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Hersfel-erTageblatt

kersfelSer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS

Nr. 215

Montag, den 14. September 1931

81. Jahrgang

Wieder ein Wem EWWatteM

D-Zug Budapest-Köln stürzt vom Viadukt

22 Tote, 14 Verletzte.

Budapest, 14. September.

Eine schwere Eisenbahnkatastrophe, die 22 Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte, hat sich in der Nacht zum Sonntag um Mitternacht bei der etwa 40 Kilometer von Budapest entfernten Ortschaft Via Torbagy ereignet. Der D-Zug BudapestWienPassauKöln, der Budapest um 23.30 Uhr verließ, passierte gerade einen Viadukt, als eine Explosion erfolgte, die die Gleise zerstörte. Sechs Wagen sowie die Lo­komotive stürzten in die Tiefe. Der Taleinschnitt, an dem sich das Unglück ereignete, ist 30 Meter tief. Die sechs Wag- I gons und die Lokomotive, die sich von dem übrigen Zuge los- gerissen hatten, sind bei ihrem Sturz vollständig zertrüm­mert worden.

Die Rettungsarbeiten gestalteten sich äußerst schwierig. Die ersten eingetroffenen Meldungen ließen eine weit größere Zahl von Opfern befürchten. Es hat sich aber glücklicherweise ergeben, daß der Teil des Zuges, der am dichtesten besetzt war, den Viadukt noch nicht passierte, als sich die Ex­plosion ereignete..

Höllenmaschine auf dem Gleis

Es wurde festgestellt, daß das Unglück durch die Explo­sion einer Höllenmaschine hervorgerufen-wurde. Die Explosion erfolgte erst unter dem zweiten oder dritten Per­sonenwagen. In der Nähe der Unfallstelle wurde eine Zünd­schnur und ein Brief gefunden, in dem es heißt:

Da die kapitalistische Geselljchaftsordvaya uns keine Arvrtt zu verschaffen vermag, so verschaffen wir uns selbst welche."

Nach den Feststellungen des Kommandanten der Pio­nierabteilung,»Hauptmann Nagy, der gleichzeitig Explosions- sachverständiger ist, bestand die Höllenmaschine aus einem kleinen Vulkanfiberkoffer, der mit ein bis zwei Kilogramm Nitroglyzerin oder Dynamit gefüllt war und an dem eine Zündschnur angebracht war, die mit einem Taschenlampen- element in Verbindung stand. Die Drähte waren so ange- bracht, daß der darüber hinwegfahrende Zug die Explosion verursachen mußte.

Bei Bia Torbagy Überdrücken zwei parallele etwa 25 Meter hohe und 60 Meter lange Viadukte das Tal. Da die Strecke doppelgleisig ist, führt über-jeden Viadukt ein Gleis. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß der Verkehr weiter abgewickelt werden kann.

Schreie in der Nacht

Das Unglück wurde zuerst von einem Gepäckträger der Station Via Torbagy wahrgenommen, der sofort Feuerwehr und Gendarmerie alarmierte. Von Budapest folgte die Frei­willige Rettungskolonne in zwei Hilfszügen und eine Abtei­lung der Statspolizei sowie Journalisten in Automobilen.

Der Schauplatz der Katastrophe war weit erhellt, da mehrere Waggons lichterloh bräunten. Tief unten lagen die vollständig zertrümerte Lokomotive und die Waggons, während auf dem Gleis noch fünf losgerissene Wagen stan­den. Durch die Stille der Nacht hallten Wehrufe in unga- rischer, deutscher, französischer und englischer Sprache. Nach­dem man 21 Verwundete geborgen hatte, hörte man keine Stimmen mehr. Unter den Trümmern liegen nur noch Tote.

Die Unglücksstelle ist von Militär und Gendarmerie ab­gesperrt.

Der Zug war wenig von internationalem Publikum be­setzt. Identifiziert wurden bisher der Zugführer, zwei Eisenbahnbedienstete und drei Frauen. Unter den Verletz- ten, die nach Budapester Krankenhäusern gebracht wurden, befinden sich vier Ausländer, und zck>ar eine Ameri­kanerin, ein Londoner ein Pariser und ein Wiener.

Wie in Iüterbog

Schon die ersten Feststellungen der entsandten Unler- suchungskommission ergaben eine auffällige Uebereinstim­mung des Anschlages mit den Attentaten in Südslawien und dem Iülerboger Anschlag.

Als die Explosion erfolgte, entgleisten zunächst der dritte und vierte Wagen. Sie rissen die anderen Wagen mit hin­ab. Die letzten, am meisten gefüllten fünf Wagen blieben auf dem Viadukt stehen.

Die Zahl der Verletzten beträgt nach dem letzten Kom­munique 14, die der Toten 22. Der Bahnverkehr wird vor­läufig auf dem Parallel-Viadukt abgewickelt.

Wer ist der Schuldige?

Während der Bergungsarbeiten wurde ein Mann in blauem Anzug der Polizei vorgeführt. Er soll nach dem Attentat die Gleise entlang in Richtung Budapest ge­laufen sein. Angeblich fällte er Ingenieur sein, doch stellte es sich heraus, daß er nur Bauarbeiter ist. Es bestehen Ver­dachtsmomente gegen ihn. Er und ein verdächtig erscheinen­der Fabrikarbeiter sollen verhört werden.

Die Szegeder Polizei verhaftete am Sonntag früh den aus Budapest eingefrorenen Universität-hörer Peter Buch, holz, der die Eisenbahnbrücke photographierte. Er gab an, daß er den.Sonnenaufgang pholoMpMW vrölllL _ .

Was die Sachverständigen sagen.

Budapest, 14. September.

Nach dem vorläufigen Ergebnis der Untersuchung bei Sachverständigen in Angelegenheit der Explosion sind Zün- der, Zündschnur und Explosivstoff der Höllenmaschine deut­sches Fabrikat, das Tafchenlampenelement aber polnischer und englischen Ursprungs. Infolgedessen scheint es klar, daß

das Attentat von einer internationalen

Kommunistengruppe in Szene gesetzt worden ist, die in den letzten Jahren eine Reihe von Atten­taten in ausländischen Staaten verübten. Es wurde auch festgestellt, daß die Höllenmaschine nicht mit einem Uhrwerl verbunden war, sondern daß

die Sprengung auf Grund von Beobachtungen an Ort und Stelle mit größter Sachkenntnis veranlaßt wurde. Den vor dem Schnellzug fahrenden Personenzug haben die Verbrecher passieren lassen. Die Behörden treffen alle Maßnahmen, um der Täter dieses beispiellosen Verbre­chens habhaft zu werden.

Geheimnisvolle Telephongespräche in der Nacht

^Jm Laufe der polizeilichen Untersuchung wurde festge-

Mißglücktet Heimwehr-Putsch

Wien, 14. September.

Ein Teil des Heimatschutzes unter Führung von Dr. P f r i e m e r hat in der Nacht zum Sonntag in einigen Orten Nordsteiermarks sowie in einigen kleineren Orten Oberösterreichs und Salzburgs einen Putschversuch unternommen. Dr. Pfriemer hat an die Bevölkerung eine Proklamation gerichtet, in der es heißt, der

Heimatschuß habe die Macht im Staate übernommen.

Die Bundesregierung hat alle Maßnahmen getroffen, um die Ordnung wieder herzustellen und Polizei, Gendarmerie und Bundesheer in Bereitschaftszustand gefetzt. An einigen Orten find die vom Heimatschutz in Besitz genommenen staat­lichen Gebäude wieder geräumt worden, in Kirch- d o r f in Oberösterreich sind zwei Führer des Heimatschußes verhaftet worden.

In Wien und im übrigen Bundesgebiet herrscht voll­ständige Ruhe.

Wien, 14. September.

In den Abendstunden des Sonntag erging an die ober- steierischen Heimwehrformationen vom Bundesführer Pfrie­mer aus Graz die Weisung, die Aktion einzustellen und nach Hause zu gehen. Auch die in der Nähe von Graz zusammen­gezogenen Heimschützler aus Weststeiermark traten den Heim­weg an.

Sein letzter Befehl

Graz, 14. September.

In später Abendstunde erließ Bundesführer Dr. Walter Pfriemer folgenden Befehl:

An alle Heimatschutzführer Oesterreichs!

Die Notlage des Bauernstandes, das Elend weiter Kreise und der Arbeiterschaft sowie der schaffenden Teile unseres Volkes hat mich veranlaßt, einen letzten Rettungsversuch zu machen, um es vor der Auslandsversklavung und Niedergang zu bewahren. Obwohl mir nicht nur ganz Steiermark mit Ausnahme von Graz besetzt, sondern weit darüber hinaus gegriffen haben, breche ich, um Blutvergießen zwischen He!- maffchutz und Exekutive zu vermeiden, die Aktion ab. Alle Heimatschutzabteilungen haben sofort geschlossen in ihre Hei­matgemeinden abzurücken. Gleichzeitig teile ich mit, daß ich meine Führerstelle dem Heimatbund zurückgebe.

Bundesstabsleiter R a u t h e r hat seine Funktion im Heimatschutz ebenfalls niedergelegt.

Wie es zum Putsch kam

Zu den Vorgängen in der Steiermark meldet der Be­richterstatter des WTB. noch folgendes: In den obersteieri­schen Ortschaften Bruck, Katzenberg, Judenburg und Schlad- ming erschien am Sonntag morgen um 2 Uhr bewaffnete Heimwehr und versuchte, die Städte militärisch zu besetzen. Eine halbe Stunde später versammelte der Bundesführer der Heimwehr, Dr. Pfriemer, in Judenberg die Unterführer um sich. In einigen Ortschaften wurden Plakate angeschla­gen, in denen alle Gendarmerie- und Heeresbeamte ihres Dienstes enthoben werden und dieUebernahme der Staats­gewalt durch die Heimwehr" bekanntgegeben wird. Bald darauf wurde dann eineneue Verfassung" veröffentlicht, in der sich Dr. Pfriemer zumStaatsführer" ernennt und den Oberbefehl über das Bundesheer" übernimmt.

Kämpfe mit Schutzbündlern

Die Putfchfften gerieten auf ihrem Vormarsch, nachdem sie mehrere Bahnstationen besetzt hatten, in Kirchdorf bei ^» M in.ÄLmgÄÄ« bei, Mürzzuschlag mit Schutz-

stellt, daß der Stationschef einer ungarischen Station um 1 I Uhr nachts also kaum 40 Minuten nach dem Via Tor- bagyer Eisenbahnattentat von zwei ausländischen Sta­tionen telephonisch angerufen wurde, und zwar von Lon­don und von Kopenhagen. Der unbekannte Sprecher erkundigte sich danach, ob auf den ungarischen Eisenbahn­linien alles in Ordnung wäre. Auf die Frage, warum er dies wissen wolle, antwortete der Unbekannte in deutscher Sprache, er wolle nur seinen Fahrplan zusammenstellen. Man hält es für wahrscheinlich, daß der Anruf mit dem Attentat im Zusammenhang steht.

24 Tote!

Die Zahl der bei dem Eisenbahnunglück Getöteten hatte sich nachmittags 6 Uhr auf 24 erhöht.

Eine ungeheuerliche Drohung

Der genaue Text des Zettels, der beim Schauplatz des Eisenbahnattentas gefunden worden ist, lautet:

Arbeiter! Ihr habt keine Rechte! Nun, wir werden Euch solche von den Kapitalisten erwirken. Jeden Monat werdet Ihr von uns hören, denn unsere Freunde sind überall > zu Hause. Es gibt keine Arbeitsgelegenheit! Nun, wir wer- I den welche schaffen. Alles werden die Kapitalisten zu zahlen haben. Fürchtet nichts, unser Benzin geht nicht aus!"

Die Unterfchriftet lautet: Der Uebersetzer.

bündlern in ein Handgemenge. Gendarmerie schritt ein, ent­waffnete mehrere Abteilungen des Heimatschutzes und be­schlagnahmte zwei Maschinengewehre, zahlreiche Gewehre, Pistolen und Munition. Blutiger ging es in Kapfen - berg her, wo abziehende Heimwehrleute ein Arbeiterheim beschossen. Bei dem sich entspinnenden Kampf wurden

ein Schutzbündler getötet, ein Schuhbündler und sieben Putschsjteu schwer verwundet.

In den späteren Nachmittagsstunden hatten etwa 600 feld­marschmäßig ausgerüstete Heimwehrleute

in der Nähe von Wien ein Feldlager aufgeschlagen.

Alarmabteilungen der Polizei unddes Heeres in Automobi­len wurden sofort entsandt, und ehe die Aufständischen ihre Absicht, nach Wien zu ziehen, verwirklichen konnten, waren 260 Heimwehrleute, ohne Widerstand geleistet zu haben, Ge­fangene. "

Das Vorgehen der Regierungstruppen

In Wien war der Puffch in der Steiermark sofort be­kannt geworden. Alle wichtigen Stellen der Stadt wurden von Polizei besetzt. Die notwendigen Schritte zur Nieder­werfung der Aufständischen wurden unverzüglich in die Wege geleitet. Militär, mit Artillerie, Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstet, wurde entsandt, das, unter­stützt von den örtlichen Gendarmerien, die Puffchisten syste­matisch zurückdrängte. Abends schon sah man den Putsch als mißglückt an. Die Heimwehrleute geben eine Position nach der anderen auf. Eisenbahn, Telephon und-Telegraph funktionieren in voller Ordnung. Auch in Oberösterreich herrschte abends wieder vollständige Ruhe. Die Regierung ist fest entschlossen, den Puffch innerhalb weniger Stunden zu liquidieren. Das Erscheinen der Truppen genügte über­all, die gesetzliche Ordnung wieder herzustellen, ohne daß es dabei zu Zusamemnstößen kam.

Das Ende

Um 22 Uhr teilte dieWiener Zeitung" mit, daß der Putsch Dr. Pfriemers zur Stunde bereits als gescheitert anzusehen sei. Die geschlossen eingesetzten Machtmittel des Staates und der Wille der erdrückenden Mehrheit der Be­völkerung hätten das aus innen- und außenpolitischen Grün­den zu verdammende Unternehmen zur Aussichtslosigkeit verurteilt. Auch die österreichische Hitlerbewegung hat durch ihre Landesleitung mitteilen lassen, daß sie mit der Aktion der Heimwehr in keinerlei Verbindung stehe und sie ablehne. Sogar die Tiroler Heimwehr unter Führung von Dr. Steidle hat kategorisch erklärt, daß sie mit der ganzen Aktion von Dr. Pfriemer nichts zu tun haben wolle. In einem

Manifest der Bundesregierung

wird es als Trost in dieser Schicksalsstunde erklärt, daß die Machtmittel vollständig in der Hand der Regierung und allen Situationen gewachsen sind. Dank der Pflichttreue aller staatlichen Organe und der Gesetzestreue der überwie­genden Mehrheit des österreichischen Volkes, welches den verbrecherischen Anschlag mit Entrüstung von sich wies und sich um die gesetzliche Regierung scharte, sei das Unterneh­men auf einen Teil des Bundesgebietes beschränkt und auch dort ohne Erfolg geblieben. Die Bundesregierung werde pflichtgemäß die Schuldtragenden ungesäumt mit der gangen Strenge des Gesetzeszur Verantwortung ziehen.

Auflösung der Heimwehr gefordert

Ein Aufruf der Sozialdemokratie und Freien Gewerkschaften.

Wien, 14. September.

Parteivorstand der Deutsch-Oesterreichischen Sozialdemo- kratie und Bundesvorstand der Freien Gewerkschaften for- dern in einem gestern nacht erlassenen gemeinsamen Aufruf die Auflösung der umstürzlerilchen Heimwehs und Beschlag- nähme ihrer Waffen.