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HersfelöerTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt s^WWM

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Sersfel- AS.R»M^^ Z ' .........................................

Nr. 194

Donnerstag, den 20. August 1931

81. Jahrgang

Deutschland muß schnell geholfen werden!

Eine Kompromihlösung in Basel erzielt

Einigung in Basel

Grundsätzliche Feststellungen der Sachverständigen.

Basel, 20. August.

Die bis in die späten Nachtstunden fortgesetzten Ver­handlungen dcs internationalen Sachverständigenausschusses und des sogenannten Stillhaltekonfortiums wurden kurz vor 1 Uhr zu Ende geführt. In sämtlichen Punkten gelangte man nach langwierigen, oft unterbrochenen Verhandlungen zu einer Einigung. Diese gilt auch für die so heiß umstrit­tene Frage der ausländischen Markguthaben in Deutsch­land.

Dieses Problem, dem von deutscher Seite erhebliche Be­deutung beigemessen wurde, ist in der Weise gelöst, worden, daß 25 Prozent dieser Guthaben sofort und der Rest allmäh­lich abgezogen werden können. Das Abkommen über diese Frage sieht jedoch einen Vorbehalt vor insofern, als die Reichsbank gewisse Maßnahmen treffen kann, für den Fall, daß sich durch den Abzug dieser Warkguthaben eine Ge­fährdung der Devisenlage der Reichsbank ergeben könnte.

Deutsche Krise bedeutet Weltkrise

Der vom internationalen Sachverständigenausschuß, dem Ausschuß zum Studium der deutschen Kreditlage, un­terfertigte Bericht, dessen Verfasser das englische Ausschuß­mitglied Sir Walter Layton ist, verweist in seinem ersten Teile auf die außergewöhnliche Depression in Deutschland und in der ganzen Welt, die durch den starken Sturz der Großhandelspreise auf den Weltmärkten, durch einen schar­fen Rückgang des Welthandels usw. gekennzeichnet werde. Für Deutschland als eine der größten Welthandels«ationen sei es unvermeidlich gewesen, daß es die AliswirkksMenWi Depression in ganz außergewöhnlichem Grade zu verspüren bekam. Eine dauernde Besserung der Lage Deutschlands sei nicht eher zu erwarten, bis die Ursachen dieser allgemeinen Depression beseitigt seien.

Andererseits spiele Deutschland im Wirtschaftsleben der Welt und besonders Europas eine so bedeutsame Rolle, daß, solange sich die Lage in Deutschland nicht bessere, es auch keine allgemeine Erholung von der gegenwärtigen Depres­sion geben könne.

Die Verschuldung Deutschsands

Der Bericht gibt genaue Angaben über die finanzielle Verschuldung Deutschland. Die Gesamtschuld sei in den Jah­ren 1924 bis 1930 einschließlich auf 25,5 Milliarden RM. gestiegen.

Der Nettvkapitalzustrom in Höhe von 18,2 Milliarden Reichsmark sowie 3 Milliarden RM., die für Dienstleistun­gen der deutschen Schiffahrtsunternehmungen und son­stige Dienstleistungen des Auslandes eingegangen seien, hät­ten Deutschland in den Stand gesetzt, Zinsen in Höhe von 2,5 Milliarden RM. auf seine kommerzielle Auslandsschuld während dieser sieben Jahre zu entrichten, seinen Bestand an Gold und Devisen um 2,1 Milliarden RM. zu erhöhen, Reparationen in Höhe von insgesamt 10,3 Milliarden RM. zu zahlen und einen Ueberschuß der Einfuhr über die Aus­fuhr (einschließlich Sachlieferungen) in Höhe von 6,3 Mil­liarden zu begleichen.

Die deutschen Anlagen im Auslande beziffert der Be­richt bis Ende 1930 auf insgesamt 9,7 Milliarden RM., so daß die Retloverschuldung an das Ausland 15,8 Milliarden RM. betragen habe. Ein Vergleich der Auslandsguthaben und Auslandsverbindlichkeiten der deutschen Banken zeigt nach dem Bericht, daß die deutschen Banken im Auslande zu Ende des Jahres 1930 kurzfristige Aktiven in Höhe von 2,6 Milliarden besessen haben, während die Verbindlichkeiten zum gleichen Zeitpunkt mit 7,2 Milliarden angegeben wer- oen.

2,9 Milliarden zurückgezogen

Hinsichtlich der Lage im Jahre 1931 sagt der Bericht: Obwohl während der sechs Monate dieses Jahres Deutsch­lands Ausfuhr zurückging, sank die Einfuhr in noch stärke- rem Maße, so daß der Warenhandelsüberschuß eine Mil­liarde RM. betrug, wozu noch 0,1 Milliarde RM. für un­sichtbaren Export hinzuzurechnen ist. Aus den Anlagen er­gibt sich für die kurzfristiae Verschuldung ohne die von der Reichsbank kürzlich aufgenommenen Kredite für Ende Juli 1931 im Vergleich zu Ende 1930, daß die kurzfristige Schuld von 10,3 Milliarden RM. Ende Dezember 1930 auf 7,4 Milliarden RM. Ende Juli 1931 zurückgegangen ist so daß

in diesen sieben Monaten etwa 2,9 Milliarden kurzfri­stiger Gelder zurückgezogen worden

seien. Acrßerdem habe das Ausland kurzfristige Anlagen In Deutschland erworben, ebenso umgekehrt Deutschland lang- und kurzfristige Anlagen im Auslande. Diese Bewe­gungen dürften insgesamt etwa 3,5 Milliarden RM. aus­machen.

Die StW°lteaM»n

Der Ausschuß habe sich vorwiegend mit der Frage be­fassen müssen, ob es möglich sei, eine weitere Zurückziehung

Mahnungen und Ratschlage Das Reparationssystem ist völlig unhaltbar geworden

von Misteln aus Deutschland zu verhindern und die fällig werdenden kurzfristigen Kredite zu ersetzen, und ob es not­wendig sei, das bereits zurückgezogene Kapital ganz oder zum Teil aus ausländischen Quellen zu ersetzen.

Was den Ersah der zurückgezogenen Gelder betreffe, so sei es selbstverständlich, daß die gesamte Wirtschaft Deutsch­lands weiterhin so lange unter äußerstem Drucke stehen werde, bis die Reichsbank entlastet und wenigstens ein Teil des umlaufenden Kapitals, das plötzlich aus der deut­schen Wirtschaft herausgezogen wurde, erseht worden sei.

Der Bericht nimmt auch Bezug auf die seit Freitag voriger Woche mit den Vertretern der Bankengruppe ge­führten Verhandlungen, die zur Einigung über einen Plan zur Verlängerung der kurzfristigen Kredite Deutschlands geführt haben. Dieser Plan sieht die Durchhaltung der dem deutschen Schuldner gegebenen Kredite in ihrer augenblick­lichen Höhe für die Dauer von sechs Monaten vom Zeit­punkt der Unterzeichnung an vor.

Zusatzgarantien - Neue Kredite

Vorgesehen sind auch zwei Formeln von zusätzlicher Sicherheit für die beteiligten Gläubigerregierungen, einmal soll die Haftung der Schuldnerbank durch eine unmit­telbare Verpflichtung der letzten Kredit- inhaber ergänzt werden, andererseits wird vorgesehen, daß die Deutsche Golddiskontbank in gewissen Grenzen die Schulden der ausländischen Gläubiger übernimmt oder ga­rantiert.

Was den Bedarf an langfristigen Krediten anlangt, so kommt der Ausschuß zu dem Schluß, daß es im allgemeinen Interesse wie auch im Interesse Deutschlands notwendig ist, 1. das jetzige Volumen der deutschen Auslandskredite auf­rechtzuerhalten und 2. auf alle Fälle einen Teil der zurück­gezogenen Mittel aus ausländischen Quellen zu ersetzen.

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Hinsichtlich der Umwandlung eines Teils der kurzfristi­gen Kredite in langfristige sagt der Bericht, daß in Anbe­tracht der politischen Gesamtlage und der auf Deutschland ruhenden Lasten es zur Zeit und auch späterhin, wie schon auf der Londoner Konferenz zum Ausdruck kam, unmöglich sei, eine langfristige Anleihe für Deutschland aufzunehmen. Es bleiben dann noch zwei grundlegende Schwierigkeiten, die offen aufgezeigt werden müssen. Die erste ist das damit verbundene politische Risiko.

Solange die Beziehungen zwischen Deutschland und an­deren europäischen Mächten nicht auf der Grundlage freundschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitigen Ver­trauens beruhen und dadurch nicht eine wesentliche Ursache der inneren politischen Schwierigkeiten für Deutschland be­seitigt wird, ist keine Gewähr für einen dauernden und friedlichen Wirtschaftsfortschritt vorhanden.

Das unsinnige Reparationssystem

Die zweite grundlegende Schwierigkeit ist die Tatsache, daß die Welt in den vergangenen Jahren versucht hat, zwei verschiedene sich widersprechende politische Prinzipien zu ver­folgen, indem sie die Entwicklung eines internationalen finanzellen Systems zuließ, welches die jährliche Zahlung großer Summen von Schuldnerländern an Gläubigerländer mit sich brächte und gleichzeitig der freien Güterbewegung Hindernisse in den weg legte.

Der Ausschuß hält es daher für feine Pflicht, die Gründe auseincmderzusetzen, die es zur Zeit unmöglich machen, endgültige Maßnahmen zu empfehlen, um für Deutschland langfristige Kredite zu sichern. Wenn der Aus­schuß davon absehe, in Einzelheiten gehende Vorschläge zu machen, so geschehe dies nur in der Ueberzeugung, daß man sich erst zu Maßnahmen, auf deren Ergreifung er keinen Einfluß habe, entschließen müsse, ehe irgendwelche langfri­stigen deutschen Anleihen, wie gut sie auch gedeckt sein mögen, untergebracht werden können.

Schneve Hilse nötig

Der 21 Seiten und 8 Anlangen umfassende Bericht kommt in seinem Schlußwort zu folgenden wichtigen Fest- stellungen:

Wir schließen daher mit der ernsten Mahnung an alle beteiligten Regierungen, in der Ergreifung der notwendigen Maßnahmen keine Zeit zu verlieren und unverzägllch eine Lage zu schaffen, die es ermöglicht, Finanztransaktionen durchzuführen, um Deutsch­land und damit der well die so dringend benötigte Hilfe zu bringen.*

Amerika und das Ergebnis von Basel

Washington, 20. August.

Im Staatsdepartement wurde die Baseler Resolution des Bankierausschusses mit großem Interesse ausgenommen. Da der volle Text noch nicht vorlag, lehnte man eine amt­liche Aeußerung ab. Dagegen wird in Kreisen der.Republi­kaner der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Empsey- lungen dieses Ausschusses hier sehr ernsthaft beachtet und nicht nur wie in früheren Jahren als ganz undrskutabel ab;

gelehnt werden dürften. Allerdings fei die hiesige innerpol!« tische Lage wegen der wirtschaftlichen Depression und beson­ders wegen der kommenden Wahlkampagne so delikat, daß die Regierung es kaum wagen könne, sich vor den Wahlen im nächsten November noch weiter zu exponieren, wie sie es durch den Hoover-Plan bereits getan habe. Insbesondere bestehe die Befürchtung, daß, wie von demokratischer Seite bereits angekündigt wurde, die Opposition gegen eine zu enge Verknüpfung mit europäischen Finanzfragen künftig von bemofratifdjer anstatt von konservativer republikanischer Seite kommen werde, da die Demokraten es vermeiden wollen, daß die Republikaner ihre Mitarbeit an der Welt­sanierung als Verdienst der republikanischen Partei auf- machten.

Brot statt Geld

Raturalverpflegung der Arbeitslosen?

Angesichts der Schwierigkeiten zur Bereitstellung der 1 notwendigen Geldmittel zur Unterstützung der Fürsorgeer­werbslosen sind verschiedene Städte dazu übergegangen, die Arbeitslosen durch Verabreichung von Lebensmitteln vor der äußersten Rot zu schützen.

In Düsseldorf haben die Vorstände des Einzelhan- delsverbandes und die Arbeitgeberverbände im Einzelhan­del eine Hilfsaktion zur Linderung der Not der Arbeitslosen beraten. Es wurde eine Notgemeinschaft gegründet, die täg­lich an 500 Personen ein warmes Mittagessen verabreichen zu können hofft.

Auch der Kreis Bolkenhain in Schlesien will jetzi zur Naturalversorgung für die Wohlfahrtserwerbslosen über­gehen, für die die Gemeinden bekantlich 30 Prozent der La- - MA|WMftW0»H^

Landwirtschaft, die keine Steuern aufbringen kann, für die Hälfte des von der Gemeinde zu tragenden Unterstützungs- betrages, also für 15 Prozent, Roggen anzunehmen und die­sen in Form von Brot an die Arbeitslosen abzugeben. Sollte sich diese Maßnahme bewähren, will der Bolkenhainer Kreis die Wohlfahrtsempfänger in ähnlicher Weise auch mit Speck und Kartoffeln versorgen.

Ein ähnlicher Vorschlag ist kürzlich von Oekonomierat Dr. Meyer in derDeutschen Tageszeitung" gemacht wor­den. Er geht dabei von der Tatsache aus, daß auf dem Lande genügend Vorräte an Rohstoffen der Ernährung, wie Brotgetreide, Kartoffeln, eßbare Rüben, Kraut, Hülfen« früchte, Milch und Fleisch, vorhanden seien, um bis zur neuen Ernte das ganze deutsche Volk zu ernähren. Er schlägt deshalb im Hinblick auf die zunehmenden Geldschwie- rigkeiten der Gemeinden eine Raturalverpflegung der Arbeitslosen vor, dergestalt, daß die umliegenden Landwirte der kleinen und mittleren Gemeinwesen direkt die monatlich auszuschreibenden Mengen Kartoffeln, Hülsen- früchte usw. liefern. Dr. Meyer ist der Meinung, daß bei entsprechender Zusammenarbeit zwischen den kommunalen Fürsorgebehörden und der Landwirtschaft kein deutscher Ar­beitsloser Hunger zu leiden brauche. .

Zur Durchführung der Steueramneftie

Berlin, 20. August.

Wie verlautet, ist die Arbeit an den Durchführungsbe­stimmungen zu der Verordnung gegen die Kapital- und Steuerflucht vom 18. Juli 1931 so weit gediehen, daß wahr­scheinlich in den nächsten Tagen diese Bestimmungen ver­öffentlicht werden können.

Es wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß die An- meldefrist für verheimlichtes steuerpflichtiges Vermögen und Einkommen in den bevorstehenden Durchführungsbestim­mungen nochmals um eine kurze Zeitspanne von etwa zwei Wochen hinausgeschoben wird. In den Durchführungsbe­stimmungen soll u. a. vorgesehen sein, daß die Verpflichtung zur Vornahme von Aufzeichnungen der Einnahmen und Ausgaben über den Kreis der nach Paragraph 162 UAO. Verpflichteten hinaus auf alle Personen mit einem Jahres­einkommen über 100 000 Mark erstreckt werden soll.

FranzöüIÄ-ruWÄer Nichtangriffspakt?

Paris, 20. August.

Rew gort Herald" gibt eine Agenturmeldung aus Lon­don wieder, in der das Gerücht verzeichnet wird, Frankreich und Sowjetrußland hätten in Paris einen Richtangriffspa« abgeschlossen, durch den beide sich, falls eines von ihnen durch eine dritte Wacht oder eine Machtgrupe, ohne diese pro­voziert zu haben, angegriffen würde, zu striktester Reutra- lität verpflichten.

New York Herald" betont, daß man in offiziellen französischen Kreisen für diese Gerüchte bisher keine Be- stätigunq habe erhalten können, hält es jedoch für möglich, daß die persönliche Abreise des Ministerpräsidenten Laval aus Vichy, wo er zur Kur eingetroffen war, mit diesem Ge­rücht in Verbindung gebracht werden konnte. Laval ist Montagabend wieder in Paris eingetroffen.