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hersfrl-erTageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher /rnzrlger für den kreis Hersfelö

Nr. 168 Dienstag, den 21. Juli 1931 81. Jahrgang

Sieben Mächte am Konferenztisch

Nachdem die vorbereitenden Besprechungen in Paris abgeschlossen sind, erhosst man von der Londoner Konserenz ein günstiges Ergebnis

MiMerzuz nach London

Paris, 20 Juli.

Mit dem Schnellzug nach Calais, der um 10 Uhr Paris verließ, begaben sich nach London: Reichskanzler Dr. Brü- ning, Reichsaußenminister Dr. Curtius, Staatssekretär von Bülow und die übrigen Mitglieder der deutschen Delegation, weiter Ministerpräsident Laval, Außenminister Briand, Finanzminister Flandin, Budgetminister Pietri, Unter» staatssekretär Francois Poncet und der General­sekretär am Quai d'Orsay Philippe Berthelot sowie die Mitarbeiter der französischen Delegation.

Zur Verabschiedung der deutschen Delegation hatte sich Botschafter von Hoesch mit sämtlichen Mitgliedern der deut­schen Botschaft eingefunden. Auf dem Bahnsof entwickelte sich ein sehr lebhaftes Treiben.

Kurz vor der Abfahrt des Zuges erschienen Reichskanz­ler Dr. Brüning und Ministerpräsident Laval, die in einem Abteil Platz genommen hatten, am Fenster. Sie wurden von der Menschenmenge lebhaft begrüßt. Als der Zug sich in Bewegung setzte, brach die Menge in die Rufe aus: Vive l'Allemagne, Vive la France, Vive Laval, Vive la paix!

Während der Fahrt von Paris nach Calais haben der französische Ministerpräsident Laval und seine Kollegen sich mit den deutschen, mit den italienischen und den belgischen Ministern unterhalten, die auf Einladung Lavals im Wagen des Präsidenten Platz genommen hatten. Reichskanzler Dr. Brüning diskutierte im besonderen mit dem französischen Finanzminister Flandin und dem Büdgetminister Pietri.

Herrlicher Empsang

Der deutsche Botschafter holte in Begleitung des Ge- sandtschaftsrats Fürst Bismarck und des Legationsrats Baron Plessen Reichskanzler Dr. Brüning und Reichs- <^ßei^ Dr. Curtius in Dover ab. Die deutschen Herren trafen mit den französischen Ministern um 5.15 Uhr auf dem Victoria-Bahnhof in London ein.

Noch nie hat der Victoria-Bahnhof in London ein sol­ches Schauspiel erlebt, wie das, das sich bei der Ankunft Des „Ministerzuges" am Montagnachmittag 5.15 Uhr ab» pielte.. Schon lange vorher hatten sich die offiziellen Ver- ireter Englands, das diplomatische Korps und das Perso­nal der „beteiligten" Botschaften auf dem Bahnhof ver­sammelt, während eine tausendköpfige Menschenmenge die Abfahrtswege dicht besetzt hielt.

Zum Empfang waren auf dem Bahnhof Ministerpräsi­dent Macdonald und Außenminister Henderson erschienen, die die deutschen Minister herzlich begrüßten. Die stark ver­tretene deutsche Kolonie bereitete dem Reichskanzler und dem Außenminister einen lebhaften Empfang. Unter den Zu­rufen der großen Menschenmenge begaben sich die Minister sofort in das Hotel. Die deutsche, die französische und die belgische Abordnung wohnen im Earlton-Hotel.

Der erste Tag in London

Verhandlungen in „außerordentlich versöhnlichem Geiste". Sonderbesprechung der deutschen Minister mit MacDonald.

London, 21. Juli.

Die Konferenz der sieben Mächte, die am Montag um 18.30 Uhr beim Premierminister im Unterhaus begonnen hatte, dauerte bis um 20.15 Uhr. Am Schluß der Sitzung wurde

folgendes Kommunique ausgegeben:

Die erste Sitzung der internationalen Konferenz wurde durch den britischen Premierminister als Vorsitzenden eröff­net. Er gab eine Erklärung ab, in der er Ursprünge und Ursachen der Krise, die zu der augenblicklichen Lage geführt haben, auseinandersetzte und die Wichtigkeit der Aufgabe der Konferenz betonte.

Herr Laval gab der Konferenz einen Bericht über die Zusammenkünfte in Paris zwischen den französischen und den deutschen Ministern, legte im einzelnen die Stellung Frank­reichs in der bevorstehenden Debatte dar und drückte von neuem die Hoffnung loyaler Zusammenarbeit zwischen Frank­reich und Deutschland für die Wiederherstellung des Ver­trauens und des Kredits in der Welt aus.

Dr. Brüning bestätigte den Geist der Zusammen­arbeit und drückte seine Dankbarkeit für die Gelegenheit der Pariser Besprechungen aus. Er gab hierauf eine Darlegung mit Statistiken über die finanzielle Bdge Deutschlands und die Maßnahmen, die getroffen worden sind, um ihr zu begeg­nen. Er drängte auf die notwendige Unterstützung zur Bes­serung der Lage.

Fragen des Verfahrens wurden hierauf erörtert und die Sitzung dann auf heute vertagt. Eine Plenarsitzung der Konferenz wurde auf 10 Uhr vormittags im Foreign Office festgesetzt.

Die in dem Kommunique erwähnten

Ausführungen Dr. Brünings

galten hauptsächlich der deutschen Krise und der Finanzlage Deutschlands. Er hob hervor, daß vor allem zwei Erforder­nisse erfüllt werden müssen: ein Aufhören der Abrufung der fremden Kredite und eine Erhöhung der Gold- deckung der Reichsbank.

Es erregte ein gewisses Erstaunen, als die französischen Minister im Carlton-Hotel erschienen, während die deutschen Minister auf sich warten ließen. Bald wurde jedoch bekannt, daß MacDonald den Reichskanzler Dr. Brüning und den Reichsaußenminister Dr. Curtius zu weiteren Be­sprechungen im Unterhause zurückgehalten und sie ersucht hatte, mit ihm das Abendessen einzunehmen.

MacDonald mahnt zur Eile

London, 21. Juli.

Die Rede, mit der M a c D o n a l d die erste Sitzung der Sieben-Mächte-Konferenz eröffnete, hatte etwa folgenden Inhalt:

Der gegenwärtige Augenblick mag ein Wendepunkt in der Geschichte der Welt sein im guten oder schlechten Sinne. Wenn wir keine Lösung der gegenwärtigen Krise finden kön­nen, kann niemand die politischen nud finanziellen Gefahren voraussagen, die sich daraus ergeben werden. Wenn wir eine solche Lösung finden können, wird es ein schlagender Be­weis für die wachsende Wirksamkeit der internationalen Zu­sammenarbeit sein. Die deutsche Regierung hat sich gezwun­gen gesehen, im vorigen Monat zu erklären, daß sie nicht weitergehen könne und daß sie von ihrem Recht, einen Auf­schub ihrer Verbindlichkeiten unter dem Poung-Plan zu erklä­ren, bis die Situation sich gebessert hat, Gebrauch zu machen, gezwungen sein werde. Bis zum 18. Juni schien die Lage fast hoffnungslos, als das Antlitz der Welt in einer halben Stunde durch die dramatische Ankündigung des Angebots des Präsidenten Hoover sich änderte. Die Geschichte wird diese Entscheidung als einen-Akt seltenen Muts und seltener Staatskunst bezeichnen. Ab t ausländische Kredite wurden weiterhin aus Deutschland zurückgezogen. Es ist von dem deutschen Finanzminister entart worden,

,daß zwWen 150 und ?A Millionen Pfund Sterling ausländischer Devisen kürzlich von Deutschland verloren worden sind, eine Riesensumme, die mehr als den Wert zweier Reparationsannuitäten darstellen. Der unver­meidliche Zusammenbruch erfolgte.

So haben wir nicht nur die Maßnahmen zu erörtern, die nötig sind, um Präsident Hoovers Vorschlag in die Tat umzu- setzen, sondern wir haben darüber hinaus noch die dringende Notlage zu besprechen, die sich seither in Deutschland ent­wickelt hat. Andernfalls wird es schwierig sein, die Flut ein« zudämmen, bevor sie ganz Zentraleuropa überwältigt hat, mit Folgen sozialer, politischer und rein finanzieller Art, die kein Mensch abschätzen kann.

Unsere Aufgabe ist daher mit einem Wort, das Vertrauen des ausländischen Geldgebers zu Deutsch­land wieder herzustellen.

Dieses Problem hat offenbar sowohl politische als auch finan­zielle Seiten, aber die Aufmerksamkeit der Konferenz muß sich auf die letzteren konzentrieren. Wir sind hier als Ver­treter unserer verschiedenen Nationen, aber wir sind auch hier in einem Geiste kooperativen guten Willens, entschlossen, unsere Beratungen mit einer Vereinbarung zu beenden, die nicht nur den Erfordernissen der gegenwärtigen Krise begeg­nen wird, sondern auch eine Zeit aufrichtiger und gegen­seitiger Bemühung um Befriedung der aufgeregten Gemüter Europas neu eröffnen wird. Wir sind hier, um zu v e r - st e h e n, um in objektiver Weise unserer Probleme zu er« wägen, um daran zu denken, wie eng wir in wesentlichen Dingen von einander abhängen, und einander anzupassen und uns auf etwas zu einigen, was jeder von uns vor sein Parlament zu bringen, erklären und zur Annahme bringen kann.

Eine hier abgeschlossene Vereinbarung, wenn sie uns auch nicht in jedem einzelnen Punkte gefällt, wird unseren Völkern neues Vertrauen und neuen Mut einflößen, da­mit sie den schweren Verantwortlichkeiten gegenübertre- ten, die das Los aller Regierungen während der nächsten Monate sein werden.

Was die finanzielle Seite der Krisis betrifft, so muß die Frage, was getan werden kann, in erheblichem Maße den Bankiers und Finanzleuten vorbehalten bleiben.

Ich vernehme, daß Schwierigkeiten vorhanden sind, die überwunden werden müssen, ehe irgend eine Anleihe am hiesigen Markt erhalten werden kann.

Wir müssen dies erwägen. Es kann eine Lösung sein, es kann auch feine Lösung sein, aber eine gegenseitige mögliche und wirksame Lsung muß für diesen Zweck gefunden werden.

Das Problem besteht darin, zu verhindern, daß das Ka­pital, das bereits in Deutschland ist, zurückgezogen wird.

Es kann keine Frage geben über die innere Stärke der deutschen Wirtschaft, vorausgesetzt, daß sie die Mittel hat, die sie benötigt. Es war zu diesem Zweck, daß Präsident Hoover für alle Schulden, Reparationen und Kriegsschul­den eine Suspendierung für ein Jahr vorschlug. Dies bedeutet für Deutschland eine wirkliche und sehr bedeutende Erleichte­rung. Sie wird sich vielleicht als n i ch t g e n ü g e n d heraus­stellen. Dies ist ein Punkt, den wir später untersuchen kön­nen.

Aber ich denke, unsere erste Arbeit ist, mit der größtmög­lichsten Beschleunigung über die Mittel zu entscheiden, durch die dieser Plan endgültig in die Tat umgesetzt werden kann. Ich betonte „mit der g r ö ß t m ö g l i ch st e n Be­schleunigung!"

Amerika greift ein

Washington, 21. Juli.

Das Staatsdepartement kündigte an, daß die amerika­nische Delegation bei der Londoner Konferenz heute „gewisse Vorschläge zwecks Behebung der gegenwärtigen finanziellen Krisis" unterbreiten werde.

Berlin glaubt an Endersolg

Französischer Gegenbesuch in Berlin

Das Ergebnis der Pariser Verhandlungen wird in Berliner politischen Kreisen angesichts der Fortsetzung der Verhandlungen in London mit Zurückhaltung kommentiert. Im Regierungslager überwiegt die freundliche und optimi­stische Note, man erklärt, man müsse bei der Beurteilung von der Spannung ausgehen, die noch bis vor wenigen Tagen die deutsch-französischen Beziehungen beherrschte, und die zum Beispiel in den in der französischen Presse veröffent­lichten Forderungen ihren Niederschlag fand.

Es sei in Paris vermieden worden, daß uns diese For­derungen und Bedingungen vorgelegt wurden.

Das hätte nach dem Voraufgegangenen vielleicht sogar in ultimativer Form geschehen können und hätte dann natür­lich die ganzen Londoner Verhandlungen und alle Aussich­ten einer Hilfe für Deutschland illusorisch machen müssen.

Wenn 1 gemeinsame Kommunique auch noch keine konkreten Dinge enthalte, so sei es doch immerhin als ein wesentlicher Entspannungsfakkor zu bezeichnen.

Der Erfolg der Pariser Konferenz bestehe nicht nur darin, daß Frankreich nun tatsächlich nach London geht. Es sei darüber hinaus zweifellos auch ein Vorteil, daß sich Deutsch­land und Frankreich auf der Londoner Konferenz nicht mehr mit der stimmungsmatzigen Gegensätzlichkeit treffen, die ohne den Pariser Besuch vorhanden gewesen wäre. Der Schwer­punkt liege jetzt in London.

3n Berlin erwartet man auf Grund des Pariser vor- ergebnisses, daß die Konferenz irgendwie zu einer

Finanzhilfe führen wird. Sie wird voraussichtlich in einer Kreditgewährung bestehen, die dann später durch eine Anleihe ersetzt wird.

Inzwischen soll die Arbeit an der deutsch-französischen Ent- ipannung fortgesetzt werden. Man erklärt, daß beiderseits Wert darauf gelegt werde, die zwischen Berlin und Paris angeknüpften Fäden nicht wieder abreißen zu lassen. In diesem Sinne ist auch eine Einladung aufzufassen, die Reichs­kanzler Dr. Brüning am Schluß der Pariser Verhandlun­gen an Laval und Briand zu einem Gegenbesuch in Berlin hat ergehen lassen.

Man rechnet damit, daß Laval und Briand spätestens im herbst nach Berlin kommen werden.

Die Dinge sind aber noch so im Fluß, daß die weitere Ent­wicklung der politischen Lage Europas noch nicht abzusehen ist. Daher konnte auch über die Fortsetzung der Verhand­lungen „unter vier Augen", und zwar diesmal an der Spree, noch keine Entscheidung gefällt werden.

„Enlspanming erreicht"

Havas zum deutsch-französischen Kommunique.

Paris, 20. Juli.

Zu dem gemeinsamen Communique über die deutsch- französischen Verhandlungen veröffentlicht die Agentur Havas eine Auslassung, die darauf hinweist, daß die letzte Unterredung des Reichskanzlers Dr. Brüning mit Minister­präsident Laval nach dem Diner im Außenministerium die endgültige Verständigung beider Regierungen über den Wortlaut der gemeinsamen Erklärung ermöglichte, in der ihr Wille zur wirksamen Zusammenarbeit auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete betont wird.

Gelegentlich dieser entscheidenden Besprechung habe der Reichskanzler es als ein tragisches Moment in den deutsch­französischen Beziehungen bezeichnet, daß die beiden Ra­tionen das gleiche Wort nicht zur gleichen Minute sprechen könnten, und diese Worte hätten bei Laval starken Anklang gefunden. Wenn die pariser Reise der deutschen Minister auch bedauerlicherweise noch nicht eine sofortige Hilfe für Deutschland bringe, wie es ja auch vorauszusehen gewesen sei, so würden die deutschen Staatsmänner doch in der Erkenntnis der Schwierigkeiten beider Regie­rungen Paris mit dem Bewußtsein verlassen, eine wirkliche Entspannung in den Beziehungen beider Länder erreicht zu haben.

„Fünfjahrplan europäischer Befriedung"

Der diplomatische Korrespondent des „Daily Herald" berichtet: Es besteht guter Grund für die Hoffnung, daß alle unmöglichen Forderungen ün Deutschland aufgsgeben werden, und daß es möglich fein wird, die Grundlage einer Vereinbarung sowohl hinsichtlich der finanziellen Bedingun­gen einer Anleihe, als auch hinsichtlich einer pol !sches Fo^ mel zu finden, die die Franzosen befriedigen wird, lytf Deutschland zu demütiaen. . W.J