yersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Inzeiger für den Kreis hersfelü
Nr. 165 Freitag, den 17. Juli 193) 8). Jahrgang
Internationale Konferenz in London
Bes chle unigter Besuchs Mittags in Paris — Deutschlandreise der engl. Minister verschoben — Montag große Aussprache in London
Ergebnis der Woche
kr. kr. Wir leben in einer interessanten Zeit. Manch einer stellt dazu die unmutige Frage, warum gerade er in einer solchen interessanten Zeit geboren sein muh Diese Art Zeitgenossen will ihre Ruhe haben. Sie wollen in Ruhe ihr Leben genießen und sehen traurigen Auges rückwärts allwo es gemütlicher zuging, nicht nur innerhalb des engen Familienkreises und der Grenzen des eigenen Landes, sondern auch in der Welt. Heute aber jagen sich die historischen Augenblicke, in denen das Schicksal jedes einzelnen, des Volkes, des Staates, der gesamten Menschheit vor entscheidenden Wendungen steht. Gerade in der vergangenen Woche wachten wir jeden Morgen auf und hatten einen anderen Blick auf die Umgebung und die Welt. Ueber Nacht ist alles anders geworden. Immer heißt es: um stellen, neu ein st eilen! So sind wir in einer ständigen Bewegung unseres ganzen leiblichen und moralischen Daseins. Ruhe ist uns entschwunden. Selbst das Ausruhe» ist nur ein Kräftesammeln, um den nächsten Ansturm überstehen zu können. Reine Ruhe ist fern. Aber wiederum zeigen diese Kampftage das ganze Ausmaß unserer seelischen Kraft Kein Volk hat in dem letzten Jahrzehnt mehr an Aufregung, an Todesnot durchgemacht als das deutsche. Gerade daß wir solch ungeheure Schicksalsschläge ausgehalten und überwunden haben, muß uns mit dem berechtigten hohen Mut erfüllen, auch bu en hoffentlich letzten bitteren Kelch zu leeren, der uns in den letzten Tagen vom Schicksal kredenzt wurde.
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Gewiß, Hilfe der anderen Staaten und Völker, denen ein besser gedeckter Tisch beschert ist, tut uns not. Es g-bt eine Solidarität der Völker; wie alle teilhaben an dem Glücke eines einzelnen, so auch am Unglück. Wenn Deutsch- -!«iid»-Wirtschaft wohlversorgt ist, baru hgben aMLe anderen gut zu leben. Wenn Deutschland am Hungertuche nagt, werden auch den anderen einige Platten weniger serviert. Wie tief die Zuckungen eines Herzstückes, wie es Deutschland darstellt, sich auf die anderen auswirken. mußten Paris und London noch zuletzt erfahren, wo die Geldkalamität Deutschlands teilweise Panik an der Börse hervorgerufen hat. Der Hoover- Plan war tatsächlich eine Probe, wieweit Vernunft und guter Wille in Europa vorhanden sind. Diejenigen, welche diese Notzeit ausnutzen wollten, um ein arbeitssames und arbeitsfreudiges Volk in seinem Ehrgefühl zu demütigen und ihm politische Rechte abzufordern, sind nun klar erkannt, und alle wissen, was sie von ihnen zu erwarten haben Nichi nur wir. Die französische Regierung beruft sich auf die Stimmung ihres Volkes, die eine Hilfe nicht ohne Forderungen zulassen werde. Dann stände es schlecht um die Verständigung von Volk zu Volk. Hat das deutsche Volk nicht beim Abschluß des Krieges und in dem Jahrzehnt danach immer und immer wieder gezeigt und gesagt, daß es nicht daran denke, das französische Volk anzugreifen? Sind nickt die sichersten Bindungen von uns eingegangen, sind dieie nicht von anderen Völkern garantiert worden, daß ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ganz unmöglich ist? Abgesehen davon, daß das völlig abgerüstete Deutschland gar keinen Krieg führen kann. Und doch noch Mißtrauen auf französischer Seite? Klugerweise hat die französische Regierung keine direkten Forderungen gestellt. Aber die ihr nahestehenden öffentlichen Organe haben genug davon geredet, was Frankreich zu erhalten wünscht. Es ist zu kläglich an wirklichem Wert, das Panzerschiff und die Zollunion, was es verlangt, so daß die Absicht, mit solchen Forderungen nur demütigen zu wollen, klar hervortritt. Durch kleinliche Paragraphenspielerei hat Frankreich schon den Hoover-Plan seines gewallten moralischen Einflusses entkleidet. Will es nun auch noch die finanzielle Mithilfe um ihre moralische Wirkung bringen? Eine Hilfe, die demütigt, mit Absicht demütigt, knüpft das Band nicht fester zwischen Deutschland und Frankreich, andern sie läßt Bitterkeit zurück, Unmut, was keinesfalls be ebend auf die Freundschaft wirkt.
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Das deutsche Volk hat zuviel mit der eigenen Not zu tun, um an irgendwelche Abenteuer zu denken. Im Gegenteil, es will seine Not soweit als möglich aus eigener Kraft beheben, um nicht ein Spielball von Abenteurern zu werden. Es will das auch im Bewußtsein seiner Pflichterfüllung gegenüber Europa und seinen Nachbarvölkern. Denn das Chaos in Deutschland wird nicht an seinen Grenzen halt- machen. Gerade aus der Not Deutschlands heraus, schließen ich in Deutschland Männern zusammen in dem festen Willen in Kameradschaft geschlossen unseren Staat zu erhalten. Ist denn der Ausdruck solcher Kameradschaft für gemeinsame Notzeit gleich eine Drohung gegen andere Völker? Daß es da und dort in diesen Kameradschaften auch zu Beteuerungen kommt, den deutschen Staatsbestand zu erhalten, nun so sind daran doch wohl Drohungen schuld, die von der anderen Seite der Grenze herüberschallen. Wenn polnische Verbände gerade neuerdings verlangen, daß Polens GrenzedieOder sei, soll das etwa den deutschen Mann innerlich beruhigen? Sehen wir doch auch so einmal die Sache an. Wir haben gern konstatiert, daß die polnische Regierung und ihre Organe die Funkrede des deutschen R«fe mit großem Entgegenkommen angenommen habey
und hofften, daß Polen zur Einsicht über seine wirkliche Lage kommen möge. Was wir aber jetzt wieder aus Polen zu hören bekommen, macht uns doch bedenklich. I st P o l e n heute Frankreich so verfallen, wie es einst Rußland war? Frankreich hat seinerzeit Rußland nur Kredite gegeben mit der ausdrücklichen Bestimmung, mit diesem Gelde seine Militärmacht auszubauen und gegen Deutschland einzusetzen. Sind die französischen Kredite an Polen, die Tschechoslowakei und die anderen Staaten ebenfalls militärpo'litiicheKreditegegenDeutsch- land? Dann dürfte Frankreich um so mehr davon abstehen, seine Kredithilfe für Deutschland von politischen Forderungen freizuhalten. Denn es bewiese damit, daß es Deutschland schwächen will, weiter schwächen will, als es schon geschwächt ist. Sollte eine solche Absicht nicht verstimmend auf Europa wirken, das gerade daran ist, eine engere Verbundenheit zwischen seinen Völkern herbeizuführen, um Not zu bekämpfen und ein Unglück wie den letzten Krieg unmöglich zu machen?
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Streitereien zwischen Völkern wird es immer geben. Wer hätte gedacht, daß sogar zwei Völker, die in so abgeschlossenen Grenzen leben wie das dänische und norwegische, sich um Land streiten könnten. Und doch ist böser Streit zwischen ihnen entbrannt um Landstreifen, die das Grönlandeis zeitweilig freigibt. Um einen Teil d e r O st k ll st e Grönlands. Es ist eigentlich Niemandsland. Nur Walfischfänger beziehen dort zeitweilig Station. Dieses Stück Land beansprucht Norwegen, und ein norwegischer Student hat es für seine Regierung okkupiert. Däne- mark bestreitet das Recht dazu, weil der angrenzende Streifen nach Süden sein Gebiet ist. Vorläufig wird der Streit vor das Haager Schiedsgericht gebracht. Aber der Norweger ist mit Polizeimacht ausgestattet, und Dänemark unterhält ebenfalls in seinem Gebiet Polizei. Wenn die beiden PoLdmertr-eLer- aufeinukcherjpchetk. tä&X Mit weichen, was dann? Werden sie schießen? In der Arktis sich bekriegen? Zwei Völker, die seit grauer Vorzeit in Frieden leben und lange Zeit einen gemeinsamen Staat gebildet hatten, sich in Frieden trennten, zwischen diesen soll neue Feindschaft entstehen?
Beginnende Entspannung
Deutscher Besuch in Paris. — Konferenz in London.
Die politische Entwicklung der Lage nimmt mit ungewöhnlicher Beschleunigung ihren Lauf. Den Verhandlungen Hendersons und Stimsons mit Laval in Paris folgte die bedeutsame Havas-Depesch« über die etwaigen Möglichkeiten einer französischen Beteiligung an der internationalen Lre- ditaktion für Deutschland, die durch die Mäßigung ihres Tones und noch mehr durch ihren Inhalt wesentlich zur Entspannung der Lage beigetragen hat. Der in der offiziösen französischen Mitteilung enthaltene Wunsch nach einer Aussprache der interessierten Mächte hat in London und Berlin den nötigen Widerhall gefunden, und jetzt stehen wir vor dem Besuch des Reichskanzlers und des Außenministers in Paris. Die Reise des englischen Ministerpräsidenten MacDonald und des Außenministers henderson nach Berlin ist verschoben worden, denn England hat zu einer großen politischen Konferenz der internationalen Mächte eingeladen, die am kommenden Montag in London stattfinden soll.
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Die letzten 24 Stunden haben also eine g r u n d l e - gendeAenderungderpolitischenLage wenigstens angebahnt. Die schwere Baisse der Pariser Börse hat das Vertrauen der Franzosen auf die Kraft des mächtigen Goldpolsters der Bank von Frankreich schwer erschüttert, und der Rückgang des Pfundkurses hat auch die englische Regierung dazu getrieben, ihre Vermittlung zwischen Paris und Berlin aufs äußerste zu beschleunigen. Es hat sich gezeigt, daß politische Engstirnigkeit recht wenig zu besagen hat. wenn sie den Interessen der Weltwirtschaft im Wege steht. Henderson und Stimson haben also in Paris am Mittwochabend verhältnismäßig günstige Vorbedingungen für ihre Aktion gefunden. Man sieht in der Reichshauptstadt heute der weiteren Entwicklung wesentlich optimist i scher entgegen. Es wird darauf hingewiesen, daß Deutschland selbstverständlich, wie das bei jeder großen Aktion üblich ist, „substanzielle Sicherheiten" für die große internationale Finanzhilfe einräumen muß. Was die größere Schwierigkeit, die französische Forderung einer „politischen Stabilisierung" anbelangt, so kann man nur noch einmal sagen, daß es sicher nicht an Deutschland gelegen hat und hegen wird, wenn Europa aus dem Gleichgewicht gekommen ist. An Beweisen guten Willens und ehrlicher Verständigungsbereitschaft hat es das Reich auch seinem westlichen Nachbar gegenüber nicht fehlen lassen.
Verzichtet jetzt Frankreich auf seine ehrgeizigen Pläne, auf die Demütigung Deutschlands, wie sie in den erörterten politischen Bedingungen zum Ausdruck kam, dann müßte die Reinigung der politischen Atmosphäre Europas nicht mehr auf unüberwindliche Hindernisse stoßen und die drückende Last, die heute noch auf der deutschen Wirtschaft PindM bald erleichtert werden.
Aussprache der Wettmüchte
London, 17. Juli.
Von der englischen Regierung ist angeregt worden, daß am kommenden Monlagnachmittag in London eine Konferenz aller interessierten Regierungen zur gegenwärtigen deutschen Krise Stellung nehmen soll. Man hofft in London, daß die Konferenz zustande kommt und rechnet bestimmt mit der Teilnahme Englands, Frankreichs, Deutsch- lands, Italiens, Belgiens, Japans und der Vereinigten Staaten. Infolgedessen mußte die britische Regierung ihren Besuch in Berlin zunächst aufschieben, zumal sie mit der Reise des Reichskanzlers Dr. Brüning nach Paris noch vor Wochenende rechnet.
Staatssekretär Stimson hatte eine telephonische Unterredung mit Präsident Hoover, in deren Verlauf er angewiesen wurde, der Londoner internationalen Konferenz als offizieller Vertreter der Regierung der Vereinigten Staaten beizuwohnen. Man sieht in dieser Konferenz das Mittel, die fortgesetzte Hilfeleistung an Deutschland zu verstärken und die Differenzen zwischen Paris und Berlin auszugleichen Auch die offiziellen Zusagen Italiens und Belgiens liegen bereits in London vor.
Heute Reife auch Paris
London, 17. Juli.
Wie nunmehr feststeht, werden Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsaußenminister Dr. Eurtius am heutiger Freitagabend ihre Reife nach Paris antreten.
Die deutschen Minister werden begleitet von Staatssekretär Schäfjer vom. Reichsfinanzministerium, Staatssekretär Dr. von Bülow vom Auswärtigen Amt, Ministerialdirektor Krosigk vom Reichsfinanzministerium und Geheimrat Relnebeck vom Auswärtigen Amt.
Die offiziöse französische Nachrichtenagentur deutet den deutschen Besuch in Paris als Zeichen dafür, daß die internationale Solidarität sich immer stärker betone. Die Ankunft von Dr. Brüning und Dr. Curtius in Paris sei für Sonnabend vorgesehen. Die Unterredungen könnten alsdann einen sehr positiven Charakter annehmen. Wegen der Dringlichkeit der Lage würden sie ohne Unterbrechung fortgesetzt werden, um zu einer grundsätzlichen Einigung zu gelangen. Wenn dieses Ergebnis erreicht sei, würden Die Verhandlungen auf Wunsch der englischen Regierung in London fortgesetzt. Es würden daran die Minister sämtlicher Staaten, die den Youngplan unterzeichnet hätten und zweifellos auch die Vertreter der amerikanischen Regierung teilnehmen.
Fortgang der Verhandlungen
Die Besprechungen zwischen Ministerpräsident Laval, Henderson und Stimson sind am Donnerstag fortgesetzt worden. Gleichzeitig empfing Außenminister Briand den deutschen Botschafter von Hoefch zu einer Aussprache über die Lage im Reich.
Ueber die französisch-enalisch-amerikanische Aussprache am Donnerstag wurde amtlich nur mitgeteilt, daß der Meinungsaustausch über den Ernst der deutschen Finanzlage und die verschiedenen Seiten des aus der Verschärfung der deutschen Krise sich ergebenden Problems fortgesetzt wurde
Wieder mehr Optimismus
In der gesamten Weltpresse werden die Pariser Verhandlungen eifrig erörtert. Die französischen Blätter befolgen, wie in außenpolitischen Fragen üblich, die Wünsche der Regierung und vermeiden es im allgemeinen, mehr auf die politische Seite des Problems einzugehen. Ueberall wird betont, daß sich. Frankreich an der großen Kreditaktion für Deutschland beteiligen wolle.
Besonders interessant ist der Frontwechsel, den Herriot plötzlich vorgenommen hat. Lr, der lauteste Rufer im Streit gegen Deutschland, fordert von der französischen Regierung die Ergreifung der Initiative. Frankreichs Politik müsse darauf hinausgehen, aus der jetzigen Krise eine dauerhafte Annäherung mit Deutschland zu erreichen, deren notwendiges Programm laute: durch ein gegenseitiges Abkommen definitive Rüstungsferien im Austausch für eine wirksame Hilfe. Erläuternd erklärt Herrlot, er würde beispielsweise nichts dagegen haben, daß Frankreich, wenn Deutschland aus den Kreuzerbau verzichte, sich bereit erkläre, seinerseits kein diesen Kreuzer Überbietendes Kriegsschifs zu bauen.
Die englischen Blätter sind hoffnungsvoll. Allgemein glaubt man an einen Erfolg Hendersons in Paris. Die Besprechungen mit der französischen Regierung müßten der Kreditaktion den Weg ebnen, wie überhaupt zu hoffen ei, daß das wachsende Verständnis der Bedeutung der deut- chen Krise die politische Verständigung in Europa fördern werde.
Die Pariser Börse habe ebenso gelitten wie die New Yorker, was abermals Daran erinnere, daß die Welt in wirtschaftlichen Dingen eng zusammenhängt. Auf diesen Grundton sind die Kommentar« der großen NewYorker
Grundton sind die Kc
Alibis in söM