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Hersfel-erTageblatt

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Nr. 225

Freitag, den ss. September 1931

81. Jahrgang

Japans Vormarsch eingestellt

Don Räumung ist vorläufig noch keine Rede Amerikanischer Schritt in Tokio In Gens noch kein Ausweg gesunden

Ergebnis der Woche

Ein Weltreich bebt.

Kr. Kr. Die Sonntage scheinen keine Tage des Frie­dens mehr zu sein. Wir glaubten, nur uns Deutschen werde der Gottesfriede von Zeit zu Zeit durch innere Fehden, Bankkrachs, Notverordnungen und ähnliches in sein Gegen­teil verkehrt. Jetzt greift diese böse Verfallserscheinung auch auf die anderen Staaten über. Nicht nur dies merkwürdige an den Tag gebundene Symptom der englischen Krise macht sie Der deutschen wesensverwandt, sondern alle Er­scheinungen, die wir nun schon ein Jahrzehnt bei den fort­dauernden wirtschaftlichen Erschütterungen am eigenen Leibe erfuhren und erfahren, beobachten wir auch bei England. Das verfallende englische Pfund reißt aber gleichzeitig die halbe Welt mit sich. Fast der ganze Osten und Uebersee rechneten nach englischen Pfunden. Dieser Prestigeverlust Englands ist eine weitere Verfallserscheinung des großen Weltreiches, deren Folgen erst später augenscheinlich werden, wenn wieder normale Zeiten eingetreten sein werden. Her­vorgerufen wurde diese Erscheinung durch die offensichtliche Abwendung der Tochterstaaten des englischen Reiches vom Mutterland.

Die Folgen der Unvernunft.

Allzusehr wiegte sich die Welt in dem leichtfertigen Glauben, Deutschland betreibe absichtlich einen wirtschaft­lichen Bankrott, um politische Verpflichtungen loszuwer­den. Heute wagt kein Mensch mehr, darüber ein Wort zu verlieren. Alle bemühen sich eilfertig, zu retten, was noch zu retten ist, wo die Krise schon droht, und Vorkehr zu treffen, wo man sich scheinbar in seiner Unantastbarkeit fühlt, Was schon seit einem Jahrzehnt von allen einsich­tigen Männern warnend gepredigt wurde, was insbesondere der Engländer Keynes sofort nach den verschiedenen soge­nannten Friedensschlüssen erkannt hatte, das ist nun allen offenbar geworden: Die ganze Welt leidet an der voll­ständigen Zerrüttung des sozialen und wirtschaft­lichen Lebens, die ihren Ursprung einzig und allein in der Sinnlosigkeit, mit der diegroßen Vier" oder besser die großen Drei" 1919 in Paris die Welt verteilten. Wir Deutsche kämpften mit allen Mitteln des moralischen und juridischen Rechts gegen die Unvernunft. Wir erkannten aber die Wahrheit eines Wortes in denRäubern" des jun­gen Schiller:Das Recht wohnt beim Ueberwältiger, und die Grenzen unserer Kraft sind unsere Gesetze." Was ver­mochte unser Rechtsanruf gegen dieSieger"? Unser Wille fand sein Gesetz an dem Unvermögen, unserem Recht und unserer Erkenntnis Geltung zu verschaffen.

Gold ohne Arbeit.

. Grenze seiner auf dem

Aber auch der Kraft jener Siegerstaaten find Grenzen gesetzt, auch die Gesetze ihres Willens finden dort ihr Ende. Und daß es ein bitteres Ende werden wird, liegt daran, daß sie verblendet das Ausmaß ihrer Kräfte nicht Erken­nen. In einer Welt, wo das Gold die wirtschaftliche Trieb­kraft bedeutet, ist gewiß der am stärksten, der das meiste Gold besitzt. Aber auch diese Macht findet ihre Grenze, so­bald das Ä o l d oh n e A rb eit in den Kellern ruht. Dann ist es keine Triebkraft mehr. Gold hat nur als Triebkraft Macht und Wert für die Menschheit. Frankreich hat das Gold den europäischen Völkern entzogen, so daß deren Wirtschaft zum Er iegen kam, das will nicht sagen, daß sie wirtschaftlich unfähig wurden. Kein Mensch soll glauben, daß die englische oder deutsche Wirtschaftskraft erledigt sei Sie ist da in aller Fülle, nur hat man ihr den Betriebs­stoff entzogen. Diesen wieder heranzuschaffen, das ist die Aufgabe der nächsten Wochen. In England ist das Kapital noch vorhanden, dies muß nur in Gold-Geld umgefetzt werden. In Deutschland mangelt beides, Kapital und Gold. Uns ist durch die Reparationslast das Kapital entzogen wor­den. In Frankreich ist beides, Kapital und Gold-Geld. Soll ihm dies zum Werte werden, muß es beides in Wirtschafts­kraft umsetzen. Der ganze Kampf geht nun darum, daß Frankreich sein Kapital und Gold in den wirtschaftskräftigen Völkern umsetzen muß, dabei aber die augenblickliche Ver­legenheit ausnutzen will, um für diese Umsetzung politische Vorteile zu ergattern. Englands, Deutschlands und der übri­gen Welt Aufgabe muß es fein, neuer Unvernunft, ähnlich der von 1919 Halt zu gebieten. Wird Frankreich die

' " :f dem Gold beruhenden Macht zu Gemüte geführt, dann wird es wieder gut in der Welt werden Für viele ist es zweifelhaft, ob Frankreich mit frommen Reden und einsichtsvollen Darlegungen dahin gebracht wer­den könnte; sie glauben, das Ziel sei nur erreichbar, wenn Frankreich am eigenen Leibe die Wertlosiakeit seines nicht in Wirtschaftskraft umgesetzten Goldes zu spüren bekommt, wenn also die Krise auch über seinen Palästen und Hütten schüttet. So ist tatsächlich dieser Kampf eine Fortsetzung des großen Krieges mit Kanonen und Gasbomben.

BezahlteFriedens«-Polittt.

Ga»z offen hat 5er neue französische Botschafter in Ber­lin genau wie der französische Finanzminister in Genf er­klärt, daß die notwendige und auch von Frankreich erstrebte Zusammenarbeit mit Deutschland, durch die das Gold für Deutschland wieder flottgemacht werden sollte, auch be­stimmte VorqMs-tzyngen des PextxMWS bähen uMte,

Da liegt der Knüppel beim Hunde. Es hat gar keinen Zweck mehr, das leere GeredevonderAussöhnung Frankreichs und Deutschlands weiterzuspinnen. Ueber die Notwendigkeit des Ausgleichs ist man sich auf beiden Sei­ten einig. Die entscheidende Frage aber heißt: wie soll das geschehen? Gerade nach dem Prozeß der sogenannten Pazifisten, die Frieden predigten und Haß säten, soll man sich des allgemeinen Friedensgeredes enthalten. Der eine Schwann wurde festgenagelt, der jahrelang gegen bares böses Geld einen Frieden im Sinne der gegnerischen Mi­litärs und Politiker propagiert hat. Es wird nicht festge­stellt werden, wie viele Schwanns noch heute ihr Wesen treiben, ohne daß sie gefaßt werden. Auch dieser Schwann wäre ohne den Krach im eigenen Lager nicht bloßgestellt worden. Darum vorläufig fein stille. Das französische Voll ist sicher friedliebend, aber was die französischen Politiker aus ihm machen, das sehen wir schaudernd täglich in den französischen Zeitungen. Hüten wir uns ja vor einer Der- gottung der Person Francois-Poncets, wie sie merkwürdiger­weise schon wieder in Berliner Blättern zu beobachten ist. Dieser Mann ist ein geschickter und in der Propaganda sehr erfahrener Mann. Er wird das Beste für sein Land aus Deutschland herauszuholen suchen; das ist seine Pflicht. Unsere aber ist es, zunächst einmal jedes seiner Worte zu wägen. Was er bis jetzt gesagt hat, kennen mir schon aus anderem Munde. Was er aber noch nicht gesagt hat, was er erst sagen wird, das wird erst entscheidend sein für Deutschland. Nach dem Besuch der französischen Staats­männer werden mir Weiteres hören.

Der Balkan des Ostens.

Wer noch Schillers Worte sich gerade heute ins Herz schreiben sollte, sind die Schwärmer des Völkerbundes Auch Genf mußte bei seinem Versuch, den japanisch-chine­sischen Konflikt beizuleae'- erkennen, daß nun mal das Recht bei dem Ueberwältiger, Japan, wohnt und die Grenzen der völkerbündlerischen Kraft die Gesetze ihres Wir­kens bestimmen. Es liegt einzig bei Japan, wie dieser militä­rische Konflikt in der Mandschurei erledigt wird, und es wird ihn so erledigen, wie es ihm gut dünkt und ihm seine Kräfte erlauben. Japan muß auch mit Rußland rechnen, denn auch die Sowjets machen denselben Anspruch auf die Mandschuerei wie einst der Zar. Rußlands Stirnrun­zeln mag Japan mehr bedeuten als der Appell des Völker­bundes. ' Die Mandschure wird einmal die verhängnisvolle Rolle des Balkans in der Vorkriegspolitik übernehmen. Japan braucht ihre Bodenschätze, besonders für seine Kriegs­industrie das gibt es nämlich noch für China ist dies volkarme Land ein Abflußbecken für feine Uebervölkerung, und Rußland sieht allein dort die Möglichkeit seiner Expan­sion. Die Mandschurei wird uns noch viel beschäftigen.

Amerikas Bermittlung

Stimson an den Völkerbund.

Genf, 25. September.

Der amerikanische Staatssekretär Stimson hat dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Mittei­lung zugehen lassen, worin er den Empfang der Be­nachrichtigung über den Appell des Völkerbundes an die chinesische und japanische Regierung bestätigt und erklärt, daß die Regierung der Vereinigten Staaten sich in voller Uebereinstimmung mit der Haltung des Völkerbundes, die in dem Ratsbeschluß zum Ausdruck kommt, befindet, und daß sie an Japan und China in gleichem Geiste gehaltene Noten senden wird.

Der amerikanische Staatsfefretär teils ferner mit, daß er bereits zur Einstellung weiterer Feindseligkeiten und zu einer Ausschaltung weiterer Konfliktsgefahren bei den be­teiligten Regierungen vorstellig geworden sei, und daß er weiterhin ernstlich um die Wiederherstellung des Friedens bemüht sein werde.

Dieses Telegramm wird in Völkerbundskreisen als ein Zeichen dafür angesehen, daß die Vereinigten Staaten an der Behandlung und Erledigung des chinesisch-japanischen Kon­fliktes aktives Interesse nehmen. Wie verlautet, hat ein reger Meinungsaustausch zwischen Genf und Washington stattgefunden. Das Telegramm scheint darauf zu deuten, daß die Vereinigten Staaten sich nicht direkt am Vorgehen des Völkerbundes beteiligen wollen, aber gewillt sind, im engen Einvernehmen mit Genf eine Parallelaktion zu unternehmen. Daraus würde sich nach Ansicht maß­gebender Völkerbunvskreise für Genf wiederum die Not­wendigkeit ergeben, sich über alle Beschlüsse mit Washington zu verständigen.

Amerikas guter Rat an Japan

In seiner an das japanische Ministerium des Aeußeröb gerichteten Denkschrift über die Vorgänge in der Mandschurei erklärt der amerikanische Staatssekretär Stimson, die Ver­einigten Staaten wünschten keinesfalls, sich in die Ange­legenheiten Japans einzumischen, aber die gegenwärtige Lage rufe bei den anderen Mächten schwere Besorgnisse rechtlicher und anderer Natur hervor. Er rate daher Ja­pan, die Angelegenheit rasch beizulegen und nicht weiter Ge­walt anzuwenden.

Vormarsch beendet

Der japanische Armeerat teilt mit, daß der Operations- plan in der Mandschurei durchgeführt sei. Es sei beabsichtigt, den Status quo aufrechtzuerhallen. Die diplomatischen Ver­handlungen und die Benachrichtigung der Mächte werden dem Außenminister überlassen. Nach Eharbin sind ferne japanischen Truppen entsandt worden.

Der Korrespondent desPetit Parisien" in Schanghai meldet zuverlässig, daß die Japaner auf d i e Besetzung von Eharbin verzichtet und sich damit begnügt hätten, die erste einige Kilometer von Tschangtschun gelegene ost- chinesische Eisenbahnstation zu besetzen. So werde jeder Konflikt mit den Sowjets vermieden. Die bei Charbin ver­sammelten chinesischen Truppen hätten sich nördlich des Sungari-Flusses zurückgezogen. In der von den Japanern besetzten Zone, namentlich bei Kungschuling, 60 Kilometer südlich von Tschangtschun, fei es zu einigen Zusammenstößen zwischen Japanern und Chinesen gekommen.

DerTimes"-Korrespondent in Peking berichtet, nach einer dort aus Mukden eingetroffenen Nachricht hätten die Japaner den chinesischen Oberst Kuan, den man für die Er­mordung des japanischen Hauptmanns verantwortlich mache und der sich in chinesischer Haft befunden habe, in ihre Ge­walt gebracht.

Völkerbundsrat bleibt vorläufig versammelt.

Genf, 25. September.

Der Völkerbundsrat hat gestern abend wiederum eine längere vertrauliche Sitzung abgehalten, in der sich insofern ein Fortschritt ergab, als die Anberaumung einer ö f f e n h lichen Sitzung des Völkerbundsrates auf heute mög­lich wurde. Wie verlautet, soll die japanische Regierung an gewissen Punkten eine Zurückziehung ihrer Truppen vor- g^n&mmeH, -Lzm in Absicht. gestellt haben. Es wird Mmst gerechnet, daß der Völkerbundsrat mit Rücksicht auf den ja­panisch-chinesischen Konflikt bis Dienstag versammelt blei­ben wird.

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Aus Schanghai wird gemeldet, daß die Sowjetregierung als erste fremde Macht Japan zur Einstellung des Vormar­sches aufgefordert habe.

Die notwendige Revision der Welt-Verschuldung

Bedeutungsvolle Beschlüsse des Genfer Wirtschafts­ausschusses.

Genf, 25. September.

Der Wirtschaftsausschuß der Völkerbundsversammlung hat gestern seine Beratungen mit der Annahme eines Be­richtes über die Fir ragen abgeschlossen. Die Bedeutung der Aussprache lieg, .rin, daß im Rahmen der Verhand­lungen einer Völkerbundskommission eigentlich zum ersten Male in sehr prägnanter Weise nicht nur von neutraler Seite, sondern auch von einem Vertreter der Gläubiger­mächte

die Frage der Reparationen und Internationalen Schul­den als das Kernproblem der augenblicklichen Krise be­zeichnet

worden ist. Der endgültige Text des Berichtes, den der Aus­schuß angenommen hat, erhält im Augenblick noch seine letzte Fassung und wird danach der Bundesversammlung vorgelegt werden. Die Reparations- und Schuldenfrage wird in. dem Bericht nur kurz gestreift. Die große Bedeu­tung dieser Frage kommt immerhin auch in diesem Bericht zum Ausdruck, in dem nämlich festgestellt wird, daß

im Laufe der nächsten Monatenotwendigerweise Pro­bleme von der größten Wichtigkeit zu lösen

sind". Es wird darauf hingewiesen, daß die vorläufig ge­troffenen Abmachungen von kurzer Dauer sind und daß es eine Angelegenheit der direkt beteiligten Gläu­biger und Schuldner ist, die Mittel zur Verlängerung, zur Abänderung oder Außerkraftsetzung der getroffenen Ver­einbarungen gemeint sind derHoover-Plan und die Stillhalteverträge zu finden.

Amerikanische Legion' e Moratorium

etroit, 25. September

Der Konvent der Amen ien Legion nahm eine Lntschließung an, die das Hoovec-Woratorium billigt und )en Kongreß ersucht, es so schnell wie möglich zu bestätigen. Diese Entschließung zeigt die Wandlung der öffentlichen Mei- nung Amerikas in der Frage der internationalen Schulden.