HersMerTageblatt Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 228 Dienstag, den 29. September 1931 81. Jahrgang
Die Berliner Aussprache
Wirtschaftliche Zusammenarbeit Deutschlands und Frankreichs in die Wege geleitet — Der Empfang beim Reichspräsidenten
WMWMche Mammenarbeit
Der 2. Tag des Franzosenbesuchs.
Berlin, 29. September.
Die deutsch-französischen Besprechungen, die nach einem fest umrissenen von den Franzosen mitgebrachten Ausspracheprogramm erfolgen, wurden am Montag fortgesetzt, nachdem bereits am Sonntag eine eingehende Fühlungnahme statt- gefunden hatte.
Der Gedanke der Einsetzung eines ministeriellen Ausschusses, dem Sachverständige aus der Wirtschaft angehören sollen, hat Gestalt angenommen. Die Einsetzung des Ausschusses ist gesichert,
doch sind noch der Aufgabenkreis des Ausschusses, sein Arbeitstempo und die Personalfragen in diesem Zusammenhangs zu klären. Eine zurzeit noch offene Frage ist die Umschreibung des Aufgabenkreises dieses Ausschusses, der die * Wege für die künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich ebnen und die Handelsbeziehungen erweitern soll.
Von französischer Seite ist. wie verlautet, u. a. auch die Verkehrsfrage als wesentliche Voraussetzung für die Aus- c-esialtung der wirtschaftlichen Beziehungen hingestellt worden; so wurden u. a. auch Fragen der See- und Luftfahrt behandelt. Die Franzosen legen Wert darauf, künftig auf diesen beiden Gebieten den Wettbewerb der beiden Länder nach Möglichkeit auszuschalten.
LMßftistiZe Anleihe?
3m Zusammenhang mit dem Stillhalteabkommen ist behauptet worden, datz Frankreich die Absicht habe, die Gelder, die es zurzeit noch in Deutschland stehen habe, in eine langfristige Anleihe an Deutschland umzuwandeln. ' '
Empfang vei Hindenburg
Ministerpräsident Laval und Außenminister Briand trafen in Begleitung des Botschafters Francois-Poncet am Montagvormittag um 10.30 Uhr im Reichspräsidentenpalais ein. Der Besuch bei Hindenburg dauerte zehn Minuten.
Vor dem Hotel Adlon und in der Wilhelmstraße hatten sich mehrere hundert Personen eingefunden. Die Absperrungen der Polizei sind stark verringert worden. Man sah nur Unter den Linden verstärkte Polizeistreifen und vor dem Reichspräsidentenpalais ein größeres Polizeiaufgebot. Um 10.45 Uhr kehrten die Minister in ihr Hotel zurück.
Ein politisier Ausflug
Im Anschluß an den Empfang bei Hindenburg fuhren die französischen Minister zum Pergamon-Museum, um dann gemeinsam mit dem Kanzler und dem Außenminister eine Fahrt in die Umgebung Berlins zu unternehmen. Man hatte einen der landschaftlich schönsten Punkte bei Cladow aus- gewählt, so daß die Gäste auch einen Eindruck von der Schönheit der Havelseen besamen. Hier — in Brüningslin- den — fand eine vertrauliche Aussprache statt. Nach dem Frühstück kehrten die Herren nach Berlin zurück.
In der Reichskanzlei wurden dann nachmittags die Verhandlungen fortgeführt.
Die französischen Gäste bei hindenburg.
Am Montagvormittag besuchten Ministerpräsident Laval und Außenminister Briand den Reichspräsidenten, der ihnen einen Empfangt gewährte.
Deutsch-französische Wirtschaftskommission
Mitte Oktober
Das Ergebnis des französischen Ministerbesuchs in Berlin.
Berlin, 29. September.
Mit einem Empfang in der französischen Botschaft ging der Berliner Besuch der französischen Minister gestern abend zu Ende. Heute kehren Briand und Laval nach Paris zurück. Das Ergebnis der Besprechungen ist in einem gemeinsamen Kommunique zusammenKfaßt, das folgenden Inhalt hat:
Die Vertreter der beiden Regierungen haben in Fortsetzung der in Paris mit Reichskanzler B r ü n i n g und Reichsaußenminister C u r t i u s begonnenen Aussprache erneut ihrer Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß ihr Ziel die Pflege vertrauensvoller Beziehungen zwischen den beiden Ländern ist. Sie sind der Ansicht, daß die Wirtschaftskrise, unter der gegenwärtig die ganze Welt leidet, es ihnen zur gebieterischen Pflicht macht, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete ihre Bemühungen zu vereinigen, um Lösungen zur Milderung der Not zu finden.
Den deutschen und französischen Ministern scheint es geboten, ein besonderes Organ zu schaffen, dessen Arbeitsweise greifbare Ergebnisse zu gewährleisten verspricht.
Sie sind dementsprechend übereingekommen, eine gemischte deutsch-französische Kommission zu bilden, die aus Vertretern der beteiligten Zentralstellen unter Beteiligung von berufenen Vertretern der verschiedenen Zweige der Wirtschaft, wie auch der Arbeitnehmer, bestehen soll. Die Leitung der Kommission wird Mitgliedern beider Regierungen obliegen. Außerdem wird ein gemeinsames st ä n d l - g es Ge n er^l4$±reT»¥-^; eingerichtet. -Die Ssoumir- sion wird ihre Sitzungen je nach Bedarf in dem einen oder anderen Lande abhalten und ihre Arbeiten alsbald aufnehmen.
Die Kommission hat die Aufgabe, alle die beiden Völker berührenden Wirtschaftsfragen zu prüfen, ohne dabei die Interessen anderer Länder und die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit aus dem Auge zu verlieren. Sie wird vor allem die Möglichkeiten prüfen,
die bereits bestehenden Wirtschaftsvereinbarungen zu verstärken und auszubauen und neue Vereinbarungen abzuschließen, und zwar gegebenenfalls in neuen Organisationsformen. Sie wird den gegenwärtigen Stand des Handelsverkehrs zwischen beiden Ländern untersuchen, um die seit dem Inkrafttreten des Handelsvertrages von 1927 gesammel- en Erfahrungen nutzbar zu machen. Sie wird weiter gemein- am nach neuen Absatzmöglichkeiten suchen. Nach kebereinstimmender Ansicht ist dies« Aufzählung nicht er- chöpfend.
Die Vertreter der beiden Länder legen Wert darauf, klar zum Ausdruck zu bringen, daß sich ihr Vorgehen nickt gegen die Wirtschaft irgend eines anderen Landes rich. tet. Sie erklären, daß sie es ablehnen, die Lösung der der Kommission zugewiesenen Fragen etwa in gemeinsamen Vorgehen auf dem Gebiete von Zollerhöhungen zu suchen.
Sie werden sich im Einklang mit den allgemeinen Bestrebungen zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise halten und werden die Mitarbeit anderer Völker in jedem Falle nachsuchen, wo die Sachlage dies erfordert. So konnte u. a. die Durchführbarkeit internationaler Abmachungen über Schiffahrt und Luftverkehr geprüft werden.
Die Vertreter der deutschen u. der französischen Regierung sind überzeugt, daß sie hiermit den Grundstein zu einem Werk des Aufbaues legen. Dieses Werk soll der erste Schritt zu einer Gemeinschaftsarbeit sein, die ein Gebot der Stunde ist und an der mitzuwirken alle berufen sind.
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Von maßgebender Seite wird zum Ergebnis der Wirt- fchaftsbesprechungen betont, daß die Bedeutung des deutschfranzösischen Wirtschaftskomitees nicht zu unterschätzen sei, und zwar vor allem deshalb nicht, weil sich neben den wirtschaftlichen Aufgaben noch weit g r ö ß e re Aspekte für die deutsch-französische Zusammenarbeit überhaupt aus ihm entwickeln können. Hier wird ein Instrument geschaffen, das dazu dienen soll, die deutsch-französischen Beziehungen auf eine ganz andere Basis zu stellen. An diesen Kristalhsations- kern kann sich später vielleicht noch viel mehr anschließen.
Schließlich wird von unterrichteter Seite noch betont, daß von diesem Besuch auch eine starke Entspannung in den Beziehungen der beiden Völker ausgehen wird. Die französischen und deutschen Minister haben jedenfalls beschlossen, auf diesem Wege weiter fortzuschreiten. Zunächst wird jetzt Mitte Oktober das Komitee seine Arbei- t enaufnehmen. Von unterrichteter Seite wird bestätigt, daß die wirtschaftliche Zusammenarbeit sich auf koloniale Gebiete erstrecken soll. Darüber ist in den Berliner Unterhaltungen bereits sehr eingehend verhandelt worden. Die Prüfung im einzelnen wird Aufgabe des Komitees sein.
Aufforderung zur einjährigen Rüstungspause
Genf, 29. September.
Der Abrüstungsausschuß der Völkerbundsversammlung hat gestern in einer eigens anberaumten Nachtsitzung folgenden im Laufe des Abends vom Redaktionskomitee ausgearbeiteten Entschließungsentwurf über den Rüftungsstillstand angenommen:
Die Versammlung ist davon überzeugt, daß die Weltkrise ihren Ursprung in wirtschaftlichen und politischen Ursachen hat, unter denen der Mangel gegenseitigen Vertrauens unter den Nationen eine Hauptursache ist. Eine Wiederaufnahme des Wettrüstens müsse zwangsläufig zu einer internationalen und sozialen Katastrophe führen.
Die Versammlung richtet daher an Alle den feierlichen Appell, alle Anstrengungen darauf zu richten, daß eine Weltmeinung entsteht, die stark genug ist, um der allgemeinen Abrüstungskonferenz zu positiven Ergebenissen zu verhelfen.
Dazu gehört insbesondere «ine schrittweise Einschränkung der Rüstungen bis zur Erre!cl)ung des in Artikel 8 der Völkerbundssatzung angegebenen Zieles.
Die Versammlung bittet die zur Abrüstungskonferenz eingeladenen Regierungen, dieses Ereignis durch einen Stillstand der Rüstungen vorzubereiten.
Sie bittet die Regierungen, sich bis zur Abrüstungskonferenz jeder Maßnahme zu enthalten, die auf eine Vermehrung ihrer Rüstungen hinauslausen würde. Die Versammlung bittet ferner den Rat, die Regierungen zu ersuchen, bis zum 1. November sich darüber zu äußern, ob sie bereit sind, auf die Dauer eines Jahres von diesem Zeitpunkt an einen solchen R ü st u n g s st i l l st a n d anzunehmen.
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Verhandlung über Lhinakonflikl ergebnislos.
Genf, 29. September.
Der Völkerbundsrat hat sich erneut in öffentlicher Sitzung mit dem chinesisch-japanischen Konflikt beschäftigt. Der Rat nahm zunächst eine Erklärung Joshisawas entgegen. Der japanische Vertreter teilte mit, daß die Zurückziehung der Truppen weitere Fortschritte mache. Japan habe nichts zu verheimlichen. Er versicherte, daß die japanische Regierung den Völkerbundsrat sehr genau auf dem laufenden halten werde über die Lage und die Maßnahmen, die von ihr ergriffen würden, um die Situation zu bessern.
An die Erklärung Doshisawas schloß sich eine ausgedehnte Kontroverse, in der wiederholt die Vertreter Chinas und Japans das Wort ergriffen und in der ein Vorschlag des Vertreters Chinas diskutiert wurde, eine Kommission mit der Ueberwachung der Räumung zu beauftragen.
Ueber die Anregung Chinas konnte vorläufig eine Einigung nicht erzielt werden. Die Verhandlungen wurden ergebnislos abgebrochen. Der Vorsitzende teilte mit, daß eine neue Sitzung für die nächsten Tage in Aussicht genommen sei.
Laval und Briand beim Reichskanzler.
Reichskanzler Dr. Brüning gab zu Ehren der französischen Gäste ein Abendessen, an das sich ein Empfang anschloß. — Unser Bild zeigt von links nach rechts Berthelot, Reichskanzler Brüning, Ministerpräsident Laval, Außenminister Briand, Außenminister Dr. Curtius, Reichsverkehrsminister von Guörard, Bischof Schreiber von Berlin, Reichsmnen- minister Dr, Wirth.
Dr. Ernst «antkommissar
Berlin, 29. September.
Der bisherige Ministerialdirektor im preußischen Mini- terium für Handel und Gewerbe, Dr. Ernst, ist zum Reichs- 'ommiffat für das Bankgewerbe ernannt worden.