HersfelöerTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger für den kreis Hersfel-
Nr. 219
Freitag, den 18. September 1931
81. Jahrgang
Englands Atlantik-Flotte streikt!
Verschärfte passive Resistenz der Matrosen — Rückfahrt der Kriegsschiffe in die Heimathafen
Ergebnis der Woche
Rededuell Briand — Curtius.
Kr. Kr. Am Ende der vorhergehenden Woche glaubte jeder, die große Diskussion Briand — Curtius in Genf werde Entscheidendes über die nächste politische Zukunft enthüllen. Der augenblickliche Zustand der Ungewißheit lahmt die Kräfte aller Völker, und so muß eine Entscheidung kommen. Der Redeaustausch in Genf hat nichts entschieden. Seit die Notflut steigt und alles wirtschaftliche Leben zu ertränken droht, predigt alle Welt, es könne kein Heil kommen, ehe sich nicht Frankreich und Deutschland verständigten. Gab es einen besseren Boden zu einer Aussprache zwischen den beiden Mächten als angesichts der in Genf versammelten Vertreter aller Kulturnationen? Wenn das Ergebnis dieser öffentlichen Reden der Beginn der deutsch-französischen Verständigung sein sollte, dann steht es nicht gut darum. Briand wühlte in der Vergangenheit, brächte seine alten Vorschläge hervor, die längst durch die Ereignisse überholt wurden.' Curtius, unser Außenminister, kein Blender, kein Redner, der neue Ideen in die Welt schleudert, gab eine wackere Darstellung der augenblicklichen Weltlage. Alles hatte Hand und Fuß, was er sagte, alles war belegt. Und da es traurig in der Welt aussieht trotz Völkerbund, meinte er, man solle nicht mehr rückwärts schauen, sondern vorwärts,' man solle alles jetzt derartig bauen, daß es auch in der Zukunft Bestand habe. Das große Gezeter, das über diese Rede unseres Außenministers in der Pariser Presse entstand, mußte uns unverständlich erscheinen, wüßte man nicht, daß gewissen Kreisen in Frankreich — leider sind es gerade diejenigen, welche durch ihre Presse das französische Volk „aufklären" — selbst die Konstatierung einer Wahrheit seitens Deutschlands ''öchst verwerflich ist. Pivtznch-oerstummte dieses Pressegeschrei. Vielleicht daraufhin, daß inzwischen der Besuch der französischen Staatsmänner in Berlin auf den 27. September fe tgesetzt wurde, und so sich wieder eine neue Möglichkeit auftat, die große Entscheidung hinauszuschieben und unter der Hand in diplomatischen Besprechungen noch das zu erreichen, was man nicht gern öffentlich fordern möchte.
Andere Gegenspieler.
Heute schon scheinen uns die Reden von Genf so überholt, als wären si^ vor Jahren gehalten. Gewiß, die Weltgeschichte wird von Männern gemacht. Das konstatiert ein Berliner Großblatt, das sonst dem Kollektivismus gern das Wort redet, zu Ehren des neuen französischen Botschafters in Berlin Francois-Poncet. Aber jede einzelne Persönlichkeit ist doch immer der Exponent einer breiteren naturhaf- ten Menschenschicht, deren Handlungen durch bestimmte Ideen und Ziele geleitet werden. So kann man auch Fran- cois-Poncet als Exponent jener großen Finanzkräfte ansehen, deren Ziel es ist, die europäische Gesellschaft gemäß eigener finanzieller und wirtschaftlicher Ideen wieder in Ordnung zu bringen. Daß aber diesen Kräften gegenüber auch Gegenspieler am Werk sind, und daß diese, vorläufig noch Ausdruck einer Persönlichkeit, ihren entschlossenen Willen kundgeben, daran erinnern die schweren Eisenbahnattentate von Iüterbog und von Bia Torbagy in Ungarn, die offenbar in Zusammenhang stehen. Es sind dies Attentate auf die internationale Gesellschaftsordnung. Die früheren Gegner dieser Gesellschaftsordnung, die Anarchisten, suchten in den sogenannten Potentaten, fürstlichen Persönlichkeiten, die Gesellschaft zu treffen. Der heutigen Gesellschaft fehlen, derartige Spitzen. Wer heute irgendwo an der Spitze steht, steht so wie so nur auf Abruf. Wer darum die heutige Gesellschaftsordnung treffen will, muß die M-ffse treffen, muß eine gewisse Schicht treffen. Wen die Eijenbahnattentäter treffen wollten, offenbart sich darin, daß sie in Bia Torbagy einen Personenzug durchließen und hen internationalen Expreß, worin sie die Angehörigen des internationalen Kapitals treffen konnten, in die Luft sprengten.
Die Macht des Geldes.
Fast zu gleicher Zeit erhob sich in Oesterreich jener Teil des Volkes, der die augenblickliche Gestaltung des österreichischen Staates nicht anerkennen will. So töricht und verwerflich dieser Putsch auch von bestimmten Gesichtspunkten aus sein mag, immerhin muß er als ein Akt der Verzweif- lung, als ein Aufbäumen gegen die endgültiae Auslieferung des österreichischen Volksstaates an fremdes Geld und fremde Politik angesehen werden. Der Putsch zeigt, wie krank einer der besten Arbeitgeber am europäischen Körper ist. Krank in- folge der törichten Balkanisierung, die jene Verträge von 1919 geschaffen haben. Es war ein Symptom, das alle Welt auf- rütteln müßte, um endlich die Heilung dieser Krankheit In Angriff zu nehmen. Aber wer wagt das? Niemand wagt es, den Unsinn von Versailles, St. Germain und wie die Vertragsorte heißen, auszulöschen. Der augenblickliche Zustand Europas ist ein geeignetes Feld für die Pläne des ungeheuren Finanzkapitals, das zwar international ist, aber in Frankreich sein gutes Wehr und Waffen hat. Alle jene Staaten, die bei der Neugestaltung dem Volke soziale Segnungen jeglicher Art angedeihen ließen, befinden sich heute in der furchtbarsten Geldnot und damit in einer Wirtschaftsnot, die über kurz oder lang jene sozialen Errungenschaften Lpnz oder zum Teil wieder In gMg» &»ltL In allen diesen
mehr oder minder sozialen Republiken wie Rußland, Oesterreich und Deutschland ist es nicht gelungen, ein Staatskapital zu schaffen, und so sind sie auf die Hilfe des Privatkapi- tals angewiesen, d. h. auf die Hilfe des französischen Volkes. Nicht Frankreich als Staat wird ihnen Geld leihen, sondern die französischen kapitalkräftigen Bürger. Es ist aber ausgeschlossen, daß Privatleute ihr Eigentum hingeben wollen an Mächte, die das Privatkapital zerstören wollen, wie es in Rußland geschah, oder es allmählich auflösen wollen, wie es das Ziel sozialistischer Parteien ist. Das amerikanische Privatkapital verlangte von der englischen Regierung den Abbau der Soziallasten, ehe es sein Geld zur Verfügung stellte. Dasselbe verlangt der französische Finanzminister von Oesterreich als Vorbedingung für eine Anleihe. Natürlich neben dem sonstigen Abbau der Staatsausgaben. Mit Recht erkennen hier die Anhänger der sozialistischen Staatsidee den Angriff des Privatkapitals auf seine Gegner. Wie weit unter Francois-Poncets Leitung dieser Angriff auch nach Deutschland vorgetragen wird, werden wir erkennen, sobald nach dem Besuch in Berlin die Grundlage einer deutschfranzösischen Verständigung bekanntwird.
Schicksalsstunden Englands.
Wohin ist der Stolz Englands? Einst sahen die Engländer im Bewußtsein ihrer ungeheueren Weltmacht auf den Kontinental-Europäer herab wie auf Menschen zweiter Klasse. Unter der Gewalt der Wirtschaftsnot ist England heute den um ihre Existenz ringenden Völkern eingereiht. Seine Macht ist zerschlagen. Die Quellen seines Reichtums sind verstopft, es zehrt nur noch von dem Erworbenen. Der schlagendste Beweis für den Niedergang seines Weltreiches ist die Tatsache, daß heute ein armseliges Männlein, das kaum seine Blöße bedeckt, Gandhi, mit den stolzen Engländern, den Herren Äntzi-ns^ an einem Tische sitzt und den Lords offen ins Gesicht sagt, er sei kein Untertan Englands, noch wollten es die Millionen Indter sein, die sich nur der Gewalt beugten. Sein Ziel sei Indiens Selbständigkeit und Unabhängigkeit uon England. So wird England den Reichtum Indiens verlieren, wie es den Reichtum seiner alten Kolonien verloren hat. die heute nur noch als selbständige Staaten in loser Verbindung mit dem Mutterlande stehen. Wohin ist der Stolz der englischen Flotte, die heute den Gehorsam verweigert, weil ihr Sold gekürzt wird? Wahrhaftig, Zeichen genug, um die Welt aufmerken zu lassen, daß über Europa eine Dämmerung hereingebrochen ist, von der wir noch nicht wissen, ob sie in finstere Nacht führt oder den Anbruch eines neuen Tages ankündigt.
Die stillgelegte Atlantilfiotle
London, 17. September.
Die Seeleute der Atlantischen Flotte sind, wie der „Star" meldet, in den Streik getreten. Auf dem Linienschiff „Rodney" weigerte sich die Mannschaft, die Boote, die den Verkehr zwischen Schiff und Land unterhalten, zu besetzen. Auf dem Kreuzer „Pork" hat, nachdem im Schiff „Licht aus" gepfiffen war, eine geheime Versammlung der Mannschaft stattgefunden, in der beschlossen wurde, sich dem Streik an- zuschließen. Die Streikbewegung ging von den Linienschiffen „Rodney" und „Vallant" aus und verbreitete sich schnell auf die anderen Schiffe der Flotte.
Die Großkampfschiffe „Hood", „Malaya", „Repulse", „Warspite" und die Kreuzer „Dorfetshire", „Norfolk" und „Exeter" sind ebenfalls von der Streikbewegung ergriffen. Die Mannschaften haben sich zwar noch keine Ausschreitungen zuschulden kommen lassen, jedoch ist die Lage sehr gespannt. Die Matrosen erklären, sie würden auf ihrer Gehorsamsverweigerung bestehen, wenn die Admiralität ihre Forderungen nicht erfüllt. Bei einer Versammlung in.der Landkantine in Invergordon wurde das kommunistische Lied von der roten Fahne gesungen.
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Bei Morgengrauen sollen sich wie der „Evening Standard" meldet, mehrere hundert Mann des Linienschiffes „Rodney" um den Geschützturm herum versammelt haben. Sie hätten einen Gassenhauer gesungen und einer von ihnen habe mit lauter Stimme gerufen, ob die Mannschaften etwa entmutigt seien. Die Besatzung des in der Nähe liegenden ' achtkreuzers „Hood" narre laut mit „Nein" geantwortet, dieser Ruf sei durch die ganze Flotte gegangen.
Heimkehr in die Heimathäfen
Alle Schiffe der Atlantischen Flotte haben die Rückfahrt in ihre Heimathäfen angetreten. Die Abfahrt hatte sich etwas verzögert, bis schließlich den Seeleuten zugesichert wurde, daß das Ziel der Fährt wirklich die Heimathäfen seien.
In einem im Namen der Seeleute an die Admiralität gerichteten Schreiben wird eine Milderung der drakonischen Lohnkürzungen verlangt, die die am niedrigsten bezahlten Matrosen erleiden würden. Die Seeleute, die sich als gehorsame Untertanen des Königs bezeichnen, erklären, sie seien mit einer vernünftigen Lohnsenkung einverstanden.
Wie „Daily Herold" meldet, liegen auch Meldungen vor, daß in der Armee und auch in der Polizei Anzeichen von Unruhe bemerkbar geworden seien.
Völkerbund und Wirtschaftskrise
Viel geredet, aber wenig getan.
Genf, 18. September.
Der Wirtschaftsausschuß der Völkerbundsversammlung besprach die Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Als erster Redner sprach der tschechoslowakische Senator Stodola. Die tschechoslowakische Regierung messe der Frage der Präferenzen große Bedeutung bei und hoffe, daß auch die außereuropäischen Staaten diesem zur Ueberwindung der Agrarkrise in Europa notwendigen Werk der wirtschaftlichen Selbsthilfe ihre Zustimmung erteilen würden. Die Tschechoslowakei begrüße den in dem Bericht der Wirtschaftssachverständigen des Europa-Ausschusses erwähnten Gedanken einer europäischen Zollunion als Endziel.
Frankreichs Handelsminifter Rollin
machte hierauf längere Ausführungen, die sich vor allem auf die Präferenzen und den im Mittelpunkt der im Mai veröffentlichten französischen Denkschrift stehenden Gedanken der internationalen Wirtschaftsententen vezogen. Die Weltwirtschaftskrise erfordere sofortige Lösungen. Die Krise weise keine rückläufige Tendenz auf, und ein längeres Warten könne verhängnisvoll fein. Man habe sich bereits zu einer wirksamen Inititiative entschlossen. Um den Ländern Mittel- und Osteuropas den Absatz ihrer Getreidevorräte zu erleichtern, habe man besondere Maßnahmen ergriffen. Der französische Vertreter sprach den Wunsch aus, daß das von Frankreich mit besonderem Interesse betrachtete Problem der Veranstaltung großer öffentlicher Arbeiten in einen gesamteuropäischen Plan eingegliedert werde.
Aber alle diese Maßnahmen, so wertvoll sie auch seien, stellten nur Br^fe hac^U^ firife mildern, rrhrr nicht beseitigen könnten, weil sie ihre Ursachen bestehen ließen. In der Produktion und Verteilung der Güter müsse Ordnung an die Stelle der Unordnung treten. Der Redner kündigte einen Enkschließungsentwurf über die Wirtschafts- sntenten, die unter Aufsicht des Völkerbundes gestellt werden sollten, an.
Er schloß mit der Beteuerung, daß Frankreich der Sache der internationalen Solidarität tief ergeben sei, weil es wisse, daß es damit nicht nur dem Menschheitsgedanken, sondern bei der Schicksalsverbundenheit der Länder sich selbst einen Dienst erweise.
Ministerialdirektor Dr. Posse, der als nächster Redner sprach, begann seine Ausführungen mit der Ankündigung, daß die besondere wirtschaftliche Lage Deutschlands ihn veranlasse, in diesem Ausschuß einen offeneren und rückhaltloseren Ton anzuschlagen, als man es im allgemeinen gewohnt sei. In feinem Rückblick auf die Arbeiten des verflossenen Jahres erklärte der deutsche Vertreter, es tue ihm leid, feststellen zu müssen, daß er hier nicht viel Zufriedenstellendes bemerken könne. Es habe an der großen, leitenden Idee gefehlt, die notwendig sei, um einen Ausgleich zu schaffen. Er erinnerte an- die Versuche, Ordnung in die internationalen Handelsbeziehungen zu bringen und erklärte zu der Anregung Schwedens, die wiederholt gescheiterte Genfer Handelskonvention in Kraft.zu setzen, daß Deutschland nach wie vor einem solchen Abkommen sympathisch gegenüberstehe, da es eine gewisse Sicherheit für die bestehenden Handelsverträge schaffe. Aber die englische Delegation habe sich auf der letzten Konferenz nicht für 5te Inkraftsetzung entschließen können. Dr. Posse wies weiter darauf hin, daß das, was über die künftige Handelsund Wirtschaftspolitik einzelner Staaten verlaute, nicht gerade ermutigend wirke. Man höre, daß sich auch solche Länder mit dem Gedanken von Zollerhöhungen trügen, die man bisher als die Festungen des Freihandels bezeichnet habe.
Roch schlimmer sei es aber, wenn angeblich zum Schutze der nationalen Wirtschaft die Form von Einfuhrverboten, die man längst überlebt glaubte, gewählt würde. Das er- jffne keine erfreulichen Ausblicke. Glaube man etwa, auf diese Weise der europäischen Rot steuern zu können? Wie groß müsse die Wirtschaftsnot in Europa noch werden, um die Erkenntnis zu bringen, daß der auf den Rachbarn abge- fchosiene Pfeil auf den Schützen zurückfliegt? Auf die Dauer werde durch solche Maßnahmen die eigene Wirtschaft in die zrößten Schwierigkeiten geraten. Dr. Posse erinnerte an die Warnungen des deutschen Außenministers in der Bundesversammlung und an seinen Ausspruch, daß die Erde infolge der ungeheuren Rot bebe. hier in Genf sei eine ziemlich ruhige Atmosphäre, aber gewisse Ereignisse der letzten Tage hätten die Richtigkeit der Warnungen des deatschen Außenministers bereits bestätigt.
Der deutsche Vertreter erklärte sein Einverständnis mit den Ausführungen der Vertreter Fankreichs und der Tschechoslowakei über die Zweckmäßigkeit und Unschädlichkeit des Präferenzsystems. Dem Gedanken internationaler Industrievereinbarungen stehe auch die deutsche Regierung sympathisch gegenüber. Aber dem weiteren Ausbau dieses Systems seien Grenzen gesetzt. Dr. Posse schloß: „Wir muffen an die Arbeit gehen. Die Versammlung darf sich aber nicht auf die Erörterungen theoretischer Probleme beschränken, sonoern wir müssen dazu kommen, bald praktische jmh durchgreifende Arbeit zu leisten." j