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HersfelöerTageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 200 ^ Donnerstag, den 27. August 1931 81. Jahrgang

Das Programm des Reichskanzlers

Das Reich und die großen internationalen fragen Deutschland wird auch diesen schweren Winter überstehen

Polen in der Mitte

Moskau ist schon seit längerer Zeit bemüht, mit Paris zu einer Abmachung zu kommen. Wie üblich hat diese Füh- lungsnahme zunächst auf rein wirtschaftlichem Gebiet begon­nen. Wenn Moskau hier Fühlung mit Frankreich suchte, dann erklärt sich das nicht zuletzt aus der Tatsache, daß die Russen zur Finanzierung ihres Außenhandels in Deutsch­land nicht mehr die Kredite erhalten konnten, die sie unbe­dingt notwendig haben. Da nach England, das aber eben- aUs mit zunehmenden Wirtschaftsschwierigkeiten zu kämpfen )at kein anderes Land kapitalkräftig genug ist, um die russi- chen Kreditwünsche befriedigen zu können, so suchte und and man die Verbindung wieder mit Frankreich. Es ist noch immer so gewesen, daß wirtschaftliche Abmachungen zwischen zwei Ländern politische Vereinbarungen im Ge­folge hatten. Man nennt das einen Neutralitäts- oder nach Versailler Psychologie einen Nichtangriffspakt. Um diesen werden jetzt zwischen Paris und Moskau die Verhandlungen geführt.

An sich handelt es sich also um einen durchaus natür­lichen Vorgang im Staatenleben. Da platzte vor kurzem eine Meldung aus Paris in die Meinungserörterungen bei großen Oeffentlichkeit, daß parallel mit den französisch-russi­schen Verhandlungen auch solche zwischen Polen und Rußland geführt würden. Es wurde dabei unter­strichen, daß diese parallelen Verhandlungen in engstem Zu­sammenhang miteinander stehen. Man ließ sogar durch­blicken, daß der Abschluß eines französisch-polnisch-russischen Nichtangriffspaktes bevorstehe. Diese Pariser Meldung, dik geeignet war, größtes internationales Interesse zu erwecken wurde von Moskau aus dementiert. Auch die deutsche Oef- fentlichkeit befaßte sich selbstverständlich mit diesen Vor- gängen ^ir^^nurde-*»*m-zuständiger deutscher Sekte üa^in unterrichtet, daß von solchen Dreiecksverhandlungen nichts bekanntgeworden sei.

Inzwischen ist nun der polnische Gesandte in Moskau nach Warschau zurückgekehrt und hat der Oeffentlichkeit mit- geteilt, daß tatsächlich Verhandlungen mit Rußland über einen Nichtangriffspakt wiederaufgenommen worden sind. Im Grunde handele es sich um jenes Projekt, das schon 1926 zwischen Polen und Rußland zur Verhandlung stand, und das an dem Widerstand Moskaus scheiterte, die in dem pol­nischen Vorschlag vorgesehene Einbeziehung Rumäniens in einen großen Staatenbund, anzuerkennen. Rußland hat bekanntlich über Bessarabien, das zum Teil von Rumänien annektiert worden ist, seine besonderen Ansichten, vielleicht auch Absichten. Trotz mehrfacher von Polen unternommener Versuche ist aus diesen polnisch-russischen Paktverhandlungen nichts geworden. Jetzt plötzlich treten sie wieder in Er­scheinung und, wenn man französischen Quellen glauben darf, nicht ohne französischen Anlaß.

Das eine scheint sicher zu sein: in Moskau ist man über diese erzwungenen polnisch-russischen Verhandlungen nicht allzu begeistert. Man hat sie aber nicht ausschlagen können, weil Frankreich scheinbar die Fortführung der fran­zösisch-russischen Verhandlungen davon abhängig macht. Des­halb hat die Sowjetregierung Litwinow ermächtigt, die Ver- Handlungen mit Polen fortzuführen mit der Anweisung allerdings, daß eine russisch-polnische Vereinbarungnur die Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern" betreffen würde. Die russische Regierung hat den deutschen Botschaf­ter in Moskau übet die mit Frankreich und Polen geführten Verhandlungen unterrichtet. Der Botschafter hat sich inzwi­schen nach Berlin begeben und wird hier den zuständigen Reichsstellen von dem Mtteilung machen, was er offiziell und inoffiziell von den Dreiecks- oder Parallelverhanolun- gen erfahren hat.

An sich könnte Deutschland Verhandlungen, die auf eine Befriedung im Osten abzielen, nur begrüßen. Es hat des- halb auch gegen die französisch-russischen Verhandlungen kei­nerlei Bedenken. Selbst eine russisch-polnische Neutralitäts- abmachung könnte in Deutschland keine Beunruhigung her­vorrufen, wenn nicht gewisse französische Andeutungen dar­auf Hinweisen, daß Frankreich bei den polnisch-russischen Verhandlungen die treibende Kraft ist. Im PariserJour- nal" wird auf die D e f e n s i v - A l l i a n z hingewiesen, die Frankreich mit Polen abgeschlossen hat und von dieser Tatsache die Feststellung abgeleitet, daß der Weg von ParisnachMoskau natürlich über War- schau führen werde. ImErcelsior wird ferner be- stätigt, daß zum Zweck einer friedlichen Verständigung mit der Sowjetregierung parallel laufende Verhandlungen zwi­schen Paris und Moskau. Warschau und Moskau und Paris und Warschau geführt würden. Wenn man hierzu noch eine Erklärung des polnischen Gesandten in Moskau, Patek, hinzunimmt, die sich auf den Kellogg-Pakt bezieht, dann wird man unwillkürlich an jene Bemühungen Frankreichs wäh­rend der Locarno-Derhandlungen erinnert, die darauf ab» zielten, in den Locarno-Pakt auch die Garantierung des Status quo für die Grenzen im Osten zu verankern Um diese Grenzen im Osten oder genauer um die d e u t s ch - polnischen Grenzen ist Frankreich außerordentlich be­sorgt. Immer wieder wird versucht, eine Vereinbarung oder eine Feststellung herbeizuführen, die diesen Grenzen den gleichen unabänderlichen Charakter geben soll, wie er durch den tzöLWwMkt für die deutschen Westgrenzen festgelegt

worden ist. Deshalb kann Deutschland diesen jetzigen Ver­handlungen zwischen ParisMoskau über Warschau nicht gleichgültig zusehen, sondern erwarten, daß das durch einen Freundschaftspakt verpflichtete Rußland Deutschland recht­zeitig davon in Kenntnis setzt, wenn der Versuch unternom­men werden sollte, von Rußland eine Garantie der polni­schen Grenzen gegenüber Deutschland zu erlangen.

Der Ostblock

Staatenblock von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer?

Warschau, 27. August.

Ueber die zwischen Warschau und Moskau schwebenden Verhandlungen zwecks Abschlusses eines Nichtangriffspaktes gab der polnische Gesandte in Moskau der Warschauer Presse eine Erklärung ab, in der zum Ausdruck kommt, daß sein Projekt im Grunde genommen nicht Neues darstelle. Die Verhandlungen mit der Sowjetunion '.eien schon 1925 ausge­nommen und seitdem mit gewissen Unterbrechungen fort­gesetzt worden. Er habe nach der Uebernahme des Mos­kauer Postens im Jahre 1927 der Sowjetunion alle stritti­gen Punkte zur Kenntnis gegeben, die einer Verständigung im Wege ständen. Diese Punkte seien bis jetzt noch nicht geregelt. Jetzt ist der Plan wiederaufgenommen worden, um den Verlauf der längst begonnenen Besprechungen zu beschleunigen.

Die nationaldemokratischeGazeta Warszawska" be­dauert, daß die amtlichen Stellen bis jetzt offiziell nichts verlauten ließen, von welchen Richtlinien sich der neue Vor­schlag leiten läßt.

Die polnische Diplomatie habe in den Besprechungen mit den Sowjets stets den Grundsatz der gemeinsamen Front mit den baltischen Staaten (F-mnlavd, Tsttand und Lett­land) sowie mit Rumänien betont. Diese These habe auch bei den Verhandlungen um den Kellogg-Pakt vorgeherrscht, der von den baltischen Staaten und Rumänien (durch Frank- rei) im Jahre 1929 unterzeichnet worden sei.

Polens Absichten

Ein der WarschauerRegierung nahestehendes Abend­blatt teilt mit, der polnische plan ziele darauf hin, dem Richt- angriffspakt eine möglichst vreite Grundlage zu sichern. Das würde heißen, daß der Pakt einen Skaatenblock von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zu umfassen, also die bal­tischen Staaten und Rumänien einzuschließen hätte.

Das PariserJournal" will erfahren haben, daß die ursprüngliche polnische Formulierung des Nichtangriffspak­tes Moskau als ungenügend erachtet habe. Darum die Ver­zögerung. Was die französisch-russischen Verhandlungen an­belangt, so sei festzustellen, daß Frankreich mit Polen durch eine Defensiv-Allianz verbunden sei.

Unter solchen Umständen würde der Weg von Paris nach Moskau natürlich über Warschau führen. AuchLx- celsior" bestätigt, daß zum Zweck einer friedlichen Verstän­digung mit der Sowjetregierung parallel laufende Verhand­lungen zwischen ParisMoskau, WarschauMoskau und ParisWarschau geführt worden seien.

Als Ergänzung zu der Politik einer deutsch-französischen Annäherung bedürfe es der Befriedung der Lage von fei­ten Rußlands, dem es wünschenswert erscheine, nicht den Eindruck der Isolierung zu erwecken, wenn es sich um die Herbeiführung einer besseren wirtschaftlichen Zusammen­arbeit im Rahmen der europäischen Union handle.

Besprechungen in Berlin

Der deutsche Botschafter in Moskau, von Dircksen, trifft im Laufe des Tages in Berlin ein. Wie verlautet, wird der Botschafter der Reichsregierung über die russisch- französischen und russisch-polnischen Verhandlungen Bericht erstatten.

Wie zuverlässig verlautet, wird der sowjetrussische Außenkommissar Litwinow auf der Durchreise nach Genf in Berlin kurze. Aufenthalt nehmen. Es ist anzuneh- men, daß das Ausr ;ge Amt diese Gelegenheit wahr- nehmen wird, um mi twinow über die russisch-polnischen Verhandlungen zu sp en.

Der neue polnisch-russische Nichtangriffspakt

Rußland hält ihn für einen Rückschritt.

Moskau, 27. August.

Zu der polnischen Note an Rußland verbreitet die Te­legrafenagentur der Sowjetunion eine Mitteilung, wonach der polnische Gesandte Patek am 23. d. M. dem Außenkom- missariat ein Dokument übergab, das das im Jahre 19-6 vom Sowjetgesandten Woikoff der polnischen Regierung übergebene Sowjetprojekt des Nichtangriffspaktes wieder­hole. Die Verhandlungen seien wegen der Bedingungen, die Polen stellte, im Jahre 1927 abgebrochen und bisher nicht wieder ausgenommen worden. Das jetzt von Patek über­reichte neue Dokument wiederhole die alten Bedingungen und füge eine neue hinzu. Das Dokument bedeute somit nicht einen Fortschritt in den polniich-sowjetrussischen Ver­handlungen, sondern einen Rückschritt.

Brüning über die Lage

Weltkrise Reparationen Zollunion Panzer­kreuzer. Die Sanierung der Finanzen.

Berlin, 27. August

In einer Unterredung mit dem Berliner Chef-Korre spondenten derUnited Preß" erklärte Reichskanzler Dr. Brüning u. a.:Die Weltwirtschaftskrise wir! weitergehen und sich noch verschärfen. Der einzige Ausweg besteht nach meiner Ansicht in einem möglichst engen Zu­sammenwirken. um dem Abgleiten der Preise Einhalt zu tun. Die Kaufkraft Deutschlands und Europas sinkt, die Märkte schrumpfen ein. Wenn sich diese Entwicklung fort« setzt, so muß sie zu einer Beschränkung des Produktions­apparates in der ganzen Welt führen.

Die Völker müssen begreifen, daß wir nicht mehr in einer Geschäftskrise stehen, sondern daß das vertrauen in die gesamte wirtschaftliche Stabilität erschüttert ist

Das Einschrumpfen der Kaufkraft in Südamerika, China und Rußland macht sich fühlbar. Wir, die Vereinigten Staa­ten und andere Länder erleiden durch die Beschränkung der Märkte schwere Einbußen."

! Auf die Frage, wie er sich die weitere Entwicklung des j Reparationsproblems vorstelle, erwiderte er:

Die Zukunft der Reparationen hängt von den Ver­einigten Staaten ab.

, Es wäre unpraktisch, wenn wir uns unsere Ansicht nur vom , rein deutschen Standpunkt bilden würden. Ich erwarte keine entscheidende Wendung, bevor das Bundesparlament in Washington im Dezember zusammengetreten ist Auf die writL-s Frage, ob Deutschland uno ruefterreich, wenn tmr Gutachten des Haager Gerichtshofes für sie günstig ausfallen sollte, die Zollunion durchführen würden, erwiderte Brüning:

Wenn das haager Urteil für uns günstia ausfällt, so wird die Welt erkennen, daß Deutschland das Deltpro- blem der Zölle der Lösung einen Schritt näher ge­bracht hat.

Nachdem Deutschland feine Bereitschaft erklärt hat, mit an­deren Ländern über ähnliche Zollunionen zu verhandeln, würden wir dann erwarten, daß uns die anderen Regierun­gen eine konstruktive Lösung vorschlügen." Zur Frage des Panzerkreuzers B erklärte der Kanzler, es fei nicht angebracht, diese Angelegenheit zum Gegenstand inter­nationaler Erörterungen zu machen. Er erklärte:Streng im Rahmen der Vertragsbestimmungen ersetzt Deutschland langsam und allmählich seine veralteten Kriegsschiffe, die 25 oder 30 Jahre alt sind. Unsere Finanzlage verbietet uns. rasch Ersatz zu schaffen.

Die Reichsregierung hält sich bezüglich des Baues von Kriegsfahrzeugen nicht an Daten gebunden."

Ueber die. voraussichtliche Lage im kommenden Winter sagte der Kanzler:Für Deutschland und die ganze Welt wird dieser Winter mehr Schwierigkeiten bieten, als man seit einem Jahrhundert erlebt hat. Indessen bin ich hinsichtlich Deutschlands sogar o p t i m i st i s ch. Denn die deutsche Not hat gezeigt, welches Maß von Selbstbeherr­schung das deutsche Volk besitzt, wenn es einmal die Notwen­digkeit, ruhig Blut zu bewahren, erkannt hat. Unsere Maß­nahmen gegen die Schwierigkeiten werden in weiteren Er­sparnissen, besonders bei den Finanzen der Einzelstaaten und Gemeinden und beim Ausgleich ihrer Haushalte bestehen Der Reichshaushalt ist im allgemeinen in Ordnung.

Vielleicht werden wir in Deutschland im nächsten Win­ter 7 Millionen Arbeitslose haben.

> Zu dieser Schätzung würde man kommen, wenn die Kurve der Arbeitslosigkeit verhältnismäßig in dem gleichen Maße ' ansteigt wie in den beiden letzten Jahren. Da indessen die Bautätigkeit bereits im Sommer zum Stillstand gekommen ist, ist in diesem Gewerbezweig kein Ansteigen für den Winter zu erwarten. Wenn man das im Auge behält, so ist die geschätzte Ziffer von 7 Millionen Arbeitslosen vielleicht zu hoch gegriffen." Bei der Besprechung der finanzwirtschaft- lichen Lage wandte sich Brüning gegen die Gerüchte, wonach das Kabinett staatskapitalistische Reformen ins Auge fasse .Die Schaffung einer Reichsaufsicht über die Banken , so sagte er,darf nicht in diesem Lichte angesehen werden, son­dern sie soll dazu dienen, Wiederholungen früherer Miß­griffe zu verhüten. Ebenso falsch wäre es, die Absichten der Regierung hinsichtlich der deutschen Kartelle auch nur ent­fernt mit'dem Gedanken eines Staatskapitalismus in Ver­bindung zu bringen.

Ich kann jedoch sagen, daß wir entschlossen sind, die Kar­tellpreise in Deutschland im Winter herunterzubringen. Sollte es sich aber als notwendig erweisen, so wird d,e Regierung nicht davor zurückschrecken, die Kartelle über­haupt zu liquidieren." _

Zum Schluß betonte Brüning:Wir dürfen unsere Schwie­rigkeiten nicht übertreiben. Jeder Deutsche in führender Stellung muß sich seiner Verantwortung bewußt sein, wenn er über die Heimsuchungen Deutschlands spricht, und er muß sie mit den Schwierigkeiten anderer Zander m Vergleich stellen. Das ist bisher nicht stets geschehen.