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Hersfel-erTageblatt Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 210 Dienstag, den S. September 1931 81. Jahrgang

Großer Tag für Genf

Beginn der BSlkerbnndsversammlung Titulescu wieder Präsident Keine Zollnniovrdebatte im Rat

Wllerbmdsoekfammlung

Titulescu erneut zum Präsidenten gewählt.

Genf, 8. September.

Die 12. Völkerbundsversammlung wurde von dem amtie­renden Ratspräsidenlen, dem spanischen Außenminister Ler- roux mit einer beifällig aufgenommenen Ansprache eröffnet.

Lerroux ging kurz auf die wichtigsten Vorgänge des ab- gelaufenen Arbeitsjahres des Völkerbundes ein. Er be­glückwünschte in erster Linie den Völkerbund dazu, daß dank dem Abschluß der Arbeiten seines Vorbereitungsausschusses die Abrüstungskonferenz einberufen werden konnte. Dieses nach zehnjähriger mühevoller Arbeit erzielte Ergebnis sei alles in allem nur ein Ausgangspunkt.

Das Material fei zusammengetragen und der Völker­bund müsse zu bauen anfangen, wenn er dem inneren Empfinden der Völker entsprechen wolle.

Ein Beweis der zunehmenden Ausbreitung des Rechtsgedan­kens im internationalen Leben sei darin zu erblicken, daß nunmehr 37 Staaten, darunter fast alle europäischen Staa­ten, die obligatorische Rechtsprechung des Haager Gerichts­hofes anerkennen. Einen wesentlichen Beitrag zur Aufrecht­erhaltung des Friedens in der Welt bedeute auch die Tätig­keit des Europa-Ausschusses. Der Europa-Ausschuß habe sich im ersten Jahr seines Bestehens hauptsächlich mit einem Teilgebiet der allgemeinen Wirtschaftskrise, der Mit­tel- und osteuropäischen Landwirtschaftskrise, beschäftigt und hierbei bemerkenswerte Ergebnisse erzielt und außerdem das Problem der Umstellung der Zollpolitik in Europa durch ein großzügiges Gesamtprogramm gefördert. Lerroux betonte daß sich die Tätigkeit des Völkerbundes jedoch keineswegs auf Europa beschränkt habe, sondern insbesondere auch den 'Mittel- und füdamerikanischen sowie den-ostasiatischen Staa­ten gegolten habe und zugute käme. Das könne auch nicht anders sein, in einem Augenblick, wo die ganze Welt unter einer nach Ausmaß und Heftigkeit in der Geschichte einzig dastehenden Krise leide. Der Aufschub der Reparations- und Kriegsschuldenzahlungen auf Grund des Vorschlages des Präsidenten Hoover, die Konferenzen von London, Par^s, Berlin und Rom zwischen den deutschen, amerikanischen,' enss- lischen, französischen und italienischen Staatsmännern, die Tätigkeit der BJZ. und die Arbeiten des Baseler Sachver- ständigen-Ausschusses seien Anzeichen für den Willen zur Gesundung und den Wunsch nach Zusammenarbeit. Der Zusammentritt der Völkerbundsversammlung sei hierzu die beste Gelegenheit.

Den vertretenen Regierungen liege es ob, entsprechend dem Geiste der Völkerbundssatzung, der Woge des Pessimis­mus Einhalt zu gebieten, die Zusammenfassung der Kräfte auf finanziellem, wirtschaftlichem und politischem Gebiete herbeizuführen und Ruhe und Vertrauen wiederherzustellen.

Von den 54 Staaten, die dem Völkerbund zur Zeit an- gehören, sind in der 12. ordentlichen Tagung der Völker­bundsversammlung 52 Staaten vertreten.

Die Völkerbundsversammlung hat den zweiten rumäni­schen Delegierten, den Gesandten in London Titulescu, zum Präsidenten gewählt. Titulescu erhielt von den 49 ab­gegebenen Stimmen 25 Stimmen. Auf den ungarischev Delegierten, Grafen Apponyi, entfielen 21 Stimmen. Ti, bliesen war auch Präsident der 11. Völkerbundsversamm­lung. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Völker­bundes, daß ein Delegierter zweimal hintereinander zum Präsidenten gewählt wurde.

Titulescu begann seine Amtsübernahme mit einer län­geren programmatischen Rede. Hierin bezeichnete er die Zweckmäßigkeit und Wirksamkeit der Völkerbundsarbeit als das Ziel, dem seine Arbeit gelte. Er warnte vor über­triebenem Pessimismus und erklärte, man dürfe nicht von einem Zulammenbruch sprechen, sondern müsse die gegen­wärtigen Versuche als Bausteine betrachten. Es komme darauf an, daß späteren Geschlechtern das Gebäude des Friedens überliefert werde. Zu diesem Zweck müsse mit Vertrauen, Umsicht Aktivität und Opferfinn gearbeitet

Bor Ausnahme Meritor in den Bund

Die Führer der Abordnungen von Deutschland, Frank­reich, England, Italien, Japan und Spanien haben an den Präsidenten der Völkerbundsversammlung ein Schreiben ge­richtet, in dem sie die Aufnahme Mexikos in den Völkerbund vorschlagen. Dieser Vorschlag der Großmächte geht auf schon seit einiger Zeit geführte Verhandlungen mit Mexiko zurück, das vor einigen Jahren bereits den Wunsch zum Eintritt in den Völkerbund geäußert hatte. Die Vollversammlung des Völkerbundes wird sich bereits in den nächsten Tagen mit der Aufnahme Mexikos in den Völkerbund befassen.

von Bülow in Gen!

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, von Bü­low, ist auf Wunsch des Reichsaußenministers nach Genf gereist. Staatssekretär von Bülow wird ungefähr zwei Tage in Genf bleiben, um mit dem Außenminister die Einzelheiten

des für Ende dieses Monats geplanten französischen Besuches in Berlin zu besprechen. An den Verhandlungen des Völ­kerbundsrates oder der Völkerbundsversammlung wird Staatssekretär von Bülow nicht teilnehmen, da er nicht Mit­glied der Delegation ist.

Die Zollunion ist tot, es lebe die Zollunion!

Haager Spruch vom Rat ohne Diskussion angenommen. Größere Möglichkeiten für europäische Zusammenarbeit.

Genf, 8. September.

In der gestrigen Ratssitzung wurde die deutsch-öster­reichische Zollunionsfrage in der Weise erledigt, daß der Rat eine Entschließung faßte, wonach von dem Haager Gut­achten Kenntnis genommen, dem Haager Gerichtshof der offizielle Dank ausgesprochen und im übrigen festgestellt wird, daß nach den im Europaausschuh abgegebenen Erklä­rungen für den Völkerbundsrat kein Anlaß zur Wei - terverfolgung der Angelegenheit besteht.

Dieses Ergebnis beweist, daß die Situation in der Frage des Zollunionsprojektes deutscherseits zutreffend beurteilt worden ist und daß die dementsprechend befolgte Taktik rich­tig war. Worauf es ankam, war, daß nicht etwa eine neue Diskussion im Völkerbundsrat entstand, die zu unüberseh­baren Folgen hätte führen können, Die Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf der gestrigen Beschlußfassung waren naturgemäß die im Europa-Ausschuß abgegebenen Erklärungen, die, wie sich aus dem Ablauf der Ereignisse ergeben hat, nur dort am Platze waren, und nicht etwa im Völkerbundsrat nach Bekanntwerden des Haager Gutachtens. Die Zollunionsfrage war wegen ihres wirtschaftlichen Cha­rakters im Mai im Europa-Ausschuß behandelt worden und der unvermeidlich gewordene Abbruch der Aktion war um so zwangloser möglich, als sich in der Zwischenzeit in dem gleichen Gremium grünere Mög^chkeiten-^eine europäische Zusammenarbeit, wie sie ja das deutsch-österretchische Proielt von Anfang an im Auge hatte, ergeben hatten.

Es wird jetzt alles darauf ankommen, wie deren Mög­lichkeiten ausgenutzt werden, insbesondere wie von dem Schema der Zollunionen, für das sich der Europa-Aus­schuß eingesetzt hat, Gebrauch gemacht wird.

Ohne diese Vorbereitung wäre die gestrige Erledigung im Völkerbundsrat nicht auf einer reinenRegistrierung beschränkt geblieben, sondern es hätte auch die w i r t s ch a f t- liche Seite der Frage erörtert werden müssen, was bei der bekannten Einstellung der Gegenseite zweifellos weit­gehende politische Auseinandersetzungen zur Folge gehabt hätte. Derartige Auseinandersetzungen, durch die neue politische Stimmung und weitere wirtschaftliche Unsicherheit entstanden wäre, gerade jetzt vermieden zu haben, können als das entscheidende Ergebnis der deutschen Politik in Genf festgestellt werden.

Eurlius wird sprechen

Genf, 8. September.

Der deutsche Außenminister Dr. Curtius wird vor­aussichtlich am Donnerstag in der Bundesversammlung des Rats, und zwar im Rahmen der allgemeinen Aussprache, das Wort zu einer längeren Rede ergreifen.

Litwinoff reist ab

Genf, 8. September.

Der russische Volkskommissar Litwinoff dürfte heute a verlassen, um über Berlin nach Moskau zurück- ren.

Danzig und Polen Gravinas Bericht durchaus unbefriedigend.

Genf, 8. September.

Der Bericht des Danziger Völkerbundskommissars Graf Gravina über die Danzig-polnischen Beziehungen wird in einer der nächsten Ratssitzungen zur Sprache kommen. Er ist auffallend polenfreundlich und gestattet in diesem Falle erhebliche Zweifel an der Objektivität des Ver­fassers. Gravina erklärt in seinem Bericht u. a., seit Ende Mai habe eine Beruhigung der Gemüter, die durch die be­dauernswerten Danzig-polnischen Vorfälle im Mai erregt gewesen seien, festgestellt werden können. Diese befriedigen­den Feststellungen seien jedoch nicht möglich hinsichtlich der allgemeinen Lage Danzigs, die infolge der Parteikämpfe noch unruhig sei. Es müsse anerkannt werden, daß die von der Danziger Regierung getroffenen Maßnahmen sich bis jetzt als wirksam erwiesen hätten, um in ausreichendem Maße die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung sicherzustellen. Leider hätten die Beziehungen zwischen dem Senatspräsidenten Dr. Ziehm und dem Stellvertreter Po­lens, Dr. Strasburger, noch keine befriedigende Klärung gefunden. Folgen von einer gewissen ernsten Bedeutung hätten leicht aus einer unerquicklichen Meinungsverschieden­heit entstehen können, die zwischen den Behörden der Stadt Danzig und den polnischen Behörden über die Entsendung polnischer M Besatzung von in Danzig anwesenden Kriegs-

gewissen ernsten Bedeutung cklichen Meinungsverschieden-

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jchissen gehörender Marinepatrouillen aus Danziger Gebiet entstanden sei. Es sei notwendig, diesen Streitfall auf die Lahn zu lenken, die durch das für Danzig-polnische Streit­fälle geltende Verfahren vorgesehen sei.

Als denguten Danzig-polnischen Beziehungen zwei­fellos schädlich müßten gewisse Kundgebungen erwähnt wer­den, die von Rechtsparteien sowohl Deutschlands als auch Danzigs selbst auf dem Gebiete der Freien Stadt Danzig oet- anstaltet worden seien, und in deren Verlauf das nationali­stische Trachten nach dem Rückfall Danzigs an das Reich mehr oder weniger lebhaft zum Ausdruck komme. Von pol- nischer Seite wolle man in diesen Kundgebungen ebenfalls das Bestreben erkennen, die allgemeine Orientierung der Freien Stadt Danzig mehr nach Deutschland als nach Polen zu lenken, und andererseits von Polen und seinem Hinter­land Vergünstigungen wirtschaftlicher Art zu erlangen.

Graf Gravina lenkt sodann die Aufmerksamkeit des Rates auf die Finanz- und Wirtschaftslage der Freien Stadt Danzig, die derart sei, daß sie in der nächsten Zeit zu ernsten Besorgnissen Anlaß geben könnte. Die Lage sei derart, daß sie eine recht gefährliche Bedrohung der öffentlichen Ordnung darstelle und die Danzig-polnischen Beziehungen auf jeden Fall störe. Es erscheine höchst wünschenswert, daß man noch vor diesem Winter zu einem Einvernehmen auf der in War­schau festgelegten Grundlage gelange.

Ueber den Bericht, den der Rat auf der Grundlage des Berichtes des Grafen Gravina annehmen wird, sind die Verhandlungen zwischen den interessierten Regierungen im Gange.

Der Gipfel der polnischen Setze

Brandrede des Generals Haller gegen Preußen.

Kattowitz, 8. September.

In Friedenshütte fand anläßlich der Fahnenweihe der dortigen Ortsgruppe des Haller-Verbandes eine nationali­stische Kundgebung statt, an der auch General Haller, der r ander - -her- Psyche. i ZEsttsnsu ^ fmnmfi sehen Heere während des Weltkrieges, fowtö"Ne"Fnmzöfm Rosa Bailly, die als Vorkämpferin der polnisch-französischen Freundschaft gefeiert wird, teilnahmen.

Der General bemerkte in seiner Ansprache, daß der Augenblick nicht mehr fern fei, wo es zwischen Frankreich und Deutschland sowie zwischen Polen und Deutschland zu Auseinandersetzungen kommen und dem Preußentum, das einen Schandfleck in der Weltgeschichte darstelle, ein Ende bereitet werde. Die Deutschen würden es Frankreich und Polen noch einmal danken, daß sie von Preußen erlöst seien. Eine Lawine würde hierüber hinwegfegen und es von der Oberfläche beseitigen.

Dem General wurde für diese Ausführungen von den Teilnehmern, deren Zahl mit 15 000 angegeben wird, stür­mischer Beifall gezollt. Das Ergebnis dieser Kundgebung war eine Entschließung, in der die Versammelten schwören, alledeutschen Angriffe auf polnischen Boden" bis zum letzten Blutstropfen abzuschlagen. Die Grenzen Schlesiens wie überhaupt die polnischen Westgrenzen werde man bis zum äußersten verteidigen, selbst wenn auch dieser Kampf einen allgemeinen Weltbrand entfachen sollte. Unter der Führung Korfantys werde man die verbrecherischen Hände, die sich nach polnischem Gebiet ausstreckten, und schon einmal mit Hilfe des treuen Frankreichs zurückgeschlagen wurden, abweisen. Nach Singen der Rota, des bekannten Hetzliedes gegen die Deutschen, fand vor dem General und den Gästen, unter denen man den Sejmmarschall Wolny sowie mehrere Geistliche bemerkte, eine Parade statt.

Antisaschifteakun-gebung in Paris Während des Besuchs des italienischen Kolonialministers.

Paris, 8. September.

Wie derQuotidien" nachträglich berichtet, kam es bei dem Besuch des italienischen Kolonialministers, General de Bono, im italienischen Pavillon der Kolonialausstellung in Paris zu einem Zwischenfall. Aus der Menge heraus, die der Besichtigmia beiwohnte, ertönten plötzlich Drohungen in italienischer Sprache, und drei Personen warfen eine aus­gestellte Puppe um, die die Uniform eines Soldaten der faschistischen Miliz trug. Die drei Personen verbreiteten außerdem Flugblätter mit Anschuldigungen gegen General de Bono. Da unter dem Publikum eine Panik ausbrach, konnten die drei Personen unerkannt entkommen.

Spaniens Ekdiltator im Gefängnis

Madrid, 8. September.

Aus Segovia kommend ist der ehemalige Ministerpräsi­dent General Berenguer im Auto in Madrid eingetroffen. Er wurde sofort ins Militärgefängnis übergeführt und wird von dem Untersuchungsausschuß vernommen werden.

Die Verteidigung der in den letzten Tagen verhafteten Generale und ehemaligen Minister des Kabinetts Primo de Rivera hat der Abgeordnete der Landwirtsminderheit, Gil Nobles. übernommen. Gil Nobles wird die vorläufige Freilassung seiner Klienten beantragen, und wenn der Unter­suchungsrichter diese nicht bewilligt, die Angelegenheit zum Gegenstand einer Interpellation im Parlament machen.