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Hersfel-erTageblatt

Reisfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-

Nr. 222

Dienstag, den 22. September 1931

81. Jahrgang

Warnungsstgnal an die ganze Welt

England in schwerster Währungskrise

Psundkurs schwer erschüttert Rückwirkungen aus alle Länder unvermeidlich

Die Goldkrise

Es ist seit langem kein Geheimnis, daß sich England in einer ähnlichen Wirtschafts- und Finanzkrise befindet wie Deutschland. Es macht seit Monaten fast genau die gleiche Leidensskala durch, wie wir sie in Deutschland erleb: haben. Auch die Abwehrmittel bewegen sich fast genau in der gleichen Richtung, in den gleichen Bahnen, die man in Deutschland nach monatelangem Suchen und Ringen für notwendig gehalten hat. So konnte eigentlich die Erschüt­terung des englischen Pfundes kaum noch eine Ueberraschung sein, wenn man sich auch gerade in Deutschland nicht vor" stellen konnte, daß das stolze und reiche England um seine Währung bangen müßte. Der vergangene Sonnabend hat darüber jedoch alle Schleier zerrissen: das internatio­nale Vertrauen zur englischen Währung ist er­schüttert worden, in zunehmendem Maße wurden in den letzten Wochen die ausländischen Kredite zurückgezogen. Die Beschlüsse, die in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag vom englischen Kabinett gefaßt worden sind, lassen an dem Ernst der englischen Krise kaum noch einen Zweifel. Man hat den Goldstandard des englischen Pfundes auf zu­nächst 6 Monate aufgehoben und die Goldausfuhr aus Eng­land bis auf weiteres unterbunden. Die weiteren Maßnah­men, die sich logisch aus diesen Bestimmungen ergeben wer­den. haben in erster Linie Bedeutung, und zwar sehr ernste Bedeutung für die Länder, die stark an dem englischen Markt interessiert sind. Frankreich hat in den letzten Wochen wie­derholt darüber geklagt, daß die französische Ausfuhr nach England stark zurückgegangen sei. Das wird in Zukunft in noch viel empfindlicherem Maße der Fall sein.

Der französische Finanzminister hat sich nach dem ersten Bekanntwerden der krisenhaften Zuspitzung in England von Genf nach Paris zurückbegeben, um mit dem Ministerpräsi­denten. dem Gouverneur der Bank von Frankreich und '"führenden Banksachverstandigen die Läge zu besprechen. Die Erklärungen, die von dieser Seite ausgegeben wurden, sind dazu bestimmt, eine Angstpsychose in der französischen Be­völkerung au verhindern. Aber das eine wird man nicht verhindern können, nämlich die Erkenntnis, daß trotz der aufgehäuften Goldvorräte in Paris Frankreich in den Strudel der Wirtschafts- und Geldkrise hineinge­zogen wird. Am Montag hat der holländische Minister und Präsident des Genfer Wirtschaftsausschusses, Colijn, im Völkerbundsausschuß auf die ruinöse und wirtschaftswidrige Wirkung der Tribute und auf die einseitige Anhäufung der Weltgoldvorräte hingewiesen und allen, die es angeht, ein Menetekel an die Wand geschrieben, wenn sie nicht umgehend den Weg der Vernunft beschreiten und alle wider­sinnigen Maßnahmen aus der Welt schaffen. Kurz vorher hatte der deutsche Vertreter im Wirtschaftsausschuß, Dr. Posse, gleichfalls in sehr temperamentvoller Weise an ähn­liche Gefahren erinnert.

Die in Versailles zerschlagene Wirtschaftseinheit des internationalen Welthandels und die Zertrümmerung der deutschen Wirtschaft haben wie eine Infektionskrankheit sämtliche Weltmärkte erfaßt. England windet sich jetzt im Fieber Versailler Unvernunft, und schon machen sich neue Krankheitsherde auch in Frankreich bemerkbar. Das Gold, vor dem Kriege als wirtschaftliches Ausgleichsgewicht gleich­mäßig in der Welt verteilt, ist heute an zwei Hauptpunkten des Weltwirtschaftsverkehrs zusammengeballt und dadurch zur Unproduktivität im Wirtschaftsprozeß verurteilt. Zu diesen wirtschaftlichen Unmöglichkeiten kamen jene politischen Bestrebungen, die das Mißtrauen schürten und die Beun­ruhigung in die Bevölkerungskreise aller Länder trugen.

Die große Frage ist jetzt, ob nun endlich die Gewissen in der Welt wachgerüttelt und die ausschlaggebenden Kreise der Weltpolitik und Weltwirtschaft sich zusammenfinden werden, um den Krebsschaden zu Beseitigen. Der Hoover- Vorschlag war ein erstes Erkennen der Gefahren und der internationalen Zusammenhänge zwischen Wirtschaftskrise und Tributlasten. Frankreich hat damals den Plan unter­höhlt und aus ihm ein Instrument ohne Hand und Fuß gemacht. Die Londoner Währungskrise ist ein ernster Aus- klang dieser französischen Sabotage. Als vor wenigen Wo­chen' wiederum von Amerika aus die Notwendigkeit einer Erweiterung des Hoover-Feierjahres auf fünf Jahre ange­regt wurde, lief man in Paris mit allen Mitteln pressepoli» tischer Agitation dagegen Sturm. Vielleicht wird man jetzt nach diesen Vorgängen in London auch in Paris erkennen, daß das Festhalten an einer Reparations- und Erprefsungs- politik' wie sie bisher gegen Deutschland betrieben wurde, politisch und wirtschaftlich das Chaos bedeuten muß. Man kann nicht Wirtschaftspolitik treiben und gleichzeitig macht- politische Pläne verfolgen wollen.

Wir stehen unmittelbar vor dem Besuch der franzö­sischen Staatsmänner in Berlin. Es wäre ein Verkennen der Lage, wenn dieser Besuch nichts weiter brächte, als theo­retische Erörterungen und im übrigen einige Höslichkeits- floskeln. Das Thermometer politischer und wirtschaftlicher Verwirrung hat den Siedepunkt erreicht. Ein Verkennen der Lage kann einZu spät" bedeuten, das niemals wieder zurückrevidiert werden kann. Die Pariser Goldhamsterei hat zu einer Goldkrise geführt, die sich sehr schnell gegen die richten kann, die da glaubten, mit Gold die Welt regie­ren zu können.

Unterhaus und Uundirise

Fair play der Opposition.

London, 22. September.

Schatzkanzler Snowden brächte im Unterhaus die Gesetzesvorlage zur Suspendierung des Goldstandardgesetzes ein. Der Gesetzentwurf enthält unter anderem die nach­trägliche Genehmigung der Handlung der Bank von Eng­land, zu der sie durch die Regierung ermächtigt wurde, und ermächtigt das Schatzamt, Verfügungen zu erlassen, um Maßnahmen zur Ueberwindung der durch die Suspendie­rung des Goldstandards entstehende Schwierigkeiten in Kraft zu setzen. Snowden betonte, der Gesetzentwurf würde den freien Goldmarkt in London nicht einschränken. Auch die Bewegungsfreiheit des Goldes, das von ausländischen Regierungen und Banken der Bank von England zur Auf­bewahrung übergeben worden sei, würde nicht beschränkt werden. Ihren Verpflichtungen werde die Regierung wei­ter nachkommen.

Sodann gab der Schatzkanzler eine Darstellung der Lage, die die Einbringung der Gesetzesvorlage notwendig gemacht habe.

Parlamentarischer Erfolg der englischen Regierung

London, 22. September.

Die Gesetzesvorlage über Aufhebung des Goldstandards wurde gestern nacht im Unterhaus in dritter Lesung mit 271 gegen 148 Stimmen angenommen. Das Haus konstituierte sich dann als Ausschuß zur Erörterung der einzelnen Artikel des Gesetzentwurfes.

Auch das Oberhaus verabschiedete die Gesetzesvorlage über die Aufhebung des Goldstandards. Der König unter­zeichnete sie danach.

jk.

Der weitere Verlauf der gestrigen Unterhausdebatte über die Regierungsvorlage brächte eine teilweise sehr heftige Kritik der Opposition an den Regierungsmaßnahmen. Der Zusammenbruch des Sterling wurde auf die hohen Zinsen, die England für seinen Pariser Kredit bezahlen müsse, und auf die Kapitalflucht zurückgeführt. Das Vorhanden­sein einer Kapitalflucht stellte Snowden in Abrede. Nach­dem noch ein halbes Dutzend Arbeiterparteimitolieder, die in der Hauptsache dem linken Flügel angehören, sich sehr miß­fällig über die Sparmaßnahmen der Regierung ausgespro­chen und eine Kontrolle der Lebenshaltungskosten verlangt hatten, wurde von dem linken Flügel der Labour-Party Abstimmung gefordert.

Alle Regierungsanhänger erhoben sich' zugunsten der Regierungsvorlage, aber auch die meisten Führer der

Opposition und einige ihrer Mitglieder.

Dann schritt man zur zw e iten L esu n g. Der linke Flügel der Arbeiterpartei beantragte eine Ablehnung der Vorlage mit der Begründung, daß das Haus die zweite Lesung ablehne, bis Vorkehrungen getroffen seien, um die Preise zu kontrollieren und die Kaufkraft der Lohnempfän­ger, der Bezieher von Arbeitslosenunterstützung und der Pen­sionäre der Arbeiterklasse aufrecht zu erhalten. Bei der ersten Lesung hatte ebenfalls der linke Flügel eine Zurückweisung der Gesetzesvorlage beantragt.

Keine Kredite

Paris, 22. September.

In unterrichteten Kreisen bezeichnet man die Gerüchte von gegenwärtig im Gang befindlichen Verhandlungen über die Eröffnung neuer französisch-amerikanischer Kredite zu­gunsten Englands als unrichtig. Man scheint anzunehmen, daß der Sterling-Kurs noch Schwankungen ausgesetzt fein werde. Dieser Zustand werde anhalten, bis der Sterling- Kurs von selbst eine tatsächliche Stabilität erlangt haben rverde, die eine rechtliche Stabilisierung erlaube. Diese könne dann unter Berücksichtigung der normalen technischen Mittel, also auch mit Hilfe einer Konfolidierungsanleihe, durchgeführt werden.

Ein Pfund = 3,57 Dollars?

Ernste, aber ruhige Beurteilung der englischen Finanzkrise in Amerika.

Washington, 22. September.

Von prominenter ökonomisch-sachverständiger Regie- rungsseite wurde zur englischen Lage erklärt: Die gegen­wärtige Lage in England, die offenbar dadurch hevbeigefuhrt worden ist, daß seit Monaten eine hastige und sicher unge­rechtfertigte Flucht aus dem Pfund Sterling im Gange ist, stellt eine ernste i n te r n a t i.o n a le Krise dar, zumal in der ganzen Welt fast die Hälfte allen Außenhandels in Pfund Sterling kalkuliert w'^ und starke Kursstürze schwere Beunruhigungen im Gefolge haben mühten. Es ist aber anzunehmen, daß die gegenwärtige Krise, die als eine Art Reaujustierung nach dem Sturz des MacDonald-Arbeiter-Kabinetts anzusehen ist, halb vorüber gehen wird. Die New Yorker Börse zeigte gestern deutlich, daß in Amerika das Vertrauen in Englands Stabilität nicht geschwunden ist. Das Pfund Sterling dürfte sich der allge­meinen wirtschaftlichen Lage Englands Lessex anpgssen. Jy

Finanzkreisen rechnet man mit der Stabilisierung des Pfundes zu 3,57 Dollar, einer Deflationsmaß. nähme, die Frankreich bekanntlich mit großem Erfolge durchgeführt hat. Politische Auswirkungen erwartet man nicht, sondern rechnet mit der Fortführung der bisherigen britischen Außenpolitik.

Alle europäischen Grotzbörsen geschlossen

Unter dem Eindruck der englischen Währungskrise und zur Verhinderung starker Kurseinbrüche an den einzelnen Börsenplätzen haben die meisten europäischen Großbörsen vorübergehend geschlossen. Neben Berlin waren am Mon­tag geschlossen die Börsen in Stockholm, Kopenhagen, Brüssel, Wien und der größte Teil der Schweizer Börsen, geöffnet blieb die Börse in Paris, in Amsterdam und in Prag. Die schwedische Reichsbank hat im Zusammenhang mit der Lon­doner Währungskrise den Diskont von 4 auf 5 Prozent erhöht.

Der Eindrust im Auslande

3n Berlin:

Die englische Währungskrise und die hiergegen ergrif­fenen einschneidenden Maßnahmen der Regierung haben im ganzen Ausland sensationellen Eindruck gedacht. In Berliner politischen Kreisen ist man sich darüber klar, daß die Auswirkungen für Deutschland keineswegs er­freulich sein werden. Andererseits ist man aber durch die Ereignisse nicht überrascht worden.

Sie sind eine Folge jener politischen und wirtschafts- politischen Fehlentscheidungen, die seit dem Kriege im Zusammenhang mit dem Versailler Diktat ergangen sind. England macht setzt eine ähnliche Krise durch, wie wir sie im Juli erlebten, und über die wir im weseat- --NMu ymweg sluvr/reze-^uliuu-e- vececynrn "nuuz ,u- der Ueberzeugung, daß die Londoner Ereignisse Deutsch­land nicht in ihren Strudel ziehen werden. Wenn man trotzdem die Börsen in Deutschland geschlossen hat, so geschah es als Vorsichtsmaßnahme, um Beunruhigun­gen zu vermeiden, die als Auswirkungen einer nervösen Spannung nicht ausgeblieben wären.

In Paris:

In Paris ist man über die Londoner Vorgänge stark beunruhigt. Der französische Finanzminister Flandin wurde umgehend von Genf nach Paris berufen, um an den Beratungen des Kabinetts über zu ergreifende Maßnahmen teilzunehmen. Die französische Regierung war auf die Londoner Vorgänge und den Ernst der Lage durch den englischen Geschäftsträger schon am Freitag hingewiesen worden. Am Montag fand zwischen dem Finanzminister und dem Gouverneur der Bank von Frankreich beim Ministerpräsidenten Laval eine ein­gehende Besprechung statt, deren Ergebnis u. a. der Beschluß war, die Pariser Börse nicht zu schließen. Da­gegen wurden gewisse Einschränkungen gegenüber den internationalen Wertpapieren im Terminhandel ins Auge gefaßt, um zu verhindern, daß das Ausland die besondere Lage des Pariser Marktes, der allein noch aufnahmefähig ist,mißbraucht". In einem Presse- interview erklärte der Gouverneur der Bank von Frank­reich, daß für Frankreich kein Anlaß bestehe, sich zu er­regen. Im übrigen aber forderte erKaltblütigkeit, Geduld und Vertrauen".

In New Zsork und Washington:

Obgleich die Londoner Maßnahmen selbst die bestunter­richteten Bankiers in New York überraschten, herrscht äußerlich der übliche Optimismus. Fast hat es den Anschein, als ob die amerikanische Finanzwelt noch im­mer nicht die volle Bedeutung der europäischen Krise im allgemeinen und der Londoner im besonderen er­kennt. In Wallstreetkreisen rechnet man mit einer bal­digen Stabilisierung des Pfundes. In Washington glaubt man sogar, daß die Weltwirtschaft durch die jetzigen Ereignisse nach einer schmerzhaften Uebergangs- pertobe gefördert werden würde. Allerdings glaubt man jetzt auch in den amtlichen Kreisen, daß die A u f- rollung des Schulden Problems durch die Londoner Ereignisse beschleunigt werden dürfte.

Goldstandard oder nicht?

Im Zusammenhang mit den Londoner Vorgängen wird in manchen Kreisen die Frage erörtert,- ob es nicht auch für Deutschland zweckmäßig sei, nach dem Beispiel Englands, vom Goldstandard abzugehen.

Dazu wird von unterrichteter Seite bemerkt, daß die englischen Währungsmaßnahmen ja noch keineswegs eine rndgültige Abkehr vom Goldstandard bedeuten. Bisher liegt kein Beweis dafür vor, daß die grundsätzliche Einstellung der englischen Regierung sich irgendwie geändert habe.

Schon daraus ergebe sich, daß Deutschland keine Ver­anlassung hat, eine Aenderung seiner Währungsverhältmsse vorzunehmen. Dazu kommt noch, daß die internen wie die ausländischen Interessen, die Deutschland zum Festhalten be» Goldstandards veranlassen, weiter bestehen.