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HersfelöerTageblatt

DMWiLWT ^ct^fddct Kreisblatt

«A^Km rkk «^»m«^ Amtlicher Flnzelger für den Kreis kersfelü ,ä«ä^^

Nr. 185

Montag, den 10. August 1931

81. Jahrgang

Volksentscheid gescheitert!

Rund 10

Gegen Sonntagmitternacht lag, von unbedeutenden Gin« zelergebnissen abgesehen, das Gesamtergebnis über den Volksentscheid in Preußen vor. Von 26,4 Millionen Wahl­berechtigten hatten etwa 9 800 000 Wähler mitJa", also für Auflösung des Preußischen Landtages entschieden. Aus den vor Feststellung des Gesamtergebnisses eingegangenen Ein­zelergebnissen konnte man schon mit großer Wahrscheinlich­keit schließen, daß mit einem Durchkommen des Volksent­scheids wohl nicht zu rechnen war. Der Prozentsatz der3a"« Stimmen war im allgemeinen recht unterschiedlich. Er schwankte in den verschiedenen Städten zwischen unter 30 bis zu 80 Prozent, wobei die hohen Prozentziffern sehr stark in Mitteldeutschland vertreten waren.

Ein Tag größter politischer Bedeutung ist vorbei. Wohl kaum hat eine Wahl die Gemüter mehr erregt als der Volks­entscheid vom 9. August, fiel der Wahlakt doch in eine Zeit, in der das deutsche Volk in einem wirtschaftlichen Existenz­kampf steht, dessen Schwere jedem einzelnen bewußt war. Die Auswirkungen des Ergebnisses werden wir abwarten

müssen.

In allen Städten Preußens und des Reiches hatten sich große Mengen Neugieriger vor den Gebäuden der Zeitun­gen angesammelt, um die Ergebnisse der Zahlungen zu er­fahren, meist harrte man geduldig aus bis zur Bekanntgabe des endgültigen Resultates, das dann zu lebhaften Diskus­sionen führte.

Im allgemeinen ist der Wahlakt ruhig verlaufen, von blutigen Ausschreitungen in Berlin und einigen anderen Großstädten abgesehen. So kam es in der Reichshauptstadt nach 8 Uhr abends vor dem Gebäude der kommunistischen Roten Fahne" zu schweren Zusammenstößen. Dort hatte sich -vinv-gruße Meuscheuinlugr- ungejumn».», um vw wiuji- ergebnisse zu erfahren. Die Polizei hatte starke Patrouillen uasgesandt. Plötzlich fielen mehrere Schüsse, durch die zwei Polizeihauptleute auf der Stelle getötet wurden. Die Schutz­polizei säuberte darauf mit blanker Waffe den Bülow-Platz und suchte die Häuserblocks der dortigen Gegend systematisch ab. Die Bevölkerung durfte die Häuser nur mit erhobenen Händen betreten und wurde beim Verlassen derselben aufs strengste nach Waffen durchsucht. Mehrere Zivilisten wurden tödlich verletzt.

In Mona kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwi­schen Polizei und Demonstranten. Ein bedauerlicher Zwi- schenfall ereignete sich am Nachmitag in Berlin, wo zwei englische Journalisten, die vor einem Abstimungslokal foto­grafieren wollten, von Kommunisten angegriffen und zu Bo­den geschlagen wurden. Sie trugen einige Verletzungen davon.

Gesamtergebnisse:

Stimmkreise:

Ort:

Stimmber.

: Ja:

Nein:

Ungült.:

Ostpreußen

1 398 328

628 053

37 480

19 514

Groh-Berlin

3 378 515

1 043 929

33 650

18 682

Potsdam II

1 389 233

452 133

14 205

7 887

Potsdam I

1 394 875

556 065

23 013

12 705

Frankfurt (Oder)

1 071 890

519 140

23 460

18 774

Pommern

1 232 093

659 351

30 284

20 864

Breslau

1 268 902

495 556

27 624

15 688

Liegnitz

806 721

358 951

21 833

10 715

Oppeln

880 309

290 595

Magdebura (Bez.) 877 446

373 691

15 656

13-055

Halle-Mersebura

963 345

528 369

20122

12 518

Erfurt oh. Thür.) 425 805

179 644

4 311

4 094

Schleswig-Holst.

1 040 000

494 433

15 078

11 343

Weser-Ems

457 525

164 621

4 606

3 287

Ost-Hannover

684 000

348 293

12 370

Süd-Hannover

993 586

346 178

16 479

8 034

Westfalen-Nord

1 476 255

400 773

14 926

9 628

Westfalen-Süd

1 683 313

551 217

20 542

10 775

Hessen-Nassau

1 720 210

554 557

11 788

10 289

Köln-Aachen

1 519 883

245 442

8 595

3 965

Koblenz-Trier

823 923

212 324

5 320

3 609

Düsseldorf-Ost

1 481 873

531 055

14350

7 734

Düsseldorf-West

1 217 076

401 847

13 641

9 555

Einzelergebnisse:

Ort:

Stimmber.: Ja:

Nein: Unsült.: %

Düsseldorf (Stadt) 365 565

91 476

1981

1013

Duisbg.-Hamborn 269 539

106 721

3 635

2 855

Frankfurt/M.

429 609

94 472

2 328

1848

Herne (Stadt)

59 474

23 174

1203

754

Kolberg (Stadt)

22 990

10 098

323

259

Köln (Stadt)

542 021

74158

1812

662

Köln (Land)

62 607

9173

368

170

Stettin (Stadt)

109 000

38 827

514

457

- ..... i

Millionen Ja-Stimmen, also 37,1 Prozent

Presse und Notverordnung

E klärung der Reichsarbeilsgemeinschaft der Deutschen Presse.

Berlin, 10. August.

Die Reichsarbeitsoemnnschaft d-r Deutschen Presse teilt mit:

Die Anwendung der Pressenolverordnung vom 17. Juli 1931 hat den Beweis erbracht, daß die Verordnung nicht das geeignete Mittel zur Bekämpfung politischer Ausschrei­tungen in der Presse ist. Die Bedenken und die Kritik, welche ir der Kundgebung der Reichsarbeitsgemeinschaft der deut­schen Presse vom 18. Juli ausgesprochen worden sind, und die Dem Reichsminister des Innern am gleichen Tage zur Kennt­nis gebracht wurden, haben sich leider im vollen Umfange als berechtigt erwiesen.

Das Präsidium der Reichsarbeitsgemeinschaft der Deut- jchen Presse hat daher erneut in einer Aussprache mit dem Reichsinnenimnister die sofortige Aufhebung der Notver­ordnung gefordert. Da die Reichsregierung die sofortige Aufhebung nicht in Aussicht stellen konnte, hat das Präsi­dium der Reichsarbeitsgemeinschaft der Deutschen Presse auf Wunsch des Reichsinnenministers Anregungen für eine

75 Verletzte Ein Verbrechen mit politischen Hintergründen?

Berlin, 10. August.

Auf den Schnellzug BaselFrankfurt a. M.Berlin wurde Sonnabend um 21.45 Uhr bei Jüterbog ein Spreng- skoffanschlag verübt. Kurz nach der Station Jüterbog ent-

Speisewagen, stürzten um und fielen die Böschung hinunter.

Trotz der Schwere des Unfalls wurden nur drei Perso­nen schwer und 16 leichter verletzt. Die Un- tersuchungskommission der Reichsbahn fand an der Unfall­stelle einen 200 Meter langen Draht mit Zündschnur und stellte fest, daß aus einer Schiene ein Stück heraugesprengt worden war. Die Oberstaatsanwaltschaft in Potsdam ent­sandte noch in der Rächt eine Unkersuchungskommission.

Die Reisenden wurden mit dem D-Zug aus München, der kurz nach dem Frankfurter Zug die Strecke passiert, (!) nach Berlin weiterbefördert.

Wie die Reichsbahn mitteilt, besteht bei keinem der Ver­letzten Lebensgefahr. Einschließlich der bereits genannten Verletzten wurden

im ganzen 75 Verletztmeldungen gezählt, von denen die meisten nach ärztlicher Beratung und Behandlung in Berlin mit Kraftwagen in ihre Wohnungen transportiert wurden.

M - *

I An der Unglücksstätte

W Halle, 10. August.

Die Reichsbahndirektion teilt über die bisherigen Ergeb­nisse der Untersuchung des Sprengstoffanschlages auf D 43 mit:

An einer Telegrafenstange neben der Unfallstelle war eine Nummer desAngriff" befestigt mit der Buntstift­aufschrift A t t e n t a t 8. 8.". Der Anschlag der Verbre­cher ging noch weiter: bei der Prüfung der Nebengleise ent­deckte der Zugführer des verunglückten Zuges zwei eiserne Schwellen auf den Schienen. Mit einem Schaffner seines Zuges konnte er sie noch rechtzeitig entfernen. Der Betrieb wurde eingleisig aufrecht erhalten. Die Reichsbahndirektion Halle hat eine Belohnung von 1000 Mark für die Ermittlung der Täter ausgesetzt.

Wie bei Tagesanbruch festgestellt wurde, ist auf den Gleisen vermutlich durch mehrere Sprengladun­gen ein 3^ Meter langes Stück herausgesprentzt worden und in Einzelteilen bis zu 30 Zentimeter Länge zum Teil über 20 Meter rechts und links der Strecke forlge- schleudert worden. Den Knall der Sprengung hat man selbst in dem 13 Kilometer entfernten Luckenwalde ge­hört, wie Bewohner angaben, die von dort an die Un­fallskelle eilten. In Zinna haben bei der Explosion in den Wohnungen Teller und Gläser geklirrt.

In der Nähe der Unfallstelle wurde noch eine zweite Numer desAngriff" gefunden, die mit mehreren Haken­kreuzen und der AufschriftAttentat 8. 8., H o ch Revolu­tion!" versehen war.

Das Attentat

Generaldirektor Dr. D o r p m ü l l e r hat gestern mittag mit anderen leitenden Herren der Reichsbahngesellschaft dre Unglücksstelle besichtigt. Wie er erklärte, ist der Anh-Hlag mit einem geradezu beispiellosen Raffinement verübt worden, f Nicht ohne Grund ist eine Stelle ausgesucht worden, in k der der Zug beig» Entgleisen aus der Kurve und die ,

grundlegende Umgestaltung Der Notverordnung gegeoen unter ausdrücklicher Wahrung des Standpunkts, daß die Notverordnung aufzuheben ist.

Der Reichst anenminister hat zugesagt, bei der Kabinetts­beratung über die Abänderung der Notverordnung die An­regungen der Reichsarbeitsgemeinschaft zu verwerten.

Die Entscheidung über das Ausmaß der Aenderungen soll am heutigen Montag getroffen werden.

Das Arbeitstolenproblem in Europa

Ein amerikanisches Urteil.

Rew 3orf, g. August.

John J. Leary, der von einer fünfmonatigen Studien­reise nach West- und Mitteleuropa, die er im Auftrag des Präsidenten Hoover unternommen hat, zurückgekehrt ist, er­klärte, daß das Arbeitslosenproblem in Europa fast durch­weg weit bedenklicher sei als in den Vereinigten Staaten. Auch in Frankreich mache es sich bereits bemerkbar. Be­sonders schlimm aber wirke es sich in Deutschland und Oester­reich aus, wo Hoovers Vorschlag offensichtlich noch ernstere Erscheinungen verhütet habe.

uns 9=3iifl Büfel-Berlin

Böschung herunter geworfen werden mußte. Außerdem hat man eine Stelle gewählt, die ganz einsam liegt.

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von Jüterbog und ein Gebäude der Heeresverwaltung. Zu der Unglücksstelle führen auch keine Straßen, sondern nur einige untergeordnete Feld- und Waldwege.

Die Verbrecher haben eine 170 Meter lange Klingel- schnur, die mit dem Sprengstoff verbunden war, am Fuße des Bahndammes entlanggeführt bis zu einem Busch, der sie von der Explosion genügend entfernt hielt und auch ein Versteck gegen Sicht bot. Als der Zug heranbrauste, haben sie die Schnur offenbar mit einer Batterie in Verbindung gebracht und damit die Ent­zündung hervorgerufen.

Der Lokomotivführer und Die anveren Dahnbeamten standen zunächst vor einem Rätsel. Die Ursache des Unglücks wurde erst klar, als man nach längerer Zeit fand, daß dreieinhalb Meter Schienen fehlten. Aus der Art der Explosion ist auch zu schließen, daß die Verbrecher ausgezeichnete Sprengstoff­sachleute gewesen sein müssen.

Räch Ansicht der Fachleute ist es geradezu ein Wunder, daß das Unglück keine schlimmeren Folgen gehabt hat, zumal der Zug sehr stark besetzt war.

Das hat seinen Grund einmal darin, daß die neuen Hülsen- puffer sehr viel stärker sind als die des alten Systems, und deshalb einen viel größeren Druck aushalten, so daß diesmal ein Jneinanderschieben der Wagen vermieden worden ist. Außerdem hat der Lokomotivführer mit bewunderungswür­diger Geistesgegenwart sofort richtig gehandelt.^ Die starke Bremswirkung ist auch noch durch den lockeren Sand unter« stützt worden.

*

Verstärkter Streckenschutz.

Die Reichsbahnhauptverwaltung hat auf Veranlassung des Generaldirektors der Reichsbahngesellschaft, Dr.-Jng. D o r p m ü l l e r, eine Belohnungvon20 0 0 0 Mark für die Ergreifung der Täter des Sprengstoffanschlags bei Jüterbog ausgesetz::. tt

Die Reichsbahn hat infolge des Sprengstoffanschlages gegn den D-Zug FrankfurtBerlin auf allen Strecken ver­stärkte Streckenbewachung eingerichtet. AMlionenschaden des

Eisenbahnattentats

Das bisherige Ergebnis der Untersuchung

Berlin, 10. August.

Wie wir erfahren, ist die Untersuchung des Eisenbahn- attentats den ganzen Rachmittag und Abend fortgeführt worden. Räch ihrem bisherigen Ergebnis kann man jetzt übersehen, wie die Sprengwirkung zustande gebracht wurde. Es sind nämlich Seile von Gasrohren verwendet worden, die die Verbrecher mit dem Sprengstoff angefüllt und als Bom­ben verwandt haben. Sie sind dann über den 170 Meter langen elektrischen Draht mit Hilfe einer Taschenlampen- bakterie zur Explosion gebracht worden. Weiler ist festge- stellt worden, daß wahrscheinlich zwei bis drei Personen an dem Attentat beteiligt sind. Mit einer gewissen Sicherheit hat sich jetzt auch ergeben, daß es sich in der Tat um ein po- litisches Attenlar radikaler Elemente handelt.

Der Sachschaden, der durch das Attentat verursacht wurde, wird weit auf über eine Million Mark geschätzt.