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Hersfel-erTageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 213

Freitag, Den 11. September 1931

81. Jahrgang

Abrüstung darf nicht verschoben werden!

Cecil; Bekenntnis in Gens England unterstützt Grandis Plan Das deutsch-sranzöstsche Problem

Ergebnis der Woche

Deutschland darf nicht erstarken.

kr. kr. Wenn auch in Genf alles möglichst vertuscht und mit rosigen Worten übermalt wird, soviel wird doch aus allem sichtbar, um sagen zu könnendes gebe böse, sehr böse politische Scherben. Dazu ist folgendes oorwegzu- nehmen: Die Krise in Europa hat den Höhepunkt erreicht, sie ist die naturnotwendige Folge der ganzen politischen Ver­gangenheit seit Versailles, wo aus Haß, Mißgunst und Dummheit der größte politische Unfug seit Menschengeden­ken angerichtet wurde. Heute graut es allen vor dieser end­gültigen Gestaltung Europas, wie sie jene Staatsmänner ge­schaffen haben. Die politische Krise resultiert aber allein aus der Tatsache, daß eine einzige Macht, die noch nicht von der Wirtschaftskrise erfaßt ist, die es verstanden hat, aus ihrer aottgesegneten Lage heraus sich den größten Goldschatz der Erde anzueignen. nicht davon lassen kann, ihre augen­blickliche wirtschaftliche und finanzielle Ueberlegenheit allein dazu zu verwenden, um sich auch die letzten politischen Macht­positionen anzueignen. Das muß für Europa kritisch wer­den. Frankreich hat England schachmatt gesetzt, hat Amerika- Eigenwillen gefesselt, Deutschland bis zum Abgrund gebracht, alle zurückgestoßen, die ihm zu Hilfe eilen wollten. Dks bolschewistische Rußland erwartet von Frankreich das letzte Heil einer Anleihe. Ungarn, dieser wegen seiner Verstüm­melung kräftigste Urquell nationalen Unmuts wegen Versail­les, ergibt sich dem Sieger einer Anleihe wegen. Oesterreich, völlig zusammengebrochen, darf nicht einmal die Hilfe bes Brudervolkes anrufen. Jugoslawien ist so in Banden Frank­reichs, daß es auf dessen Wunsch sogar seine Verfassung ge­ändert hat. Italien zwar in stolzer Haltung, aber es dreht und wendet sich doch nach Frankreichs Marschmusik. Polen und die Tschechoslowakei sind mit Haut und Haaren Frankreich verschrieben. Die anderen Kleinstaaten halten ich zurück, um nicht in Konflikte zu geraten. Was haben ie auch zu sagen, wo ein so Großmächtiger wie Frankreich einen vorgezeichneten Weg schreitet. Und dieser zielt in das Herzstück Europas, Deutschland. Nie ist die Stunde so günstig für Frankreichs politischen Willen gewesen wie heute. Es hat keine Gegner mehr. Es will und kann seine politi­schen Forderungen stellen, und die lauten genau wie zur Zeit des Sonnenkönigs, wie zur Zeit Napoleons I. auch heute aus dem Munde der dritten Republik: Deutschland darf keine gleichstarke Macht wie Frankreich sein! Was auch kommen mag, wie auch alles diplomatisch verbrämt und verklausuliert wird: es ist die einzige Forderung Frank­reichs: Deutschland muß schwach gehalten werden, damit Frankreichs Wille in Europa regiere.

Frankreich denke an Athen!

Die ganze Besuchsaktion unserer Staatsmänner kann wohl als letzter Versuch gewertet werden, eine allgemeine europäische Verständigung herbeizuführen, auch mit Frank­reich eine vernünftige Zusammenarbeit zu erzielen, um Europa und die Welt vor der ungeheuerlichsten Wirtschafts­katastrophe zu bewahren. Es ist ein Versuch, wie ihn einst Sparta bei dem hegemonielüsternen Athen vor dem großen Peloponesischen Kriege angebahnt hatte. Den letzten Frie­densherold ließen die Athener nicht mehr vor, sondern schafften ihn an die Grenze. Bei seinem Abschied sagte der Spartaner: von hier ab wird großes Unglüa über Athen kommen! Der furchtbare Krieg kam, durch den Athen und mit ihm Griechenland seine Blüte und Freiheit verlor. Sollte angesichts des fast an Uebermut grenzenden Mißachtens aller nationalen und seelischen Kräfte Deutschlands, das Frankreich immer wieder in seiner Politik zeigt, nicht jemand dem rührigen Francois-Poncet, der offenbar die Triebkraft der neuen französischen Politik darstellt, bei der Abreise aus Genf auf die Schulter klopfen und ihm eine warnende Be­merkung machen ähnlich der des Spartaners? Es droht zwar kein Krieg, aber doch eine Katastrophe. Es könnte dies die Einsicht der Franzosen wecken, die drauf und dran sind, ein französisches Weltreich zu gründen, mit Paris als Mittel­punkt wie einst Rom im Weltreich der Antike.

Verständigung mit Vorbehalt.

Es heißt, daß manche einsichtsvollen Franzosen schon heute nicht mehr gut schlafen. Ein Goldschatz von 19 Mil­liarden auf der hohen Kante ist eine gute Gabe. Aber was ist dies Gold wert, wenn es nicht in Arbeit und Leistung um- gesetzt werden kann? Und davor graut es manchen Fran­zosen, was wohl geschieht, wenn mit Deutschland die Wirt­schaft ganz Europas restlos in Trümmer geht. Dann muß Frankreich mit, trotz all des schönen Geldes. Das sind sicher chöne Pläne, die Francois-Poncet wälzt: zuerst eine mirt- chaftliche Verständigung durch Zusammenarbeit der deut- chen und französischen Industrien, nachdem Briands poli­tische Ideologie versagt habe. Wirtschaft und Politik hän­gen in Europa so eng zusammen, nein sie stehen so in Ver­bindung miteinander wie die beiden Pole eines Magneten, daß auch der französische Plan irgendeine politische Bindung Deutschlands für die wirtschaftliche Zusammenarbeit vorsieht wie etwa: Nichtangriffspakt mit Polen oder politische Feierjahre, während deren Deutschland die Ostfragen ruhen lassen soll. Also es muß schon Polttik mitsprechen, wenn eine Verständigung zustande kommen soll.

AbrWungsrede Lord Cecils Deutsch-französische Verständigung Vorbedingung politischer

Beruhigung.

Genf, 11. September.

In der Sitzung der Völkerbundsversammlung nahm am Donnerstag unter großer Spannung aller Delegierten und der Presse Lord Cecil das Wort, um zu den einzelnen schwebenden Fragen der internationalen Politik Stellung zu nehmen. Er stellte in den Vordergrund seiner Ausführungen die Forderung, daß der Völkerbund sich mehr und positiver mit den Fragen beschäftigen sollte, die die Völker bewegen. Denn hier handele es sich um die Grundprinzipien des Völ­kerbundes Es sei notwendig, daß die Weltöffentlichkeit und ein so wichtiger Teil derselben wie das anlagesuchende Pu­blikum die Gewißheit eines dauernden Friedens hat. Es ergeben sich

Besorgnisse aus der Wettwirtschaststrise

die seit zwei Jahren r d der akuten Finanzkrise, die mit der Gefahr einer unmittelbaren Katastrophe seit drei Monaten herrscht. Es kommt alles darauf an, das internationale Ka­pital dazu zu veranlassen, die Lücken der Zahlungsbilanzen auszufüllen; andernfalls werden in Europa und in Ueberfee immer neue Schwierigkeiten mit der Notwendigkeit von Zah­lungseinstellungen und Moratorien auftreten.

Lord Cecil verwies auf Deutschland, das im Mittelpunkt der gegenwärtigen Krise sieht. Er zitierte mit Nachdruck die Stelle aus dem Baseler Sachverständigen-Bericht, wo die Wiederherstellung des freien Umlaufs von Geld und waren und ein tatkräftiges handeln der Regierungen vor dem Ab­lauf der Stillhaltefrist gefordert wurden und betont wird, daß die internationale politische Lage auf die Grundlage des Vertrauens gestellt werden und die Zahlungen Deutschlands so geregelt werden müßten, daß sie seine finanzielle Stabili­tät nicht gefährden.

Lord Cecil erwähnte kurz die französischen Vor­schläge im Europaausschuß, wobei er durch­blicken ließ, daß sie als praktische Abhilfe der dringenden Notlage nicht in Betracht kämen, da die notwendigen Maß­nahmen nicht in Jahren, sondern in dem nächsten Winter getroffen werden müßten. Was die Regierungen sonst noch zur Wiederherstellung des Vertrauens tun könnten, Regie- rungsgarantien, Ausgleich des Budgets und Zusicherung rein produktiver Verwendung sei nicht ausschlaggebend, so­lange die

Befürchtungen wegen der politischen Lage andauerten. Es bestehe zwar nicht die geringste Aussicht auf Krieg, aber es bestehe in vielen Ländern eine Atmosphäre der inneren Unruhe, deren Rückwirkungen sich über die ganze Welt ausdehnten. Heftige Reden und aggressive Kundgebun­gen seien in vielen Ländern an der Tagesordnung. Das Schlimme dabei sei, daß die Wirkung einer Brandrede nicht einmal durch zehn maßvolle Reden aus der Welt geschafft werden könne. Zum Teil auf diese Umstände sei es zurückzu- führen, daß eine Atmosphäre des internationalen Miß­trauens entstanden sei. Es sollte die besondere Aufgabe des Völkerbundes sein, das Mißtrauen zu zerstreuen. Lord Cecil erklärte in diesem Zusammenhang, er wisse nicht, ob die Revision der durch die Friedensverträge geschaffenen Lage den Frieden fördern würde. Dagegen würde die

Wetterbetreibung der Abrüstung

mehr als irgend etwas anderes das Vertrauen fördern und die Gerechtigkeit als Schiedsrichter der internationalen Streitigkeiten einsetzen.

In letzter Zeit hätten in verschiedenen Ländern er wolle kein Land nennen und auch keinem Land eine beson­dere Schuld geben Luftmanöver zur Ausbildung und Vervollkommnung dieser Waffe, die eine a u s g e - iprochene Angriffswaffe sei, stattgefunden. Da­bei habe sich wieder einmal ergeben, daß der Besitz von Luft- ifreHfräften kein Schutz gegen die Luftstreitkräfte des Geg­ners sei. Die Wirkung der Luftwaffe bestehe in der Zer- öruna größerer Städte, d. h. in der Vernichtung einer un­übersehbaren Anzahl von Menschenleben und der wichtigsten Zentren des materiellen Reichtums. Welch eine Sicherheit sei das für den internationalen Kapitalmarkt?

Das gleiche gelte für die Land- und Seerüstung. Deshalb begrüße er die Worte, die die verschiedenen Redner bisher in der Völkerbundsversammlung der bevorstehenden Abrü­stungskonferenz gewidmet hätten, die nach dem überein­stimmenden Willen der Regierungen am 2. Februar nächsten Jahres zusammentreten werde.Keine Regierung, am wenigsten die meinige, so betonte der Vertreter Englands, würde irgendeinen Vorschlag zur Verschiebung der Konferenz dulden."

Lord Cecil kam dann auf die R e d e Grandis zu sprechen, die, wie er sagte, eine mustergültige Befürwortung des Friedens durch die Abrüstung barftelle. Die Rede ent­halte eine überaus interessante Anregung über die Einstel­lung der RUstungsvermehrungen während der Dauer der Abrüstungskonferenz. Dieser Vorschlag sei ein großartiger Auftakt zur Abrüstungskonferenz. Der englische Vertreter werde ihm seine begeisterte Unterstiitzung leihen in der ernst» «ichen Hoffnung eines praktischen Ergebnisses.Die Abrü­

stungskonferenz", so fuhr Lord Cecil fort,muß Erfolg haben, sie muß zu einer wesentlichen Herabsetzung der Rü­stungen führen. Wenn wir allgemein nur darauf bedacht sind, wie unser Land möglichst leichten Kaufes davonkommt, dann kann nichts erreicht werden.

Ich sehe vor mir die Vertreter zweier hochangese­hener Nationen, die auf ihrem Gebiet in der Kultur führend sind. Wenn eine wirkliche Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur in Worten, sondern durch die Tat erfolgen könnte, so wären 75 Prozent der politischen Unruhe aus der Welt beseitigt.

Es ist behauptet worden, daß England diese deutsch­französische Annäherung im Grunde seines Herzens nicht wünsche, weil es durch die Entzweiung der beiden kontinen­talen Mächte einen um so größeren Einfluß im Rate der Nationen habe. Das ist eine grobe, skandalöse Beleidigung Englands. Die gegenwärtige und jede künftige Regierung werden ihr äußerstes tun, um eine wirkliche und sichtbare Freundschaft zwischen den beiden Ländern herbeizuführen."

Vor Lord Cecil hatte der

spanische Autzenminister Lerrour

zum erstenmal in der Völkerbundsversammlung die Auf­fassung der spanischen Republik zu den großen internatio­nalen Fragen dargelegt. Nach Auffassung der spanischen Regierung stelle der Völkerbund die fruchtbarste Grundlage i für die Organisierung des Friedens dar. Mit Rücksicht auf diese Mission des Völkerbundes lehne Spanien auch jeden Versuch ab, die Völkerbundstätigkeit auf gewisse Gebiete zu beschränken ober feinen Einfluß abzuschwächen. Als Bericht­erstatter für die Abrüstungsfrage widmete Lerroux dieser zuversichtliche Ausführungen betonte aber, daß weder die Organisierung des Friedens, noch die Abrüstung selbst, ' >enigstenL_in den gegenwärtig, mägüch-n Oren^n" zur Garantierung des Friedens genügten. Es müsse eine Befriedung der Geister eintreten, wozu nicht zuletzt die Presse beitragen könne. Lerroux legte der Versammlung eine Entschließung vor, wonach der Völkerbundsrat im Be­nehmen mit der Presse die Möglichkeiten prüfen soll, die Verbreitung falscher Nachrichten zu verhindern, die dazu an­getan sind, die Aufrechterhaltung des Friedens und des guten Willens unter den Völkern zu stören

Zum Schluß der Sitzung sprach der

BuvderratMotta

der unter Bezugnahme auf die Zusammenkünfte der Staats­männer betonte, die Methode müsse sich mit den Genfer Methoden ergänzen. Beide würden erst den Erfolg wahrer internationaler.Zusammenarbeit sichern. Zur Repara- t i o n s f r a ge erklärte Motta, daß die durch die Initiative Hoovers in Fluß gekommenen Diskussionen und Verhand­lungen fortgesetzt werden müßten bis zu einer endgültigen Lösung des Problems. In der Abrüstungsfrage äußerte sich der Vertreter der Schweiz in demselben Sinne wie Grandi.

Die Abrüstungskonferenz dürfe nicht verschoben werden. Ihre Einberufung sei durch den Völkerbundspakt vorgeschrie­ben. Erst eine wirkliche Abrüstung werde das Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens, das notwendig fei für den Wiederaufbau der Welt, schaffen.

Deutschland und die Minderheiten

Genf, 10. September.

Der Präsident Titulescu teilte der Völkerbundssitzung mit, die deutsche Regierung habe den Antrag eingebracht, daß, wie im Vorjahr, der Teil des Berichts des Generalsekre­tärs, der sich auf die Behandlung der Minderheitenfragen bezieht, der politischen Kommission zur eingehenden Prüfung und Behandlung überwiesen werde. Auf diese Weise wolle die deutsche Regierung erreichen, daß das Interesse der Völkerbundsversammlung an den Minderheitenfragen wach gehalten werde.

Deutsch-polnischer Zwischeusall

Deutscher Paßkontrolle»«: verhaftet.

INarienwerder, 11. September.

Der auf dem polnischen Grenzbahnhof Gardesa gegen­über von Garnsee Dienst tuende deutsche Paßkontrollen«: Kop- penatsch ist während der Ausübung seines Dienstes ohne An­gabe von Gründen und ohne vorherige und nachberige Be­nachrichtigung deutscher Dienststellen von einem besonderen polnischen Polizeikommando festgenommen und nach Grau- denz abgeführt worden.

Die Verhaftung stellt eine Verletzung des deutsch-polni­schen Abkommens vom 27. März 1926 über den gegenseiti­gen Eisenbahnverkehr dar, wonach der deutsche Paßkontrol­leur berechtigt ist, den Paßkontrolldienst für Deutschland auf dem polnischen Bahnhof Gardeja zu versehen. Eine sofortige Untersuchung des Falles, die von dem zuständigen Landrat in Marienwerder zur Aufklärung des Zwischenfalles und zur Beruhigung der über den Vorfall erregten Bevölkerung vor- geschlagen wurde, ist von polnischer Seite ab gelehnt worden.

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