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Hersfel-erTageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 190 (Erster Blatt)

Sonnabend, den 15. August 1931

81. Jahrgang

Frankreich gegen Tributstreichung

Matin" macht die ungeheuerliche Feststellung:Gegen Schuldenftreichung sprechen Moral, Gerechtigkeit und Gefühl"

Wirtschastssanierung wird verordnet

Vertrauenskundgebung der Länder im Reichsrat.

Berlin, 15. August.

Die finanzpolitischen Beratungen, die in den Vereinig­ten Ausschüssen des Reichsrats unter dem Vorsitz des Reichs­kanzlers und im Vorstand des Deutschen Städtetages siatt- fanden, haben das Programm einer finanziellen Sanierung der Reichs-, Länder- und Gemeindehaushalte erheblich ge­fördert.

Die Aussprache im Reichsrat hat, wie berichtet wird, als politisch wichtigstes Moment die Feststellung allgemeinen Vertrauens der versammelten Länderminister in die Auf­fassungen und Pläne des Reichskanzlers und des Gesamt- kabinetts ergeben. Die technische Durcharbeitung dieser Pläne soll nun in der Weise vor sich gehen, daß eine Sach­verständigenkommission bestellt wird, in die neben Vertretern der Reichsregierung auch einzelne Länderbeamte als Sach­verständige entsandt werden dürften. Dieser Kommission werden die vorliegenden Vorschläge zur Durchprüfung über- geben werden.

Man schätzt die Zeit, die zur Vorbereitung der neuen Maßnahmen erforderlich ist, auf 14 Tage, so daß nach zwei­wöchiger Sachverständigenarbeit neue Notverordnungen zur Durchführung des wirtschaftspolitischen Programms zu er­warten sind.

Geld in der Reichslasse

Wiederansteigen des Steueraufkommens.

Vetlin, 15. August.

olge der Stockung des Zahlungs- verkehrs und der Schließung der Banken ein Minderauf- kommen an Steuern in Höhe von etwa 80 Millionen Mark festzustellen war, ist

bereits in der ersten Dekade des August ein erheblicher

Teil des Ausfalles den Steuerkaffen wieder Mgeflosfen.

Da die Stockung des Zahlungsverkehrs wiederaufgehört hat, rechnet man an zuständiger Stelle damit, daß der Juli- ausfall in der zweiten Hälfte des August in noch stärkerem Maße wieder aufgeholt wird.

7 Milliarden kurzfristige Schulden

Die ersten Besprechungen des vereinigten Stillhalteaus- schusses.

Basel, 15. August.

Der vereinigte Slillhalteausschuß, dessen Mitglieder te­legraphisch nach Basel berufen worden waren, hat in den Räumen der BJZ. seine erste große Aussprache gehabt, die drelneinhalb Stunden dauerte.

Der vereinigte Stillhalteausschuß hat die Aufgabe, nachdem bereits im einzelnen mit England, Frankreich und den Vereinigten Staaten Stillhalte-Abmachungen getroffen wurden, nunmehr für sämtliche Gläubiger Deutschlands eine gemeinsame Verlängerung der kurzfristigen Kredite zu ver­einbaren. Als Verhandlungsgrundlage gilt der amerika­nisch-englisch-deutsche Vorschlag, welcher eine Stabilisierung der Kredite auf sechs Monate vorsieht. Es sind Aussichten ovrhand?',. daß auch die anderen Gläubiger Deutschlands diesem V.u schlag notgedrungen schließlich zustimmen wer­den, die Bedingungen und Garantien allerdings, die man von Deutschland hierfür verlangt, bereiten gewisse Schwie­rigkeiten.

' Die gesamte deutsche kurzfristige Verschuldung beläuft sich auf etwa 7 Milliarden Mark.

Der Sachverständigenausschuß hat alsdann die Aufgabe, wenn ihm von (Jr Layton der zusammenfassende Bericht über die Vereinbarungen des Stillhalteausschusses vorge­legt wird, als Vermittler aufzutreten und eventuell, falls keine Einigung möglich ist, einen Schiedsspruch au fällen. Die außerordentlichen Sparmaßnahmen, welche die Regie­rung gegenwärtig vornimmt, haben bei den ausländischen Bankenvertretern inen guten Eindruck gemacht, ebenso wie die Tatsache der ruhigen Abwicklung des Sparkassen- und Devisenverkehrs.

Die Verlängerung der kurzfristigen Kredite

Basel, 15. August.

Die im Internationalen Stillhaltekonsortium vereinig­en Bankiers, die gestern nachmittag ihre Verhandlungen ortgeseßt haben, haben sich auf einen einheitlichen Vorschlag )insichtllch Der Bedingungen, unter denen eine Verlängerung >er kurzfristigen Kredite an Deutschland bewilligt lverden oll, geeinigt und sofort der deutschen Delegation davon Mit- eilung gemacht. Ueber die einzelnen Bedingungen, wie Verzinsung und zusätzliche Garantien, verlautet noch nichts.

Eine französische Reparationsdrohung Frankreich wird keine völlige Streichung der Reparationen zulassen."

Paris, 15. August.

In den letzten Wochen haben mehrfache sehr sachliche Erörterungen über die Frage stattgefunden, ob, in welchem Umfange und auf welche Weise eine vernünftige Repara- tions- und Kriegsschuldenregelung stattfinden könnte. Das ist in Washington wie in London geschehen. Darüber sind gewisse französische Kreise stark beunruhigt, die die Tribute als Druckmittel gegen Deutschland unter allen Umständen aufrechterhalten wissen wollen. Das kommt in einem Gert« aufsatz desMatin" eindrucksvoll zum Ausdruck, wenn ei u. a. schreibt: Reparationen sind keine Schulden. Man wird keine Diskussion zulassen, die eine Regelung dieser Frage auf Kosten Frankreichs bezweckt und Frankreich wird sich keinesfalls dazu hergeben, daß man das Reparations- problem hinter seinem Rücken behandele.

Zu dem Augenblick, in dem dieses Spiel aufgedeckl wird, kann Frankreich sein Velo einlegen. Frankreich ist entschlossen, dies zu tun, ungeachtet der finanziellen oder valutarischen Folgen, die ein solcher Schritt in diesem oder jenem Lande verursachen würde. Auf keinem Fall aber wird Frankreich eine gänzliche Streichung der Repa­rationen zulassen. Dagegen spricht Moral, Gerechtigkeit und Gefühl. (Eine nette Moral!) Ebensowenig wird zu­gelassen werden, daß man Kriegs- und Reparalionsschul- den in einem Topf werfe.

Gewiß ist es möglich, die Schulden vollständig zu an­nullieren, unmöglich aber ist es, die Reparationen gänzlich zu streichen, mäßigen, die sprechend kürz

Man kann die Kriegsschulden beträchtlich er* Reparationen jedoch lassen sich nicht ent- ;en. Da keinerlei finanzielle internationale Ab- me Frankreich zustande kommen, könnten, ist es

Willens, es will keine^Üngerechtigkeiten/(? !)

Mit Frankreich ließe sich in loyalen Besprechungen, in denen jeder Partner einsichtsvoll und großzügig auftrete, vieles erreichen, eine Gewaltpolitik ohne Frankreich oder hinter dessen Rücken könnte dagegen gar nichts schaffen.

War die Welt nicht rulW:

Die Vernichtung Deutschlands und der Mittelmächte.

New Pork, 15. August.

Bundessenakor Borah hielt in Boise im Staate Jdaho eine vielbeachtete Rede, in der er in schärfster Form gegen die französischen Sicherheitsforderungen Stellung nahm. Frankreich erfreue sich einer größeren Sicherheit als irgend­eine europäische Macht während der letzten 200 Jahre über­haupt.

Dem entkräfteten, zerstückelten und entwaffneten Deutsch­land gegenüber habe Frankreich ein riesiges Heer und eine wirtschaftliche Macht ersten Ranges sowie ferner militärische Bündnisse mit der Tschechoslowakei, Polen, Südslawien, Ru­mänien und Belgien aufzuweisen. Darüber hinaus sei Frankreich durch den Kellog-Pakt und den Locarnovertrag in jeder denkbaren Weise geschützt.

Weitere Sicherheitsforderungen Frankreichs seien gleich­bedeutend mit dem Willen, Deutschland, Oesterreich und Un­garn zu vernichten. Das werde aber die Welt nicht zulassen.

Französische Lustmanöver bei Manen

Paris, 15. August.

Vom 26 bis 29. August werden in der Gegend von Nancy Luftmanöver abgehalten. Bei diesen soll vor allem das Zusammenwirken der Militärbehörden mit den Zivil- behöroen und der Bevölkerung bei der Verteidigung gegen Luftangriffe geübt werden. Außer Flugzeugen aller Größen nehmen nicht weniger als 13 Flugabwehrbatterien mit 75 und 105 Millimeter-Geschützen sowie die dazu gehörigen Scheinwerferzüge, Fesselballons usw. an den Tag und Nacht dauernden Manövern teil.

Schwere Zusammenstöße in Jtzehoe

Vier Schwerverletzte. Etwa 25 Leichtverwundete.

Jtzehoe, 15. August.

Nach einer stark besuchten sozialdemokratischen Par° ieiversammlung kam es gegen Mitternacht zwischen heim­kehrenden Versammlungsteilnehmern und Nationalsozia- ästen, die starken Zuzug von auswärts erhalten hatten, an verschiedenen Stellen der Stadt zu schweren Schlägereien.

Drei Reichsbannerleute und ein Nationalsozialist rour- Sen so schwer verletzt, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Etwa 20 bis 25 Personen wurden leicht verletzt. Die Polizei griff mit allen verfügbaren Kräften ein und säuberte die Straßen.

Die Polizei fuhr in Bereitschaftsautos durch die Haupt­straßen. Um den politischen Zusammenstößen, die nun |d)on seit Tagen Jtzehoe beunruhigen, ein Ende zu machen, ist jetzt die Zusammenziehung stärkerer Polizeikräfte in der Stadt durchgeführt worden. .......

Besuch Lavals erst nach Gens

Briands Gesundheitszustand angeblich der Grund.

Berlin, 15. August.

Nach einer amtlichen Mitteilung aus Paris wird der Besuch des französischen Ministerpräsidenten Laval und des Außenministers Briand in Berlin erst nach der September­tagung des Völkerbundes erfolgen.

Nachdem kurz nach der Ueberreichung der deutschen Einladung in Paris offiziös der 26. und 27. August als Be­suchstermin in Berlin angegeben worden war, kommt die plötzliche Programmänderung ziemlich überraschend. Eine amtliche Mitteilung, die Frankreichs Ministerpräsident im Einvernehmen mit dem deutschen Botschafter von Hoesch der Presse übergeben hat begründet die Verschiebung des Besuchs mit dem noch geschwächten Gesundheitszustand Briands, dessen Aerzte gegen die Reise nach Berlin vor der Fahrt nach Genf seien.

In Berliner politischen Kreisen wird ausdrücklich betont, daß natürlich politische Gründe bei dem Plan keine Rolle spielen.

Ministerpräsident Braun zum Volksentscheid

Berlin, 15. August.

Die SPD. hielt aus Anlaß des Volksentscheidsergeb- nifses eine Massenkundgebung im Sportpalast ab, an der führende sozialdemokratische Abgeordnete teilnahmen.

Ministerpräsident B r a u n, der mit stürmischem Beifall begrüßt wurde, führte u. a. aus: Nach dem Volksbegehren hätten sich die hinter dieser Bewegung stehenden Gruppen und Parteien wohl selbst gesagt, daß der Volksentscheid ihnen etzreRWeriLge bringen werde. Sie hätten deshalb durch Mittelmänner der Preußischen Regierung ein Kompromiß angeboten: sie möge den Landtag schon im Herbst auflösen, dann würde man auf den Volksentscheid verzichten. Die Antwort, die ich gegeben habe, hat den Leuten wohl jede Lust vertrieben, noch weiter ernstlich dieser Idee nachzuhän- gen. Die Preußische Regierung hatte keine Veranlassung, den Volksentscheid zu umgehen. Die Volksentscheidler waren sich klar, daß er aussichtslos war. Da kam der Retter in der Not, Thälmann. In seinen weiteren Ausführungen ging Braun auch auf die im Wege der Prellenotverordnung ver­öffentlichte preußische Regierungskundgebung über den Volksentscheid ein. Die Preußische Regierung habe sich im Kampf um den Volksentscheid sehr zurückgehalten. In sol­cher Situation hat ebenso wie bei einem Mißtrauensantrag im Parlament die Regierung das Recht, sich gegen die An­griffe der Gegner zu wehren. Man hat sich besonders dar­über aufgeregt, daß wir zwei Tage vor der Entscheidung eine Kundgebung der Preußischen Regierung an die Wähler­schaft haben ergehen lassen. Es lag so, daß besonders in den letzten Wochen aus den weitesten Kreisen der Bevölkerung an die Preußische Regierung Anfragen kamen: wehrt sie sich nicht gegen die unerhörten Angriffe? Wie steht die Preußische Regierung zum Volksentscheid? Da liegen die Dinge in der Tat so, daß die Wählerschaft einen Anspruch darauf hatte, daß die Regierung erklärte, wie sie zu diesem Volksentscheid steht. Es ist falsch, wenn es so hingestellt wird, als ob wir mit dieser Kundgebung die Presse knebeln oder die Meinungsfreiheit unterdrücken wollten. Ich bin so loyal gewesen, nicht am letzten Tage den Abdruck zu erzwin­gen, sondern zwei Tage vor dem Volksentscheid, damit'die Blätter der Volksentscheidsparteien Gelegenheit hatten, noch auf die Kundgebung zu antworten. Das eine möcht« ich hier aber mit aller Offenheit aussprechen. Der Umstand, daß der Herr Reichspräsident Ehrenmitglied des Stahlhelm ist, verpflichtet mich nicht, mich und die Preußische Regierung vom Stahlhelm und seinen Volksentscheidsgenossen, die ja vom Kreml in Moskau bis zum Braunen Haus in München reichen, ohne Widerspruch verunglimpfen und beschimpfen l zu lassen. Ich bin im politischen Leben stets gewohnt, auf einen Schelm anderthalbe zu setzen, auch auf die Gefahr hin, daß dadurch einige journalistische Gouvernanten bis in ge­wisse demokratische Blätter hinein aus ihrem seelischen Gleich­gewicht gebracht werden. _

Sodann nahm Abgeordneter Wels das Wort. Er er­klärte, er gehe nicht so weit, von einem Sieg der Sozialde- mokratie zu sprechen. Die Antwort vom 9. August sei noch nicht positiv genug. Er wandt« sich dann besonders scharf gegen die Kommunisten. Tiefstes Mitleid müsse einem über­kommen, wenn man dies« irregeleiteten Proletarier sehe, die durch ihre Unwissenheit der guten Sache der gesamten Ar­beiterschaft schadeten. Es gebe zwei Wege zur Gesundung. Den einen sei man in Rußland gegangen, den Weg der Ge­walt und des Bürgerkrieges. Die Sozialdemokratie fei aber gewillt, den Weg des demokratischen Aufbaues, der Auf­klärung und der wirtschaftlichen Befriedung zu gehen. Wels besänftigte sich bann mit dem Zufammenbruch der Danat- bank. Die Kontrolle des Staates müsse in der Zukunft schar- fer sein. Zu der kommenden Abrüstungskonferenz erklärte er, daß mit dem allgemeinen Mißtrauen und der Angst vor den Nachbarn Schluß gemacht werden müsse.

Der deutsche Flieger von Gronau ist von Renkjavik kommend in Scoresb^und aus Grönland Alatt gelandet.