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GersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 189

Freitag, den 14. August 1931

81. Jahrgang

Vor scharfen Gparmastnahmen

Der Reichskanzler vor den ReichsratsausschWen Erneute Kürzung der BeamtengehSlter?

Ergebnis der Woche

Laval kommt.

R. p. Staatsbesuche sind zur Zeit große Mode. Noch hat die Oeffentlichkeit den englischen Gegenbesuch in Berlin und die Romreise des Kanzlers und Außenministers nicht ganz verdaut, da wird bekannt, daß Laval und Briand begin­nen, ihre Koffer und Akten zu ordnen, um nach Berlin zu reifen. Die deutsche Einladung ist überreicht. . In den nächsten Tagen wird man die letzten Fragen klären, um diese Reise noch im August möglich zu machen. Die Hava^ Meldung von der Verschiebung der Laval-Reise bis nach Genf und bis nach Lösunggewisser Probleme" war offen­bar ein taktisches Manöver jener französischen Kreise, du von der jahrelang geübten Gepflogenheit, von Deutschland nur Pflichten zu verlangen, nicht abkommen. Der Fragen­komplex, den es zwischen Deutschland und Frankreich zu klären gibt, ist so groß, daß man mit Recht diesem franzö­sischen Ministerpräsidenten-Besuch die größte Bedeutunnf von allen bisherigen Staatsmännerzusammenkünften bei» mißt. Es wäre angesichts der Bereitschaft Lavals unk Briands, jetzt schon nach Berlin zu kommen und auf bh üblichen Voraussetzungen und Vorbedingungen zu- verzich­ten, verkehrt, wollte man diesem Besuch von vornherein mii Mißtrauen oder gar Ablehnung begegnen. Die deutsch­französischen Beziehungen müssen auf einen an­deren Stand gebracht werden; das liegt ganz selbstverständ­lich im Interesse Deutschlands, das liegt aber auch im Inter­esse Frankreichs, das mit zunehmenden Befürchtungen fest­stellen muh, daß die Wirtschaftsnot und die Finanz- un! Geldschwierigkeiten wie eine Hochwasserflut langsam abei sicher immer größere Strecken weltwirtschaftlichen Kultur­bodens überschwemmen. Frankreich kann nicht hoffen, alleir Ärrrou merschviii zu bleiben. Musssimk yaroen üeurm)e> Staatsmännern gegenüber die Notwendigkeit einer um­fassenden Völkersolidarität betont Lava! Wirt kaum zu einer anderen Erkenntnis kommen, können, wenn ei der weitblickende Staatsmann ist, der er als Führer dei Geschicke Frankreichs fein sollte.

Ernste Krisenzeichen in England.

Die Entwicklung der Verhältnisse in England redet ein, recht ernste Sprache. Daß die englische Wirtschaft mit ähn­lichen Schwierigkeiten zu sümpfen hatte und hat, wie deutsche, ist seit langem bekannt. Daß sich diese Wirtschafts- depression auch auf das englische Staatsbudget auswirker würde, war zu erwarten. MacDonald hat deshalb seiner Erholungsurlaub auf seinem Landgut in Schottland unter­brochen und ist überraschend nach London zurückgekehrt, un im engsten Kreise jene Sparmaßnahmen vorzubereiten, du demnächst das Kabinett und das Parlament beschäftigen sollen. Wenn man vernimmt, zu welchen rigoroser Sparvorschlägen die englische Regierung offenbar entschlossen ist, dann wird man lebhaft erinnert an fern Maßnahmen, die sich zwangsmäßig zur Sanierung der deut­schen Finanzen ergaben. Als vor etwa vier Wochen im Zu­sammenhang mit den internationalen Besprechungen zur Anwendung und Durchführung des Hoover-Planes sich du ersten Anzeichen eines Ab fließ ens französischer KrediteausEngland bemerkbar machten, durfte mar mit Recht annehmen, daß sich dahinter ein politischer Druä verbarg. Was üch damals als Pressionsmittel kennzeichnete hat sich inzwischen zu einer Devressionswirkunx gestaltet. In Paris verfolgt man jedenfalls heute die wirt­schaftliche und finanzielle Entwicklung in England mit zu- nehmender Beunruhigung. Solange Frankreich als größte, Geldgeber Europas seine Ueberlegenheit auf finanziellem Gebiet politisch auszunutzen vermochte, bedeutete tatsächlich Frankreichs Geldüberfluh eine überragende politiscke Ueber­legenheit. Seitdem aber die Nachfrage nach Krediten sich regeln muß nach der immer schmaler werdenden Absatz- basis, wird dieser Geldüberfluß fast zur Last, mindesten- zu ernster Sorge.

Wo ist die Rettung?

Diese Frage drängt sich allen Staatsmännern, Poli­tikern, Wirtschaftlern und Finanziers auf. Zwischen Mac- Donald und Stimson haben soeben wieder eingehende in­terne Beratungen stattgefunden. Es wird behauptet, daß der amerikanische Botschafter in Berlin, Sackett, nach Schottland abgereist sei, um dort ebenso wie der amerika- Nische Botschafter in Paris mit Stimson zu bedeutsamen Verhandlungen zusammenzutreffen, die mit der neuesten Aussprache StimsonMacDonald Zusammenhängen. Aus Washington wurde mehrfach gemeldet, daß dort die Frage einer Tribut- und K r i e g s s ch u l d e n r e v i s i o n von Hoover in ähnlichem Sinne beurteilt werde wie in Wallstreet-Kreisen, die die reparationspolitische Regelung des Versailler Vertrages in erster Linie für die heutige all­gemeine Wirtschaftskrise verantwortlich machen. In London haben die Bankiersachverständigen soeben ihre Beratungen über Vereinbarungen zur D u r ch f ü h r u n g d e s H o o verschön Feiers ihres abgeschlossen. Sie sind dabei zu einem Ergebnis gekommen, das sehr wenig den herr­schenden Verhältnissen Rechnung trägt. In unterrichteten Kreisen nimmt man deshalb an, daß die Verfasser dieser Vorschläge von dem GesichtspMU ^gegangen seien, daß

ihrer Festlegung nur formale Bedeutung zukomme, weil die nächste und zwingendste Aufgabe die Neuregelung der Reparationsfrage sei. So läuft alles zwangsläufig daraus hinaus, das Unnatürliche, das Widersinnige, das Diktato­rische des sogenannten Versailler Friedensvertrages so­bald wie möglich aus der Welt zu schaffen, damit sich wieder wirtschaftlich normale Verhältnisse gestalten können. Dort liegt auch die einzige Rettung, wenn die verantwortlichen Staatsmänner nicht die Schuld daran tragen wollen, daß sich alles zum Chaos entwickelt.

Verständigung auch nach innen.

Das Deutsche Reich hat soeben den Verfassungstag gefeiert. Es find bei den verschiedensten Veranstaltungen manche ernste Worte gesprochen worden. Am wenigsten haben die der Bedeutung des Tages entsprochen, die die Wunde innerer Gegensätzlichkeit neu aufrissen. Beachtung aber sollten alle diese Worte finden, die zur Verständigung raten, weil wir Verständigung brauchen, um mit vereinten Kräften aus der furchtbaren Krise herauszukommen. Es sollte jeder einzelne begriffen haben, daß nur Selbsthilfe die Rettung Deutschlands bringen kann. Die ersten An­fänge zur Selbsthilfe an sich sind hoffnungsvoll. Der ge­regelte Zahlungsverkehr hat nach den Bank-Feierwochen einen ruhigen Fortgang genommen. Die Angstpsychose und Hamstersucht sind gewichen. Alles das sind Zeichen inneren Selbstvertrauens. Auf diesem Wege müssen wir vorwärts- schreiten. Das parteipolitische Gezänk muß verschwinden, sonst verlieren wir den festen Boden unter den Füßen. Ernst genug sind die Verhältnisse trotz allem noch. Zur wirtschaftlichen Krise kommen posttische Unruhen, die man nicht übertreiben, die man aber auch nicht zu gering schätzen soll. Die bisherigen Feststellungen der Polizei deu­ten aus umstürzleriscbe Bestreb" dw oraanisa- torisch schon recht weit vorgeschritten find. Der systema­tische Terror gegen die Polizei und gegen die öffentliche Ordnung und Sicherheit, das Iüterboger Eisenbahnatten- tat, die Widersetzlichkeiten, Demonstrationen und Angriffe auf Andersdenkende erfordern nicht nur die Anwendung aller staatlichen Machtmittel, sondern auch die Zusammen­fassung aller staatserhaltenden Kreise. Den Ausgang des Volksentscheids in Preußen sollte man weniger unter dem Gesichtspunkt Sieg oder Niederlage, sondern danach beur­teilen, daß rund 9 Millionen bürgerlichmationale Wähler vorhanden sind, die zusammen mit den Regierungsparteien im Reich und in Preußen in der Lage sind, jeden gewalt­samen Umsturz zu erdrücken. Das deutsche Volk kann es sich jedenfalls heute weniger denn je leisten, national und wirtschaftlich wertvolle Kräfte von der Mitverantwortung an dem Wiederaufbau des Reiches auszuschalten.

Die spanische Krise.

Spanien ist der staatlichen Umwälzung bisher nicht froh geworden. Die Hoffnung, daß sich alle widerstrebenden, nach Freiheit ringenden Elemente nach dem Sturz der Monarchie unter dem Symbol des Volksstaates Spanien zusammenfinden würden, hat sich bisher nicht erfüllt. Macia läßt seine Idee vom selbständigen Katalonien nicht fallen. Er will sich selbst nach Madrid begeben, um den verfas­sunggebenden Cortes das durch Volksentscheid am 2. August mit überwältigender Mehrheit angenommene Statut Kata­loniens zu unterbreiten. Im Süden wächst sich die syndi­kalistisch-kommunistische Bewegung in der Provinz Sevilla immer mehr aus. Die Polizei deckt täglich neue Verschwö­rungen revolutionärer Gruppen auf, die gar kein Hehl dar­aus machen, daß sie die Madrider Zentralregierung ableh- nen und auf die Aufrichtung der Sowjetmacht hinarbeiten. Im Gegensatz hierzu macht sich unter den Basken in immer stärkerem Maße die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtig herrschenden Regime bemerkbar, nicht zuletzt deshalb, weil man fürchtet, daß die Staatsumwälzung nicht bei dem jetzi­gen Zustand stehenbleiben werde. Die Geister des Um­sturzes wollen sich nicht wieder in Fesseln legen lassen, sie streben weiter und drohen, Spanien an die G r e n z e des Auseinanderfalls zu bringen, den das voraufge­gangene Diktatursystem gewaltsam zu verhindern vermochte. Der Chef der spanischen Sicherheitspolizei erklärte selbst in den Cortes, daß die Behörden allen Grund hätten, wachsam zu sein und die Verteidigung der Republik keinen Augenblick aus dem Auge zu lassen. Durch Wühlereien von rechts und links sei der neue Staat hart bedroht. Das ist jedenfalls nicht die Freiheit, die die Staatsumwälzung dem spanischen Volk bringen sollte.

Unruhe« in Saragossa

Madrid, 14. August.

Nach Meldungen aus Saragossa soll die Lage in den letzten Tagen zu erneuten Besorgnissen Anlaß geben, da der Generalstreik proklamiert werden soll. Arbeitswillige wer­den von bereits streikenden Arbeitern an der Ausübung ihrer Tätigkeit verhindert. Als Gegenmaßnahme hat die Regie­rung die Gewerkschaftsbüros schließen und die Gebäude der Telephongesellschaften durch Polizeiaufgebote schützen lassen. Die Polizei wurde bereits von Demonstranten bedrängt und mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen.

Bröning not dem Reichsrat

Neuer Abbau der Beamtengehälter?

Berlin, 13. August.

Die Vereinigten Ausschüsse des Reichsrats, d. h. di< Ausschüsse für Volkswirtschaft, innere Verwaltung, Haus Halt und Rechnungswesen, Steuer- und Zollwesen, füi Rechtspflege und für Durchführung des Friedensvertrages traten zu einer nichtöffentlichen Sitzung zusammen. Reichs kanzler Dr. Brüning, der den Vorsitz führte, gab einen Be richt über die finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahme» der Reichsregierung.

Nach dem Bericht des Reichskanzlers wurden äst Wunsch der Länder die in den letzten Wochen von dei Reichsregierung getroffenen Maßnahmen besprochen. Ins besondere ist die finanzielle Lage der Gemeinden erörtert worden.

An der Aussprache beteiligten sich auch der bayerisch« Ministerpräsident Dr. Held und der Reichsfinanzministei Dr. Dietrich. Es wurde auf die große Notlage hingewiesen in der sich viele deutsche Gemeinden befinden. Einzelheitei für den Plan einer Reform der Gemeindefinanzen wurde» von der Reichsregierung nicht mitgeteilt, doch wurde er klärt, daß auf die Hauszinssteuer nicht verzichtet werde» | könne, da ein Ersatz dafür zurzeit nicht gegeben sei.

Von den Vertretern der Reichsregierung und der Cän der wurde betont, daß alleräußerste Sparsamkeit geübt wer den müßte, zumal auf eine große Ausländsanleihe, am den schon früher angeführten Gründen' nicht gerechnet wer den könne. Die Sparsam keitsmaßnahmen könnten auch at den Bezügen der Beamten und Angestellten nicht vorbei gehen, wobei freilich die Gehälter der unteren Beamte» geschützt werden müßten.

Die Bereitstellung von Reichsmitteln für die Sanierunj von Großbanken sei notwendig gewesen, um Zusammen brüche mit für die Allgemeinheit verhängnisvollen wirk schaftlichen Folgen zu verhüten. Der Sitzung wohnten auä die preußischen Minister Severing und Dr. Höpker-Aschof sowie außer dem Reichsfinanzminister der Reichsernäh rungsminister Schiele bei.

Die Erntefluanzierung

Verbilligung der Zinsen für Erntebewegungskredite.

Berlin, 14. August.

Die Deutsche Rentenbank-Kreditanstall (Landwirtschaft liche Zentralbank) ist durch Bereitstellung von Mitteln sei tens des Reiches jetzt in die Lage versetzt, den getreidever arbeitenden Betrieben, welche Roggen, Weizen oder Gerst, inländischer Herkunft diesjähriger Ernte aufnehmen, nad Lieferung der Ware auf Antrag eine Zinsverbilligung bei hierzu in Anspruch genommenen Wechselkredite zu ge währen.

Die Ueberweisung der Zinsrückvergütung erfolgt nad Einreichung einer von Käufer und Verkäufer unterzeich­neten Bestätigung des Geschäftsabschlusses, dem eine vor dem finanzierenden Kreditinstitut unterzeichnete Abschrift der entsprechenden Diskontabrechnung beigefügt ist. Du Zinsrückvergütung beträgt 6 Prozent p. a. der Wechsel­summe für die Dauer der Laufzeit der Wechselabrechnung soweit sie nicht über 6 Wochen hinausgeht. Wird der der­zeitige Reichsbankdiskontsatz von 10 Prozent herabgesetzt erfährt der Rückvergütungssatz die gleiche Ermäßigung. Du Verbilligung erfolgt bis auf weiteres zunächst für Geschäfte die in der Zeit vom 15. 8. bis 20. 9. 1931 abgeschlossen unt erfüllt werden. Die Anträge sind jeweils binnen einet Woche nach Erfüllung der Deutschen Rentenbank-Kreditan- statt, Berlin W. 8, einzureichen. Die Entscheidungen bei Deutschen Rentenbank-Kreditanstalt über die Anträge sink endgültig und können im Prozeßwege nicht angefochten werden.

Landvoltparteitag

7 Von Hauenschild-Tscheidt zum Parteiführer gewählt.

Berlin, 14. August.

Die Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei trat am Donnerstagnachmittag im Reichstag zu ihrem Par­teitag zusammen, der von Vertretern der Wahlkreisorga- nisationen und den Mitgliedern der Reichstagsfraktion be- sucht wird.

Als Nachfolger Ernst Höfers, dem der Reichstagsabge­ordnete Hepp als stellvertretender Parteiführer eine von Parteitag stehend entgegengenommene Gedenkrede hielt, wurde das bisherige Vorstandsmitglied von bauenjamb- Tscheidt einstimmig zum Parteiführer gewählt. von Hauen- fchild nahm die Wahl an mit dem Versprechen, die Land- volkbewegung im Sinne und Geiste Höfers zu führen.

Die programmatischen Erklärungen des neuen Führers wurden einstimmig gebilligt. In einer lebhaften Aus­sprache, an der sich u. a. der Gründer der Landoolkbewe- gung, Staatsminister Baum-Weimar, und Minister a D von Keudell beteiligten, wurde der unbeirrbare Wille zum Auf- und Ausbau der berufsständischen politischen Land- volkbewegung bekundet.