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Hersfel-erTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-

Nr. 22s

Mittwoch, den 30. September 1931

81. Jahrgang

Ein kleiner Lichtblick

Der Völkerbund fordert von seinen Mitgliedern Einhaltung eines einjährigen Rüstungsstillstandes

£oal über seinen Besuch in Berlin

Paris, 30. September.

Auf der Rückreise von Berlin hat der französische Mini­sterpräsident Lava! in Jsumont, ber ersten französischen Bahnstation nach Passieren Belgiens, dem Sonderkorrespon­denten der Agentur Havas folgende Erklärung übergeben:

Dadurch, daß mir dem Reichskanzler und bem Reichs- außenminister den Besuch erwiderten, den sie im Juli in Paris gemacht haben, haben wir durch eine Handlung eine Annäherung zwischen unseren beiden Völkern erleichtern wollen. Der Plan der Schaffung eines deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses ist im Verlaufe unserer Unterredungen verwirklicht worden. Der Ausschuß, der unverzüglich ge­bildet wird, wird die wirtschaftlichen Probleme, die unsere beiden Länder betreffen, zu prüfen haben. Angesichts des Ernstes und der Schwierigkeiten der zu lösenden Probleme kann diese Initiative als bescheiden erscheinen. Man muß sie aber nach ihren Ergebenissen beurteilen. Gegenwärtig muß man schon die Absicht, die ihr zugrunde liegt, in Rech­nung stellen. Alle Maßnahmen, die ins Auge gefaßt wer­den,^um das Elend in der Welt zu besiegen, führen näher zum Ausgleich und befestigen den Frieden.

Wir haben nichts von den Interessen unseres Landes ge­opfert, dadurch, daß wir die Möglichkeit suchten, sie unter den gegenwärtigen Umständen mit den Erfordernissen der inter­nationalen Solidarität in Einklang zu bringen. Ich werde, wie am Montag in Berlin, so auch in Washington im Kamen meines Landes mein Möglichstes tun, um an den neuen schweren Aufgaben teilzunehmen, die die Weltkrise der Regierung auferlegt.

Begeisterter Empfang Lavals und

Paris, 30. September.

Um 23.10 Uhr ist der fahrplanmäßige Zug Berlin Paris auf dem Nordbahnhofe in Paris eingelaufen. Eine ziemlich große Volksmenge wartete auf die zurückkehrenden französischen Minister, die sich nur mit großer Mühe einen Weg bis zur Bahnhofsvorhalle bahnen konnten, wo sie in ihre Automobile stiegen. Die Volksmenge begrüßte die bei­den zurückkehrenden Minister mit den Rufen:Es lebe Laval! Es lebe Briand! Es lebe der Friede!"

Ovationen in Belgien

Brüssel, 30. September.

Auf ihrer Rückreise von Berlin waren Laval und Briand in Lüttich und Namur Gegenstand begeisterter Kund- gedungen einer zahlreichen Menschenmenge. Als der Zug in beiden Bahnhöfen hielt, rief das Publikum:Es lebe der Frieden! Es lebe Laval! Es lebe Briand!" Laval sagte: Wir glauben, daß wir eine gute Tat getan haben." In Na­mur erklärte er:Wir sind in Berlin ausgezeichnet ausge­nommen worden." Briand fügte hinzu:Im übrigen haben Sie uns dazu ermutigt, als wir neulich durchfuhren."

Abreise der französischen Minister.

Am Dienstag früh reiften Laval und Briand vom Bahnhof Friedrichstraße aus wieder nach Paris zurück. Unser Bild Seigt von ünt$ nach rechts: Dr. Brüning, Lapal, Priano, Dr. Curtius und Botschafter Francois-Pone«.

Was die Presse sagt

Berlin, 30. September.

Die deutsche Presse bewertet das Ergebnis der deutsch- französischen Aussprache in Berlin fast ausschließlich nach dem Wortlaut und Inhalt des von beiden Regierungen ge­meinsam ausgegebenen Communiqu^s.

Die Deutsche Tageszeitung ist davon überzeugt, daß es den Franzosen vor allem darauf ankam, wieder praktische Ein- wirkungsmöglichkeiten auf Deutschland zu gewinnen, die ihnen nach dem Tode Stresemanns seit Den Reichstagswahlen vom letz­ten September fehlten, -t Der LokalanLeiaer last: Frank­

reich sehe, daß es keine Tribute mehr erhalten werde." Es wolle sich sichern Seine Goldmacht und die mit ihr verbundene Hege­monie. Also Sachlieferungen Deutschlands und französisches Ein­dringen in die deutsche Industrie mit dem französischen Gold, das ja verzinst werden müsse. Die Deutsche Allgemeine Zeitung meint, trotz Locarno und Thoiry fei das deutsch-fran­zösische Verhältnis, mit Ausnahme der Räumung des Rheinlandes, einer wirklichen Befriedung um keinen Schritt näher gekommen. Allerdings möge der täglich weiterfressende Brand der Weltwirt­schaftskrise allmählich eine Situation schaffen, unter deren Druck auch Frankreich endlich einsehe, daß auf seinem bisherigen Wege weder seine eigene Wohlfahrt und Sicherheit noch ein gutes Ver­hältnis zu Deutschland, noch eine Gesundung der Welt erreicht werden sönne.

Die ,Germani a" glaubt, daß allzu großer Optimismus ebenso verfehlt wäre wie jene Stimmen der Ungläubigkeit, die sich gegenüber allen deutsch - französischen Angleichungsbestrebungen äußerten. Die Widerstände seien nicht gering, aber daß diesmal ein ernsthafter Wille vorhanden sei, Dafür bürgten die Namen und Persönlichkeiten der Staatsmänner, welche diesen Plan aus der Taufe gehoben hätten. DieV o s s i s ch e Zeitung", die gleichzeitig die Reden auf der Tagung der Sparkassen unter dem MottoArm, aber ehrlich" bespricht, schreibt, die Arbeit in Strese- i manns Geist gehe weiter. Sie ruhe aus dem festen Grund ge­sicherter Grenzen und gesicherter Währung. DerV o r - w ä r t s" nennt das Ergebnis der Besprechungen, ein Ergebnis der zähen unermüdlichen Arbeit der Sozialdemotraten und der Gewerkschaften beider Länder.

Um Europas Kredit

Das Urteil eines amerikanischen Banksachverständigen.

New Dock, 30. September.

Der gestern aus Europa zurückgekehrte Bankier Albert Wiggin erklärte gegenüber Presseleuten, in Amerika wür­den nicht eher normale Geschäftsverhältnisse herrschen, bis Europa, besonders Deutschland, wieder normal funktionie­ren könne. Die Wirtschaftsdepression fei in der ganzen Welt vorhanden. England und Deutschland hätten bereits kräftige Maßnahmen ergriffen, aber sie bedürfen der Hilfe der übri« gen Welt, besonders der Vereinigten Staaten und Frank­reichs. Kredit allein genüge nicht.

Ein hinreichender Kredit könne bei den bestehenden Ver­hältnissen gar nicht gewährt werden.

Wiggin erklärte ferner, ein unverzügliches Handeln im Sinne des Berichtes des Baseler Banki« ^v_rn i t e e s werde schnell den Gang der Weltgeschäfte ändern, so daß den anderen Nationen der notwendige Kredit eingeräumt werden könne und die Vereinigten Staaten den normalen Geschäfts­verkehr wieder aufzunehmen in der Lage seien. Der Bericht des Bankierkomitees, dessen Vorsitzender Wiggin gewesen ist, führte im wesentlichen aus,

daß die Wiederherstellung des europäischen Kredites von einer Herabsetzung der Reparationen und der alliierten Kriegsschulden sowie der Zolltarife und von einer veutsch-französischen Annäherung abhänge.

Bezüglich letzterer erklärte Wiggin, die Zusammenkunft fran­zösischer und deutscher Staatsmänner in Deutschland und die bevorstehende Zusammenkunft H o o v e r s und Lavals in Washington werde letzten Endes wirtschaftspsychologisch von Nutzen sein.

Auch Amerika muß sparen

Aber Kriegsschiffe werden gebaut zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Washington, 30. September.

Von hoher Regierungsstelle wurde gestern angekündigt, daß die öffentlichen Ausgaben auf das Mindestmaß be­schränkt werden würden, um so das Möglichste zur Herstel­lung des Budgetgleichgewichts zu tun. So werde man den Etat des Marineamts, das für das nächste Jahr einen Be­trag von 400 Millionen Dollar angefordert hat, um 60 Mil­lionen Dollar kürzen, und zwar durch Einsparungen mittels Reorganisierung innerhalb der Flotte, nicht aber durch Aufgabe der in Gang befindlichen Neubauten. Man werde im Gegenteil, um die Arbeitslosigkeit bei den Werften möglichst zu verringern, das Schiffsbauprogramm um 15 Millionen Dollar erhöhen, aber die Gesamtausgaben des Marineamtes mit 340 Millionen Dollar begrenzen. Zwar bleibe die Neubautätigkeit der Marine auch dann noch erheb­lich unter den in der Londoner Konferenz vereinbarten Ton­nagezahlen, aber die Regierung müsse vor allem ihre eigene Finanzlage berücksichtigen und das Budget so einzurichten suchen, daß die Steuerzahler nicht allzu sehr belastet werden.

Die Beratungen über das Herbstprogramm

Berlin, 30. September.

Die gestrigen Beratungen des Reichskabinetts dauerten bis weit in den Abend hinein. Sie erstreckten sich auf die weiteren Einzelfragen des Herbstprogramms, find aber na­turgemäß auch gestern noch nicht zum Abschluß gekommen.

Die außenpolitischen Probleme wurden noch nicht be­rührt. In politischen Kreisen vermutet man, daß sie heute nachmittag oder morgen zur Sprache kommen.

Abschluß der Böllerbundsoersammluus

Entschließung über den Rüsiungsstillstand angenommen.

Genf, 30. September

In der Schlußsitzung der diesjährigen Völkerbunds­versammlung wurde einstimmig die Entschließung über den Rüstungswaffenstillstand angenommen, in der die Regie­rungen aufgefordert werden, bis zum 1. November für die Dauer eines Jahres die Verpflichtung zu übernehmen, ihre Rüstungen nicht weiter zu erhöhen.

Hierzu gab Lord C e c i l eine Erklärung ab, in der er heroorhob, daß der jetzt beschlossene Rüstungswaffenstillstand lediglich ein Gentleman-Agreement sei, eine Eh- renoerpflichtung der Regierungen. Er enthalte keine binden­den Regelungen, die den Völkern auferlegt würden.

Die ehrliche Durchführung dieses Waffenstillstandes fei eine Sache der Loyalität und der Anständigkeit. Die Re­gierungen hätten jetzt die Gelegenheit, zu zeigen, wie weil sie ernsthaft zur Durchführung der Abrüstungsverpflichtung entschlossen seien.

Der Vertreter der französischen Regierung. M a s s i g l l, betonte, daß die kommende Abrüstungskonferenz vor der schwierigen Aufgabe stehen werde, die Forderung der natio­nalen Sicherheit und der nutionalen Verteidigung jeden Landes mit der internationalen Abrüstungsverpflichtung in Einklang zu bringen.

Der italienische General d e M a r I n i s führte aus, daß der Rüstungswaffenstillstand einen wohltätigen Einfluß aus das gegenwärtige Wettrüsten habe und zu einem Stillstand der gegenwärtigen Rüstungen führen würde. Zweifellos würden alle Regierungen dem Appell der Völkerbundsver- jammlung folgen und die Verantwortung auf sich nehmen

Im weiteren Verkauf beschloß die Völkerbundsoersamm- lung, den Haushalt des Völkerbundes von ursprünglich 36 Millionen Goldfranken auf 33,6 Millionen Hersbzusetzen. Die beantragte Erhöhung der Ausgaben für das Völkerbunds­palais von 28 auf 36 Millionen Franken wurde abgelehnt.

Am Schluß der Aussprache gab der Präsident des Rates, Lerroux, eine Erklärung über den gegenwärtigen Stand der Behandlung des japanisch-chinesischen Kon­fliktes vor dem VölkerbundsrcstPß. Zerröitz erftätf^£I_[ej überzeugt, daß dirjapanische Regierung ^ Pfliiji W<J tfin~ forderten Maßnahmen zur Zurü^MEE^^ruppen un- oerzügstch ergreifen. werVe, «^ vumit dieser den Frie­den dech West böSräßMdc Konflikt beigelegt werden würde. Der VötkervMdsrat werde seine Bemühungen zur endgül­tigen Beilegung des Konfliktes fortsetzen.

Mit einer Schlußansprache des Präsidenten der Voll­versammlung Titulescu wurde dann die diesjährige 12. ordentliche Vollversammlung des Völkerbundes für ge­schloffen erklärt.

Leichter Fortschritt

Das Ergebnis der Beratungen des Abrüstungsausschusses.

Die Arbeiten des Abrüstungsausschusses der Völker­bundsversammlung haben zu einem Ergebnis geführt, das sehr verschieden beurteilt werden kann, je nachdem man die unmittelbaren praktischen Auswirkungen oder die große Linie der politischen Entwicklung als Maßstab anlegt. Unter dem letzteren Gesichtspunkt betrachtet stellt

die Entschließung über den Rüsiungsstillstand einen wesentlichen Forschritt gegenüber allem dar, was der Völkerbund bisher auf dem Gebiete der Abrüstung geleistet oder vielmehr versäumt hat. Während in den bisherigen Beratungen des Vorbereitungs­ausschusses Deutschland immer, wenn es sich um einen posi­tiven Fortschritt handelte, so gut wie isoliert war, zeigte sich

diesmal eine kompakte Abrüstungsmehrheit. der als Hauptopponent nur noch Frankreich mit seinen ver­bündeten und Japan gegenüberstanden.

Insbesondere durch das Festhalten Frankreichs an feiner bekannten Rüstungsthefe ist zwar eine konkrete Formulie­rung des Rüstungsstillstandes verhindert und andererseits eine Reihe weitgehender Vorbehalte durchgesetzt worden, als positives Ergebnis muß aber festgehalten werden, daß auf Grund der Entschließungen

kein neues Rüstungsprogramm in Angriff genommen werden und keine Beschleunigung des Tempos bei der

Ausführung der jetzigen Programme eintreten darf. Diese Verpflichtung ist zunächst nur moralischer Art. Die Regierungen werden sich aber bis zum 1. November klar darüber zu äußern haben, ob sie diese Verpflichtung anerkennen. Selbst für den Fall, daß sich aus den Erklm rungen der Regierungen ein weiterer Meinungsaustausch entwickeln sollte, wären noch volle vier Monate für die Er­örterung einer Angelegenheit gewonnen, die sonst die be­vorstehende Abrüstungskonferenz stark belastet, vielleicht auf Monate hinaus lahmgelegt hätte.

Unbeschadet dieser allgemeinen Gesichtspunkte muß aber festgestellt werden, daß der Abrüstungsstillstand in der ad- geschwächten Form, die er in den Kommissionsberatungen schließlich erhalten hat, an unmittelbaren Ergebnissen nicht sehr fruchtbar sein wird. ,