Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö
Nr. 192 Dienstag, den 18. August 1931 81. Jahrgang
fwtwtww
ptdN 5tM#t*
**
Das Korridor Problem
Der Führer der Paneuropa-Bewezung eröffnet die Debatte — Sein L-sungsvorschlag ist jedoch für Deutschland unannehmbar
llnmWlicherKomdor-Lvsungsoorschlag
Ein Plan des Führers der Paneuropa-Bewegung.
Berlin, 18. August.
Unter dem Gesichtspunkt, daß eine deutsch-französische Verständigung auch einen Ausgleich zwischen Deutschland und Polen zur Sicherung des europäischen Friedens herbeiführen müsse, macht der bekannte Vorkämpfer der Pan- europa-Bewegung, Graf R. N. Coudenhove-Ea- l e r g i, zur Lösung des Korridor-Problems folgenden Vorschlag:
Das Gebiet der Freien Stadt Danzig und der östlicht Teil des Korridors, der ganz überwiegend deutsch ist, ist an Deutschland zurückzugeben. Der westliche Teil des Korridore mit einem von Dirschau nach Gdingen anzulegenden Schiff- fahrtskanal soll polnisch bleiben, während die Weichselmün- dung internationalisiert werden soll. Zur direkten Verbindung zwischen Ostpreußen und dem Reich ist eine Eisenbahnlinie zu errichten, die durch eine Autostraße ergänzt werben mühte.
Diese Linie hätte von der deutschen Grenzstadt Stolz auszugehen und wäre bis zur Halbinsel Hela zu führen. Von dort würde die Linie auf einem- Damm das Putziger Wyl bis zur Höhe von Reva, überqueren und in der Nähe von Gdynia ans Land stoßen. Von dort würde die Linie durch einen sieben bis acht Kilometer langen Tunnel Danzige Grenze erreichen.
Räch Coudenhoves Vorschlag müßte eine solche Vereinbarung ergänzt werden durch einen Minderheitenpakk, durch ein Wirtschaftsabkommen und einen Freundschaftsvertrag der die beiden Unterzeichner verpflichtet, keiner gegen der anderen gerichteten Konvention beizutreten, bei einem An _^,7 von dritte L«»«- fti^insi^ «^it*^ litäl zu gewähren und die Durchfuhr von Kriegsmaterial zr gestatten.
Dieser Vorschlag dürfte das Danziger und Korridor-Problem keineswegs nach der politischen wie nach der wirtschaftlichen Seite hin lösen. Ein Korridor als solcher bliebe zunächst einmal bestehen. Die direkte Bahn- und Autostraßen- verbindung wäre nur in ruhigen Zeiten eine leidlich brauchbare Regelung. In unruhigen Zeiten würde dieser neutral« Bahndamm nichts an der Tatsache ändern können, daß Ostpreußen vom Reich abgetrennt ist. Zudem würde Danzix ohne das Korridor-Hinterland wirtschaftlich verkümmern, und der forcierte Ausbau Gdingens müßte diesen Verelen- dungsprozeß noch beschleunigen. Der Gedanke an sich ist vom Standpunkt der Verständigung aus anerkennenswert. Er läßt sich aber mit den gegebenen Tatsachen nicht vereinbaren.
SeeSts Forderung
«Volle Abrüstung auf gleicher Basis!“
Paris, 18. August.
Die Pariser Presse befaßt sich mit einem Memorandum, das General von S e e ck t einer amerikanischen Presseagentur zur Abrüstungsfrage und zu dem bekannten Ab- rüstungsmemorandum Frankreichs übergeben hat, Seeckt ist der Meinung, daß eine wirkliche Befriedung Europas so lange nicht möglich sein wird, als der Friede aus der Furcht vor der Uebermacht einer einzigen Nation (Frankreich) und nicht auf dem Einvernehmen zwischen den Nationen beruht. Alle europäischen Staaten hätten jetzt eine Periode der Ruhe nötig, um ihre wirtschaftlichen Kräfte entwickeln zu können Solange aber diese Länder durch Frankreich bedroht würden, seien sie gezwungen, ihre Rüstungen zu erhöhen, statt ihren wirtschaftlichen Aufbau zu fördern.
Die Politik Frankreichs habe die wirtschaftliche und die militärische Unterdrückung Deutschlands zum Ziel, um Frankreich gegen einen Angriff Deutschlands zu schützen, an den niemand in Deutschland und an den kein Vernünftiger in Frankreich glaube. Frankreich gebe Milliarden für seine Verteidigung aus, während Deutschland infolge seiner offenen Grenzen jedem Angriff ausgeliefert ist. Frankreich wolle die europäischen Nationen in unbewaffnete und bewaffnete einteilen.
Wenn Frankreich das Recht der Bewaffnung zum Schuhe seiner eigenen Sicherung in Anspruch nehme, so könne das Deutschland mit gleichem Recht für sich tun.
Eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland werde durch Frankreichs Wunsch, seine Vorherrschaft auf allen Gebieten zu behaupten, erschwert. Deutschland müsse unbedingt verlangen, von den anderen Nationen in der Frage der Sicherheit und der Rüstungen auf gleichem Fuß behandelt zu werden.
Deutschland habe auf das feierliche Versprechen hin abgerüstet, daß die andern Wächte seinem Beispiel folgen würden. Es werde sich mit einigen Rüstungsbeschränkungen der andern Staaten nicht begnügen können, sondern werde die volle Abrüstung auf gleicher Basis fordern müssen, werde diesem Wunsche nicht Genüge getan, so müsse sich Deutschland seine Handlungsfreiheit Vorbehalten.
. .. ________________________________________________________
Baseler Stillhaltever- Handlungen abgeschlossen
Basel, 18. August.
Der von Albert H. Wiggin präsidierte Ausschuß für die Prüfung der Kreditlage in Deutschland führte am Montag nachmittag und abends seine Arbeiten zu Ende. Er hat den von Sir Walter Laykon erstatteten Bericht samt Resolutionen durchberaten und angenommen. Die Unterzeichnung des Berichtes, der in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache abgefaßt wird, erfolgt am Dienstag, 14.30 Uhr.
Räch der Unterzeichnung wird der Bericht, der, wie früher bereits erwähnt, Empfehlungen zu Händen der Regierungen enthält, der Leitung der Bank für den internationalen Zahlungsverkehr übergeben, die ihn hierauf den Regierungen übermitteln wird, die auf der Londoner Konferenz vom Juli vertreten waren.
Der Bericht, der die verschiedenen Seiten der Kreditlage in Deutschland eingehend behandelt, empfiehlt die Verlängerung der kurzfristigen Kredite
im Gesamtbetrage von etwa fünf Milliarden Mark um sechs Monate unter der Voraussetzung, daß die Zentralbanken von Frankreich, England und Amerika, sowie die B.J.Z., die den 100-Millionen-Dollar-Kredit der Deutschen Reichsbank gewährt, diesen Kredit ebenfalls um sechs Monate verlängern. ?
- ZU FriLM^i^fschs Monatz bemnyt ryst. dem Wum der Unterzeichnung, das heißt am 18. August 1931.
Der Bericht wurde abgeschlossen, ohne daß im ^Schoße des Internationalen Slillhaltekonsortiums eine vollständige Einigung erzielt worden wäre. Umstritten ist nach wie vor die Frage der Verlängerung der ausländischen Warkgul- haben in Deutschland. Ueber diese Frage besteht zur Zeit ein Vermittlungsvorschlag in dem Sinne, daß die Markguthaben bis Mitte Rovember gesperrt bleiben sollten.
Die meisten Mitglieder des Internationalen Stillhalle- konsorliums verließen mit dem Rachtschnellzug von Montag auf Dienstag Bafel Von der deutschen Delegation bleiben noch zwei Mitglieder in Basel, die erneut telefonisch mit Berlin Fühlung nehmen werden, so daß noch die Möglichkeit besteht, daß im letzten Augenblick noch eine Verständigung über die Frage der Markguthaben erzielt werden könnte.
Die übrigen Punkte, die Gegenstand der Verhandlungen im Schoß des Stillhaltekonfortiums bildeten, wurden in einem Abkommen zusammengefaßt, das dem Bericht Laytons beigegeben wird. Dieses Abkommen bienf nunmehr den verschiedenen Bankgruppen, die Deutschland kurzfristige Kredite gewährt haben, als Grundlage für direkte Agreements von Bankgruppe zu Bankgruppe.
Mellon nach Amerika abgereist
Reapel, 18. August.
Der amerikanische Finanzminister Mellon hat sich nach einem Besuch von Neapel und Umgebung auf den italienischen Passagierdampfer „Conte Biancamano" nach Amerika eingeschifft.
Der verschobene Franzosenbelvch
Volontär „Brüning hat recht."
Paris, 18. August.
Zur Vertagung der Reise der französischen Minister nach Berlin schreibt „Volonte": Die Vertagung der deutsch-französischen Besprechungen in Berlin wird wahrscheinlich keine unangenehmen Folgen haben. Die Aufgabe der Genfer Verhandlungen besteht darin, das Gelände zu ebnen und die Probleme, die einer Lösung allgemeiner Art fähig sind, zu regeln. Wenn diese Säuberung einmal durchgeführt ist, wird man genau sehen, in welchem Grade die vorgesehenen Berliner Besprechungen die etwaigen Lücken der Genfex Verhandlungen zu ergänzen haben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Umstände eine Aktion von sehr großem Ausmaß notwendig machen.
Dr. Brüning hat erklärt, daß Europa eine Zusammenarbeit braucht, die weit über alles geht, was bisher durchgeführt wurde. Richts ist richtiger als das, und wenn der Reichskanzler eine gemeinsame Festsetzung internationaler preise für die Waren gleicher Güte sowie das Studium der Zolltarife und ein Vorgehen gegen die «Räuberhöhle" der internationalen Wirtschaftskonkurrenz vorsieht, hat er gewiß recht.
Alles, was Dr. Brüning anregt, ist übrigens in Briands Memonrandum vom 1. Mai 1930 enthalten. Es ist höchste Zeit, daß man dieser vorausschauenden Bewegung Leben gibt, die von denen, die sie niemals aufmerksam verfolgt haben, scharf kritisiert wird. Die Aufgabe fällt zunächst den Genfer Organisationen zu, die in vierzehn Tagen das Wort haben werden. Es ist gut, daß man dann in Berlin die Steine beschafft, die man in Genf noch nicht in den Hausbau einstigen konnte.
WWMWWWWL^- 7^- '" '"____^4.....
Appell Hitlers an das Zentrum
Wüncheu, 18. August.
Die Pressestelle der Reichsleitung der NSDAP. veröffentlicht im „Völkischen Beobachter" einen längeren Artikel unter der Ueberschrift „Wahrheit und Klarheit", der an das Verantwortungsbewußtsein des Zentrums appelliert, sich dem „Volkswillen" nicht zu verschließen, der die Sozial- demokratie spätestens im Mai nächsten Jahres bündnisunfähig machen werde und die Regierung davon überzeugen müsse, daß die Spekulation auf ein Abebben der nationalsozialistischen Sturmflut fehlgeschlagen sei.
Es würde also, so wird weiter ausgeführt, lediglich der Ausdruck einer Notwendigkeit fein, wenn die Zentrums- regierung Brüning, wie man behaupte, ihre Fühler nach rechts ausstrecke, um das Terrain nach dieser Richtung hin zu sondieren.
„Wir Nationalsozialisten", heißt es danach weiter, „können es uns leisten, die Problematik der Situation offen aufzu- zeigen und in aller Ruhe zu betrachten, ohne fürchten zu müssen, daß es uns als ein Annäherungsversuch ausgelegt wird, zu dem wir nicht die geringste Veranlassung haben. Denn wenn die Regierung Brüning etwa der Meinung sein sollte, daß der Ausgang des Volksentscheides einen psychologisch günstigen Zeitpunkt darstellt, um uns goldene Brücken zu bauen zum Eintritt in ein „Konzentrationskabinett", auf das wir keinen unserer Stärke entsprechenden Einfluß haben, um der deutschen Politik endlich die Wendung zu geben, die das ganze Volk erwartet, dann würde sie die Lage falsch einschätzen. Die Voraussetzungen, die die NSDAP. an eine Regierungsbildung knüpft, und die sie von einer Regierung im Reiche fordern muß, an der sie führend beteiligt ist, sind bekannt."
Der verunglückte Römer Schnellzng,
der auf der Strecke Villach- Bruck auf einen Güterzug auffuhr, robbet 14 Personen getötet wurden.
Unser Bild zeigt den umge- stürzten Zug. Unten die Lage der Unglücksstelle.