tzersfel-erTageblatt
Nr. 212
Donnerstag, den 10. September 1931
81. Jahrgang
Durch Abrüstung;ur Sicherheit
Italiens Vorschlag im Mittelpunkt des Interesses — In Frankreich regt sich starker Widerspruch
Wieg oder Vertrauen
In Genf steht zur Zeit die Schicksalsfrage Europas, der Welt zur Besprechung: die Abrüstung. Sie wurde aufgeworfen durch die Rede des italienischen Außenministers Grandi, die in dem Vorschlag von allgemeinen Rüstungs- ferien ausklang. Er hat sich dabei die deutsche These zu eigen gemacht, „durch Abrüstung zur Sicherheit". Zu gleicher Zeit wurde vom Generalsekretariat des Völkerbundes die deutsche Note veröffentlicht, die als Geleitwort zu den Angaben über den deutschen Rüstungs- stand am 28. August d. J. dem Völkerbund zuging. Diese Note hebt noch einmal den grundsätzlichen Standpunkt Deutschlands zur Bestimmung der Rüstungsstärken der einzelnen Länder hervor. Dieser Standpunkt ist auf den Vorschlag Englands auf der letzten Maitagung des Völkerbundsrates nicht anerkannt worden. Deutschland verlangte nämlich zur vergleichenden Feststellung der Rüstungen der Welt ein Schema, das nicht nur die Ist-Stärke der stehenden Heere, sondern auch die Kampfstärke der mobilisierten Heere, also einschließlich der ausgebildeten Reserven und der Bestände der Waffen- und Reseroedepots, aufführt. Das ist, wie gesagt, durch einen englischen Vorschlaa abgslehnt worden, der wiederum unter dem französischen Druck zu- standekam. Deutschland hätte an sich nicht notwendig gehabt, über seinen Rüstungsstand Angaben zu machen, da dieser durch das Versailler Diktat vorgeschrieben und, wie in der Note hervorgehoben wird, noch nicht einmal völlig ausge- nützt ist. Wenn Deutschland trotzdem den Fragebogen aus- füllte, dann unter dem Gesichtspunkt, der Welt zu zeigen, wie geringfügig die deutsche Rüstung zu Lande und zu Wasser gegenüber den Rüstungen der übrigen Länder ist. Es ist ein Zufall, daß in diesen Tagen eine Schrift als Manuskript bekannt wird unter dem Titel: „Der Weg, den Deutschland gehen muh, wenn es leben will". Der Verfasser nennt sich ein Freund 2 e u t jch la n d s und führt den Namen Guillermo Klammer. Er ist deutschen Geblüts, aber seit Jahrzehnten im Ausland, vornehmlich in Chile, als Wirtschaftler tätig. Seine Ausführungen, die er im Interesse Deutschlands, Europas und der Menschheit macht, sind eine zweifellos aus heißem Herzen kommende Mahnung an Deutschland, den Weg zur V e r st ä n d i - gung mit Frankreich zu suchen und unter allen Umständen zu gehen. Mit manchen Darlegungen wird man als Deutscher nicht ohne weiteres einverstanden sein können; vom Blickfeld des im Ausland lebenden Wirtschaftlers aber erscheint seine Mahnung, die auch an Frankreich gerichtet wird, und ihre Begründung berechtigt. Man muß sich erst in seinen Gedankengang und in seine politische Ueberlegung hineindenken, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß er es wirklich aufrichtig und ehrlich mit Deutschland meint Nach allem, was das deutsche Volk in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt und ertragen hat, ist es schwer, dem Verfasser zu folgen, wenn er sagt: „Die Welt wartet auf Deutschland . .. Wenn Deutschland Frieden will, wenn es ihn so will, daß alle, auch Frankreich es glauben, wird Frieden in dieser Welt sein und dieser Friede wird bleiben."
Der Verfasser glaubt auch, einen Weg zeigen zu können. Er ist überzeugt, daß der Artikel 231 des Versailler Diktats zu Unrecht die Alleinschuld Deutschlands am Weltkriege feststellt. Dennoch meint er, daß in der Welt „nur sehr beiläufig die Frage interessiert, ob Deutschland von 1871 bis 1914 vorbereitet hat". Die Welt von 1931 wolle wissen, „ob sie mit dem heutigen Deutschland leben kann, m i t ihm oder ohne es oder gar gegen es leben soll". Nachdem Frankreich die große Tat zum Frieden versäumt hat, ist die Bahn für Deutschland frei. So meint Guillermo Klammer, der Deutschland beschwört, trotz allem den Weg zur Verständigung mit Frankreich zu suchen und alles zu tun, um diese Verständigung zu erreichen. Die Zeit der Machtpolitik hält der Verfasser für überwunden und gerade weil Deutschland heute im Kreise der Völker waffenlos da- stehe, deshalb erwachse Deutschland die Mission, „der gewaltigen Menschheitsidee der Abrüstung" zum Siege zu verhelfen.
In der Schrift wird weiter versucht, dem deutschen Volke klarzumachen, weshalb Frankreich sich der Abrüstung widersetzt: „Frankreichs Ruf nach Sicherheit" ist nichts anderes als Furcht vor der „Rache" Deutschlands. Da es selbst den Weltkrieg als Revanchekrieg geführt hat, glaubt es, daß Deutschland sich auf einen Revanchekrieg vorbereitet. Frankreich und alle haben Furcht, weil sie bei Deutschland den Rachegedanken vermuten. „Sie haben heute im Grunde alle ein schlechtes Gewissen wegen Versailles; denn sie wissen, daß dieser „Vertrag" ein Erzeugnis blin- den Hasses, ein Pakt der Rache, ein Diktat der wildesten Kriegspsychose war, eines Zustandes, der längst im Grunde von ihnen allen gewichen ist. Wer aber kann erwarten und verlangen, so fragt Klammer, daß die eben noch Siegreichen und dem Besiegten auf hohen Piedestal der Völkermoral Entgegentretenden heute freimütig erklären: Wir sind zu weit gegangen, wir gingen über das Recht des Siegers hinaus; wir haben — unklug gehandelt?"
Nicht alles, was der Verfasser ausführt und nachweist, wird in Deutschland restlos anerkannt werden können. Seine Ueberzeugung, daß Frankreich bei rückhaltlosem Verstän- Kigungswillen und positiven VerständigungsbeweisN
Deutschlands sich schon wegen der drohenden bolschewistischen Gefahren nicht einer ehrlichen Verständigungspolitik entziehen könne, erinnert uns gar zu sehr an Deutschlands Friedensangebot auf Grund der 14 Wilsonpunktc. Als wir waffenlos waren, diktierte man uns den Frieden. Trotzdem finden sich in der Broschüre dankens- und bemerkenswerte Gedanken. Es finden sich auch gewisse Berührungspunkte mit der eingangs erwähnten Abrllstungsnote Deutschlands, dort nämlich, wo er sagt:
„Die Abrüstung Deutschlands bis auf die Ziffern der ihm belassenen militärischen Kräfte macht die riesenhafte Rüstung Frankrei )s zu einem lachhaften zwecklosen Kriegerverband, gegen dessen nutzlose Existenz selbst alle einsichtigen Franzosen schließlich auftreten werden."
Kommt der RüftüngsWftaud?
Vertrauliche Besprechungen in Genf.
Genf, 10. September.
Der vom italienischen Außenminister Grandi in seiner großen Rede in der Dienstagvormittagssitzung der Vollversammlung vorgebrachte Vorschlag, die weiteren Rüstungen bis zum Abschluß der Abrüstungskonferenz auszusetzen, ist bereits Gegenstand verschiedener vertraulicher Besprechungen. Es handelt sich, wie hervorgehoben wird, zunächst nur um ein« allgemeine Anregung, nicht um einen konkreten Vorschlag auf Abschluß eines dahingehenden Abkommens. Man nimmt aber allgemein an, daß die italienische Abordnung im Abrüstungsausschuß der Völkerbundsversammlung die vorgebrachte Anregung in der Form eines praktischen Vorschlages einbringen wird.
In Frage käme die Erörterung eines während der Vollversammlung abzuschließenden Abkommens, in dem die Mächte sich verpflichteten, während der Dauer der Ab- rüslungskonferenz keine weiteren Rüstungen vorzunehmen, oder lediglich eine allgemeine Empfehlung der Völkerbundsversammlung an sämtliche Mächte, einen zeitweiligen Stillstand in den weiteren Rüstungen ernkreten zu lassen.
Ueber die Hintergründe des italienischen Vorschlages liegen zunächst nur Vermutungen vor. Jedoch verlautet, daß der italienische Vorschlag nicht ohne Uebereinstimmung mit der amerikanischen Regierung erfolgt ist. Der italienische Vorschlag hat, wie zu erwarten war, eine geteilte Aufnahme gefunden und wird zweifellos im Falle eines praktischen Antrags auf starken Wider- standderfranzöfischenStaatengruppe stoßen
Allgemein kommt die Erwartung zum Ausdruck, daß die deutsche Abordnung den italienischen Vorschlag, der vollständig in der Linie der deutschen Abrüsiungspolitik liegt, unverzüglich aufnehmen und die italienische Initiative unterstützen wird. Es ist daher zu erwarten, daß Reichsaußen- minisier Dr. Eurtius in seiner bevorstehenden Rede vor der Vollversammlung für den italienischen Vorschlag eintreten wird.
Ein Stillstand in den Rüstungen bis zum Abschluß der Abrüstungskonferenz, die nach den bisherigen Plänen kaum vor Ende des Jahre 1932 beendet würde, würde sofort praktisch zu einer wesentlichen Entlastung der Militärausgaben aller Staaten führen und auf der anderen Seite zu einer Festlegung der Staaten auf die Abrüstungsverpflichtungen. In den weiteren Verhandlungen des Völkerbundes in der Abrüstungsfrage wird jedenfalls nun der italienische Vorschlag einen breiten Raum einnehmen.
Abrüstung - Reparationen
Die römischen Blätter bezeichnen die Rede des italienischen Außenministers als grundlegend und aufbauend. „Giornale d'Jtalia" erklärt, die Abrüstung habe vor allem ein unmittelbar finanzielles Gesicht. Wenn man die Gesamtausgaben der Welt für militärische Zwecke in Gold berechne, ergebe sich die eineinhalbfache Summe der militärischen Vorkriegsspesen, trotz des Verschwindens der beiden Militärstaaten Deutschland und Oesterreich-Ungarn sowie der militärischen Verkleinerung Bulgariens und der Türkei und uneingerechnet der sowjet- russischen und der heutigen chinesischen Heeresmacht. Sämtliche europäischen Staaten, mit Ausnahme Englands, hätten nach dem Kriege ihre Heeresausgaben erhöht, und die Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie verlangten immer neue Militärkredite und gäben mehr aus, als ihre Ursprungsländer vor dem Kriege. Die Vereinigten Staaten Amerikas, die früher fast gar keine Militärausgaben gehabt hätten, hätten jetzt eine Militärbilanz von 12 Milliarden Lire (rund 2,5 Milliarden Rm.).
Die Abrüstung könne demnach als ein entscheidendes Moment für die vollständige Lösung der Schuldenfrage und der Reparationen gelten. Das Jahr 1932 künde sich nicht nur als das Abrüstungsjahr an, sondern auch als das der allgemeinen Revision der finanziellen mit dem krieg noch zusammenyängenden Verpflichtungen.
Stillhalteabkommen von Deutschland unterzeichnet
Berlin, 10. September.
Das Stillhalteabkommen ist gestern durch die drei beteiligten deutschen Stellen, Reichsbank, Deutsche Golddiskont- bank und Bankenkomitee, unterzeichnet worden. In Kraft tritt das Abkommen an dem Tage, an dem die Bank für internationalen Zahlungsausgleich an die beteiligten Stellen die Mitteilung gelangen läßt, daß sämtliche Vertragsparteien den Vertrag gezeichnet haben. Der maßgebende Text des Stillhalteabkommens usw. einschl. Mantelvertrag wird be- kannkgegeben werden, so bald der Vertrag in Kraft getreten ist-
Der französische Gegenbesuch
Staatssekretär von Bülow kehrt aus Genf zurück. — Vor direkten Besprechungen zwischen Berlin und Paris.
Genf, 10. September.
Der Staatssekretär des Auswärtiges Amtes, von Bülow, der auf Wunsch des Reichsaußenministers Dr. Eur tius nach Genf gekommen war, fährt heute wieder nach Berlin zurück. Er hat während seines Aufenthaltes in Genf mit dem Reichsaußenminister die Vorbereitungen der Berliner Reife des französischen Ministerpräsidenten L a v a l und des französischen Außenministers B r i a n d besprochen und die Wünsche und Anregungen des Reichsministers entgegengenommen. Räch feiner Rückkehr nach Berlin werden die Besprechungen über die Vorbereitungen zwischen Berlin und Paris direkt geführt werden.
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Genf, 10. September.
In letzter Zeit sind verschiedentlich Gerüchte über eine Verschiebung oder Verlegung des Berliner Besuches der französischen Staatsmänner aufgetaucht. Demgegenüber wird von unterrichteter Seite festgestellt; daß derartige Gerüchte jeder Begründung entbehren. An den bisherigen Dispositionen, wonach der Besuch am 26. September in Berlin stattfinden soll, hat sich nichts geändert.
Curtius und Briand im Rundfunk
Berlin, 10. September.
Die Genfer Reden des deutschen Außenministers Dr. C u r t i u s und des französischen Außenministers Briand werden heute vormittag und morgen vormittag im Programm der aktuellen Abteilung der Funkstunde Berlin zur Uebertragung kommen. Der genaue Zeitpunkt der Ansprachen kann erst kurz vor der Uebertragung bekanntgegeben werden. Welche deutschen Sender die Uebertragung übernehmen, steht noch nicht fest.
Kein sofortiger Kredit für Österreich
Paris, 10. September.
Die Havas-Agentur meldet aus Genf, daß entgegen den veröffentlichten Nachrichten es nicht richtig sei, daß Oesterreich sofort ein neuer Kredit eröffnet werde. Jeder zusätzliche Kredit an Oesterreich hänge von dem Ergebnis der Enquete ab, die demnächst an Ort und Stelle unter Leituna des stellvertretenden Generalsekretär des Völkerbundes, Aoenol, über die österreichischen Finanzen stattfin- | -<n werde. Der Havas-Vertreter unterstreicht, daß der französische Finanzminister im Laufe der gegenwärtigen Genfer Völkerbundstagung keine Kreditverpflichtungen gegenüber irgendeinem Staat übernommen habe.
Amerika und der Grandi-Vorschlag
Washington, 10. September.
Im Staatsdepartement wurde gestern betont, die amerikanische Regierung begrüße jeden Schritt, der wie der Vor- schlao G r a n d i s es offenbar tue, die schwierigen Verhandlungen im nächsten Jahre in Genf erleichtere. Ein Rüstungs- feiertag würde die Situation bei der Genfer Konferenz er- heblich verbessern, und die amerikanische Regierung erwarte mit Interesse die genauen Einzelheiten des italienischen Planes. Die Frage, ob nicht ein ähnlicher Feiertag zwischen England und den Vereinigten Staaten erörtert worden sei, wurde mit dem Hinweis darauf verneint, daß ein derartiger Plan nur möglich sei, wenn er a l l e in Frage kommenden Staaten einschließe. Die amerikanische Regierung könne sich vor Bekanntwerden der Details zu Grandis Vorschlag nicht äußern, aber die zugrunde liegende Idee treffe hier auf volle Billigung.
Wie in Washington bekannt wird, verhandelt der Federal Farm-Board gegenwärtig mit mehreren Seiten über den Verkauf weiterer Teile seines Getreideoor- rates in Höhe,von 200 Millionen Bushel. ^—»«^-^