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HersfelöerTageblatt

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Nr. 208

Sonnabend, den S. September )93J

St. Jahrgang

Das Weltecho des Verzichts

Befriedigung in Rom Mißtrauen in Paris Erleuchtung in London Resignation in Wien Krisengerüchte in Berlin

Die Krisenmacher

Die Welt sehnt sich nach Ruhe, nach Führung, nach Taten. Die Baseler Sachverständigen haben vor 14 Tagen sehr ernste Ausfiihrungen und überraschend sachliche Mah­nungen an alle, die es angeht, gerichtet. Es ist keine Zeit zu verlieren; das überall erschütterte Vertrauen muß schnellstens wiederhergestellt und die politischen Schwierigkeiten müssen ausgeräumt werden, die die Wiederherstellung dieses Ver­trauens verhindern. In der ganzen Welt ist dieser Mahn- und Warnruf richtig verstanden worden: der Reparations- und anderer Unsinn des Versailler Diktats müssen sobald wie möglich aus der Welt geschafft werden. Nur in Paris bat man diese Mahnung in den Wind geschlagen. Hier drehte sich alles Dichten und Trachten nur um die deutsch-österreichische Zollunion. Darin sieht man in Frankreich eine Ange­legenheit, die die französischen Hegemonie-Pläne in Europa durchkreuzen, Briands Gloriole als Europas Friedensengel verdunkeln könnte.

Der Zollunionsplan ist erledigt. Die Genfer Taktiker haben ihn gewissermaßen durch einumfassenderes Projekt" unterhöhlt. In Wirklichkeit mußte er in der Versenkung verschwinden, weil Frankreich aus einem Plan wirtschaft­licher Selbsthilfe ein politisches Pulverfaß zu machen ver­standen hat. Frankreichs Sicherheit wurde wieder einmal bedroht. Deutschland und Oesterreich haben deshalb über­einstimmend erklärt, sie werden das Projekt nicht weiterver­folgen. Der italienische Außenminister Grandi sprach dar­über seine Genugtuung aus und erklärte seinerseits, daß mit der deutschen und österreichischen Kundgebung die Sache er­ledigt sei. Man werde nicht mehr darauf zurückkommen.

Eine ähnlicher Erklärung ist von französischer Seite aus n'-cht erfolgt. Im Gegenteil, wenn die Pariser Presse die ist die Zollunionsfrage für Frankreich noch nicht abge­schlossen, da nur erst die wirtschaftliche, nicht aber auch die politische Seite dieser Frage bereinigt wurde. Frank­reich ignoriert also die schon im Mai d. I von Dr. Curtius kategorisch gegebene Erklärung, daß der ganze Zollunions­plan lediglich wirtschaftlichen Beweggründen entsprungen sei. Es verlangt eine weitere Bindung in der Richtung, daß Oesterreich ein für allemal ein Anschluß in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht untersagt wird. Pertinax spricht im Echo de Paris" bereits von einem zweiten Genfer Proto­koll, in welchem diese Verpflichtung Oesterreichs festgelegt werden soll.

Offenbar beabsichtigt Frankreich, die Zollunionsfrage am Montag nach der politischen Seite hin aufzuwerfen. Der Völkerbundsrat wird sich dann nämlich mit dem Gutachten des Haager Schiedsgerichts zur Zollunionsfrage zu befassen haben. Sollte Frankreich wirklich eine politische Aussprache erzwingen wollen, dann müßte sich eine Situation für den deutschen Außenminister ergeben, die in ihrer Tragweite kaum zu übersehen wäre. Dr. Curtius könnte einem der­artigen französischen Vorstoß nur durch schärfste Abwehr begegnen, was auf die Gestaltung der deutsch-französischen Beziehungen nicht ohne Einfluß bleiben müßte. Es wäre sogar dann gar nicht denkbar, unter welchen Gesichtspunkten ein französischer Gegenbesuch in Berlin noch eine Erklärung finden sollte. So leitet man keine Ver­ständigung ein.

Die deutsch-französischen Beziehungen sind, gan^ abge­sehen von der Zollunionsfrage, auch dadurch aufs äußerste belastet worden, daß, wie man einer Erklärung des amerika­nischen Unterstaatssekretärs Castle entnehmen mußte, Frank­reich sich weigert, zuzustimmen, daß vom amerikanischen Schatzamt auf Grund des Freigabegesetzes von 1928 die fäl­ligen 18 Millionen Dollar an deutsche Reedereien zur Aus­zahlung gebracht werden. Obwohl die amerikanische Regie­rung in Paris erklären ließ, daß die deutschen Anspruchs- berechtigten sich in großen finanziellen Schwierigkeiten be­finden, die durch die Auszahlung beseitigt werden könnten. Es paßt durchaus in den Rahmen, daß zu gleicher Zeit der Nachfolger Francois-Poncets als Unterstaatssekretär für Volkswirtschaft, Gignoux, in einem Artikel sich dagegen wehrt, ,,dah der in Genf errungene diplomatische Erfolg dazu be­nutzt werde, den französischenSparstrumpf" zu leeren".

Sind das Tatbeweise dafür, daß man die Krise be­seitigen will, die die ganze Welt ins Unglück zu stürzen droht? Was nützen alle Sachverständigen-Beratungen und jßa wirtschaftlichen Erkenntnisse, wenn ein Land in Der Lage ist, sich der Gesundung, der Verständigung und der Befriedung entgegenzustellen? Der Machtzuwachs, den Frankreich seit dem Kriege zu verzeichnen hat, wirkt sich im- mer drückender für alle nach Frieden lechzenden Völker aus. Man wird hoffentlich nun auch überall erkennen, weshalb Frankreich ein Jahrzehnt lang ununterbrochen über seine bedrohte Sicherheit gejammert hat mit dem Erfolg, daß es heute so ziemlich jeder militärischen Kombination ge­wachsen ist. Frankreich ist heute der Diktator der Welt. Selbst Amerika fügt sich diesem Druck. Die Krise, dl» tote eine Seuche durch Länder und Volker geht, ist von Frankreich systematisch hervorgerufen worden. Deshalb ver- steht man auch, weshalb es sich gegen eine Streichung der Revarationen wehrt: Die Reparationen sind die innere Ur- suche der Krise, die Krise aber braucht Frankreich, um mit Hilfe sesnesSparstrumpfes" der Welt zu diktieren.

3m Spiegel der Weltpresse

Berlin, 5. September.

Der Verzicht Deutschlands und Oesterreichs auf die Durchführung der Zollunion findet in der Presse aller Staa­ten außerordentlichen Widerhall. Während man sich in Deutschland und Oesterreich darüber klar ist, daß der Verzicht von Frankreichs überlegenen Machtmitteln erzwungen wor­den ist, ist man in Italien zufrieden. In Paris aber haben die Deutschenfresser noch nicht genug . . .

Die deutsche Rechte fordert Regierungswechsel

DerTag" bezeichnet es als müßig, jetzt darum zu strei­ten, ob die Zollunionspolitik richtig oder falsch gewesen sei. Es wäre eine merkwürdige Auffassung, wenn man Curtius allein als Sündenbock für eine Politik in die Wüste schickte, für die doch das ganze Kabinett verantwortlich sei. Die Lage, die jetzt geschaffen worden sei, sei nur zu meistern, wenn neue Männer, neue Wege gingen.

DieDeutsche Zeitung" ist der Ansicht, es sei sehr wohl denkbar, daß uns unter Stresemann dieser wirkliche unein­geschränkt vernichtende Ausgang erspart geblieben wäre. Man steuere jetzt auf dieZollunion mit Frankreich", was nichts anderes bedeute, als daß wir wirtschaftlich Stück um Stück noch mehr als ohnehin schon an die französische Kette gelegt würden. In keinem Lande könnte eine Regierung eine solche Niederlage hinnehmen. Darum müßte auch in Deutschland dafür gesorgt werden, daß die Regierung Brü- ning nach dieser außenpolitischen Bloßstellung das Feld räume.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung'' spricht von dem traurigen Zusammenbruch der deutschen ZollunionspoUtik in Genf. Die Zollunion wäre berufe im Mai endgültig ver- . >""" Uns. ^r ilt.»^-. ^., S.^ j.7 *****UW««--

DieVossische Zeitung" nennt die Zollunion eine geburt. Es wäre kindliche Prestigepolitik gewesen, wenn Deutschland und Oesterreich unabhängig von dem Spruch des Haager Gerichtshofes, und auch ohne politischen Örud der Signatarmächte von Versailles und Saint Germain auf ein räumlich enger begrenztes Projekt nicht Verzicht geleistet Hütten, zugunsten eines Planes, der mehrere größere Zoll- nionen vorsieht.

Resignation in Oesterreich

In den Kommentaren der Wiener Blätter zu den Er­klärungen des österreichischen und des deutschen Außenmini­sters kommt allgemein der Gedanke zum Ausdruck, daß der Rückzug in der Zollunionsfrage unter dem Druck der Ver­hältnisse unvermeidlich geworden war, daß die Idee bei deutsch-österreichischen Zollunion jedoch die Anregung 8azr gegeben habe, dem Gedanken einer europäischen Zollunion näherzutreten.

DieNeue Freie Presse" sagt u. a.: Das Zollunions- projekt könnte nur von Staaten mit befestigten Wirtschafts­fundamenten vertreten werden. Die Zollunion ist zur Strecke gebracht, aber nicht die Not der unterdrückten Nationen; durch keine Pression werden jene Bedürfnisse zum Schweigen gezwungen, die durch den Wahnsinn der Friedensverträge entstanden sind, y

DieReichspost", die ihren Artikel mit der Ueberschrist Canossa" versieht, sagt u. a., die Tragödie der Irrungen habe nun zu dem Ende geführt, das vom ersten Tage an habe befürchtet werden müssen. Es sei in intimeren Kreisen schon nach Ostern bekanntgeworden, daß Frankreich auf den deutsch-österreichischen Zollplan kreditpolitisch antworten werde.

DieArbeiterzeitung" überschreibt ihren Artikel mit den WortenDie Kapitulation vollzogen", und meint, der franzö­sische Imperialismus sei auf der Höhe seiner Macht. Das weltbeherrschende England habe um französische Hilfe bet­teln müßen Die beiden deutschen Staaten müßten sich de­mütig diesem Diktate unterwerfen. Das französische Gold regiere Europa, wie es wolle.

Genugtuung in Rom

Die römischen Blätter geben ihrer unverhohlenen Ge­nugtuung über den Verzicht auf die deutsch-österreichische Zollunion Ausdruck.

DasLavoro Faszista" erklärt, niemand könne sich zu dem Ergebnis mehr beglückwünschen, als die italienische Re­gierung^ die von Anfang an auf die Unmöglichkeit einer praktischen Durchführung der Zollunion hingewiesen habe.

Das halbamtliche BlattGiornale d'Jtalia" erklärt u. a., es gebe Leute, die von einer französisch-österreichischen und französisch-deutschen Annäherung sprächen. Die Tatsache, daß Poncet in Genf eine lebhafte Tätigkeit entwickelt habe, um die Auflösung der deutsch-österreichischen Zollunion zu bewirken, habe gewiß seine vesondere Bedeutung. ^Es müsse immer wieder betont werden, daß nur nationale Selbsthilfe zum Wiederaufstieg der Länder führen könne.

Belriedigung in Paris

Die Erklärungen, die Vizekanzler Schober und Reichs­außenminister Dr. Curtius vor dem Europaausschuß des Völkerbundes abgegeben haben werden in der Pariser Presse im allgemeinen als befriedigend bezeichnet.

Der offiziösepetit Parisien" betont, daß die deutsche und die österreichische Regierung aus freien Stücken den Anschlußplan ab acta gelegt hätten, und erwartet, daß er nicht wieder hervorgeholt werde. Die Art und Weise, in der Dr. Curtius und Dr. Schober sich geäußert hätten, und der Wille zur Zusammenarbeit mit den anderen Mächten, den beide zum Ausdruck gebracht hätten, sei äußerst befriedigend und ein gutes Vorzeichen für die Zukunft.

DerTemps" hält es für vollkommen gleichgültig, welche Gründe Schober für diesen Entschluß in den Vorder­grund stelle und betont, daß die Hauptsache der Verzicht auf "die Wetterführung des Planes fei und die Tatsache, daß sich die Reichsregierung der österreichischen anschließe.

Der Außenpolitiker desEcho de Paris" geht noch weiter. Dr. Curtius und Dr. Schober, so führt er aus, hätten sorgsam ihre Demarche und die gegenwärtige euro­päische Lage in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht. Das heiße soviel, daß der Zollunionsplan wieder auftauchen würde, wenn die gegenwärtige Lage sich ändere. Habe bi? Mehrheit der Haager Richter sich tatsächlich in dem Sinne geäußert, wie man es in den letzten Tagen habe durch­blicken lassen, so sei es Pflicht der französischen Regierung, sofort die politische Debatte, die Briand unklugerweise vor fünf Monaten aufgeschoben habe, anzuschneiden.

Oeuvre" erklärt, daß es jetzt auf Frankreich ankomme, ob der zoll- und staatspolitische Zusammenschluß Deutsch­lands und Oesterreichs am europäischen Horizont bleiben würden. Man müsse so schnell wie möglich praktische Arbeit leisten.

Der sozialistischeSott unterstreicht, daß zwar der Vertrag von Samt Germain und das Protokoll von 1922 Oesterreich untersagten, seine Selbständigkeit an irgendeine andere Macht zu Ünden, daß aber das Protokoll mit dem Ablauf der Kreditfrist ungültig werde, ebenso, wie der Ver- füm ät SafgjUgcrmain einer Revision unterzogen werden "eTmetbeno^^rTba^^

men, in der die augenblicklichen Verträge ebenso unhaltbar erscheinen würden, wie seinerzeit diejenigen aus dem Jahre 1815. Sie seien lediglich der Ausdruck eines augenblicklichen rÜachtverhältnisses.

England über Frankreichs Macht

Die englische Presse veröffentlicht nur kurze Betrachtun­gen über die Zurückziehung des Zollunion-Projektes:

Star" schreibt unter der UeberschristKrieg im Frie­den": Der Plan für eine Zollunion zwischen Deutschland und Oesterreich ist tot. Ueber die Vorteile einer solchen Union kann kein Zweifel herrschen. Aber in der Lage Europas hatte er wenig Aussicht auf Verwirklichung.

Manchester Guardian" sagt: Es kommt- nicht mehr darauf an,. in welcher Weise das Ende der Zollunion mit­geteilt wird, die Hauptsache ist, daß die gesamte Welt weiß, daß Frankreich sie getötet hat. So schlecht auch die Wirkung auf Oesterreich und Deutschland sein müsse, so sei es doch der Völkerbund, der durch den Zwischenfall in die schwierigste Lage gebracht werde. v ,

Evening Standard" veröffentlicht unter der viel­sagenden UeberschristFrankreich als Europadiktator" einen Artikel, in dem es heißt, die Franzosen seien jetzt in der Lage, der Welt zu diktieren. Sie seien nicht langer vom Wohlwollen Amerikas abhängig.

Vesterreichs Hilfegesuch

Wiens Kreditwünsche vor dem Völkerbundsrak.

Genf, 4. September.

Als erster Punkt der Tagesordnung der Sitzung des Völkerbundsrates am Freitagnachmittag wurde das öster­reichische Gesuch um Gewährung einer Finanzhilfe erörtert. Der norwegische Delegierte beantragte als Berichterstatter, daß angesichts der Dringlichkeit dieser Frage das Gesuch der österreichischen Regierung sofort an das Finanzkomitee ver­wiesen wird.

Der österreichische Vizekanzler Schober gab eine Erklä­rung ab, in der auf die schwere finanzielle und wirtschaft­liche Krise, unter der Oesterreich leidet, aufmerksam gemacht wird.

Oesterreich tue alles, um sich selbst zu helfen. In dem Bewußtsein aber, daß die Zusammenarbeit mit den anderen europäischen Staaten und dem Völkerbund erforderlich sei. um die gegenwärtige Krise zu überwinden, habe die öster­reichische Regierung den Zeitpunkt für gekommen erachtet, die Aufmerksamkeit des Rates auf die Lage Oesterreichs zu lenken.

Der italienische Außenminister Grand! schloß sich dem Antrag auf Verweisung an das Finanzkomitee an. Er er« erklärte, Italien sei sich der besonderen Lage Oesterreichs be­wußt und habe Interesse an seinem Wohlergehen. Hierauf wurde weitere Diskussion entsprechend dem Antrag be­

schlossen. ,

14 Schwerverletzte durch Neubaueinsturz.

Vavia, 5. September. In Co d ev il le ist ein Neubau einaeitürck. Mindestens 14 Arbeiter wurden unter ben, Trümmern begraben und erlitten schwere Verletzungen. Drei von ihnen schweben in Lebensgefahr. j