^ersfel-erTageblatt hersfelüer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfel-
Nr. 226 (erstes Blatt)
Gonnabend, Den 26. September 193)
8). Jahrgang
Reichshilfe für die Gemeinden
Einigung über die Entschuldungsaktion des Reiches für die Gemeinden erzielt
Deutschlands Gäste
In Berlin ist man gerüstet, den französischen Ministerpräsidenten Laval und seinen Außenminister Briand höflich zu empfangen. Wenn man von allen begreiflichen Herzens- empfindungen absieht, so hat Deutschland allen Grund, diesem Besuch größte Bedeutung beizumessen. Die Tatsache, daß ein französischer Ministerpräsident einer deutschen Reichsregierung einen offiziellen Staats- und Höflichkeitsbesuch abstattet, ist deshalb so sensationell, weil sich in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen ein solcher Vorgang überhaupt nicht nachweisen läßt. Diese Tatsache ist um so bedeutsamer, weil. abgesehen vielleicht von Polen, in der Nachkriegszeit die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich die gespanntesten und unausgeglichensten waren und auch heute noch sind. Seit 1870 bestand zwischen Deutschland und Frankreich eine Art nichtausgesprochenen Kriegszustandes. Poincarö hat selbst erklärt, daß während der ganzen Zeit seines Lebens bis zum Ausbruch des Weltkrieges ihn nur ein Gedanke erfüllt habe, nämlich für Elsaß-Lothringen die Revanche vorzubereiten. Und M- menceau hat in Versailles diese Revanchepolitik in einer Weise zur Tat werden lassen, an der heute die ganze Welt krankt.
Die französischen Staatsmänner haben vielleicht unter dem Eindruck der jüngsten weltpolitischen Entwicklung gerade in den letzten Tagen erkennen lassen, daß sie ihrer Reise nach Berlin nicht lediglich den Charakter eines formellen Höflichkeitsbesuches beimessen. Sie wünschen, mit der deutschen Regierung ein Programm zu besprechen, das in erster Linie die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen umfaßt. Dieses Fragengebiet ist so außerordentlich umfassend und kann von gewissen politischen Komplexen nicht losgelöst werden, daß man klug daran tut. bei aller Zurückhaltung doch Ohren und Herzen ausncchinebereit zu halten^ Wir haben keinen Grund, den Franzosen einen begeisterten Empfang zu bereiten; viel eher ist ein gesundes Maß von Mißtrauen am Platze. Denn Not und Leiden des deutschen Volkes der zurückliegenden 17 Jahre entspringen ausschließlich jener französischen Politik, die Poincarö in seinen Jugendträumen schon erfand und die Mmenceau in Versailles diktierte. Wir wollen dabei aber auch daran denken, daß dieses deutsche Leid niemals das Ausmaß hätte erreichen können, wenn Frankreich nicht in der ganzen Welt Verbündete gefunden hätte, mit denen wir zum Teil heute bereits wieder in bestem Einvernehmen stehen.
Es ist nichts wechselvoller in der Welt als die Politik. Seit dem Friedensschluß hat sich manches in der Welt verändert. Der „Frieden", der in Versailles für die Ewigkeit geschlossen schien, findet heute überall in der Welt eine kritische Beurteilung. Nicht zuletzt durch jene Bestimmungen, die aus Haß und Rache geboren wurden, Deutschland für alle Zeit vernichten sollten, in Wirklichkeit das Chaos in der Welt vorbereiteten. Wirtschaft wurde Politik, Politik Wirtschaft. Wir sehen, wie alle Völker und Staaten sich zusammenfinden, um die durch die Politik zertrümmerte Wirtschaft wiederaufzubauen. Reiche werden erschüttert, die für die Ewigkeit geschaffen schienen. Und nur Frankreich sollte unberührt bleiben von alledem, was sich jetzt in der Welt vollzieht?
Als im Früsommer die deutschen Staatsmänner von MacDonald nach Chequers eingeladen wurden, machte sich in Pariser Kreisen eine gewisse Nervosität geltend, die der Reichskanzler Dr. Brüning dadurch zu zerstreuen hoffte, daß er in seiner bekannten Rundfunkrede vom Juni den Franzosen ein deutsch-französisches Chequers nahelegte. Was man noch vor wenigen Wochen in Paris zögernd und ohne innere Anteilnahme tat, heute erwarten die französischen Minister von ihrem Besuch in Berlin eine Wendung der deutsch-französischen Beziehungen. Noch ehe Laval und Briand ihre Reisevorbereitungen für Berlin beendet hatten, ließen sie der deutschen Regierung den Wunsch ausdrücken, auch dem Reichspräsidenten von Hindenburg ihren Besuch abzustatten. Damit hat man stillschweigend zum Ausdruck gebracht, daß man die sogenannte „Kriegsver- brecherliste, wie sie im Versailler Diktat verankert wurde, als eine Schmach empfindet, mit der man sich nicht mehr identifiziert.
Noch ein anderer Umstand deutet darauf hin, daß Laval und Briand durch ihren Berliner Besuch den deutsch-französischen Beziehungen eine andere Wendung geben wollen. Sie bringen einen Stab von Sachbearbeitern mit. Ein in Paris aufgestelltes Memorandum sieht die Bildung eines ständigen deutsch-französischen Komitees vor, daß alle Fragen deutsch-französischen Wirtschaftsverkehrs klären soll. Und im Londoner „News Chronicle" führte der Chefredakteur des Pariser „Matin", Lauzanne, eine Reihe von Punkten auf, die nach seiner Behauptung von 90 Prozent aller Franzosen gutgeheißen würden. Danach ersehnt man im französischen Volk eine e h r l i ch e F r e u n d s ch a f t mit Deutschland auf der Grundlage völliger Gleichheit und wechselseitiger Zusammenarbeit. Man sei für eine wesentliche Verminderung der Reparationsschuld, für eine Rückgabe der früheren afrikanischen Kolonien an Deutschland, für eine Neuregelung des polnischen Korridors und für jede Art finanzieller, wirtschaftlicher und industrieller Vereinbarungen zum gegenseitigen Nutzen beider Länder. .. , „
Der Besuch der französischen Staatsmänner in Berlin lMnyt mancherlei Möglichkeiten. Es fegt bSi den Fr a n -
z o s e n, der Welt einen Beweis ehrlicher Friedens- unt Verständigungsbereitschaft zu geben. Von Deutschland kanr man nur verlangen, daß man abwartend die Vorschläge der französischen Minister entgegennimmt. Das deutsche Voll ist zu furchtbar bisher enttäuscht und gemartert worden. Zr groß und zu schmerzlich sind die Opfer, die es bisher Frankreich bringen mußte. Jetzt ist's an Frankreich, Opfer zu bringen, nämlich Opfer des Friedens, des guten Willens und der Wiedergutmachung. Wenn es sich dazu bereit fände, dann würde das hundertfältige Frucht beiden Ländern und allen Völkern tragen.
Zusammenarbeit mit Frankreich Koch keine Entscheidung über Eurtius.
Berlin, 26. September.
Reichsminister Dr .Eurtius hat sich mit Dr. Brüning ausgesprochen. Irgendwelche für die Oeffentlichkeit bestimmte Ergebnisse werden von dieser Unterredung jedoch nicht erwartet, vielmehr rechnet man damit, daß eine Entscheidung erst nach der Kabinettssitzung am Dienstag fallen wird.
Im Augenblick konzentriert sich das außenpolitische Interesse auf den bevorstehenden französischen Besuch, für den die Vorbereitung nun in vollem Gange sind. Sie dürften sich auch bereits auf die Bildung der deutsch-französischen Wirtschaftskommission erstrecken, die an sich ministeriellen Charakter haben, aber durch die Zuziehung führender Wirtschaftler ergänzt werden wird. In unterrichteten Kreisen glaubt man, daß dieser Ausschuß, der das sichtbare Ergebnis des Berliner Besuches bilden wird, sich für die praktische Arbeit auch noch in Unterkommissionen zergliedern dürfte. In ihnen werden Spezialsachverständige die Einzelfragen der verschiedenen Gebiete behandeln, so die 'iMMstriellM, die finanziellen und die ^DaAkprvdlems, üU Verkehrsfragen usw.
Der Sinn des Besuches ist, daß die deutsch-französisch« Annäherung jetzt von der wirtschaftlichen Seife gefördert werden soll. Dagegen werden die politischen Fragen, für die nach allgemeiner Ansicht schon rein stimmungsmäßig im Augenblick keine Lösungsmöglichkeiten zu sehen sind, in den Berliner Unterredungen zurücktreten.
Laval und Kriegsoerbrecherlifte Ein amtliches Dementi.
Berlin, 26. September
Im Zusammenhang mit der Meldung über den geplanten Empfang der französischen Minister durch Reichspräsident von Hindenburg ist die Frage aufgeworfen worden, ob Die französische Regierung amtlich Mitteilung von der Annullierung der berüchtigten Kriegsverbrecherliste gemacht habe. Eine derartige Mitteilung ist, wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, nicht eingetroffen.
Die‘Tatsache, daß der französische Ministerpräsident den Wunsch ausgesprochen habe, vom Reichspräsidenten empfangen zu werden, spreche viel mehr für ein Richlweilerbestehen der Kriegsverbrecherliste, als eine formal-juristische Regelung der Angelegenheit das tun könne. Es sei unwürdig, die Streichung einer Liste zu verlangen, die von Deutschland nie anerkannt worden sei. Die Tatsache des Besuches beweise schon, daß Frankreich von den alten Methoden abgerückt sei.
„Gleichberechtigte Verbündete"
Ein Dingeldey-Jnterview im „Oeuvre".
Paris, 26. September.
Der Vorsitzende der DVP-, Dingeldey, gewährte einem Vertreter des „Oeuvre" eine längere Unterredung. Ueber die Beziehungen zu den Nationalsozialisten befragt, erklärte er, man dürfe sie nicht vor den Kopf stoßen; wenn man sie dazu bringe, die Verantwortung an der Regierungsführung mit zu übernehmen, so dränge man sie aus ihrer augenblicklichen Stellung in die Front.
Die deutsch-französische Annäherung könne sich nicht außerhalb einer Verständigung der deutschen und der französischen Rechtskreise vollziehen.
Es sei Sache des Kanzlers, ob er Dr. Curtius verabschieden wolle oder nicht; ein Wechsel im deutschen Außenministe- rium würde jedoch niemals die deutsch-französischen Beziehungen beeinflussen, die Kontinuierlichkeit der deutschen Außenpolitik sei auf alle Fülle gesichert. Es sei gewagt, von dem Besuch der französischen Minister in Berlin große Erfolge zu erwarten.
Man müsse mehr Mut und Initiative zeigen; eine deutsch-französische Konferenz müsse versuchen, die Harmonie zwischen beiden Ländern auf politischem, wirtschaftlichen und militärischen Gebiet wiederherzustellen. Ein deutsch- französischer Bündnisvertrag müsse auf der Grundlage der Gleichberechtigung beruhen, der die Hegemonie des einen oder anderen Landes abschaffe.
Auch die Nationalsozialisten würden den Locarno-Ver- trag niemals kündigen, der für alle Deutschen ein unantastbares Werk sei, was man von den anderen Verträgen nicht behaupten könne. Niemals könne Deutschland in ein politisches Moratorium von 10. 15 oder 20 Jahren einwilligen, da hierdurch die gegenwärtigen Zustände stabilisiert würden.
Gegen Kundgebungen beim Franzosenbeluch
Die Reichsleitung der NSDAP. veröffentlicht einen Aufruf, in dem es heißt, es fei ihr zur Kenntnis gekommen, daß Linkskreise beabsichtigten, anläßlich des Besuchs der französischen Minister durch Provokateure Nationalsozialisten zu Kundgebungen in Berlin oder auf den Bahnhöfen, die der Zug durchfährt, anzureizen.
Die Reichsleilung verbiete aber allen Parteigenossen die Teilnahme an irgendwelchen etwaigen Kundgebungen gegen die französischen Minister. Von deren Anwesenheit sei keinerlei Rokiz zu nehmen. Parteigenossen, welche dagegen verstoßen, schließen sich von selbst wegen parteischädigenden Verhaltens aus der NSDAP. aus.
Japan lehnt VölKerbunds-
Intervention ab
Genf, 26. September.
In der gestrigen Verhandlung des Völkerbundsrates über den chinesisch-japanischen Konflikt gab der japanische Delegierte Poshizawa eine Erklärung ab, die mit dem Hinweis auf die japanische Bereitschaft zu direkten Verhandlungen mit China in der Ablehnung jeder Völkerbundsintervention gipfelte.
Aoshizawa protestierte gegen über die japanischen Truppen vorgebrachten abscheulichen Verleumdungen. Aus amtlicher Quelle seien die Zwischenfälle in der Mandschurei auf ihr richtiges Matz zurückgeführt worden. Der japanische De^- zierte dementierte die Meldungen über japanische I.ruppentandunaen u Ticbuu. Timütau und yV?r?n L.r ;en des chinesischen Reiches und sprach nochmals den Wunsch räch direkten Verhandlungen mit China aus. Die wesentliche Aufgabe des Völkerbundes bestehe in der Herbeiführung einer friedlichen Regelung des Konflikts. Die Me- thode könne nach den Umständen wechseln, aber stets müsse in erster Linie der Wille der Parteien geachtet werden. Nach Japans Ansicht würde der Rat weise handeln, wenn er ein konkretes Einschreiten im vorliegenden.Fall vermeide.
Dann wurde das Telegramm der chinesischen Regierung vorgelesen, worin diese den Appell des Völkerbundsrates zur friedlichen Beilegung des Konfliktes und die vom Rate erlassenen voräufigen Maßnahmen annimmt. Der chinesische Vertreter, Minister Sze, gab noch Erklärungen ab. Er behauptete, China habe sich den Empfehlungen des Rates gefügt, während Japan immer noch beträchtliche Teile der Mandschurei besetzt halte. China, müsse verlangen, daß der st a t u s q u o ante wieder hergestellt werde, und es müsse eine vom Völkerbundsrat ernannte Kommission über die Ausführung dieser Maßnahmen wachen.
Direkte Verhandlungen mit Japan lehne China ab, so lange die Besetzung chinesischen Gebietes andaure.
Lord C e c i l erklärte unter sichtlicher Zustimmung des japanischen Vertreters,
die Erledigung des Konfliktes fei eine Angelegenheit der Parteien, nicht des Rates.
Der Rat und zweifellos auch die japanische Regierung wünschten, daß die japanischen Truppen so bald wie möglich ganz zurückgezogen werden können. Wenn der Rat den Eindruck gewinne, daß neue Schwierigkeiten eintreten, werde es seine Sache sein, weitere Vorsorge zu treffen.
Im Sinne dieses Vermittlungsversuches des britischen Vertreters gab der Ratspräsident die Grundzüge einer Entschließung bekannt, die er in einer der nächsten Sitzungen nach weiterer Befragung der Ratsmitglieder vor- zuschlagen beabsichtige. Der Rat wünscht, über die von beiden Parteien getroffenen Maßnahmen auf dem Laufenden gehalten zu werden. Damit war die Angelegenheit für gestern vertagt.
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Bevor der Völkerbundsrat gestern in die Behandlung des chinesisch-japanischen Konfliktes eintrat, wurde den Ratsmitgliedern eine längere Erklärung der japanischen Regierung übermittelt, in der diese betont, daß nirgendwo eine wirklich militärische Okkupation durch Japan in der Mandschurei bestehe. Japan beabsichtige keinerlei territoriale Eroberungen in der Mandschurei. Die japanische Regierung sei bereit, mit der chinesischen Regierung zusammenzuarbeiten, um zu verhindern, daß der gegenwärtige Zwischenfall sich weiter ausdehne und eine für die beiden Länder verhängnisvolle Situation schaffe.
„Gral Zeppelin" zur Rückfahrt gestartet
Pernambuco, 25. September. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist am Freitag, früh um 4.30 Uhr MEZ, zur Heimfahrt nach Friedrichshafen gestartet. Der Start vollzog sich vollkommen glatt.
Das Luftschiff hat um 0.15 Uhr MEZ die Insel Fernando Noronha passiert. Das Luftschiff gibt eine Geschwindigkeit von etwa 120 Stundenkilometern an.