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HersfelöerTageblatt

hersfelSer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersM

Nr. 249

Freitag, den 23. Oktober 1931

81. Jahrgang

Washington hat Sorgen

Wahrend New Vork den sranz. Ministerpräsidenten festlich empfängt, bereitet sich Washington aus schwierige Verhandlungen vor

Ergebnis der Woche

Das Stabbündel.

R. y. Uns ist aus unsern Kindheitstagen noch allen das Gleichnis von den sieben Stäben bekannt. Fest aneinander- gebunden, sind sie in der Lage, jedem Druck und jedem Zer- störungsversuch zu widerstehen, aufgelöst aber müssen sie der Willkür auch der geringsten Macht unterliegen. Unser Hindenburg hat mehrfach den Versuch unternommen, das deutsche Volk zu gemeinsamer Zusammenarbeit zum Besten des Volkes und Vaterlandes zu veranlassen. Bisher immer vergebens. Wie feindliche Mächte stehen sich die einzelnen Parteilager gegenüber. Eine Zusammenarbeit wird von der einen wie von der anderen Seite rundweg abgelehnt. Die letzten Tage haben uns dafür niederdrückende Beweise ge­bracht. Die kurze Herbsttagung des Reichstages ' hat die bestehende Kluft sogar noch wesentlich vertieft. Man spricht einem Teil des deutschen Volkes, der sich parteipo­litisch zu einer bestimmten politischen Ueberzeugung be­kennt, sogar die Fähigkeit ab, verantwortlich an den Staats- geschäften beteiligt zu werden Ein Berliner Blatt versteigt sich sogar zu der Frage:Sind Männer, die in Harzburg gegen den heutigen Staat demonstriert haben, oder die doch mit den Harzburgern offen sympathisieren, geeignet, an einem Werk der Verständigung (wie es Hindenburg in dem Wirtschaftsbeirat erstrebt. D. Schr.) mitzuarbeiten?", Darf solche Verhetzung von Staats wegen geduldet werden? Man stempelt damit einen Teil des deutschen Volkes gleichsam zu Staatsverbrechern. Das ist ein Verfahren, das auch dann nicht entschuldigt werden kann, wenn das Verhalten ein­zelner Parteien, soweit sie den Staat als solchen aner­

kennen und sich zur deutschen Volksgemeinschaft bekennen, sich nicht mit der offiziellen, Regierullgsvolitik deckt. In 4hmWH Laub »4eO-Kcbe - ist esi nmgliu-,"vch^

als Staatsverderber verfemt wird. Die Opposition wird dort

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vielmehr als ein wertvoller Faktor der Regierungspolitik betrachtet und dementsprechend in die Regierungspolitik eingestellt Nur wir leisten uns in unserer außerordentlich schwierigen Lage den Luxus, wertvollen nationalen Kräf­ten die Gleichberechtigung im Staate zu verwehren. Ob wir damit unsern Wiederaufbau erreichen können?

Seht auf Hindenburg!

Der Reichspräsident hat am Mittwoch die Mitglieder des Wirtschaftsbeirats der Reichsregierung er­nannt. Auch hierbei haben sich die in Deutschland üblichen Kuhhandelsversuche bemerkbar gemacht, die den Reichs­präsidenten aber nicht veranlassen konnten, von seiner For­derung abzugehen, die Zusammensetzung nach rein sachlichen Gesichtspunkten unter Ausschaltung parteipolitischer oder interessenpolitischer Bestrebungen zu vollziehen. Das paßt zwar einigen Kreisen nicht, die da glauben, nur sie allein hätten das Recht, die Politik in Deutschland zu bestimmen. Sie müssen sich von derGermania", die gewiß nicht in dem Verdacht steht, Parteigänger derHarzburger" zu sein, über den Zweck dieses Ausschusses u. a. folgendes sagen lassen:Die Regierung kann diesen Kampf gegen die größte Wirtschaftskrise nicht allein gestützt auf eine politische Mehr­heit im Parlament führen. Die Ueberwindung der Krise wird zum guten Teil davon abhängen, ob es gelingt, darüber hina-us alle schaffenden Stände und Schichten unseres Volkes zu gemeinsamem Wol­le n und zu einer opferbereiten Schicksalsge­meinschaft zusammenzuführen. Der Weg ist durch den neuen Wirtschaftsbeirat frei gemacht." Diesem Wirtschafts­beirat ist bekanntlich die Aufgabe zugedacht, der Regierung die Aufstellung eines Wirtschaftsprogramms zu erleichtern mit dem Ziele, die deutsche Wirtschaft, die Grundlage unse­res Staates und Volkslebens, durck die Krise dieses Win­ters hindurch und in absehbarer Zeit zu neuem Aufstieg zu führen. Auf welchem Wege das erreicht werden kann, das zu ermitteln, muß den jetzt dafür berufenen Stellen über­lasten werden, wobei von der Grundforderung auszugehen ist, daß an dem bisherigen Wirtschaftssystem nichts geändert werden darf.

Revision des Verantwortungsbewußtseins.

Die Arbeitsgemeinschaft der kommunalen Spitzenver- bänbe hat in diesen Tagen der Presse auseinanderzusetzen versucht, daß die neue Notverordnung den Gemeinden keine Entlastung bringe. Man erklärt, das Loch in den Gemeinde­säckeln werde zwar durch die 230-Millionen-Hilfe des Reiches gestopft, ein anderes aber dafür aufgeriffen. Man macht im Reichsfinanzministerium nicht mit Unrecht darauf aufmerk­sam, daß die Notverordnung den Gemeinden zur Pflicht macht, auch ihrerseits an der Ueberwindung der Wirtschafts­und Finanzkrise durch entsprechende Sparmaßnahmen mitzuarbeiten. Das ist jedenfalls kein Verantwortungsbe- wußtsein, wenn man sich auf den Standpunkt stellt, jede un­gedeckte Ausgabe müsse eben vom Reich ausgeglichen wer­den. Das Reich hat mit sich selbst zu tun und muß bestrebt ein, die anhaltenden Einnahmeausfälle durch entsprechende Einsparungen auf den verschiedensten Gebieten wettzu- machen. Der Sinn für durchgreifende Sparsamkeit scheint sich aber noch nicht überall durchgesetzt zu haben Man hat sich zu sehr an die Methode gewöhnt, das Reich für alles aufkommen zu lasten, was'sich verschuldet oder nicht ver- schuldet in den einzelnen Verwaltungszweigen als Fehl­

spekulation erwiesen hat. Dabei kann man die Aufsichtsbe­hörden von einer gewissen Schuld nicht freisprechen. Wi, wäre es sonst denkbar, daß die Ortskrankenkassr in B r e s l a u einen Bau ausführt, der mit % Million Mark veranschlagt war, aber schließlich 4^ Millionen Mark kostete. Erst, nachdem das Unglück geschehen ist und außer­dem festgestellt wurde, daß ein Abteilungsvorsteher 200 00C Mark aus den Beständen der Kasse unterschlagen hat, greift das preußische Wohlfahrtsministerium ein. Das sind Bor- gänge, die man nicht begreift, um so weniger begreift, als seit Jahr und Tag von sparsamster Verwaltung die Rede ist. Die Fälle, wo dieser Grundsatz in geradezu herausfor­dernder Weise mißachtet wurde, haben sich dermaßen ge­häuft, daß hier einmal mit eisernem Besen dazwischengefah­ren werden müßte. So geht es jedenfalls nicht weiter.

Ein Gläubigerrat in Washington.

Der französische Ministerpräsident Laval ist mit großer Aufmerksamkeit auf amerikanischem Boden empfangen wor­den. Laval und Hoover, als die Staatsmänner der Haupt­gläubigerstaaten, werden sich eingehend über Probleme un» terhalten, von deren Lösung die politische und wirtschaft­liche Beruhigung der Welt abhängt. Abrüstungsfrage, Repa- rations- und Schuldenproblem, Gold- und Kreditkrise dürf­ten die Hauptgesprächsthemen fein. Was aus dieser Unter- redung herauskommen wird, weiß man nicht. Entgegen an- derslautenden Informationen behauptete Laval, daß er ohne abgegrenztes Programm nach Washington gefahren sei. Von Hoover hört man etwas Aehnkiches, wenn auch die amerika­nischen Wirtschaftskreise der festen Ueberzeugung sind, daß ohne positives Ergebnis dieses Washingtoner Gläubigerrates die Weltwirtschaftskatastrophe mit allen politischen Folge­rungen unausbleiblich wäre. Die Vorgänge, die der Ankunft Lavals in Amerika vorausgingen und hinter welchen die französischen Banken stehen Wenhaben erkennen lassen, - outz"verriii'ri^Bsrjgjv ' tutuitfierpimwm- Hiw 1 bWtTTrir~nr seinen Entschlüssen ist. Hoover scheint sich dagegen durch ein­gehende Besprechungen mit allen in Frage kommenden Par­tei- und Wirtschaftsinstanzen eine Vollmacht gesichert zu ha- haben. die nicht danach aussieht, als sei Amerika bereit, sich einem französischen Diktat zu unterwerfen. Die französischen Pressekommentare zu der Amerika-Fahrt Lavals weisen aber auf den Versuch gewisser französischer Kreise hin, Ame­rika durch Währungsmanöver der französischen Fi­nanz einzuschüchtern. Man droht mit der Macht des Fran­ken, der sich stark genug fühlt, selbst den Dollar zu er­schüttern. Es wird sich aber sehr bald zeigen, ob Frankreich seine Kräfte richtig einschätzt oder sie überschätzt.

Lavals Landung

Festlicher Empfang in New gort.

New gort, 23. Oktober

Der französische Ministerpräsident Laval hat den Damp­fer3sk de France", der um 3 Uhr morgens im hiesigen Hafen eingelroffen war, um 9.15 Uhr (15.15 MEZ.) ver­lassen und sich an Land begeben.

Die Landung des französischen Ministerpräsidenten La­val wurde von einer beträchtlichen Menge erwartet. Nicht nur auf den Straßen, sondern auch von den Laternen und von den Fenstern der Hochhäuser aus wollten Tausende das Eintreffen des französischen Ministerpräsidenten beobachten. Auf dem Broadway hatten Militär- und Marineabteilungen mit Musikkapellen an der Spitze sich zur Parade aufgestellt. Staatssekretär Stimson hatte sich zur offiziellen Begrüßung am Landungssteg eingefunden.

Nach der Landung am Battery Place wurde Laval unter begeisterten Zurufen der tausendköpfigen Menge nach der City-Hall geleitet, wo er von Bürgermeister Walker im Namen der Stadt New Dork feierlichst bewillkommnet wurde. Laval führte in seiner Antwortrede aus, er komme von einem Lande, das entschlossen sei, mit Amerika zur Wiederherstellung der Prosperität zusammenzuarbeiten. Eine schwere Krise sei hereingebrochen, welche die Entwick­lung Amerikas und der anderen Länder unterbrochen habe. In einer vom Zweifel zerrissenen Welt mühten die beiden großen Demokraten zusammen Methoden suchen und an- menden, die die Ruye lind das Gleichgewicht wiederher- stellen werden.

Washington ist besorgt

Während New Uork den französischen Ministerpräsiden­ten feiert, mit Salutschüssen, einer Broadway-Parade und Rathaus-Reden, zeigen sich die Washingtoner Regierungs- kreise besorgt über die hartnäckigen Gerüchte, daß Laval beabsichtige, die Sicherheitspaktforderung in den Vorder­grund zu stellen. In Washington wird erneut unzweideutig zu verstehen gegeben, daß die amerikanische Regierung nicht in der Lage sei, derartige Wünsche zu berücksichtigen.

Die wichtigste Frage sei die der Wiederbelebung der kranken Weltwirtschaft. Daher müßten in erster Linie die Fragen der Kriegsverschuldung, des Goldstandards, der Kreditverleilung und der Abrüstung behandelt werden. Die Frage eines Sicherheits- oder Garantiepaktes ;ur Sprache zu bringen, fei für Hoover eine zu starke Belastung und daher nicht erörlerungsfähig.

Laval ist mittags um 11.22 Uhr nach Washington wei­tergefahren. _

Laval an das amerilanliche Volk

Laval hat an das amerikanische Volk folgende Kund­gebung gerichtet: Ich freue mich, dem amerikanischen Volk meine herzlichsten Grüße zu entbieten. Die große und leb­hafte Freundschaft, die unsere beiden Länder vereinigt, wird

gewiß durch meine Unterredung mit Präsident Hoover be»

tärkt werden. Ich wünsche, daß eine immer engere Zu- ammenarbeit zwischen Amerika und Frankreich die Lösung )er Schwierigkeiten erleichtert, die die Welt gegenwärtig pürt. Die Regierungen müssen sich bemühen, das Elend zu beseitigen und den Wohlstand wiederherzustellen. Sie müssen sich unaufhaltsam der Konsolidierung des Friedens widmen. Um an diesen hohen Aufgaben mitzuarbeiten, bin ich aus Frankreich nach Amerika gekommen und werde mit dem Präsidenten der befreundeten großen Republik ver­handeln.

Lavals erste Besprechungen in Amerika

New Vork, 23. Oktober.

Staatssekretär Stimson begleitet den Ministerpräsi­denten Laval auf seiner Fahrt im Sonderzug nach W a - s h i n g t o n. Sofort nach der Abfahrt begann eine Be­sprechung der beiden Staatsmänner über die bevorstehenden Verhandlungen mitHoooer. Laval soll erklärt haben, daß er gründlich über die Tatsachen vorbereitet sei, aber k e i n f e ft e s Programm und keine bestimmten Vorschläge mitbringe. In Ges .ächen mit Pressevertretern erklärte L a - v a l:Wir erwägen nicht, alle uns vorliegenden Probleme lösen zu können, aber wir werden in den Besprechungen alle Fragen, denen Amerika und Frankreich gegenüberstehen, berühren. Ich bin festen Glaubens, daß beide Länder aus den Besprechungen zwischen Hoover und mir Gewinn zi^M^^ .

England erwartet Regelung der Kriegsschuldenfrage

London, 23. Oktober.

In maßgebenden britischen Kreisen wird bemerkt, die Vereinigten Staaten und Frankreich seien davon in Kenntnis gesetzt worden,

daß Groß-Britannien von den in Washington geführten Besprechungen einen endgültigen Fortschritt in der Re­gelung der alles beherrschenden Kriegsschuldenfrage erwarte.

Es wird nicht verheimlicht, daß man eine Lösung des Kriegs- schuldenproblems durch Herabsetzung der Schulden oder durch deren Streichung anderen Maßnahmen, wie etwa einer Verlängerung des Hoover-Jahres, weit vorziehen würde. Man glaubt, daß der britische Botschafter in W a - s h i n g t o n sowohl den Vertretern Amerikas wie den Ver­tretern Frankreichs gegenüber zum Ausdruck bringen werde, daß nach Ansicht der britischen Regierung jede Verzögerung in den Maßnahmen zur Beseitigung der Krise eine unheil­voll« Auswirkung haben werde.

New Vorker Diskont unverändert

New gort, 23. Oktober.

Die Rediskontrat« der Federal Reserve Bank of New Park blieb gestern unverändert.

Französische Finanzhilfe für Österreich

Wien, 23. Oktober.

; Auf Grund der finanziellen Verhandlungen in Paris, die von dem ehemaligen Minister Dr. Iuch geführt wurden, hat sich die Bank von Frankreich bereit erklärt, der Öster­reichischen Nationalbank im Wege der BJZ. einen

Kredit von rund 60 Millionen Schilling Devisen zur Verfügung zu stellen. Die diesmal unter so ungünstigen internationalen Kreditverhältnissen erreichte Kreditgewäh­rung konnte nur dank der nachdrücklichen Unterstützung der französischen Regierung zustandekommen, die damit ein sicht­bares Zeichen ihres verständnisvollen Interesses für die Be- mühunnen der österreichischen Regierung um die Aufrecht­erhaltung der O r.d n u n g im B u d g e t und in der Wah­rung gegeben hat.

Arbeitsmarltlage im Kelch

Berlin, 23 Oktober

Nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 1. bis 15. Oktober 1931 betrug die Zahl der Arbeitslosen am 15. Oktober rund 4 484 000. Sie hat seit dem letzten Stich­tage um rund 129 000 zugenommen gegenüber rund 113 000 in der gleichen Zeit des Vorjahres.

Die allgemeine Entwicklung am Arbeitsmarkt zeigt keine wesentlich neuen Kennzeichen, bestätigt vielmehr das aus den letzten Berichten gewonnene Bild: In der Land­wirtschaft und in einzelnen Verbrauchsgüterindustrien die übliche Herbstbeschäftigung, wenn auch meist in etwas ver­ringertem Ausmaße, in den meisten Produktionsgüterin­dustrien weitere Abschwächung des Beschäftigungsgrades.