Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS
Nr. 193
Mittwoch, den 19. August 1931
81. Jahrgang
Keine Reparationen sondern Tribute!
Deutschland hat bereits 55—56 Milliarden hergegeben — Frankreichs Kriegs, chäden sind längst ausgeglichen
KeinRechts-aberWahrheitsverzicht?
Lava! hat in einem Telephongespräch mit dem Reichskanzler Brüning sein herzliches Bedauern darüber ausgesprochen, datz der französische Gegenbesuch in Berlin sich durch den Gesundheitszustand Briands bis nach der Genfer Tagung verzögern müsse. Von Berlin wie von Paris aus ist gesagt worden, daß der französische Ministerpräsident sich in äußerst herzlichen und liebenswürdigen Worten mit Dr. Brüning unterhalten habe. Man wird daran auch kaum zweifeln; man wird sogar geneigt sein anzunehmen, daß Laval es aufrichtig und ehrlich meint. Er yat es dennoch nicht verhindern können, daß in der deutschen Oeffentlichkeit gewisse Zweifel darüber aufgekommen sind, ob der Gesundheitszustand Briands wirklich die Reise setzt nach Berlin nicht zugelassen hätte. Wenn solche Zweifel aufgekommen sind, dann durch die Mitteilungen in einer Reihe französischer Zeitungen, die erneut die Notwendigkeit betont haben, daß erst gewisse politische Vorfragen gelöst sein mühten, bis man sich zu freundschaftlicheren Verständigungsbe- ratungen in Berlin zusammensetzt.
Roch bedenklicher aber ist man geworden nach den Ausführungen, die der französische Finanzminister F l a n d i n ;mem Vertreter des Echo de Paris zu der Frage Poung- Moratorium und Reparationsregelung gemacht hat. Er betonte zunächst, daß sich nach feiner Auffassung für einen Ausgleich zwischen einem Teil der deutschen Reparationen und den französischen Schulden an Amerika keinerlei Schwierigkeiten ergeben würden. Dann aber hob er mit kaum mist zuverstehenden Worten hervor, „daß der französische Anteil an den Reparationen nicht einmal dw Zerstörungen decke, die durch den Krieg und besonders du ch einen systematischen und gewallten Vernichtungswillen hervorgerufen worden feien. Niemand,in Frankreich denke daran/ auf e in Recht zu verzichten. M» rckkyt nur im Versailler Vertrag verbrieft sei. sondern auch den Willen der Gerechtigkeit zum Ausdruck bringe. Diese Ausführungen Flandins, die gar krampfhaft die Worte Rech und Gerechtigkeit hervorheben, sollten nicht nur in der deutschen Oeffentlichkeit sondern auch von zuständiger deutscher Stelle die gebührende Zurückweisung erfahren. Wie dars Flandin nach dem heutigen Stand der Kriegsschuldforschung noch von einem mit deutlichem Hinweis auf Deutschland ge- irauchten „systematischen und gewallten Vernichtungswillen" prechen, oder „ein Recht Frankreichs" betonen, nachdem elbst die Verbündeten Frankreichs schon vor Jahr und Tag )ie Gültigkeit des Artikels 231 des Versailler Vertrages (Kriegsschuldparagraph) sehr erbeblich abgeschwächt baber und die Kriegsschuldforschung die Unwahrhaftigkeit dieser Artikels unter Beweis gestellt hat.
Wenn Frankreich auf feinen angeblichen „Versailler Rechtsanspruch" nicht verzichten will, dann verzichtet es auf die Feststellung der Wahrheit. Flandir wird nicht bestreiten, daß man sich in Versailles nicht die geringste Mühe gegeben hat, die Wahrheit nach der Kriegsschuld zu klären. Man hat Deutschland und seinen Verbündeten als die Alleinkriegsschuldigen erklärt und unter Feststellung dieser These jenes Schanddiktat aufgestellt, zu dessen Unterzeichnung Deutschland durch Waffendrohung gezwungen wurde und das sich im Laufe der Jahre zu der Geißel der Menschheit in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht entwickelt hat. Würde man lediglich nach dem objektiv-wissenschaftlichen Stand der Kriegsschuldfrage, der Frage nach den Ursachen des Weltkrieges gehen, so könnte sie nahezu als gelöst gelten. Die Behauptung des Artikels 231 von Versailles, daß Deutschland vorsätzlich und bewußt den Weltkrieg als Angriffs-, Eroberungs- und Unterjochungskrieg zur Erlangung der Weltherrschaft vorbereitet und entfesselt hat, ist unzweideutig widerlegt worden. Daran ändert auch nichts die unverschämte Behauptung Flandins von einem „systematischen und gewollten Vernichtungswillen". Dieser svste- mati ch entwickelte Vernichtungswille hat best wen, und hat mindestens indirekt den Weltkrieg entfesselt, nämlich -bei Frankreich und Rußland. Schon 1912 ist durch die Abmachungen zwischen PoincarS und Jswolski der Keim zu dem Weltkrieg mit dem Ziel der Vernichtung Deutschlands gelegt worden.
Flandin war auch schlecht beraten, als er von dem „Recht Frankreichs" auf weitere Tributzahlungen sprach. Nach dem Verstriller Friedensdiktat sollten die „Reparationen' eben Wiedergutmachungen darstellen. Frankreich hat selbst die wiedergutzumachenoen Schäden mit 100 Milliarden Francs gleich 16,7 Milliarden Goldmark angegeben. Frankreich hat aber von Deutschland bereits 18 — 18,5 Milliarden Golomark, und damit rund 1^ Milliarden mehr erhalten als es selbst beansprucht hat. Und trotzdem „unveräußerliche Rechte auf Reparationen^?
Wir haben Verständnis dafür, daß Frankreich eine deutsch-französische Verständigungsunterhaltung nicht mit einer Klärung der Kriegsschuldfrage einzuleiten trachtet. Wenn man aber um diese Frage herumgehen will, dann darf man sie nicht dadurch provozieren, daß man auf einen Rechtstitel pocht, der auf dieser Kriegsschuldlüge aufgebaut ist. Frankreich hat seine seit einem Jahrzehnt aufgestellte Sicherheitsthese immer mit Besorgnissen vor einem deutschen Angriff begründet. General von Seeckt hat erst in diesen Zggen sehx entschieden erklärt, daß es in Deutschland nie
mand und in Frankreich keinen Vernünftigen gibt, der an einen deutschen Angriff glaubt. Wenn trotzdem Frankreich die Sicherheits- und die Kriegsschuldthese zur Grundlage seiner Politik Deutschland gegenüber macht, dann gibt es dafür nur noch eine Erklärung, nämlich das schlechte Gewissen.
Nimmersatt Frankreich
Deutschland hat die Kriegsschäden längst bezahlt.
Der französische Finanzminister Flandin hat vor wenigen Tagen im „Echo de Paris" Erklärungen abgegeben, die unter anderem dahin gehen, daß Frankreich niemals auf den „rein französischen Anteil an den deutschen Reparationszahlungen" verzichten könne, weil diese Zahlungen „die Wiederherstellung der Kriegsschäden nicht ausglichen". Wie hoch sind die französischen Kriegsschäden?
Die Kosten für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete werden von den Franzosen selbst mit 100 Milliar
den Francs also 16,7 Milliarden Reichsmark angegeben.
Was hat demgegenüber Deutschland an Reparationszahlungen bisher geleistet? Es ist bekannt, daß über die Bewertung der früheren deutschen Leistungen sehr verschiedene Zahlen im Umlauf sind. Prof. Brentano ist im Jahre 1923 auf rund 55 Milliarden Goldmark gekommen. In den Pariser Sachverständigenverhandlungen sind die gutschriftsfähi- gen Leistungen auf 25 Milliarden Mark, die nichtgutschrift- fähigen Leistungen auf 29 Milliarden Mark berechnet worden, dazu kommen die Leistungen während der Ruhrbesetzung (einschließlich der Micum-Leistungen) in Höhe von 1,4 Mil-
Es ergibt sich eine Gesamtsumme von 55 bis 56 Williar-
den Mark, die Deutschland bereits als „Reparationen" entrichtet hat.
Mit der Bewertung der deutschen Leistungen haben sich auch bekannte Ausländer mehrfach befaßt. Die Schätzung des amerikanischen Institute of Economics aus dem Jahre 1923 geht auf 25 bis 26 Milliarden. Der englische Nationalöko- nom Keynes ist bei seinen Untersuchungen auf denselben Betrag gekommen. D^e Differenz gegenüber der deutschen Schätzung beruht zum Beispiel auf der Frage, wie der Wert bei einer Enteignung zu bestimmen ist
Selbst wenn wir aber von den niedrigen Schätzungen ausgehen, die von neutraler Seite aufgestellt worden sind, kommen wir auf insgesamt 37 Milliarden Mark, die von Deutschland für Reparationszwecke aufgebracht worden sind.
Unter dem Dawesplan wurden 8 Milliarden Mark von Deutschland gezahlt, unter dem Poungplan bis zum Inkrafttreten des Hooverjahres 2,7 Milliarden. Frankreich hat von den Reparationsleistungen durchweg, rund gerechnet, 52 Prozent erhalten. Das ist die Beteiligungsziffer, die ihm an allen Reparationen zugesprochen ist. Bei einer deutschen Aufbringungsleistung in Höhe von 37 Milliarden Mark würde Frankreich also 18,5 Milliarden, erhalten haben. Wenn man dem die Kosten des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete in Höhe von 16,7 Milliarden Mark gegenüberstellt, dann
muß man feststellen, daß Frankreich mehr erhallen hat, als die Kosten für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete betragen.
Es steht also fest, daß die These des französischen Finanz- Ministers Flandin, nach der die deutschen Zahlungen für die Wiederherstellung der französischen Kriegsschäden schon bisher nicht ausgereicht hätten und weitere Verzichte Frankreichs nicht möglich feien, unhaltbar ist.
Las Erundiibel
Abschaffung der Reparationen, einziger Ausweg.
Glasgow, 19. August.
Einer der Direktoren der Bank von England, Alexander Shaw, empfahl in einer Rede als Mittel gegen die Wirtschaftskrise eine weitgehende Beschränkung oder di Aufhebung der Reparationen und der Kriegsschulden. Diese Frage von internationalem Charakter, sagte er, ist ein Hindernis für den Wiederaufbau Englands und der ganzen Welt.
Jedesmal, wenn der Handel und die Konjunktur anfangen. sich zu erholen, taucht die ewige Reparations- frage wieder auf, und alles fällt wieder in sich zusammen.
Der internationale Handel gründet sich nicht mehr auf Gegenseitigkeit. Im Grunde genommen ist die Unruhe politischer und nicht finanzieller Natur, und infolgedessen ent- wickeln sich Feindseligkeit und Furcht immer mehr, wodurch Europa in ein von Waffen starrendes Lager verwandelt Wird.
Schuldenrevision während des hooverjahres
Williamstown, 19. August. 3m Institute of politics fand eine Aussprache über die Finanzprobleme der Welt statt. Die amerikanischen und englischen Finanzsachverständigen betonten hierbei übereinstimmend die dringende Notwendigkeit einer durchgreifenden Revision der Kriegsschulden und Reparationen während des hooverjahres.
Ebenso waren sie sich darüber einig, daß Amerika und England beim Wiederaufbau der internationalen Finanz- struktur eng zusammenarbeiten müßten, namentlich soweit Europa und Südamerika in Frage kämen. Der frühere amerikanische Handelskommissar in London, Rex Robinson, führte aus. daß die freie Bewegung des Kapitals zwischen den Nationen durch politische Einmischungen fast hoffnungslos kompliziert worden sei. Auf dem Kontinent habe jetzt Frankreich die Oberhand, während die Kriegsschulden und Reparationen den Betrieb der komplizierten Finanzmaschinerie störten, die in der Vorkriegszeit im großen und ganzen gute Dienste geleistet habe.
Unbequeme Wahrheiten
Rumäniens winderheitenstaatssekretär soll gehen.
Bukarest. 19. August.
Wie aus rumänischen Blättern bekanntwird, hielt der kürzlich ernannte Staatssekretär für Minderheitenwesen, Rudolf Branisch in Neu-Arad eine Rede, in der er u. a. die Aeußerung tat, daß
JJgk^ifeau^^ LeuLichlimds durch.Mechje LA densverträge hervorgerufen
worden sei. Die Bukarester Presse greift jetzt den Staatssekretär wegen dieser Meinungsäußerung heftig an und verlangt seinen Rücktritt. Es heißt in den Pressekommentaren, daß diese Darlegungen des Staatssekretärs nicht ohne Konsequenzen bleiben würden, da ja auch Rumänien den Vertrag von Versailles unterzeichnet habe, und ein Mitglied des rumänischen Kabinetts sich nicht in Gegensatz zum Friedensvertrag setzen könne.
Die umstrittenen Marl-Cuthabea
Fortsetzung der Baseler Verhandlungen.
Basel. 18. August.
Die Verhandlungen des Internationalen Stillhaltekon- sortiums mit den deutschen Delegierten über die umstrittene Frage der ausländischen Mark-Guthaben in Deutschland wurden wiederaufgenommen.
Sollte eine Einigung nicht möglich sein, so würde diese Frage offengelassen und die verschiedenen nationalen Still- Haltekonsorkien würden mit den deutschen Banken, speziell mit der Reichsbank, direkte Abkommen zu erzielen versuchen.
- Die 4»-St«nde«-Woche
Teilerfolg der Regierungsaktion.
Berlin, 19. August.
ßvr einiger Zeit haben im Reichsarbeitsministerium aus Anlaß der der Reichsregierung durch die Notverordnung vom 5. Juni 1931 erteilten Ermächtigung zur Arbeits- zeitverkürzung Besprechungen mit verschiedenen Industrien über die Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung unter Neuein stellung von Arbeitern stattgefunden. Die beteiligten Verbände der Arbeitgeber und 'Arbeitnehmer hatten sich dabei bereit erklärt, in gemeinsamen Verhandlungen die Arbeitszeitfrage nochmals eingehend zu prüfen und nach Möglichkeit Vereinbarungen über eine freiwillige Verküzrung der Arbeitszeit herbeizufuhren, um dadurch eine behördliche Regelung entbehrlich zu machen.
Diese Verhandlungen haben inzwischen gewisse Ergebnisse gezeitigt. So ist in der Salksandsteinindustrie eine Ver- einbarung zustande gekommen, nach der die regelmäßige Arbeitszeit 40 Stunden wöchentlich beträgt, und die zur Aufrechterhaltung des geregelten Betriebes notwendigen Ueber- stunden in der gleichen, spätestens in der folgenden Woche gefeiert werden müssen; jeder Betrieb ist verpflichtet, entsprechend der Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden im gleichen Ausmaß neue Arbeitskräfte einzustellen. Diese Vereinbarung ist allen Bezirks- und Ortsverbänden sowie den Einzelwerken zur Zustimmung dringend empfohlen worden.
In der Zementindustrie konnte ebenfalls In einer Reihe von Betrieben die 40ftünbige Arbeitswoche unter Neuem- stellung von Arbeitern eingeführt werden. In anderen xm* buftrien sind die Verhandlungen noch im Gange.