meinung den Standpunkt einnehmen, daßderStein nunmehrbaldinsRollengebracht sei und Deutschland hieraus in erster Linie Nutzen Ziehe. '