Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Nr. 218 Donnerstag, den 17. September 1931 81. Jahrgang
Verstärkter Minderheitenschutz notwendig
Reichsauhevminister Dr. Lurtius fordert vom Völkerbund Ausbau der Rechte der Minderheiten
Amerika und die Reparationsfrage
Eine amtliche Erklärung.
Washington, 17. September.
Gegenüber Pressemeldungen über die Absichten der amerikanischen Regierung zur Reparationsfrage darf aus bester Quelle erneut festgestellt werden, daß weder ein positiver Schritt noch eine offizielle Aeußerung hierüber vor Beginn des Kongresses im Dezember zu erwarten ist. Bekannt ist und nicht dementiert wird die Tatsache, daß von Nerv Parker Bankiers ein starker Druck auf das Weihe Haus ausgeübt wird, baldigst die Verlängerung des Hoover-Moratoriums anzukündigen. Fest sieht, daß die Regierung es ablehnt, diese Vorschläge und Anregungen zu diskutieren, bevor der Hoover-Plan vom Kongreß ratifiziert und seine Wirkung auf Deutschlands Finanzlage hinreichend erprobt ist.
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Nach einer Meldung der Associated Preß aus W a • shington hat der amerikanische Handelsattache in Berlin, Douglas Miller, gestern dem Handelsdepartement durch Funkspruch mitgeteilt, daß die finanzielle Lage Deutschlands mehr und mehr normal werde. Wenn es auch noch nicht möglich sei, die Auswirkungen der Finanzkrise des vergangenen Juli richtig abzüschätzen, so bleibe trotz aller Schwierigkeiten die gesunde Grundlage der deutschen Wirtschaft unberührt.
Für fünfjährige Rüstungspause
Amerikas prinzipielle Einstellung.
Nerv Pork, 17. September.
Das Staatsdepartement erklärte gestern seine volle prinzipielle Zustimmung zu der vom Senator B o r a h vorgeschlagenen fünfjährigen Rüstungspause. Eine solche würde, sofern sie allgemein erfolge, segensreich wirken. Die Genfer Abrüstungskonferenz im Mai — an diesem Datum hält Amerika nachdrücklich fest! — würde dann in einer viel freundlicheren Atmosphäre stattfinden. Die amerikanische Regierung erwarte von der Genfer Abrüstungskonferenz kein plötzliches Aufhören aller Rüstungen, sondern lediglich einen ersten großen Schritt zur Beseitigung des Wettrüstens der Landheere und zur Beschränkung sämtlicher Rüstungen. Eine Rüstungspause würde sowohl hierfür und auch für die allmähliche Beseitigung der europäischen Streitpunkte sowie den europäischen Geldbeutel (!) sehr günstig sein. Amerika würde gern für eine Rüstungspause eintreten, sobald die anderen Mächte mitmachten.
Die Beratungen über das Winterprogramm
Dauersitzung des Reichskabinetts.
Berlin, 17. September.
Ueber die Sitzung des Reichskabinetts, das gestern feine Beratungen über das Wirtschaftsprogramm begann, erfahren wir, daß es am Nachmittag gelungen ist, die Frage des Banke nkuratoriums im wesentlichen so weit zu erledigen, daß nur noch einige geringfügige Formulierungen geändert zu werden brauchen. In der Nachmittagssitzung fand eine allgemeine Aussprache über die Finanz- und Wirtschaftspolitik statt. Auf dieser Basis wird dann die Reichsregieung in den nächsten Tagen die Erörterung der Einzelentwürfe fortsetzen.
Schwierigkeiten im Abrüstungsausschub
Polens Antrag abgelehnt.
Genf, 17. September.
3m Abrüstungs-Ausschutz der Völkerbundsversammlung haben sich Schwierigkeiten bei der Abfassung des grundlegenden Artikels des Abkommens über die Verstärkung der kriegsverhükenden Mittel ergeben, der die Voraussetzungen des Eingreifens des Völkerbundsrats im Falle einer Kriegsgefahr vorsieht. Der Ausschuß mußte seine Arbeiten unterbrechen, da ein eingesetztes Redaktionskomitee noch zu keinem Ergebnis hatte kommen können.
Der bekannte polnische Vorschlag wurde endgültig abgelehnt, der als Kriegsgefahr auch die Verletzung internationaler Verpflichtungen über den Rüstungsstand — eine offensichtlich gegen Deutschland gerichtete Bestimmung — vorsehen wollte. Die Vertreter Englands, Italiens und auch Frankreichs sprachen sich übereinstimmend dahin aus, daß eine derartige Bestimmung nur in einer allgemeinen Ab- rüstungskonvcntion ihren Platz finden könnte. Der vol- nische Vertreter zog hierauf seinen Antrag zurück, nachdem er zum Ausdruck gebracht hatte, daß er die Aussichten feines Antrags auf der Abrüstungskonferenz fe^t gering einschätze.
Ausbau der Rechte der Minderheiten
Deutsche Forderung in Genf.
Genf» 16. September.
Im 6. (politischen) Ausschuß der Völkerbundsversamm- lung wurde am Mittwoch die von deutscher Seite beantragte Aussprache über den die Minderheitenfrage betreffenden Teil des Jahresberichts des Generalsekretärs des Völkerbundes eröffnet. Reichsaußenminister Dr. Cu r t i u s ergriff als erster Redner das Wort zu einer längeren Erklärung, in der er von den im vorigen Jahre angenommenen Bericht ausging, in dem sich die Völkerbundsversammlung zur
Achtung vor dem heiligen Recht der Minderheiten
auf Sprache, Religion und Kultur bekannt habe. Dr. Cur- tius erklärte, daß er zu den vor dem Rat gegenwärtig schwebenden Fragen keine Stellung nehmen wolle, obwohl auch dort die grundsätzliche Seite der Angelegenheit wiederhol! gestreift worden sei, insbesondere in den Bemerkungen des damaligen Ratspräsidenten Henderson, der die Minderheitenschutzverträge als eine Notwendigkeit für die Aufrechterhaltung des Friedens und den Minderheitenschutz als eine Frage nicht nationalen, sondern internationalen Charakters bezeichnet habe. Treffender, so betonte Dr. Curtius, könnten die Grundsätze des Minderheitenschutzes nicht dargelegt werden. Auf das Petitionsverfahren im abgelaufenen Jahr übergehend, stellte der deutsche Vertreter zunächst eine
Zunahme der Petitionen
fest. Sie haben sich von 57 im Vorjahre auf 204 im Berichtsjahr erhöht. Als annehmbar wurden 53 gegen 31 im Vorjahr erklärt. Im Jahre 1929/30 waren 38 Komitees, im abgelaufenen Jahre 66 Komitees mit der Prüfung von Minderheitenfragen befaßt. Dr. Curtius erkannte an, daß die Völkerbundsorgane sich ihrer Aufgabe hingebend und erfolgreich angenommen haben
Dagegen fei von den in den Madrider Beschlüssen vorgesehenen besonderen Möglichkeiten nur in beschränktem Maße Gebrauch gemacht worden. Die Pekenken erhielten keine Kenntnis von den Aeußerungen ihrer Regierung und hätten keine Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Dieses verfahren hätte in einer wichtigen Angelegenheit, die den Rat kürzlich beschäftigte — gemeint war die Beschwerde des Deutschen Volksbundes über den Wahlterror in Ost- Oberschlesien — zu Schwierigkeiten führen können, wenn nicht aus anderen Gründen die Angelegenheit hätte vertagt werden müssen.
Dr. Curtius regte auch an, daß die Dreierkomitees ausgiebigeren Gebrauch von dem Rückfragerecht gegenüber den Petenten machen sollten, um das Vertrauen der Minderheiten zur Tätigkeit der Komitees während 8er ganzen Dauer des Verfahrensrechtes zu erhalten. Auch sei eine größere Publizität erwünscht. Auch auf diesem Gebiet sei allerdings eine Besserung zu verzeichnen. Während im Jahre 1930 von 29 Entscheidungen nur drei veröffentlicht wurden, seien in diesem Jahr von 61 Entscheidungen elf veröffentlicht worden. Aber auch das sei immer noch ein ungünstiger Prozentsatz. Dr. Curtius appellierte zum Schluß an den Völkerbund und seine Organe, von diesen Anregungen in der Praxis einen liberalen Gebrauch zu machen.
In der Folge werde noch vieles zu geschehen haben, um eine reibungslose und sachgemäße Durchführung des Min- derheilenschuhes zu sichern. Jedenfalls dürfe der Völkerbund in seiner Tätigkeit nicht erlahmen mit Rücksicht aus die Heiligkeit der Rechte der Minderheiten, auf die Garantieverpflichtung des Völkerbundes und die seelische Lage, ln der sich die Minderheiten insbesondere in Europa befinden.
Eine bezeichnende Ertlarung
Nach der Rede des deutschen Außenministers gab ein Vertreter Rumäniens im Namen der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, Griechenlands, Rumäniens und Polens eine Erklärung ab, in der er auf die Erklärungen hinwies, die von diesen Staaten im vorigen Jahre zu der Frage abgegeben worden seien, und in denen die genannten Staaten betont hätten, daß sie
Verpflichtungen, die über die bestehenden Minderheiten- schuhverträge hinausgingen, nicht zu übernehmen gedächten.
An diese Bemerkung knüpfte sodann der Vertreter Ungarns, Graf A p p o n y i, an mit der Erwiderung, daß er sich ebenfalls auf seine vorjährigen Erklärungen berufen könne und darauf verzichte, auf die von dem Vertreter der genannten Staaten wiederholten Erklärungen näher einzugehen. Graf Apponyi sprach der deutschen Delegation seinen Dank dafür aus, daß sie durch ihre erneute Initiative eine Kontinuität geschaffen habe, die den Zweck habe, das Jnter- esse für das Schicksal der Minderheiten wach zu halten, und schloß mit einem warmen Dank an den deutschen Außenminister.
Deutsche These setzt sich durch
Lord C e c i l bekannte sich im Namen der jetzigen englischen Regierung ohne Vorbehalt zu den von Dr. Curtius zitierten Worten Hendersons über die Minderheitenfrage. Die positiven Anregungen von Dr. Curtius würden Zweifel?
los sorgfältige Beachtung finden. Wenn auch das Verfahren in Minderheitensachen im Augenblick auch noch unvollkommen sei, sei es auf alle Fälle richtig, den Versuch mit dem gegenwärtigen Verfahren fortzusetzen.
Der französische Unterstaatssekretär Maurice Petsche, der nach der Abreise Briands die Vertretung Frankreichs in dieser Kommission übernommen hat, gab eine kurze Erklärung ab, in der er sich den Ausführungen Lord Cecils anschloß und sich im übrigen auf die im vorigen ^ahr von Briand abgegebenen grundsätzlichen Erklärungen bezog. Er gab dem Wunsche Ausdruck, daß das Verfahren in einem liberalen Geiste entsprechend den Rechten der Minderheiten und den unbestreitbaren Interessen der beteiligten Staaten gehandhabt werde.
Als Vertreter Spaniens sprach der in Katalonien gewählte Abgeordnete Hurtadoy Miro, der sich grundsätzlich im Sinne der deutschen Anregungen aussprach und das Hauptgewicht auf die psychologische Seite legte.
Sehr eindrucksvoll trat sodann ein Vertreter Kanadas, Beaubien, ein kanadischer Abgeordneter, in dessen । Wahlkreis eine starke ukrainische Minderheit wohnt, für den Schutz der Minderheiten ein. Die Unterdrückung der Ukrainer in Polen war das Leitmotiv dieser Rede, ohne daß die bekannten Vorgänge ausdrücklich erwähnt wurden. Er erklärte u. a., die Frage der Minderheiten sei keine rein europäische. Kanada habe eine große Zahl von Minderheiten.
Gewisse Vorgänge und Konflikte mit Minderheiten in Europa hätten starke Erregung bei den Minderheiten Kanadas, die ihrem nationalen Stammesvolk treugeblieben seien, hervorgerufen. Sogar das kanadische Parlament sei damit befaßt worden. Diese Konflikte hätten einen starken Widerhall in Kanada gefunden und nicht nur Mihhellig- keiten unter der Bevölkerung hervorgerufen, sondern auch nachteMgerweise auf die Beziehungen zu anderen Staaten eingewirkt.
Er unterstrich die Notwendigkeit, den Minderheiten zu vertrauen. Mit Bezugnahme auf die von dem deutschen Außenminister geforderte größere Oeffentlichkeit in der Handhabung des Minderheitenverfahrens, erklärte der Vertreter Kanadas, die Justiz solle zwar blind sein, die Gerechtigkeit dürfe aber nicht verdunkelt werden. Zum Schluß trat Beaubien für die Schaffung einer ständigen Minder- Heitenkommission ein.
Zum Schluß stellte der Vorsitzende Motta fest, daß in der Aussprache eine Reihe von Wünschen und Anregungen gegeben worden seien und daß die Aussprache zweifel- !os von Wert war, auch wenn keine formulierten Anträge angebracht worden seien. Der Völkerbundsrat werde zweifellos die gemachten Anregungen nutzbar verwerten. Der finnische Außenminister Hrgo Köskin wurde zum Bericht- erftatter bestimmt, der die Aufgabe hat, einen Bericht für Die Völkerbundsversammlung vorzubereiten.
Enrova-llnion wird weiter verfolgt
Genf, 17. September.
Der 6. (politische) Ausschuß hat als Abschluß der Aussprache über den Bericht des Europaausschusses folgende Entschließung angenommen:
Die Versammlung verzeichnet mit Genugtuung die Ergebnisse der Arbeiten des Studienausschusses für die europäische Union. Sie billigt den Bericht des Studienausschusses über seine Konstitution, seine Organisation und feine Ar- beitsmethoden. Sie fordert den Ausschuß auf, das unternommene Werk gemäß den in der Entschließung vom 17. September 1930 niedergelegten Grundsätzen fortzusetzen. Sie empfiehlt ihm, so oft das möglich sein wird, die technischen Organe des Völkerbundes in Anspruch zu nehmen und dem Völkerbund die Regelung der Probleme zu übertragen, die ihm für eine universelle Lösung geeignet erscheinen.
„Keine überspannten Hoffnungen" Zum bevorstehenden Franzosenbesuch.
Paris, 17. September
Die Unterredung zwischen Briand und Dr. Curtius hat auch nach den Pariser Blättern die technische Vorbereitung des Berliner Besuchs der französischen Minister zum Inhalt gehabt.
Pertinax erklärt im „Echo de Paris", daß der französische Außenminister Eurtius vor überspannten Hoffnungen gewarnt habe. Auf beiden Seifen sei es nötig, langsam und vorsichtig Fühlung zu nehmen, wenn man nicht Gefahr laufen wolle, der französisch-deutschen Annäherung eher zu schaden als dienlich zu sein.
Das „Journal" betont ebenfalls, daß der Reichsaußen- minister versucht habe, die Meinungsverschiedenheit abzu- chwächen, die sich aus seiner Rede und derjenigen Briands ergeben hätte. Der „Petit Parisien" ist der gleichen Auf- fassung, ebenso wie alle übrigen Blätter, wobei das „Oeuvre noch unterstreicht, daß man in deutschen Kreisen des Völkerbundes die größten Hoffnungen auf ein gegenseitiges In- dustrieabkommen setze, dessen Verwirklichung nach deutscher Auffassung eine historische Etappe auf dem Wege der Annäherung darstellen würde. ->