kersfel-erTageblatt
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 248
Donnerstag, den 22. Oktober 1931
81. Jahrgang
Berufung des Wirtschaftsbeirats
Erste Sitzung unter Hindenburg am 29. Oktober
Der Beirat
Wenn man nicht mehr weiter kann, ruft man einen Ausschuß an. Das ist das feit Jahren übliche System des Völkerbundes. Es hat aber auch bei uns schon in weitgehendem Maße Eingang gefunden. Was wird nicht alles durch Ausschußberatungen zu klären versucht. Das Ergebnis ist in jedem Falle eine Zunahme der Aktenarbeit. Auch über die Ueberwindung der Krise ist man von Kommissions- zu Kommissionsberatungen geschritten. Das Ergebnis des französischen Besuches in Berlin ist die Einsetzung eines deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses, der eigentlich schon Mitte dieses Monats hatte zusammentreten sollen, jetzt aber kaum noch vor Anfang November seine Arbeiten wird aufnehmen können Nicht viel anders ist es in der Bekämpfung der deutschen Wirtschaftskrise. Seit Monaten berät man über Maßnahmen. Jetzt ist endlich ein entscheidender Schritt erfolgt, der durch den Brief des Reichspräsidenten an den Reichskanzler zur Einsetzung eines wirtschaftlichen Beirates.angeregt worden ist. Der Beirat, dessen Aufgabe nach Hindenburgs Anregung die Aufstellung eines „wirtschaftlich wirksamen und sozial gerechten Wirtschaftsprogramms" sein soll, ist ernannt.
Die Verbindung von Sozial- und Wirtschaftspolitik allein genügt schon, so eng sie auch miteinander verbunden sind und so notwendig ihr Jneinandergreifen erscheinen mag, um die Interessengruppen auf beiden Seiten in Wirksamkeit treten zu lassen. Dieser Beirat soll der Reichsregierung zur Verfügung stehen, um ein Wirtschaftsprogramm . aufzustellen, das den Zeitverhältnissen Rechnung trägt. Es wäre verfehlt, wenn in diesem Beirat vornehmlich die großen Wirtschaftsverbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertreten wären, um auch in diesem Gremium ihre gegen- -säMchen-Achfastungen öfter «r^WRJWWff Wirtschaftsformen und sozialpolitischen Maßnahmen auskämpfen zu lassen. Diese Gegensätze sind bekannt. Heute dreht es sich um die Frage, unter welchen Voraussetzungen und in welcher Form das große HeerderArbeitslosen zum Besten der deutschen Volkswirtschaft verringert und die Produktionsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft nutzbringend ausgeschöpft werden können. Nicht Theorien und Parteiprogramme stehen zur Diskussion, sondern die harte Wirklichkeit eines heraufziehenden k/isenschweren Winters. Deshalb sitzen in diesem Beirat Persönlichkeiten mit Fachkenntnis und wirtschaftlichem Weitblick, die nicht im Auftrage irgendeines Jnteressenverbandes ihre Meinung äußern. Keine abgestempelten Führerpersönlichkeiten, sondern um Klärung ringende Wirtschaftspraktiker müssen der Reichsregierung zur Verfügung stehen, um unter Beiseitelassung alles Programmatischen das Wirkliche und Mögliche zu erstreben.
Es gibt in führenden Wirtschaftskreisen Persönlichkeiten, die die wirtschaftliche Lage nach bestimmten statistischen Erhebungen beurteilen. Mit Genugtuung hat man dort die andauernd aktive deutsche Handelsbilanz verfolgt und darauf die Hoffnung gegründet, als könnte man sich unter gewissen Voraussetzungen durch die Krise hindurchwinden. Darum geht es nicht. Die Krise muß gelöst werden. Dazu ist nötig, daß man die Dinge so sieht, wie sie sich aus der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung ergeben. Wir, d. h. Deutschland, müssen versuchen, mit unserer Krise fertig zu werden. Danach sind die Maßnahmen zu treffen, um Produktion und Verbrauch, Einkommen und Lasten, Preitz und Löhne in Uebereinstimmung zu bringen. Ein halb ftilP stehender Betrieb ist in jedem Falle ein Verlustbetrieb. Ein 6 Millionen-Arbeitslosenherr bedeutet selbst bei bestfinanzierter Arbeitslosenversicherung eine Wirtschaftskrise, die sich auch ein reicheres Land als Deutschland auf längere Zeit nicht leisten kann. Es ist erstaunlich, wie viele Wirtschafts- führer in beiden Wirtschaftslagern aus solcher Erkenntnis nicht die entsprechenden Schlußfolgerungen ziehen können.
Am Donnerstag, den 29. Oktober, wird der Beirat feine Arbeiten zunächst unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten aufnehmen. Bei der ganzen Einstellung Hindenburgs wird er den Mitgliedern des Beirates keinen Zweifel darüber lassen, daß er sich jedem Versuch, eine parteipolitische Lösung für ein Wirtschaftsprogramm herbeizuführen, widersetzen wird. Das Ganze steht auf dem Spiel. Nicht die Interessen des einen oder des anderen. Die Löhne sind seit Monaten auf der ganzen Linie gesenkt. Jetzt müssen die Preise in mindestens oem gleichen Ausmaße folgen. Alle Fesseln müssen fallen, die dem Endziel, der Eingliederung der Arbeitslosen in den Produktionsprozeß, entgegenstehen. Es sind, wie uns von der Regierung wiederholt erklärt worden ist, neue Opfer nötig. Also müssen sie von allen Kreisen gebracht werden. Wo Möglichkeiten vorhanden sind, neue Arbeitsplätze zum Besten der Allgemeinheit und damit zum Besten des einzelnen zu sck-affen, müssen sie aus- geschöpft werden. Wo sich Widerstände gegen einen Ge- sunoungsprozeh ergeben, müssen sie rücksichtslos beseitigt werden.
Das ist die Lage, der sich der Wirtschaftsbeirat und die Regierung gegenübersehen, wenn sie in den nächsten Tagen und Wochen darangehen, ein Wirtschaftsprogramm für die kommenden Monate auszuarbeiten, das der wechselvollen Entwicklung der Krise Rechnung zu tragen haben wird.
Wirtllhastsbeirat ernannt
Eröffnungssitzung am 29. Oktober.
Berlin, 22. Oktober
In dem Briefwechsel zwischen Reichspräsident und Reichskanzler vom 13. Oktober war die Schaffung eines Wirtschaftsbeirates vorgesehen worden, der in eingehender Beratung zu einer Lösung lebenswichtigster Fragen hinsichtlich der Gestaltung der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik gelangen soll. Dementsprechend hat der Reichspräsident nunmehr auf Vorschlag der Reichsregierung folgende Persönlichkeiten zu Mitgliedern des Wirtschaftsbeirates ernannt:
Geheimer kommerzienrat Dr. Ing. h. c. Ernst von Vorig, Fabrikbesitzer in Berlin-Tegel; Dr. Brandes, Präsident )es Deutschen Landwirtschaftsraks, Königsberg; Reichskanz- er a. D. Geheimer Oberregierungsrat Dr. Cuno, Vorsitzen- >er des Vorstandes der Hapag, Hamburg; Gewerkschaftsekretär Wilhelm Lggert, Berlin; Gewerkschaftsführer Peer Graßmann, Berlin; Maurer- und Zimmermeister Robert Groß-Königsberg (Preußen); Kaufmann Dr. jur. Dr. 3ng. b. c. Bernhard Grund, Präsident der Handelskammer Bres- lau; Kaufmann Dr. jur. Dr. ?hil. Albert Hackelsberger, Oef- lingen in Baden; Papierfabnkanl Georg hainl„ Augsburg; Wagenbaumeister Wilhelm Hecker, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf; Gutsbesitzer Dr. Holtmeier-Lienen, Kreis Tecklenburg (Westfalen); Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschastsbundes Dr. Josef Iahn, Berlin; Kaufmann Louis Körner, Berlin; Rittergutsbesitzer von Oppen, Präsident der Landwirtschaftskammer Brandenburg, Dan- nenwalde; Bernhard Otte, Vorsitzender des Gesamtverban- des der Christlichen Gewerkschaften Deutschlands, Berlin, Direktor Dr. rer. pol. h. c. Robert Pferdmenges, Köln; Bäckermeister Ernst Pflugmache^, Magdeburg; Direktor der
bundes der Angestellten, Berlin-Zehlendorf; Dr. jur. Schnull, Generaldirektor der Allianz und Stuttgarter Verein A.-G. Berlin; Geheimer Kommerzienrat Dr. jur. h. c. Hermann Schmitz, Vorstandsmitglied der J. G. Farbenin- dustrie A.-G. Berlin; Dr. jur. Dr. ing. e. h. Paul Silver- berg, Industrieller, Köln; Otto Suhr, Vorstandsmitglied des Allgemeinen Freien Angestelltenbundes, Berlin; Generaldirektor Dr. Ing. Dr. phil. h. c. Albert Vögler, Dortmund; Fabrikdirektor Willy Wiltke-Dresden.
Wie sich aus der Zusammensetzung des Wirtschaftsbeirats ergibt, ist darauf Bedacht genommen, möglichst alle Kreise der deutschen Volkswirtschaft und alle Landesteile zu berücksichtigen.
Der Reichspräsident hat gleichzeitig mit der Ernennung die Mitglieder zu der ersten gemeinsamen Sitzung des Wirtschaftsbeirates und der Reichsregierung, an der auch Reichsbankpräsident Dr. Luther und Generaldirektor der Eisenbahn, Dr. Dorpmüller, teilnehmen werden, auf Donnerstag, den 29. Oktober, vormittags 11 Uhr, in sein Haus eingeladen. Diese Eröffnungssitzung wird unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten stattfinden.
Ergreift Brüning die Initiative?
Berlin, 22. Oktober.
Dem Wirtschaftsbeirat der Reichsregierung, dessen Ernennung gestern abend bekanntgegeben wurde, kommt nach Auffassung maßgebender Kreise ganz besondere Bedeutung zu. Das gcht schon aus der Tatsache hervor, daß die Reichsregierung ihren Wunsch auf Vertagung des Reichstages gerade damit motiviert hat, daß sie sich inzwischen unbehindert den großen Aufgaben widmen wolle, für die die Hilfe des Wirtschaftsbeirates in Anspruch genommen wird. Seine Bedeutung wird aber auch dadurch besonders unterstrichen, daß der Reichspräsident in den Sitzungen, in denen natürlich auch das Kabinett teilnimmt, den Vorsitz führen wird, was eine außergewöhnliche Bedeutung hat.
Ueber die Arbeitsweise des Wirtschaftsbeirats haben mir bereits ausführlich berichtet. Die Beratungen werden nun am nächsten Donnerstag beginnen. Dann folgen am Sonntag und Montag die beiden Tage des italienischen Besuches. Der Dienstag und der Mittwoch stehen für die Vorbereitung der Eröffnungssitzung mit dem Wirtschaftsbeirat zur Verfügung.
In unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß der Kan,- ler mit einer sachlich gut fundierten Initiative in die Verhandlungen hineingehen und sie auch während der Dauer der Veratungen nicht aus der Hand geben will.
Die praktische Arbeit wird gleich nach den ersten Sitzungen in besonderen Fachausschüssen verhandelt, die der Vollkonferenz entsprechende Vorschläge zu machen haben.
In politischen und wirtschaftlichen Kreisen erwartet man, daß der Wirtschaftsbeirat dem Reichskabinett für die Lösung der großen wirtschaftlichen und sozialen Probleme die Unterstützung bringt, die die Interessen des deutschen Volkes erfordern.
Die Autorität des Reichspräsidenten steht hinter diesen Verhandlungen, und man muh in ihr die beste Gewähr für einen Erfolg sehen, die es in Deutschland überhaupt gibt.
^ Lava! in Amerika
Riesenempfang in Rew gort.
Paris, 22. Oktober
Die Ankunft der „Jsle ds France" in New Park ist für den heutigen Donnerstag vormittag um 4 Uhr (amer. Zeit) vorgesehen. Ministerpräsident Laval wird das Schiff um 8 Uhr verlassen.
Der offizielle Empfang des französischen Ministerpräsidenten wird an Ausmaß alles bisher Dagemefene übersteigen.
Neben der New Dörfer Stadtverwaltung mit dem Bürgermeister Walker an der Spitze wird Laval von den Vertretern der New Parker Finanzwelt und der amerikanischen Regierung begrüßt. Im Namen Hoovers wird Staatssekretär Stimmn den Ministerpräsidenten empfangen und ihn zunächst über den Broadway nach dem New Parker Rathaus begleiten, wo die offizielle Begrüßung durch die Stadt New Park stattfindet.
Militärische Formationen werden vom Hafen bis zum Rathaus Spalier bilden, während etwa 400 Automobile den Ehrenzug abschließen.
Um 11 Uhr erfolgt die Abfahrt nach Washington. Um 18 Uhr stattet Laval dem amerikanischen Staatspräsidenten einen Besuch ab, und um 20 Uhr findet im Weißen Haus ein großes Essen statt. In den frühen Nachmittagsstunden des Freitag beginnen dann die eigentlichen Besprechungen mit Präsident Hoover.
Laval, der in der Villa des amerikanischen Botschafters in Paris Wohnung nehmen wird, verbringt die Rächt zum Sonnabend im weißen Haus und wird am Freitagabend mit Hoover allein sein.
Am SoMabend ist Laval auf den SommeM Staatssekre- voraussichtlich bis Sonw tag abend aufhalten wird. Am Montagmorgen findet dann die Abreise von Washington statt. Ueber Philadelphia be- gibt sich Laval nach New Pork, wo er sich um Mitternacht wieder auf der „Jsle de France" einschifst, die in den frühen Morgenstunden des Dienstag die Anker lichtet.
Washington und die bevorstehenden Verhandlungen mit Laval.
Rew Pork, 22. Oktober.
Associated, Preß bringt folgende eigene Meldung aus Washington über die Stellungnahme Washingtons zu den bevorstehenden Besprechungen mit Laval:
Die amerikanische Regierung stellt sich als Thema zu den kommenden Besprechungen zwischen Laval und Hoover die umfassende Berichtigung der verwickelten Weltwirl- schaftslage vor, einschließlich einer eventuellen Schulden- revision und einer einschneidenden Rüstungseinschrän- kung, allerdings ohne Garantie Amerikas für die politische Sicherheit Frankreichs.
Man erwartet nicht, daß irgendwelche vorherige Bindung in der Form eines französisch-amerikanischen Konsultatio- pakts oder in anderer Form zur Besprechung gelangen wird. Die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, Versprechungen hinsichtlich der Sicherheit Frankreichs oder irgend einer anderen europäischen Nation zu machen; sollte Laval tatsächlich einen derartigen Schritt vorschlagen, so werde das hier eine Ueberraschung hervorrufen. Hier ist die Auffassung vorherrschend, daß die Sanierung der Weltwirtschaft die einzige Grundlage der Besprechungen bilden wird.
In offiziellen Kreisen ist die Erkenntnis vielfach durchgedrungen, daß
das Problem der Schuldenrevision im Vordergründe der Besprechungen
stehen muß. Von jeher haben die Vereinigten Staaten darauf gedrängt, daß die „Zahlungsfähigkeit bei der interna- tionalen Schuldenfrage als Maßstab zu gelten hat; Hoover wird bei den Besprechungen mit Laval diesen Maßstab auch wiederum in Anwendung bringen.
Ferner haben die Vereinigten Staaten schon immer die ungeheuren Rüstungsausgaben als den verschärfenden Faktor für die Weltdepression
angesehen. Unter einem solchen wirtschaftlichen Gesichtswinkel wird auch das gesamte Rüstungsproblem von Hoover betrachtet werden. Da Frankreich große Summen für seinen Rüstungsetat verwendet, wird Hoover Laval von der unmittelbaren und gewaltigen Wirkung zu überzeugen versuchen, die ein derartiges Gebaren auf die Weltzahlungsbilanz haben muß. _ . - „ ,,
Die Frage eines Sicherheitspaktes mit Frankreich muß in eine ganz ander« Kateaori« eing«r«iht werden. In einigen Meldungen ist angeWet mprben, die fran^" h«n Staatsmänner trügen sich mit der Absicht, oomuMag.- daß die BereÄate»- Staaten sich entm^-r verpflichten. np -eich im Falle eines Krieges Hilfe zu leisten oder aber wenig- stens in Beratungen einzutreten. Es besteht jedoch keinerlei Absicht, sich in einen derartigen Vorschlag einAulaslem Die Vereinigten Staaten haben Konsultativoerträge über den Fernen Osten abgeschlossen, wo für sie Sonderinteressen bestehen. Ihre Beziehungen mit Eurova jedoch haben sie von jeher in eine andere Klasse eingereiht und sie beabsichtigen auch, dies weiterhin zu tun. -