Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 251
Montag, den 26. Oktober 1931
81. Jahrgang
Der Gast aus Italien
Grandi in Berlin
Die politischen Gespräche beginnen.
Berlin, 26. Oktober.
Der italienische Außenminister Grandi, der von Rom aus über München nach Berlin fuhr, ist hier mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug am Sonntag früh 9.25 Uhr auf dem Anhalter Bahnhof eingetroffen. In M ü n ch e n war er von Staatsminister Dr. G ü r t n e r auf dem Bahnhof begrüßt worden. Reichskanzler Dr. B r ü n i n g hatte bereits vor feinem Eintreffen der Agenzia Stefani eine Erklärung übermittelt, in der er der Freude darüber Ausdruck gab, mit dem befreundeten Staatsmann die Lage vertrauensvoll besprechen zu können. Die verschärfte Wirtschaftslage zwinge zu schnellen und gemeinsamen Maßnahmen.
Auf dem Anhalter Bahnhof in B e r l i n hatten sich zur Begrüßung eingefunden: der italienische Botschafter O r s i n i B a r o n i mit den Herren der Botschaft sowie deutscherseits Reichskanzler Dr. Brüning, die Staatssekretäre Dr. Pün- der, von Bülow und Dr. Weismann, der deutsche Botschafter in Rom Herr vonSchubert und eine Reihe anderer Persönlichkeiten. Reichskanzler Dr. Brüning überreichte der Gattin des italienischen Außenministers bei der Ankunft einen Strauß roter Rosen. Im Empfangszimmer des Bahnhofs richtete Grandi
durch den Rundfunk folgenden Gruß an das deutsche Volk:
„Im Augenblick meiner Ankunft in der deutscken Reichs - Hauptstadt möchte ich dem Herrn Reichskanzler und der Reichsregierung für die freundliche Einladung meinen Dank sagen und meiner lebhaftesten Befriedigung über den Empfang Ausdruck geben. 3m Hamen des Chefs der italienischen Regierung überbringe ich dem deutschen Volke den herzlichen Gruß des italienischen Volkes mit dem Ausdruck unserer aufrichtigen Sympathie und die wärmsten Wünsche für sein Wohl."
Kurz nach ^ ^ ^^^ ^ imlwnil^ Außenminister Grandi in Begleitung des hiesigen italienischen Bokschaf- ters Orsini Baroni dem Reichskanzler Dr. Brüning und im Anschluß hieran dem Staatssekretär Dr. von Bülow einen Besuch ab. Reichskanzler Dr. Brüning und Staatssekretär Dr. von Bülow erwiderten hierauf die Besuche, während des Besuches beim Kanzler wurden in drei- vlertelslündiger Unterredung die einzelnen politischen
Probleme besprochen.
Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes gab zu Ehren des italienischen Außenministers und seiner Gemahlin ein Frühstück im Hotel „Adlon".
Nachmittags empfing Grandi in den Räumen der italienischen Botschaft die 'führenden Vertreter der hiesigen italienischen Kolonie und der italienischen Presse.
Grandis Empfang
beim Reichskanzler
Begrüßungsansprachen der beiden Staatsmänner.
Berlin, 26. Oktober.
Reichskanzler Dr. Brüning hieß auf einem zu Ehren des italienischen Außenministers Grandi und seiner Begleitung gegebenen Abendessen in seinem Trinkspruch im Namen der Reichsregierung die italienischen Gäste willkommen und gab seiner Freude Ausdruck, den in Rom eingeleite- ten politischen Gedankenaustausch fortzusetzen und daß der Chef der italienischen Regierung gleichfalls die Absicht habe, der Einladung nach Berlin zu folgen. Brüning fuhr dann fort: Niemals ist ein solcher unmittelbarer Gedankenaustausch zwischen den verantwortlichen Trägern der internationalen Politik notwendiger gewesen als jetzt, wo wir vor den e r n st e ste n und schwer ste n Problemen stehen, die nur durch die gemeinsamen An strengungen aller beteiligten Regierungen und Völker zu lösen sind. Das deutsche Volk-fühlt sich allen denen innerlich verbunden, die gewillt sind, vergangenen Hader ruhen zu lassen und ihre ganze Kraft den Aufgaben der Gegenwart, den Forderungen der Zukunft zu widmen. Mit ehrlicher Bewunderung sehen wir das mit jugendlicher Energie aufstrebende italienisch« Volk zur freien Entfaltung seiner reichen Kräfte fortschreiten, wir sehen, daß auch dort derselbe unbeugsame Lebenswille herrscht, wie bei uns, und daß auch dort das Heil der Menschheit in der lebendigen Fortentwicklung gesucht wird. Das läßt uns Deutsche hoffen, jenseits der Alpen volles Verständnis zu finden für unseren Kampf gegen die wirtschaftliche Not und für unser Streben nach Freiheit und Gleichberechtigung."
Der italienische Außenminister Grandi erwiderte in seinem Trinkspruch: Als der Chef der italienischen Regierung mir den willkommenen Auftrag erteilte, diesen Besuch abzustatten, und die freundlichen Unterredungen, die wir in Rom hatten, fortzusetzen, bat er dem besonderen Wunsche Ausdruck gegeben, daß ich Ihnen bestätige, daß er hofft, es möge sich bald eine günstige Gelegenheit bieten. Auch in Italien bewundert man den entsagungsvollen Opfermut, die männlichen Tugenden und den Arbeitseifer des deutschen Volkes, wie man auch die weis« und erleuchtete Arbeit in ihrem ganzen Werte erkennt, die Ew. Exzellenz zum Besten ihres Volkes leisten. Deutschland begibt sich jetzt daran, seine Energien zu stählen, um die Schwierig?« ten, die der Augenblick bietet, mutig zu MmfudM. Stätten hat
stets genau verstanden, welcher wichtige Anteil Deutschland in der Geschichte und dem Leben der Welt zukommt und wie Deutschland einen unverzichtbaren Faktor unserer Kultur darstellt. , ,
Das Leben der Völker wird heute noch durch die Folgen der vergangenen Kämpfe erschüttert und gestört. Durch harte Erfahrungen belehrt, fühlen alle Staaten mehr als i« üie schwere Verantwortung und die Pflicht. lonal und wirkiam
Einigung
aber aus messen Kasten?
Reparationen bleiben aufrechterhalten, aber Regierungs- schulden werden herabgesetzt. — keine Morakoriumsoer- längerung.
Frankreich läßt sein Gold in Amerika.
Washington, 26. Oktober.
Präsident Hoover und Ministerpräsident Laval haben eine Vereinbarung über die
Koordinierung der Hilfsmittel französischer und amerikanischer Banken zur Stabilisierung der Weltlage erzielt. In der Besprechung der Kriegsschulden und der Re- parationsfrage kam man ebenfalls zu Fortschritten. Die ge- meinschuftliche Erklärung wurde auf Sonntag verschoben, da die Formulierung des Textes gewisse Schwierigkeiten bereite.
D-er Sonderberichterstatter der Agentur Havas meldet über den voraussichtlichen Inhalt des französisch-amerikanischen Kommuniques, wobei er an die vorstehende Erklärung anknüpft:
hinsichtlich der Reparationszahlungen werde das Kommunique die Rokwendigkeit hervorheben,
die Zahlungen nach Ablauf des Hoover-Moraloriums wieder aufzunehmen.
Vor Juli 1932 werde also eine Neuregelung zwischen den in direkter Weise interessierten europäischen Mächten ge- hmfow mett^w müssan. aber ruf her Grillldlaqe des legal in Kraft bleibenden Poung-Planes. Eine Abmachung zuf Herabsetzung der Regierungsschulden werde als Folge hiervon getroffen werden müssen.
Das Kommunique werde die Notwendigkeit heroorheben, mit ernstem Bemühen die Bedingungen zu schaffen, die geeignet sein würden, das Vertrauen in der Welt wieder herzustellen und das Zurückfließen der Kredite zu ermöglichen. Das Kommunique werde dann die zwischen der Bank von Frankreich und der Federal Reserve Bank zustandegekommene Einigung über das
Verbleiben französischer Golddepots in Amerika begrüßen und den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß diese Zusammenarbeit andauern und sich entwickeln möge. Die Ergebnisse, die man von den Washingtoner Unterredungen erwarten könne, entsprechen den optimistischen Vermutungen aufmerksamer Beobachter der amerikanischen Politik. Die amerikanische Politik habe noch nicht eine Entwicklung durchgemacht, die es Präsident Hoover verleide, die Vereinigten Staaten in größerem Ausmaße für die Angelegenheiten in Europa zu interessieren. Im Verlaufe seiner sehr freimütigen, herzlichen und eingehenden Unterredung mit Hoover und Stimson habe sich Laval rasch von dieser Unmöglichkeit überzeugt. Er sei so klug gewesen, nicht darauf zu bestehen, um auf dem Gebiete der Sicherheit illusorische Genugtuung erhalten zu wollen. Dagegen habe er sich bemüht, und dies sei auch gelungen, die
Aufrechterhaltung des Rechtes Frankreichs auf seine
Reparationen im Rahmen des Foung-Planes geltend zu machen und, darin eingeschossen, die Notwendigkeit der Herabsetzung der Regierungsschulden ankündigen zu lassen.
Man wird den offiziellen Wortlaut des Kommuniques abwarten müssen, bevor man aus dieser Havas-Meldung weitere Schlüsse zieht. Die vorliegende Fassung betont in der Hauptsache die Frankreich in der Abmachung eingeräum- ten Vorteile. (D. Red.)
Kein Sicherheitspakt
Aber Aufrechterhaltung der Goldwährung.
Washington, 26. Oktober.
Der Washingtoner Sonderkorrespondent von Havas berichtet, man dürfe von den Unterredungen nicht politisck-e, sondern mehr wirtschaftschaftliche Ergebnisse erwarten.
Präsident Hoover sei gegenwärtig nicht in der Lage, für die Bereinigten Staaten an irgend einer Maßnahme zur Verbesserung der Sicherheit Frankreichs teilzunehmen.
Den Vereinigten Staaten sei es unmöglich, bestimmte Verpflichtungen für einen wirksamen gegenseitigen Beistand im Falle eines Angriffes «inzugehen, selbst wenn es sich nur um eine wirtschaftliche und finanziell« Blockade handele. Sie könnten auch keinen Konsultativpakt unterzeichnen. Frankreich und Amerika würden sich aber bemühen, die wirtschaftliche Depression zu beheben und durch Aufrechterhaltung der Goldwährung in der Welt die Finanzkrise zu hemmen.
zusamm«nzuarbeit«n. " Frei von jedem Vorurteil ist »as italienische Volk davon überzeugt, daß
die Grundlagen eines friedlichen und fruchtbringenden internationalen Zusammenwirkens in der Gerechtigkeit, in der Gleichheit der Rechte, im gegenseitigen vertrauen, im Verständnis für die wechselseitigen Notwendigkeiten und in einer harmonischen Entwicklung der lebenswichtigen Kräfte und Interessen eines jeden Einzelnen zu finden sind. Das italienische Volk streckt daher allen denjenigen in freundschaftlichem Geist die Hand entgegen, die von den gleichen Gefühlen beseelt in Eintracht daran arbeiten wollen, um diese hohen Ziele zu verwirklichen."
Goldstandard
Internationale Schuldenregelung vor Ablauf des hoover- Jahres? — Abrüstungsfrage bleibt problematisch.
Washington, 26. Oktober.
Nach dreistündiger Diskussion zwischen Hoover, Laval, Stimson, Mellon, Mills und Claudel war die endgültige Fassung des Kommuniques beendet. Nachdem Laval sich vom Präsidenten Hoover verabschiedet hatte, begab er sich zu einem Frühstück mit Handelminister Lamont.
Associated Preß meldet: Das Kommunique über das Ergebnis der Besprechungen zwischen Hoover und Laval betont zu Beginn: „Der Goldstandard in Frankreich und den vereinigten Staaten ist ein wesentlicher Faktor für die Wiederherstellung normaler geldwirtschaftlicher Verhältnisse."
hoover Mld Laval, heißt es weiter, erörterten das gesamte Gebiete der internationalen Probleme, indem sie der Hoffnung auf einen Erfolg der Genfer Abrüstungskon- f e r e n z Ausdruck gaben sowie der Uebereinstimmung in der Anerkennung der Notwendigkeit einer Verständigung über die internatianalen Schulden, und zwar vor Ab- ~fimf fax n.^^jm^fnHwffl* Ein- derartige Verständigung dürfte notwendig sein für die gegenwärtige Depref- sionsperiode. Hinsichtlich der Einzelheiten behalten sich jedoch beide Regierungen alle Rechte vor. Die Initiative für eine etwaige Verlängerung des Moratoriums bleibt unmittelbar den interessierten Europamächten vorbehalten.
Präsident Hoover dementierte, daß er eine Revision der polnischen Korridors vorgeschlagen habe.
Mussolini fordert Revision der Vertrüge
Neapel, 26. Oktober.
Vor einer nach vielen Zehntausenden zählenden Volksmenge hat gestern nachmittag Mussolini im Rahmen der „Marsch auf Rom-Feier" eine großangelegte Rede gehalten, in der er zu den außenpolitischen Fragen Stellung nahm. Schon vor neun Jahren, so sagte er, hat das faschistische Italien in London das Problem der Reparationen und Kriegsschulden in den Grundgedanken aufgeworfen, die heute an der Tagesordnung sind. Wir fragen uns: Sollen wirklich sechzig furchtbare lange Jahre über die Welt ziehen, bevor unter das tragische Verrechnungsbuch des Soll und Haben das Wort „Schluß" gesetzt wird? Es ist ein Schuldbuch, aufgebaut auf den Blutopfern von zehn Millionen Menschen, die nicht mehr das Licht der Sonne erblicken.
Und kann man sagen, daß unter den Völkern Gleichberechtigung herrscht, wenn der eine Teil bis zu den Zähnen bewaffnet dasleht und der andere zu Wehrlosigkeit verurteilt ist? (Stürmische Zustimmung.) Wie kann man von dem europäischen Wiederausbau sprechen, wenn nicht einige Bestimmungen gewisser Friedensverträge abgeändert werden, die ganze Völker an den Abgrund des materiellen Zusammenbruchs und der moralischen Verzweiflung gebracht haben? (Reue längere Beifallsrufe.) Und wie viel Zeit soll noch vergehen, bis man sich davon überzeugen wird, daß in dem wirtschaftlichen Apparat der Gegenwart etwas festgefahren, wenn nicht zerbrochen ist?
In diesen Fragen liegen die genauen Direktiven, mit denen man dem wahren Friedensziel dient, das sich von dem Gedanken der Gerechtigkeit nicht trennen läßt, sonst ist es ein von Rache und Furcht diktiertes Protokoll. (Lebhafter und lang wiederholter Beifall.)
Zur inneren Politik gab Mussolini folgende Pa- role: „Immer entschlossener tns Volk hineingehen und unsere wirtschaftliche Kultur vollständig aufrichten, dc« von den > -----------^-"-^"wismus ebenso sehr
monopolistischen Verirrungen des Bolschewismu- durchseucht ist wie von der liberalen Wirtschaft.
Die Berliner Kriminalpolizei ist ^^er umfangreichen ÄVÄ SPUMW M bereits sieben Per- sonen verhaftet worden.