Hersfel-erTageblatt Reisfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für -en kreis Hersfelö
Nr. 220 Mes Slots) ^»nabend, den 19. September 1931 81. Jahrgang
Gin sensationeller Freispruch
Aufschlußreicher Prozeß über Auslandsgelder für die Deutsche Friedensgesellschaft
n g der Ein - ulticke ^andels- esunde Entwich-
Wirtschaftsblockade gegen Deutschland?
In allen Wirtschaftsländern diesseits und jenseits des großen Wassers beschäftigt man sich seit Monaten mit der Frage, wie die immer verhängnisvoller werdende Wirtschaftskrise gedrosselt werden könne. Es ist schon eine große Reihe theoretischer Pläne aufgetaucht, die aber fast sämtlich den einen Fehler haben, daß sie die Wirtschaftskrise immer nur von dem jeweiligen Standort aus beurteilen. Wo man tiefer in die Materie eindringt, kommt man fast übereinstimmend zu der Feststellung: die bestehende Wirtschaftsordnung muß revidiert werden. Diese Wirtschaftsordnung basiert aber auf den Bestimmungen des Versailler Diktats. Man muß also, wenn man den Schaden heilen will, dem Krankheitsherd nachgehen, d. h., man muß die wirtschaftlichen Bestimmungen des Versailler Diktats genau unter die Lupe nehmen und die dortigen Fehlentscheidungen beseitigen. Das heißt eben Revision des Versailler Vertrages.
Ueber die Notwendigkeit dieser Revision besteht in allen Kreisen kein Zweifel mehr. Auch in Frankreich beginnt man, sich mit Sorge zu überlegen, wie dieser Notwendigkeit zu entgehen sei. Deutschland ist finanziell ausgepowert. Das arbeitende Kapital mußte in Form von Reparationen ins Ausland geführt werden, ohne daß dafür wirtschaftliche Gegenleistungen zurückgeflossen wären. Die durch das Hoo- ver-Jahr erstrebte Schonung des deutschen Inlandkapitals ist dadurch zum Teil unwirksam geworden, daß die ausländischen Kredite in erheblichem Umfänge herausgezogen wurden. Ohne Betriebs- und Werbekapital aber ist keine Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Daher überall die Stillegungen, die Arbeiterentlasfungen, der katastrophale Rückgang der Kaufkraft des deutschen Volkes. Als einziger Weg bleibt die Ausfuhr bei starker Drosselv
Die. aktiv« h bilanz in den letzten Monaten stellt keine l . lung sondern eine Notmaßnabme dar. Sie war auch nur bei starkem Preisdruck zu erreichen, was zu scharfen Gegenmaßnahmen des konkurrierenden Auslandes führte.
Gerade in diesen Tagen hat man sich in Genf im Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes mit diesen Vorgängen beschäftigt. Von dem deutschen Vertreter ist unter Hinweis auf die Kennzeichnung der Lage im Layton-Bericht festgestellt worden, daß Deutschland, um leben zu können, eben auf diesen Weg gedrängt wurde. Er zeigte die Folgen für Deutschland und für die weitere Verschärfung der Wirtschaftskrise auf, wenn die einzelnen Staaten dazu übergehen sollten, sich gegen deutsche Wareneinfuhr abzuschließen. Frankreich hat bekanntlich erst vor kurzem eine Einfuhrsperre für Holz und Wein verhängt, und in , England sind sehr starke Strömungen vorhanden, die auf eine verschärfte Schutzzollpolitik besonders deutscher Waren gegenüber ab- zielen. Man muß sich in Deutschkand darüber klarwerden, was es bedeuten würde, wenn sich diese Bestrebungen weiter durchsetzen sollten.
Eine besondere Note erhält aber die Frage der deutschen Handelspolitik durch das Verhalten der Schweiz. Dort besteht mindestens in den Wirtschaftskreisen die ernste Absicht, von der Regierung die Kündigung des deutschschweizerischen Handelsvertrages als Antwort auf den ständigen Rückgang des deutschen Warenbezuges aus der Schweiz zu verlangen. Das Verhalten der Schweiz muß in Deutschland den allerpeinlichsten Eindruck hervorrufen. Denn gerade die Schweiz hat nicht zuletzt in den Zeiten größten deutschen Geldbedarfs mit Deutschland die allerbesten Geschäfte gemacht. Jetzt, wo Deutschland, nicht in letzter Linie auch durch das Verhalten schweizerischer Geld- geber, auf die viel zu kurze Decke des Eigenkapitals angewiesen, und also zu großen Auslandsaufträgen einfach nicht in der Lage ist, will man Deutschland durch Kündigung des Handelsabkommens strafen. Man will es wirtschaftlich aushungern.
Für immer weitere Kreise werden alle solche Vorgänge hoffentlich das eine Gute haben, daß sie erkennen, daß wir uns restlos nur auf uns selbst verlassen dürfen. Mit dem, was uns geblieben ist und mit unserer Hände Arbeit, mit größter Sparsamkeit im öffentlichen und privaten Haushalt, im übrigen aber durch unbeugsame, Zähigkeit und Glauben an die Zukunft müssen wir das Werk des Wiederaufbaues, der Krisenüberwindung anpacken und alles vermeiden, was den Erfolg in Frage stellen könnte. Das Reichskabinett ist soeben damit beschäftigt, das Winterprogramm fertigzustellen. Es sollte sich keiner irgendwelchen Illusionen darüber hingeben, daß dieses Programm etwa Erleichterungen brin- gen wird. Im Gegenteil, jeder einzelne wird neue Opfer zu bringen haben. Wenn man die Ueberzeugung haben darf, daß diese Opfer ohne Einfluß von links oder rechts nach dem Grundsatz gleichen Rechtes und gleicher Pflichten von uns verlangt werden, dann sollen wir sie auf uns nehmen. Denn nur dadurch können wir wieder vorwärtskommen. Jeder Versuch aber, Sonderinteressen zu verfolgen, oder einen Teil gegen den anderen auszuspielen, müßte zu einem Veragen der Selbsthilfe führen und Folgen nach sich ziehen, die nicht zu überdenken sind. Es kommt zunächst gar nicht o sehr darauf an, welche Einzelmaßnahmen vorgesehen ind. Die Hauptsache ist. daß alle wirtschaftlichen Maßnahmen so aufgestellt werden, daß alle Wirtschaftszweigs wieder zu neuem Leben angeregt werden und damit dtzk
Gefundungsprozeß am ganzen Wirtschaftskörpei Deutschlands einsetzt. Je gleichmäßiger die Notmaßnahmen sich über das ganze Wirtschaftsgebiet verteilen, um so gleichmäßiger wird auch die erhoffte Entlastung aus dem Arbeits- markt vor sich gehen. Eigensüchtige Interessen verfolgen, hieße heute aber, jenen ausländischen Mächten Handlangerdienste leisten, die sich anschicken, gegen Deutschland die Wirtschaftsblockade zu verhängen.
Sie Geafer Wirtschastsdebatte Kritik an den Methoden des Völkerbunds.
Genf, 19. September.
Als Vertreter Großbritanniens betonte im weiteren Verlauf der Aussprache des Wirtschaftsausschusses Sir ■ Arthur Salter, der frühere Direktor der Finanz- und Wirtschaftsabteilung des Völkerbundes, er teile den Standpunkt des deutschen Vertreters, daß die Wirtschafts- und Finanzprobleme im Hinblick auf die jetzige Krise eng Zusammenhängen. Zu den Wirtschaftsvroblemen bemerkte der englische Vertreter, daß den Bemühungen, den wertvollen Empfehlungen der Wirtschaftskonferenz vom Jahre 1927 zur Durchführung zu verhelfen, wenig Erfolg beschieden gewesen sei. Er sprach sich weiter ziemlich skeptisch über die französische Anregung internationaler Industrievereinigungen aus. Der englische Vertreter dankte schließlich dem deutschen Delegierten für die Bereitwilligkeit, die Deutschland den englischen Wünschen auf Herabsetzung gewisser Zölle entgegenbringe. Er habe diese Mitteilung seiner Regierung weitergeleitet.
Der holländische Delegierte Eolijn, der Präsident der verschiedenen Wirtschaftskonferenzen des Völkerbundes, kritisierte sehr scharf die bisherigen Arbeiten des Völkerbundes M wirtschaftlichem Gebiet. Sodann äußerte auch Eo- lijn schwerwiegende Bedenken gegen die französischen Kartellideen. Gegen die Präferenzen für Getreide werde Holland keinen Einspruch erheben. Aber er müsse sich schon fehl dagegen wenden, daß die Präferenzbehandlung auch auf andere Produkte ausgedehnt werde.
Der Direktor des Wirtschafts- und Handelsdepartements der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Stucki, teilte mit, daß von fast sämtlichen Gruppen des Ständerates eine Eingabe an den Bundesrat unterzeichnet worden fei, worin sofortige Maßnahmen zum Schutze der internationalen Wirtschaft gefordert werden. Die Rede des schweizerischen Delegierten wird in Völkerbundskreisen so ausgelegt, daß sie die Ankündigung einer grundsätzlichen Abkehr der Schweiz von ihrer bisherigen Handelspolitik bedeute. Man befürchtet, daß die Schweiz zu einem System von Einfuhrverboten und Zollerhöhungen schreiten werde.
Curtiiis über Mandatssragen
Genf, 19. September.
Im Politischen Ausschuß der Völkerbundsversammlung ergriff Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s das Wort zu einer Erklärung über die Mandatsfragen. Der Minister begrüßte es lebhaft, daß der Völkerbund durch einen norwegischen Antrag auch in diesem Jahre die Möglichkeit habe, sich über die Mandatsfragen auszusprechen. Damit werde eine Tradition gepflegt, welche den Pflichten entspreche, die der Völkerbund angesichts der bedeutenden Interessen, der Bevölkerung, der weltpolitischen Fragen und des Zusammenhanges der Weltwirtschaft, besitze. Die Arbeiten der Mandatskommission seien als außerordentlich wertvoll zu bezeichnen.
Als eine in letzter Zeit aufgetauchte wichtige Frage erwähnte Dr. Curtius die Zulassung fremder Aerzte in den Mandatsgebieten, an der auch Deutschland ein großes Interesse habe. Er sprach den Wunsch aus, daß diese ^rage positiv geregelt werde.
Belgischer Vorftob in Gens Kriegsverzicht muß in die Völkerbundssatzung.
Genf, 19. September.
Bei der Frage der Angleichung der Völkerbundssatzung an den Kellogg-Pakt, die seit mehreren Tagen im Rechts- ausschuß der Völkerbundsversammlung ohne Aussicht auf ein positives Ergebnis erörtert wird, bekämpfte der belgische Vertreter R o l l t n in einstündiger Rede den Vorschlag, die ganze Angelegenheit wiedermn auf unbestimmte Zeit zu oer« tagen.
Rollin machte geltend, die Völker würden es nicht verstehen, daß die Mehrzahl der Staaten nicht in der Lage fein sollte, den Stand ihrer vertraglichen Verpflichtungen auf eine gemeinsame Formel zu bringen. Unter Anspielung auf das französische Bedürfnis nach neuen Sicherheiten er- klärte der belgische Vertreter, er wisse nicht, was der Völkerbund auf diesem Gebiet besseres tun könne, als den restlosen Verzicht auf den Krieg im Sinne des Kellogg-Paktes in die Völkerbundssatzung aufzunehmen.
Bedenklich mußte allerdings zum Schluß seine Anre- gung stimmen, der Abrüstungskonferenz die weitere Prüfung dieser Frage zu übertragen.
Der Schrei nach moralischer Abrüstung
Der Völkerbund wünscht stärkere Mithilfe der Frauen. — Eine Welt-Pressekonferenz in Kopenhagen? ^ Genf, 19. September.
Im Abrüstungsausschuß der Völkerbundsversammlung mürben gestern die Anträge der spanischen Delegation über die moralische Abrüstung behandelt. Der erste- dieser Anträge bezweckt unter besonderem Hinweis auf die Abrüstungskonferenz die stärkere Heranziehung der Frauen zu den Arbeiten des Völkerbundes. Nachdem verschiedene Delegierte, darunter der deutsche Vertreter Graf B e r n st o r f s und der englische Vertreter Lord C e c i l ihre Stellung zur Frauenfrage erläutert hatten, wurde der spanische Antrag, gegen dessen Formulierung verschiedene Einwände erhoben worden waren, einem Redaktionsausschuß über« wiesen, ebenso wie der zweite Antrag der spanischen Delegation, der sich auf die Bekämpfung tendenziöser, den Frieden gefährdender Pressemeldungen bezieht. Allgemeine Zustimmung fanden die Erklärungen des dänischen Vertreters, der darauf hinwies, daß irgendwelche Maßnahmen nicht ohne Fühlungnahme mit maßgebenden Vertretern der Weltpresse getroffen werden dürften und nach dem Vorgang der Genfer P re f s e re ch ts ko n f e r enz von 1927 vor- schlug, eine Konferenz in Kopenhagen zusammentreten zu lassen. Gegenüber den Ausführungen des polnischen Vertreters, dem an der Schaffung neuer Einwirkungs- m ö g l i ch k e i t e n auf das Nachrichtenwesen und die Pressekommentare in Fragen der internationalen Politik besonders viel gelegen zu sein schien, machte Lord Cecil geltend, daß man die Bedeutung der Presse nicht überschätzen dürfe und daß umer Umständen Politiker gefährlicher sein könnten als
Japaner bombardieren Mukden
80 Ehinesen getötet. — Die Garnison von Peitaying gefangen.
Peking, 19. September.
In der Umgebung von Mukden kam es abends zu einem Zusammenstoß zwischen japanischen u. chinensischen Truppen, nachdem Chinesen versucht «hatten, die Brücke der südmand- schurischen Eisenbahn zu zerstören. Die Japaner nahmen die chinesische Garnison von Peitaying gefangen.
Nach einer ergänzenden Meldung eröffnete eine japanische Abteilung das Feuer auf das Arsenal von Mukden. Im Anschluß daran beschoß sie auch das chinesische Lager und die Stadt. Von 10 Uhr abends ab fielen alle zehn Minuten Granaten nieder, obwohl die Chinesen das Feuer nicht erwiderten. 70 bis 80 chinesische Soldaten wurden getötet. Als der Gouverneur der Mandschurei, Marschall Tschang- suliang, diese Nachricht erhielt, befahl er den chinesischen Truppen, die Waffen in die Waffendepots zu bringen und das Feuer nicht zu erwidern.
In Peking glaubt man, daß die japanischen Militärbehörden so unvermutet gehandelt haben, um die Chinesen zu zwingen, die Angelegenheit des Hauptmanns N a k a m u r a zu regeln, der dem japanischen Generalstab angehörte und im Juni in der Mongolei ermordet wurde, angeblich von chinesischen Soldaten der Mukdener Armee. Chinas Zögern, auf die japanischen Proteste wegen der Ermordung Naka- muras zu antworten, rief große Erbitterung in den militärischen Kreisen Japans hervor. ..
Verschärfung der Zeitungsverbote?
Nationalsozialistischer Protest wegen des „Angriff"-Verbols vom Reichsinnenminister zurückgewiesen.
Berlin, 19. September.
Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Hinke! hat den Reichsinnenminister Dr. Wirth im Reichstag ausgesucht und dem Minister dargelegt, weshalb die Nationalsozialisten gerade das diesmalige Verbot des „Angriff" als unberechtigt betrachten. Dr. Wirth betonte demgegenüber, daß angesichts der radikalen Hetze und der Vorgänge am Kurfürstendamm, die Deutschland auch dem Auslande gegenüber in Mißkredit gebracht hätten, ein energisches staatliches Vorgehen am Platze fei. Minister Dr. Wirth beendete die Unterredung mit der Erklärung, daß die nationalsozialistische Beschwerde selbstverständlich wie jede andere auf dem normalen Geschäftswege geprüft werden würde.
Wie wir weiter erfahren, werden an zuständiger Stelle Maßnahmen erwogen, die eine Umgehung des „Angriff"- Verbots in Zukunft von vornherein unmöglich machen werden.
Auch der Ersah-„Angriff" verboten.
Als Ersatz für den verbotenen „Angriff" war auf den Berliner Straßen ein anderes nationalsozialistisches Blatt, die „Signale", zu kaufen. Darin erblickte das Polizeipräsidium eine Umgehung des Verbotes und beschlagnahmte auch die Auflage der „Signale". ,