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hersfel-erTageblatt yersfelSer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiser für den Kreis hersfelS

Nr. 172 (Erstes Bliitt) Sonnabend, den 25. Juli 1931 81. Jahrgang

Reichsbankdiskont 15 Prozent?

Um den normalen Geldverkehr der Banken und Sparkassen wiederherstelten zu können

Wo stehen wir?

Die Bekämpfung der allgemeinen Wirtschaftskatastrophe, die mit dein Vorschlag Hoovers eingesetzt hat, ist weder eine rein politische Frage noch eine rein wirtschaftliche. Poli­tisch ist Amerika durchaus der Meinung, daß die noch in Deutschland befindlichen kurzfristigen amerikanischen Kre­dite nicht zurückgezogen werden dürfen. Aber die amerikanische Regierung hat gar keinen Einfluß auf die amerikanischen Banken, um dies zu erreichen. Deshalb konnte in London nur eine Empfehlung, keinen Kredit zurückzuziehen, aus­gesprochen werden. Das alles muß bedacht werden, um die jetzt in Gang befindlichen verschiedenartigen Besprechun­gen zu verstehen. London war eben weder ein Abschluß noch ein Anfang, sondern ein Z w i s ch e n v o r g a n g. Auch das Ergebnis der Empfehlung ist noch nicht einmal ein Anfang zur allgemeinen Sanierung, sondern höchstens ist damit Zeit gewonnen, damit noch vor einem Zusammen- bruch Deutschlands, der eine für alle mörderische Lawine ins Rollen bringen würde, der Anfang zu einer Sanierung ge- »nacht werden kann.

Das Bankierkomitee, das Deutschlands Wirtschaft beob­achten soll, ist nur ein Vertrauensfaktor für die Privatbanken, daß sie mit Ruhe ihr Geld noch in Deutschland arbeiten lassen können. Die eigentliche Sa- nierungsarbeit beginnt erst. Alles, was vorherging, war lediglich ein Abgrenzen der einzelnen Stellungen. Danach sieht es nun so aus:

Das einzige Land, das über genügend flüssiges Geld verfügt, ist Frankreich; Frankreich kann nicht nur die notwendige Summe zu einer großen Anleihe aufbringen, sondern kraft seines ungeheuren Goldvorrats noch darüber hinaus Deutschland finanziell helfen.

Amerika und England können überhaupt nicht die nah wendigen Summen flüssig machen. England ist sogar augenblicklich in einer höchst prekären Lage. Ame­rika und England können also ohne Frankreich Deutschlands Anleihe nicht auflegen. Deshalb' bestehen beeide darauf, daß Deutschland sich mit Frankreich so einige, daß eine allge­meine Anleihe aufzubringen ist.

Frankreich verlangt vor der Auflage der Anleihe eine gewisse Sicherheit des Geldes, das seine Sparer in Deutschland riskieren. Man muß bedenken, daß, wenn die französische Regierung die Anleihe in Frankreich auf- legte, der französische Bürger auch für eine Zeichnung ge­wonnen werden muß. Er kann nur gewonnen werden, so ist aus der französischen Presse herauszulesen: 1. durch eine hohe Verzinsung, es heißt 8 Prozent bei 90 Auszahlung, 2. durch Pfänder, die fein Geld garantie­ren, und 3. durch eine Versicherung dagegen, daß sein Geld nicht wie früher in Rußland durch Krieg und Revolution verloren geht. Ohne diese Sicherungen glaubt die franzö­sische Regierung die deutsche Anleihe nicht auflegen zu kön­nen. Und ohne dies wieder glauben Amerika und Eng­land nicht die Anleihe zulassen zu können.

Da aber nur eine Anleihe auf die Dauer Deutschland in seinem wirtschaftlichen Bestand aufrechterhalten kann, die Anleihe aber nur durch oder mit Frankreich aufgelegt wer­den kann, so sind tatsächlich Frankreich und Deutschland. wiederum die beiden Pole, um die sich die Welt dreht. Alles hängt davon ab, wie Deutschland dem französischen Bürger Sicherheit für sein Geld geben kann, ohne daß Deutschland sich politisch Frankreich verkauft. Das wird der Inhalt der kommenden Verhandlungen sein.

Diplomatie ist auch ein Krieg mit anderen Waffen; so kann man wohl annehmen, daß zwischen den Debatten um das Hauptthema noch einige Nebenthemen eine Rolle spielen werden. Fürchtet nicht England, daß am Ende eine klare Einigung zwischen Deutschland und Frankreich allein zustande kommt, etwas, was die traditionelle englische Diplomatie von je zu verhindern strebte? Daß auch diese Frage eine Rolle spielen wird, ist sicher anzunehmen.

Das Hauptthema für uns Deutsche aber lautet zur Zeit: wie helfen wir uns selbst soweit als nur möglich? Je kräftiger unsere Selb st Hilfe sich wirksam macht, um so kräftiger stehen wir den ande­ren gegenüber. Um so weniger sind wir drückenden Bedingungen ausgesetzt. Daß wir hierfür unser Letztes her­geben müssen, dazu muß jeder entschlossen sein. Und daß wir dies nur durch größte innere Geschlossenheit erreichen können, sei gerade in diesem Augenblick jedem Führer der Gemeinschaft gegenwärtig!

Präsident Hoyver warb mit der Anerkennung unserer Kraft und unseres Mutes zur Selbsthilfe für das Vertrauen zu uns. Er soll sich nicht täuschen. Niemand, der unsseinVertrauenschenkt,sollsichtäuschen Wir sind ehrlich entschlossen, der Not zu Leibe zu gehen, nicht nur um unserer selbst willen, sondern auch um der Gemein­samkeit der Völker willen. Niemand aber täusche sich auch darin, daß wir diese Gemeinschaft nur dann anerkennen können, wenn diese Gemeinschaft von allen Seiten ehrlich gemeint ist. Hier gibt es keine Sieger und Besiegte, wie Madonald sagte, in diesem Kampf gegen die Not sind wir einander gleichberechtigt. Sonst ist er nicht au führen.

Heimkehr der deutschen Minister

Fortgang der internationalen Aussprache.

London, 25. Juli.

Reichskanzler Dr. Brüning, Reichsaußenminister Dr. Lurtius und die Staatssekretäre von Bülow und Schaeffer find am Freitagvormittag 11 Uhr aus London abgereist und 'haben sich über Calais nach Berlin zurückbegeben, wo sie am frühen Sonnabendmorgen einkrafen. Die übrigen Mit­glieder der deutschen Delegation reisten über harwich Kissingen.

Zum Abschied hatten sich aus dem Bahnhof zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten eingefunden, so der deutsche Botschafter und der österreichische Gesandte sowie der Ver­treter der englischen Regierung. Eine große Menschenmenge bereitete den deutschen Ministern einen herzlichen Abschied.

3m gleichen Zug fuhren auch die französischen Delegier­ten, die sich von Calais aus nach Paris zurückbegaben. Während der Fahrt fand noch ein reger Meinungsaustausch zwischen den beiden Delegationen statt.

Im Laufe des Sonnabend wird die Reichsregierung zu einer Sitzung zujammentreten, um den Bericht des Kanz­lers und des Reichsaußenministers über die Londoner Kon­ferenz und die nebenher geführten Besprechungen entgegen- zunehmen. Der Bericht bildet die Grundlage für die wei­teren Maßnahmen, mit denen sich die Reichsregierung in der nächsten Woche beschäftigen wird.

Nach dem Besuch des ameriranischen Staatssekretärs Stimson und der englischen Minister gilt es, auf außenpoli­tischem Gebiet, die deutsch-französischen Beziehungen weiter zu klären. Der Zeitpunkt des Besuches des französischen Ministerpräsidenten Laval in Berlin ist noch nicht genau festgelegt worden, doch soll die Reise noch vor der Genfer Tagung stattsintzen.

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Lava! an Voten

Harmonie zwischen Deutschland und Frankreich nötig.

, Warschau, 25. Juli.

Der französische Ministerpräsident Laval übergab dem Vertreter des amtlichen polnischen Telegraphen-Büros eine Erklärung', in der es heißt:

Ich glaube, daß meine Tartik die richtige gewesen ist. Die französische Delegation mufjte gleichzeitig die grund­sätzlichen Interessen Frankreichs vertreten und die Ver­pflichtungen der internationalen Solidarität anerkennen. Ich hoffe, daß die gefaßten Beschlüsse genügen werden, um der Gefahr Einhalt zu gebieten. Die weitergehenden Hilfs­mittel müssen mit großer Vorsicht angewandt werden und bedürfen großer technischer Vorbereitungen. Das aber ist schon Sache der Kommission, die die BJZ. bilden wird. Diesen Hilfsmitteln muß ein Fortschritt in politisier und moralischer Hinsicht vorangehen.

Ich behaupte, daß uns die Gespräche mit den deutschen Ministern zu einer Politik führen, die, führt man sie ver­nünftig und mutig weiter, eine volle vertrauensvolle Zu­sammenarbeit mit Deutschland ergeben wird. Ohne ver­trauen kann nicht von einem Kredit die Rede sein, und vertrauen kann in der Welt nicht herrschen ohne Harmonie zwischen diesen beiden großen Völkern, hier liegt die Er­lösung, und davon hängt der Friede ab.

So verstehen alle Völker die Situation, mit denen uns wahre Freundschaft verbindet. Es liegt mir daran, Ihnen zu versichern, daß diese französische Politik gegen nieman­den gerichtet ist, und niemanden berührt. Unsere Aufgabe ist nicht beendet. Im gleichen Geiste, in dem wir in Paris und London unsere Arbeit führten, werden wir sie auch in Zukunft fortsetzen."

RMgst in der ausländische» Presse Frankreich.

Der Außenpolitiker desM a t i n" sagt: Die deutsch- französischen Beziehungen waren das Leitmotiv des Tages. Daß die deutsch-französische Annäherung schwierig ist, be­zweifelt niemand. Frankreich geht soweit, rls seine Position es ihm gestattet. Sollte die Antwort Deutschlands ermuti­gend sein, dann wird die Londoner Konferenz reiche Früchte tragen.

EchodeParis" bringt die Hoffnung zum Ausdruck, daß die gegenwärtigen Ereignisse zwischen Frankreich und Deutschland Verständigungsmöglichkeilen schassen möchten, die vor einiger Zeit noch o^.' utopisch gewesen seien

England.

Der diplomatische Korrespondent desD a i l y Tele­graph" schreibt: Die erfreulichste Seite der Konferenz war zweifellos die Ueberemftminunß der amerikanischen und britischen Ansichten über die bezüglich Deutschland zu be- 'o^enje Politik. Niemals zuvor hat auf einer mterkatio- Wer Konferenz eine amerikanische Delegation so aktiv und vord-Ävkos mit den Engländern zusammengearbeuel. Der Roue^ponbern fügt hinzu, es verlaute, daß die Japaner Hilfe 9Jta^fernen zur Wiederherstellung der deutschen Finanzen in Sr-Ä^ht gestellt hätten

Amerika.

Herold Tribune" erklärt: Die Sieben-Mächte- Konferenz war offenbar ein Fehlschlag, soweit eine Lösung des Europaproblems in Frage kam. Indessen ver­hinderte sie die Krise und gab Zeit und Gelegenheit, ihre Arbeit zu tun. .,

Erfordernisse deutscher Rot Eine Erklärung der Christlichen Gewerkschaften.

Berlin, 25. Juli.

Der Hauptvorstand der Christlichen Gewerkschaften Deutschlands veröffentlicht eine Erklärung, die u. a, besagt: Die Verhandlungen der Staatsmänner haben gezeigt, daß das deutsche Volk und seine Wirtschaft hauptsächlich auf sich selbst angewiesen sind. Wir können und müssen deshalb schleunigst alle Mittel ergreifen, um die deutsche Wirtschaft und die staatliche Ordnung zu erhalten. Dazu ist notwen­dig, daß

1. die Bemühungen, über das Reparakionsfeierjahr > hinaus zu weiteren außenpolitischen Entlastungen zu kom­men, energisch weitergeführt werden;

2. die Reichsreform und die Verwaltungsreform nun­mehr unverzüglich mit dem Ziele einer Vereinfachung und weitgehenden verbilligung in Angriff genommen und durchgeführt werden;

3. die Reichsregierung unnachsichtlich die geflohenen Kapitalien zur Rückkehr zwingt;

4. die meist völlig unmotivierten Abhebungen bei den Geldinstituten aufhören und die abgehobenen Beträge schleunigst wieder eingezahlt werden;

5. das deutsche Bankwesen und gleichzeitig auch das Kartellwesen einer schärferen Aufsicht und Kontrolle unter- UeGt werden und insbesondere die Leitung der Deutschen Reschsömi? von ihren weitgehend- "': chtbefugnisfe» gegen­über den Banken den entschiedensten Gebrauch macht;

6. alsbald die längst notwendige Reform des Aktien­recht vorgenommen wird;

7. die im Artikel 165 der Reichsverfassung vorgesehe­nen Wirtschaftskörper gebildet und insbesondere die be- stelzenden Wirtschaftskammern paritätisch zusammengesetzt ] werden;

k 8. die drückendsten sozialen Bestimmungen der Notver­ordnungen baldmöglichst geändert werden;

9. alle gesetzlichen handhaben benutzt werden, um die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechtzuerhalten.

Lislo»terh»h«ng ant 15 Prozent? Zur Lösung der Bindungen des Zahlungsverkehrs.

Berlin, 25. Juli.

3m Wirtschafiskreisen verlautet, daß eine Heraufsetzung des Rerhsbankdlskontsahe» von 10 auf 25 Prozent bevor- stehe. Wie dazu von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, kommt eine Erhähuny in diesem Ausmaße keineswegs in Frage. Es sind bei der steichsbank allerdings gegenwärtig über die Frage einer Diskonterhöhung Beratungen im Gange. Man rechnet mit einer Diskonterhöhung auf 15 Prozent.

An maßgebender Stelle steht man auf dem Standpunkt, daß eine D!skontm«ßm»hme, solange der Zahlungsverkehr in der gebundenen norm aufrechterhalten bleibt, praktisch ohne Wirrm-x ist. Äs Frage einer weiteren Heraufsetzung des Dlekontjaßee ^mi zu einer praktischen Entscheidung erst dann gebracht werden, wenn der Zahlungsverkehr weitest- gefjenb" gelockert und der normale Verkehr der Banken wie- derhe: gestellt wird. Ein großer Teil der am Zahlungsver­kehr beteiligten Institute ist für eine schnelle Rückkehr zum normalen Zahlungsverkehr und hält die durch die Notver- orbrung getroffene Neuregelung, die für die Zeit vom 21. bis 28. Juli gilt, für unbefriedigeno. Selbstverständ­lich spielen die näheren Ergebnisse der Londoner Besprechun­gen, an denen bekanntlich ein Vertreter der Reichsbank teil- cencmmen hat, für Beschlüsse der Reichsbank in dieser Hin- sich eine maßgebende Rolle.

Erntestnanzieruug gesichert Die Reichsbank trifft die nötigen Maßnahmen.

Berlin, 25. Juli.

Amtlich wird mitgeteilt: Die unter Leitung des Reichs- ernährungsministers mit der Reichsbank, den zentralen land- wirischaftlichen Kreditinstituten und den Vertretern der Landwirtschaft geführten Verhandlungen haben folgendes Ergebnis gehabt:

Die Reichsbank hat sich bereit erklärt, den zur Finanzie- rung der Erntebewegung nötigen Rediskontkredit für die Mühlen und die Getreidehändler zur Verfügung zu stellen Darüber hinaus wird sie über die Rentenbankkreditanstall zusätzliche Rediskontierungsmöglichkeiten, insbesondere and für die waren-Genossenschaften, gewähren, um so die Finan zierung der Getreidebewegung slcheczuslellen.

Dieses Eingreifen der Reichsbank eröffnet den Weg für Mr geHshg-tr Uhwilkluna des Getre'de- und Mahlverkehrz^