Hersfel-erTageblatt
Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 178 Sonnabend, den I. August I93J 81. Jahrgang
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ReichsbankbiStont 15 Prozent
Freier Zahlungsverkehr Mitte nächster Woche — Die neue Notverordnung erscheint morgen
Der neue Weltkrieg
Die Devise als modernstes Kampfmittel.
1870 wurden Kriege mit Kavallerie-Attacken, 1918 mit Tanks, 1931 mit Gold und Devisen geführt. Frankreich und England hatten schor immer das Geld als Waffe des politischen Kampfes gekannt. Der Reichtum der Länder, symbolisiert im Goldbestand ihrer Banken, war Kampfmittel der Außenpolitik. Mit Anleihen, die sie gewährten, konnten politische Bedingungen und Bindungen verknüpft werden.
Von beiden Ländern hat Frankreich jetzt das modernste Mittel der weltpolitischen Kriegsführung gefunden. Nicht mehr das Geld ist es, mit dem man neue Kredite gibt, um politische Forderungen einzuhandeln. Gewiß macht Frankreich auch von diesem Kampfmittel Gebrauch, von dem es ja 9,3 Milliarden Mark (3,5 Milliarden Mark mehr als für Deckungszwecke benötigt werden) besitzt. Denken wir nur an die Anleihen, die Polen, Jugoslawien, Rumänien und jetzt erst Ungarn, erhalten haben. Denken wir weiter an die Kreditangebote an Oesterreich. Vor allem die Unterredung Brüning—Laval. Die ganze deutsch-französische „Verständigung" dreht sich um die Frage, ob Frankreich für den Kredit, den es auf Grund seiner 3,5 Milliarden Reichsmark überschüssiger Goldbestände geben kann, die politischen Vorteile einhandeln kann.
Nicht das Gold, wenn auch gern benutzt, ist die Hauptwaffe. Als viel schlagkräftiger hat sich die „Devise", die kurzfristige Forderung an das Ausland, erwiesen. Gold heißt, neue Kredite an das Ausland geben können. Reichtum an Devisen heißt, Kredite schnell und überstürzt aus den ausländischen Märkten, den Banken, Produktionsunternehmungen und öffentlichen Kassen zurückziehen und deren Liquidität zerschlagen können. Schärfer als der sanfte Druck der Kreditgewährung ist der unsanfte Druck der Kreditab- stjM^tUie^.^ -------- --------------
Wir hatten vergessen, daß Frankreich schon einmal die plötzlichen Kreditabziehungen als Mittel des politischen Kampfes verwendet hatte. Im Jahre 1911 beantwortete Frankreich den berühmten „Panther-Sprung" nach Agadir mit Kreditkündigungen. Das Mittel versagte damals, weil die 400 Millionen Mark, die Frankreich abziehen konnte, nicht ausreichten, das deutsche Kreditsystem zu erschüttern.
Von der seit ‘1911 scheinbar in Vergessenheit geratenen Waffe hat Frankreich im Mai 1931 wieder Gebrauch gemacht. Der Angriffspunkt war die Oesterreichische Kreditanstalt. Der Bundesgenosse der französischen Kampfpolitik war der 50-Millionen-Mark-Block der international vagabundierenden Kurzgelder. Ein bißchen Abziehungen, ein bißchen Erschütterung des Vertrauens — die vagabundierenden Kurzgelder folgten der von Frankreich bestimmten Abslußrichtung.
Frankreichs zweiter Stoß richtete sich nun gegen Deutschland selbst. Auch hier die Voraussetzungen für ein Gelingen glänzend. Die Danatbank ist geschwächt durch die Vorgänge in Wien und andere Vorgänge. Von der labilen Masse der internationalen Kurzkredite sind etwa acht Milliarden Reichsmark bei deutschen Banken, die durch eine Erschütterung des Vertrauens schnell aus Deutschland verdrängt werden. Dazu die große Zahl unbewußter Bundesgenossen innerhalb der deutschen Grenzen selbst, die seit mehr als Jahresfrist das Vertrauen zur deutschen Wirtschaft und zum deutschen Staate totgeredet haben. Viel brauchte Frankreich nicht abzuziehen, die „Bundesgenossen", Kreditflucht des Auslandes sowie Kapitalflucht und Depositenflucht des Inlandes, erledigten schon die Aufgabe, den Reichsbankpräsidenten und den Reichskanzler nach Paris zu zwingen, um den französischen Kredit gegen politische Konzessionen einzuhandeln.
Die Mittel der französischen Politik sind indes nicht erschöpft. Ein dritter Stoß ist im Gange. Er richtet sich gegen London selbst. Die finanziellen Machtmittel Frankreichs reichen aus, den Angriff gegen die City bis zum Erfolg durchzuführen, — wenn England keine Hilfe findet.
Frankreich hat die Kredite, die es aus Ungarn, aus Oesterreich und Deutschland abgezogen hat, nicht nach Paris zurückgezogen. Es hat sie draußen gelassen und auf andere Märkte umgelagert. Vor allem nach London. Von dem Gesamtbetrage sind mindestens drei Milliarden Mark — 150 Millionen Pfund in englischen Schatzwechseln und bei englischen Banken angelegt
Wenn Frankreich diese 150 Millionen Pfund zurückzieht und England keine Hilfe findet, muß die Bank von England, deren Goldbestand 155 Millionen Pfund beträgt, ihre Schalter schließen. Das bedeutet: die mehr als 100 Jahre alte Weltstellung der Londoner City ist zerschlagen, das Imperium bedroht, die zentrifugalen Kräfte des Weltreiches in Bewegung gesetzt.
Diesmal geht der Kampf um das Gold. Frankreich kann nicht, wie bei den Kreditabziehugen aus Mitteleuropa die gekündigten Gelder auf andere Märkte umlagern, denn dann würden sie ja auf Grund des internationalen Kreditmechanismus, der immer noch zu Gunsten Englands funk tioniert, sofort nach London zurückfließen. Diesmal müssen die Devisen in Gold umgewandelt werden. Die Kampf- xeserve braucht sich diesmal also auf; darum wird Frank
reich diesen Kampf mit besonderer Energie führen, weil er der letzte ist. Wird Frankreich so lange Gold in London kaufen, bis sich England beugt — auf Kosten Deutschlands. Wer hilft?
Amerika wäre theoretisch in der Lage, England die 750 Millionen Dollar Gold zur Verfügung zu stellen, die für die französischen Kreditabziehungen benötigt werden. Die ungenutzten Goldvorräte der Union reichen bei weitem dafür aus. Aber...!
Frankreich ist in der Lage, eine Kreditunterstützung Amerikas zu Gunsten Englands zu verhindern. Die amerikanischen Banken sind ja mit dem gleichen Betrage wie die englischen Banken an Frankreich kurzfristig verschuldet. Frankreich kann jeden Kredit, der aus New Pork nach London fließt, mit der Kündigung seiner Amerikagelder beantworten. Auch Amsterdam und Zürich haben zuviel französische Gelder, als daß sie zu Gunsten Englands intervenieren könnten?
So absurd, wie es im ersten Augenblick klingen mag: Helfen können hier nur Mitteleuropa und Italien. Denn hier sind auch heute noch 3050 Millionen Mark Effektiv- gold vorhanden, die in englischen Wechseln oder bei englischen Banken angelegt werden können. Die Notendeckung würde in diesen Ländern dann eben nicht mehr in Gold, sondern überwiegend in Devisen bestehen.
Deutschland ist auf jeden Fall in den Krieg London— Paris hineingezogen. Siegt Frankreich über die City, dann wird Deutschland die Kosten zahlen. So sieht die Systematik dieses Kampfes aus. Bedeutet das Pariser Angebot eines französischen Rediskontkredits von 20 Millionen Pfund an die Bank von England eine Wendung? Wenn ja, was ist hinter den Kulissen vorgegangen?
— Diskant IZPrazen^
Berlin, 1. August.
Die Reichsbank hat ab heute den Diskontsatz von 10 aus
15 Prozent und den Lombardsatz von 15 auf 20 Prozent erhöht.
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Die Reichsbank teilt in Begründung d e,r Erhöhung des Diskontsatzes und des Lombardsatzes mit:
Die Rücksicht auf die nachteiligen Auswirkungen hoher Zinssätze auf die ohnehin schwierige Lage der deutschen Wirtschaft, insbesondere auf die Landwirtschaft, hat die Reichsbank veranlaßt, so lange als möglich an den bisher geltenden Sätzen festzuhalten. Wenn die Reichsbank sich gleichwohl im Hinblick auf die aus Anlaß der bevorstehenden Wiederaufnahme des vollen Zahlungsverkehrs zu erwartenden Ansprüche zur Vornahme der Erhöhung, und zwar gleich in dem starken Ausmaß entschlossen hat, so tut sie dies im Vertrauen darauf, daß der Uebergang zum normalen Zahlungsund Ueberweifungsoerkehr dadurch erleichtert und sie um so schneller instand gesetzt wird, zu erträglichen Zinssätzen zurückzukehren.
Mit Rücksicht auf die Eilbedürftigkeit der Beschlußfassung konnten nur die in Berlin anwesenden und erreichbaren Mitglieder des Zentralausschusses zur Beratung hinzugezogen werden.
Aufnahme des normalen Zahlungsverkehrs
Berlin, 1. August.
Entsprechend der Ankündigung der Reichsregierung wird in der kommenden Woche die Aufnahme des normalen Zahlungsverkehrs erfolgen. Es wird am Montag der unbeschränkte Überweisungsverkehr inerhalb der zum Ueber- weisungsoerband gehörigen Institute, am Dienstag der unbeschränkte Ueberweifungsoerkehr unter Ausschluß der Ueberweisungen auf Postscheck- und Reichsbankgirokonten, im übrigen ganz allgemein ausgenommen werden. Vom Mittwoch ab werden auch die Ueberweisungen auf Postscheck- und Reichsbankgirokonten und die Barauszahlungen aus Kontokorrent- und Giroguthaben unbeschränkt zulässig sein, während
Abhebungen von den Sparkonten bei Banken, Sparkassen und Genossenschaften zunächst noch gewissen Be- schränkungen unterworfen
bleiben. Die Verordnung, die die Einzelheiten regelt, wird im Laufe des Sonnabend erlassen werden.
Diskonterhöhung und Zahlungsverkehr
Mehr Reichsbanknoten im Verkehr.
Wie wir erfahren, entwickelte sich in der Zentralaus- schußsitzung der Reichsbank über die vom Reichsbankdirektorium beschlossene Erhöhung des Diskontsatzes auf 15 Prozent eine.lebhafte Diskussion. Besonders die Vertreter der
Landwirtschaft und auch einiger Banken bezeichneten die Heraufsetzung des Diskontsatzes auf 15 Prozent als zu hoch. Schließlich wurde jedoch zustimmend von der Diskontmaßnahme Kenntnis genommen, die als Vorbereitung für die Ingangsetzung des normalen Zahlungsverkehrs anzusehen ist.
Die im Zahlungsverkehr geltenden Beschränkungen sollen ab Montag bereits teilweise ausgehoben werden und am Mittwoch der kommenden Öodic soll der volle Zahlungsverkehr wieder hergestellt werden. Allerdings werden den Sparkassen die Auszahlungen noch nicht vollkommen freigegeben werden.
Die Reichsbank ist sich bewußt, daß der Wirtschaft neue schwere Lasten zugemutet werden, und sie hofft, so bald wie möglich, ihre Diskontrate wieder ermäßigen zu können, wenn der Zahlungsverkehr sich wieder eingespielt hat und die Kred Ansprüche an die Reichsbank nachgelassen-haben.
Selbstverständlich werden die bisherigen Kreditein- schränkungen seitens der Reichsbank jetzt weitgehend aufgehoben werden.
Wie wir noch erfahren, ist der Notenumlauf der Reichsbank inzwischen auf 4,4 Milliarden Reichsmark gestiegen; man erwartet für den Ultimo eine Steigerung auf 4,6 Milliarden. Die Girogelder haben um 200 Millionen Reichsmark zugenommen und die Devisenbestände zeigen seit dem 24. Juli eine Zunahme um 80 Millionen Reichsmark.
Abschluß der finanzpolitischen Maßnahmen
Inangriffnahme des Wirtschaftsprogramms.
Berlin, 1. August.
Das Reichskabinett ist gegen abend wieder zu einer Sitzung zusammengetreten, um zunächst die Fragen zum Abschluß zu bringen, die mit der Wiedereröffnung des freien Zahlungsverkehrs Zusammenhängen. Die Schwierig- -kettemUägen-m der-UmerscheidanA zwischen laufenden und S p a r k o n t e n. Man will natürlich vermeiden, daß durch unnötige Abhebungen von Sparguthaben neue Erschwerungen eintreten. Die Unterscheidung ist aber sehr schwierig, wenn eine Benachteiligung der Sparkassen vermieden werden soll.
Es ist aber anzunehmen, daß das Kabinett eine Lösung findet, die sowohl bei den Banken als auch bei den Sparkassen Sicherungen gegen Geldhamsterei von Sparkonten schafft.
Im zweiten Teil seiner Beratungen befaßte sich das Kabinett zum ersten Male auch mit den wirtschaftspo- litischen Aufgaben, die in der nächsten Zeit akut werden.
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Die amtliche Mitteilung über die Wiederherstellung des freien Zahlungsverkehrs in der nächsten Woche ist der Niederschlag des Hauptsächlichsten, was in der gestrigen Abend- sitzung des Reichskabinetts beraten worden ist. Nachdem diese finanztechnischen Beschlüsse gefaßt worden waren, ist das Kabinett in Form einer Ministerbesprechung noch zusammengeblieben, um sich zum erstenmal mit den wirtschafts- politischen Maßnahmen zu befassen, die in der nächsten Zeit ergriffen werden sollen. In Kreisen des Reichskabinetts ist man sich darüber klar,
daß ein klares Wirtschaftsprogramm dringend erforderlich ist, sobald wir über das rein banktechnische wieder hinausgekommen sind.
Es liegt aber auf der Hand, daß alle Entschlüsse gerade auf diesem Gebiet mit besonderer Sorgfalt vorbereitet und durchgeführt werden müssen. Man kann deshalb annehmen, daß noch eine Reihe von Beratungen notwen - d i g sein werden, ehe das Kabinett zur definitiven Regelung kommt. Das ist um so mehr zu erwarten, als man natürlich zunächst einmal abwarten muß, wie die dank- und zahlungs- mäßige Entwicklung nach der vollkommenen Wiedereröffnung der Schalter läuft. Um Mitternacht waren die Minister noch beisammen, und es verlautet, daß die Besprechung noch lange Zeit in Anspruch nehmen wird. >
Reichsbeteiligung
an Dresdner Bank
Berlin, 1. August.
Die Berliner Blätter beschäftigen sich mit Verhandlungen, die zwischen dem Reich und der Dresdener Bank wegen einer Beteiligung des Reiches an der Bank schweben.
Es soll eine große Transaktion durchgeführt werden, bei der es sich darum handelt, daß die Dresdener Bank Vorzugsaktien im Betrage von 300 Millionen. Mark ausgibt, von denen das Reich einen beträchtlichen Teil übernehmen soll.
Wie wir erfahren, steht die endgültige Regelung der Transaktion unmittelbar bevor. Der Aufsichtsrat . der Dresdener Bank tritt im Laufe des Nachmittags zusammen, um über die Transaktion Beschluß zu fassen.