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HersfelöerTageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfel-

Nr. 173 Montag, den 27. Juli 1931 81. Jahrgang

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Pariser Daumenschrauben für London

Frankreich erschüttert durch Kreditkündigungen den Londoner Markt Auch in diesem Falle politische Hintergründe

Die Währung steht fest

Wie ein Fanal wirkte am 13. Juli die Tatsache, daß eine deutsche Großbank ihre Schalter vorübergehend schließen mußte, daß im weiteren Verlauf dieser zunächst für die deutsche Wirtschaft äußerst kritischen und heiklen Situation durch Notverordnungen der Regierung Bankfeiertage einge­setzt wurden, nach denen Auszahlungen nur in stärkster Beschränkung erfolgen durften, daß eine in das Wirtschafts­leben tief einschneidende Maßnahme die andere jagte nur mit einem Ziele, die Nation vor einem Unglück zu retten von Ausmaßen, wie wir es seit dem Katastrophenjahr 1918 sicherlich nicht gekannt und erlebt haben.

Die Ursachen sind nun allgemein bekannt: Die allge­meine Unsicherheit der politischen Lage hatte bereits dazu geführt, daß starke Kapitalabwanderungen einsetzten, die in den letzten Monaten die horrende Summe von etwa 4 Mil­liarden ausmachten und die jetzt der Privatwirtschaft fehl­ten Bei diesem starken Abstrom fremder Betriebsmittel wird man die zunehmenden Schwierigkeiten verstehen kön­nen, die sich selbst für große und als ganz sicher geltende deutsche Wirtschastsinstitute ergeben mußten, da a diese ausländischen Kredite in den vergangenen Jahren zur Be­triebsführung durchaus notwendig und unentbehr ich ge­worden waren, und deren plötzliches Verschwinden mit Naturnotwendigkeit zu Hemmungen und Stockungen führen mußte.

Ihrer Behebung diente die Arbeit der Londoner Kon­ferenz, demselben Ziele die Pariser Reise Brünings. Für sie weilte der Reichsbankpräsident Luther in London, Paris und Basel, für sie sind die neuenChePc?rs"°Besprechungen .LnJ^-Mdöil den Engländern und Am^..kaEN Lm Gange, |ur sie kommt nach der kurzfristigen Londoner Hilfe eine zweite Konferenz, die die endgültige Hilfe bringen muß Diese muß und wird kommen, da die internationalen Wirt- schaftsverflechtungen derart stark verwickelt sind, daß auch die größten Finanzmächte in den Abgrund mit hineingerissen würden, vor dem heute Deutschland steht.

Uns anderen liegt die Pflicht ob, alle Maßnahmen für Deutschlands Wohl und Zukunft zu unterstützen, indem jeder vernünftig Denkende mit dafür sorgt, daß nicht durch un­überlegte Maßnahmen die Situation noch verschärft wird Stürme auf Sparkassen und Banken sind zwecklos und blei­ben auch für den einzelnen ohne Erfolg, Das deutsche Volk muß unter allen Umständen die Nerven weiter behalten, muß eiserne Ruhe haben, es darf sich keinesfalls in eine Panik hineintreiben lassen.

Gewarnt werden muß vor den Mießmachern und Un­glückspropheten, die Beunruhigung in die.Massen hinein­tragen. Jeder muß wissen, daß die gesamten deutschen Spar­einlagen mit den Einlagen bei den deutschen Banken etwa 17 Milliarden Reichsmark betragen, daß diesem ungeheuren Sparsinn entsprechend um nur ein Beispiel anzuführen allein bei unserem größten Versicherungskonzern, derAl­lianz", das Jahr 1930 eine Gesamtprämieneinnahme von 196,2 Millionen erbrachte, wobei die Gesamtgarantiemit- tel des Konzerns über 210 Millionen betragen gegenüber etwa 207 Millionen im Vorjahre, eine Feststellung, die dem gesunden Wirtschaftsblick des Volkes, das feine Arbeitskrafi versichert, ein ehrendes Zeugnis ausstellt.

Wenn wir diese Ausführungen hier machen, so geschieh! es aus dem Grunde, um dem Publikum zu zeigen, daß es unmöglich ist, im Augenblick solche Riesensummen aus der Wirtschaft zu ziehen, denn die Spargelder sind in absolut sicheren Anlagen zinsbringend angelegt und können daraus nicht sofort herausgezogen werden. Selbst wenn die Kassen und Banken alle diese Anlagen sofort kündigen würden, müßten bis zu ihrem Freiwerden Monate vergehen, aber das würde gleichzeitig zu einem Zusammenbruch des ganzen Produktionsapparates führen, der jeden treffen müßte. Wenn der Zahlungsmittelumlauf in Deutschland etwa fünf Milliarden beträgt, wird es jedem einzelnen klar sein, daß damit keine 17 Milliarden ausbezaylt werden können. Dieser verhältnismäßig geringe Satz von Zahlungsmitteln ist gleich­zeitig ein Beweis dafür, daß die Gefahr einer Inflation nicht besteht. Ganz im Gegensatz zum Jahre 1923, wo der Notenumsatz ins ungemessene angeschwollen war, macht sich jetzt eine Zahlungsmittelknappheit bemerkbar, die einen absolut sicheren Schutz neben der Reichsbankdeckung gegen jegliche Inflation bedeutet. Es sind eiserne Fesseln aber sie verhindern die Katastrophe. Mit anderen Worten, die Mark steht fest, die Währung bleibt gesichert. Deswegen ist es auch ein Unsinn, wenn Leute in übergroßer und unan­gebrachter Aengstlichkeit ihre Lebensversicherung auf Dollar- bzw. Feingoldbasis umstellen wollen. Diese mögen sich ge­sagt sein lassen, daß auch ihre Einlagen ebenfalls aus dem obenanaeführten Grunde durchaus gesichert sind, daß auch für sie absolut kein Anlaß zu einer Panik besteht.

Wenn das deutsche Volk in so bewundernswürdiger Weise wie bisher Ruhe und Nerven bewahrt, so werden wir auch über diese schmierige Klippe hinwegkommen, und es wird in nicht allzu langer Zeit wieder festgezimmert das deutsche Haus dastehen.

Vor wichtigen Entscheidungen

Berlin, 27. Juli.

Die Besprechungen, die nach der Rückkehr des Reichs­kanzlers begonnen haben, wurden natürlich auch am Sonn­tag fortgesetzt. Allerdings konnte man noch nichts Positives darüber in Erfahrung bringen, da sie mehr einen informa­torischen und vorbereitenden Charakter haben. Der Kanzler muß seine Zeit in den nächsten Tagen nach zwei Notwendig­keiten einteilen: Er muß dafür sorgen, daß die ausländischen Gäste einen möglichst genauen und unmittelbaren Eindruck von der deutschen Notlage bekommen. Daneben ist jetzt allerdings aber wichtig,

daß die Reichsregierung, nachdem durch die Maßnahmen der letzten beiden Wochen nun doch immerhin eine ge­wisse Beruhigung eingetreten ist, wieder zu Dispositionen auf längere Sicht kommt. Das ist auch der Sinn der Akzept- und Garantiebank, die dazu beitragen soll, Wirt­schaftsleben und Zahlungsverkehr wieder zu normalen Verhältnissen zurückzuführen. Weiter wird diese Um­stellung auch in anderen Maßnahmen zum Ausdruck kommen, die die Reichsregierung vorbereitet.

Sicher ist jedenfalls, daß die neue Woche in diesem Zeichen nicht minder ereignis reich sein wird als die ver­gangene. Der Unterschied liegt nur darin und er wird in politischen und wirtschaftlichen Kreisen natürlich allgemein begrüßt, daß der ivjrt|d^ füumMU: Grund, auf dem wir stehen, wieder fester zu werden beginnt, so daß die Reichsregierung zur Planungen zurückkehren kann, die über den Tag hinausreichen.

Auf dem Weg zum normalen Zahlverkehr ?

Abermalige Diskonterhöhung für notwendig erachtet.

Berlin, 27. Juli.

Wie wir erfahren, erfolgt heute die offizielle Gründung der Akzept- und Garantiebank-A.-G. Diese Gemeinschafts- aktion der Banken unter Garantie des Reiches läuft auf eine in umfassendem Rahmen zu vollziehende

Sicherung des Ueberweisungsverkehrs, dessen technische Vorbedingungen durch die Tätigkeit des Ueberweisungsverbandes geschaffen und erprobt sind, hinaus, um auf diese Weise

die bestehenden Beschränkungen des Zahlungsverkehrs zu beseitigen und zum normalen Geldverkehr zurück- zUkebren.

Die Tätigkeit der neuen, mit einem Kapital von 200 Milli­onen Mark ausgestatteten Bank wird darin bestehen, daß sie Akzept- und Rembours-Kredite gewährt, ihr Giro gibt und Bürgschaften im Ueberweisungsverkehr, besonders für die entstehenden Debetsalden übernimmt. Sie soll dadurch als Ausgleichsstelle zwischen den Banken wirken und gleichzeitig, die Finanzierung erleichtern, was ihr durch die Mehrarbeit der Reichsbank sowie die Zugehörigkeit der Rentenbankkre- ditanstalt, der Bank für Deutsche Jndustrieobligationen und vor allem der Deutschen Goldiskontbank mit ihren starken Mitteln in erheblichem Umfange möglich sein wird.

In unterrichteten Kreisen sieht man in diesem solidari­schen Schritt der Großbanken eine weitere Festigung des Vertrauens in das deutsche Kreditsystem. Man rechnet jetzt mit einer baldigen Wiederaufnahme des normalen Zahlungsverkehrs.

Allerdings wird das Ergebnis der Verhandlungen des inzwi­schen gegründeten deutschen S t i l l h a l t e k o n s o r t i u m s mit dem internationalen zwecks Belastung der noch vor­handenen kurzfristigen Auslandskredite in Deutschland abzu- warten sein, ehe die völlige Freigabe des Zahlungsverkehrs erfolgt. Erst dann wird auch

die Frage einer weiteren Heraufsehung des Diskonksatzes,

die man an maßgebender Stelle für notwendig erachtet schieden werden.

Weitere Erleichterung des Zahlungsverkehrs

Berlin, 27. Juli.

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Auf Anregung der Reichsbank und unter Mitwirkung des Reiches haben sich die Großbanken unter der Firma Akzept- und Garantiebank A.-G." zu einer Gemeinschafts- aktion entschlossen. Diese Gesellschaft mit einem Aktienkapi­tal von 200 Millionen Mark wird durch zur Verfügungstel­lung der erforderlichen Mittel das reibungslose Funktionie­ren des Zahlungsverkehrs gewährleisten. Man will nicht nur die jetzigen Beschränkungen im Zahlungsverkehr mög­lichst schnell beseitigen, sondern auch die Darmstädter- und Rationalbank, für deren Kreditoren das Reich die Ausfalls­bürgschaft übernommen hat, wieder in den Zahlungsverkehr einschalten.

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Devisen-Anmeldes chlutz: Übermorgen!

Welche Fristen werden verlängert und welche nicht?

Berlin, 27. Juli.

Die Fristen für die Abgabe der Vermögenssleuererklä- rung, für die Anzeige von Beteiligungen und für die Steuer- amnestie werden bis zum 31. August 1931 verlängert. Ein­gehende Durchführungsbestimmungen werden demnächst er-

Die Frist zur Ablieferung oder Anzeigen von Devisen über 20 000 Mark läuft nur bis zum 29. d. M. und wird nicht verlängert. In einer Durchführungsverordnung heißt es noch, daß Ehegatten, die nicht dauernd voneinander getrennt leben und Eltern und die mit ihnen in häuslicher Gemein­schaft lebenden Kinder ihre Devisenbeträge zusammenzurech- nen haben. Schließlich sind auch Währungskonten bei inlän­dischen Kreditinstituten anmeldepflichtig.

Kein Rücktritt des Reichsbankpräsi­denten

Berlin, 27. Juli.

Die von der Telegraphen-Union verbreitete Meldung von dem bevorstehenden Rücktritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther entbehrt, wie wir erfahren, jeder Begründung.

Englische Verstimmung über Frankreich

London, 27. Juli.

In der gestrigen Sonntagspresse kommt die Enttäuschung über die Haltung Frankreichs aus der Londoner Sieben« mächtekonferenz deutlich zum Ausdruck. Diese Ent­täuschung wird noch erhöht durch Frankreichs Zurückziehung großer Goldmengen vom Londoner Geldmarkt. Dem Besuch S t i m s o n s und der englischen Staatsmänner in Berlin wird große Aufmerksamkeit geschenkt und der Erwartung Ausdruck gegeben,

daß durch enge Zusammenarbeit zwischen Amerika und Großbritannien die Lage gerettet werden kann.

Obseroer" schreibt zu dem Besuch MacDonalds und Hendersons in Berlin: Beide werden empfinden, daß die Vorstellungen, die Paris von Deutschland hat, von der Wahrheit entfernt sind.

Das britische Volk ist unbedingt und unabänderlich ent­schlossen, niemals wieder mit Frankreich gegen Deutsch­land zu sitzen. Die alte profranzösische und antideutsche

Einstellung ist für immer tot.

Im gestrigen Hauptleitartikel G a r v i ns wird die Lon­doner Konferenz als eingefährlicher Fehlschlag" angesehen, für den die unnachgiebige Haltung Frankreichs verantwort­lich zu machen sei. Garvin nimmt auf die Ansicht der Pa­riser Presse Bezug, daß Großbritannien und Amerika nichts ohne Frankreich tun könnten, und sieht die riesigen Zurück­ziehungen französischer Gelder aus der City von London als französisches Druckmittel auf England an, um der französi­schen Politik beizupflichten. Garvin wendet sich nachdrücklich gegen die Auffassung, daß sich Deutschland zu politischer Uebergabe zwingen werde. Er machte für die gesamte augen­blickliche Notlage die französisch« Annahme verantwortlich, daß Amerika und Großbritannien machtlos sind, um Sonder- aktionen zu übernehmen und ist überzeugt, daß sobald Ame­rika und Großbritannien vor Ablauf von drei Monaten be­reit sein werden, gesondert vorzugehen, Frankreich gezwun­gen werden wird, sich ihnen anzuschließen.

Ein neuer und entscheidender amerikanischer Plan muß nach Garvins Ansicht den kommenden Ereignissen ent­springen. Amerika und Großbritannien müssen, wie er betont, die Führung übernehmen, bevor eine finanzielle und politische Katastrophe in Zentraleuropa eintritt.

In einem Leitartikel schreibt Sunday-Times", die Franzosen haben sich hartnäckig an eine Politik geklammert, die England und Amerika nicht annehmen wollten und Deutschland nicht annehmen sonnte. Das aussichtsreichste Merkmal der Lage ist heute die enge und menschlich« Zusam- menarbeit zwischen London und Washington.

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London, 27. Juli.

Premierminister MacDonald hat Sonntag abend seine Reise nach Berlin angetreten. Vor seiner Abreise er­klärte er, er hoffe, daß sein Berliner Besuch die in Chequers erreichten günstigen Resultate weiter fördern werde. Die gesamte europäische Finanzlage wird in Berlin von Män­nern besprochen werden, die entschlossen sind, ihr mit gefun» dem Menschenverstand und Sinn für die Wirklichkeit zu be­gegnen.

Henderson nach Berlin abgereist

London, 27. Juli.

Staatssekretär des Aeußeren, H e n d e r s o n, ist Sonn- tag vormittag um 11 Uhr nach Berlin abgereist. Unter denjenigen, die sich zum Abschied auf dem Bahnhof emgefun» ^ |attei^|efanl) sich auch der deutsche Botschafter, Freiherr