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tzersfel-erTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 163

Mittwoch, den 15. Juli 1031

81. Jahrgang

Deflation aber keine Inflation

Was ist geschehen? - Die sofort verfügbaren Barmittel sind knapp geworden

Motion ausgeichlosien!

Nichts ist leichter, als zu sagen. was heute, an diesem Tage. in dieser Stunde jeder einzelne von uns tun soll: er soll nicht der sich hier und dort breitmachenden Panik er­liegen und angstvoll vor den Schalter seiner Bank oder sei­ner Sparkasse stürzen: er soll Vertrauen, Mut, Selbstach­tung bewahren und sich selbst durch die schlimmste Möglich­keit. daß sein Geld verloren sein könnte, nicht schrecken lassen. Eine solche Möglichkeit, um es gleich vor- auszunehmen. besteht nämlich nur in der Einbil­dung. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Lage der deutschen Banken an sich gesund ist, und daß eine Ge­fährdung der Bankguthaben nicht in Frage kommen kann Nur wenn durch Unbesonnenheit die Lage mehr verschlim­mert wird. als sie in der Tat ist, könnten sich gefährliche Stadien der Entwicklung ergeben. Im Interesse der Ban­ken und der gesamten deutschen Wirtschaft liegt es daher, daß von der Abhebung der Guthaben der sparsamste Ge­brauch gemacht wird, also daß auf Guthaben nur zurückge­griffen wird wo es sich um Entnahme zum Zwecke der Zah­lung von Lohnen und Gehältern und ähnlichen Dingen han­delt. Was aber unbedingt vermieden werden muß ist. daß jeder Inhaber eines Bankguthabens nunmehr dieses zurück- zieht. Dadurch und nur dadurch kann in der Tat das ganze Land in die größte Gefahr gebracht werden Denn natür­lich find die Banken nicht in der Lage, sämtlichen Depotin­habern und sonstigen Gläubigern zusammen auf einmal ihre Guthaben auszuzahlen Guthaben, die gar nicht zurückge­zogen zu werden brauchen sondern nur zurückgezogen wer­den, weil das Publikum einer durch ausländische Machen­schaften genährten Panik unterliegt. Natürlich besitzen die Banken auch heute noch genug liquide Mittel, um allen An­sprüchen zu genügen. Verhindert aber muß werden, daß das Publikum an die Banken abnorme, unvernünftige An- Muche ftSttir Wer aus Angst um seine Sparpfennige her­aus derartige Ansprüche erhebt, arbeitet am Ruin Deutsch­lands und damit an seinem eignen.

Wie liegen die Dinge denn eigentlich bei einigermaßen nüchterner Betrachtung? Man hat über der Panikstim­mung, die seit vier Wochen an den Geldmärkten herrscht, offenbar vollständig vergessen, daß unter all diesen Vorgän­gen die Entwicklung von Produktion und Be­schäftigung bisher in keiner Weise gelitten hat. Die Güterseite der Wirtschaft zeigt das normale Bild einer wenn auch ihrer Schwere wegen besonders einzig­artigen Depression. So wie dieser Zustand der Wirtschaft sich aus dem Konjunkturrückgang und der Krise zwangsläu­fig ergeben hat, so trägt er auch den Keim zu einem Auf­schwung in sich. Zu solchen Erwägungen führt eine Be­trachtung der Volkswirtschaft ichen Bilanz von Produktion und Verbrauch sowie der En Wicklung dev Lagerhäuser. Be­trachtet man die Güterseite für sich, so muß man zu dem Schluß kommen, daß sie sich eit mehr als drei Jahren stark entspannt hat. Bei normalem Ablauf dr Dinge wäre sicher­lich der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem der Verbrauch eine allmähliche Erhöhung der Warenerzeugung herbeifüh- ren müßte und selbst im Falle schwerster Störungen der wirtschaftlichen Kreditbeziehungen wird der auf sich gestellte Apparat der deutschen Volkwirtschaft schon nach dem Ge­setz der Trägheit weiterrotieren. Unser. Produktionsappa­rat ist intakt. Arbeitskräfte sind vorhanden, und so paradox es klingt, wenn uns lediglich Geldsorgen beunruhigen, so ist das im Grunde nicht so tragisch zu nehmen, denn das Geld ist doch nichts weiter als ein Diener der Wirtschaft. Beson­ders paradox und nur aus dem Ueberwiegen des reinen Gelddenkens zu erklären ist die Tatsache, daß im breiten Publikum die Angst vor einer neuen Infla­tion lebendig wird, und zwar gerade unter Verhältnissen die die Notenbanken zwingen, ihren Zahlungsmittel­umlauf einzu schränken statt ihn zu steigern Nicht Ueberfluß, sondern Mangel an Noten droht der deutschen Wirtschaft; da sie zur Aufrechterhaltung, ihres Zahlungsverkehrs ein bestimmtes Mindestmaß an Scheinen benötigt, ist eine Verminderung des Notenumlaufs wie sie durch den Verlust an Deckungsmitteln erzwungen wird, nicht von einer Geldentwertung, sondern von einer Geldwertsteigerung, d. h. von Preissenkungen begleitet. Für den gegenwärtigen Augenblick kann man mit der Notwen­digkeit eines Notenumlaufs von mindestens 4 Milliarden rechnen. Gehen diese Deckungsmittel verloren, so wird Deutschland gezwungen sein, entsprechende Warenmengen auf den Weltmärkten abzusetzen, also zu verschleudern. Das bedeutet zunächst für die deutschen Unternehmungen Ver­luste; es bedeutet aber gleichzeitig eine ungeheure Verschär­fung des Konkurrenzkampfes auf den ohnehin erschütterten Auslandsmärkten. Die aus einer Vernichtung der deutschen Kreditreserven entstehenden Schwierigkeiten würden somit nicht auf Deutschland beschränkt bleiben sondern auch die ausländischen Unternehmungen bedrohen Die zunächst aus Deutschland abgezogenen Devisen würden also unter allen Umständen nach Deutschland zurückkehren müssen. Es er­scheint nahezu ausgeschlossen, daß die ausländischen Wirt­schaftsführungen einen solchen Prozeß, der sie selbst bedroht ohne Gegenaktion laufen lassen könnten.

So kann man in Deutschland im Grunde der weiteren Entwicklung der Dinge mit sehr nie! mehr Ruhe entgegen- Men, als das augenblicklich grschiM. _

Finanzhilfe ohne Frank­reich?

New York, 15. Juli.

In Finanzkreisen scheint der Gedanke eines Vorgehens der übrigen Notenbanken ohne Frankreich erörtert zu wer­den, jedoch hat dieser Gedanke noch keine konkrete Gestaltung angenommen.

O

New Park, 15. Juli.

Die Federal Reserve Bank von New Park gibt bekannt, daß sie sich zusammen mit den anderen Federal Reserve Banken bereit erklärt hat, ihre Beteiligung an dem der Reichsbank gewährten Kredit von 100 Millionen Dollar zu erneuern unter dem Vorbehalt, daß die anderen Banken, die sich an diesem Kredit beteiligt hatten, ebenfalls einer Erneu­erung zustimmen.

Abbau der Bankfeiertage?

Berlin, 15. Juli.

Das R« ichs kabinett trat gestern abend 10 Uhr zu einer kurzen Sitzung zusammen, die bereits um 11.30 Uhr beendet wurde. In dieser Sitzung wurden im wesentlichen die Richt­linien der im Laufe des heutigen Nachmittags zu fassenden Beschlüsse beraten, durch die die gegenwärtigen Bankfeier­tage wieder abgebaut und normale Verhältnisse wieder hergestellt werden sollen.

Gegen säumige Steuerzahler

Berlin, 15. Juli.

Die bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse haben im gewissen Umfange zu einer S t o ck u n g der Steuer­zahlungen geführt. Eine derartige Stockung muß im Interesse der Allgemeinheit mit allen Mitteln be- k ä m p f t werden. Gerade in Zeiten wie den gegenwärtigen ist besonderer Wert darauf zu legen, daß jeder seinen steu­erlichen Verpflichtungen pünktlich nachkommt. Gehen die geschuldeten Steuern nicht pünktlich ein, so wird, wie bisher, mit Einziehung im Nachnahmeverfahren, Mahnung und Bei­treibung vorgegangen. Es wird ausdrücklich darauf hinge- wiesen, daß auch trotz der beiden Bankfeierlage Steuerüber- weifungen von den Banken, Sparkassen und Postscheckämtern sowie Scheckzahlungen jeder Zeit vorgenommen werden kön­nen. Dies gilt auch für die Inhaber von Konten bei der D-rmstädter- und Nationalbank.

hilfsbereit aber...

Die Politik spricht mit. Reichsmark behauptet sich.

Die Sitzung des Verwaltungsrats der Internationalen Zahlungsbank in Basel hatte das Ergebnis, daß der Prä­sident ermächtigt wurde, in Uebereinstimmung mit den an* deren beteiligten Instituten die Beteiligung der Bank an dem der Reichsbank kürzlich gewährten Rediskontkre­dit zu erneuern, und die Bank hat sich auchvon der Notwendigkeit einer finanziellen Unterstützung Deutschlands überzeugt", aber der Reichsbankpräfident konnte einen neuen größeren Zwischenkredit in Basel nicht erhalten. Mit an­deren Worten:

In Basel hat sich erneut gezeigt, daß die Entscheidung über ausreichende Hilfsmaßnahmen auf dem Wege der Politik erreicht werden muß.

Nach Washington und London hat jetzt auch Basel seine Hilfsbereitschaft erklärt, wenn die politischen Schwierigkeiten, die von Paris ausgehen, überwunden werden. In diesem Zusammenhang ist in diplomatischen Kreisen behauptet wor­den, daß die Reise des Reichskanzlers nach Paris umgehend erfolgen werde, um an Ort und Stelle die Lage klären zu können. Dazu wird jedoch von zuständiger Stelle mitgeteilt, daß weder Reichskanzler Dr. Brüning, noch Reichsaußen­minister Dr. Curtius in der gegenwärtigen politischen Situa­tion in der Lage sind, die Reise anzutreten. Die Reise wird vielleicht Anfang August stattfinden.

Man nimmt an, daß die politischen Verhandlungen wäh­rend des bevorstehenden Besuches der englischen Minister wieder in Gang kommen.

Bis zum Abschluß der schwierigen politischen Beratungen ist das Reichskabinett genötigt, die Schwierigkeiten im in­nerdeutschen Geldverkehr zu mldern.. Die Regierung ist fest entschlossen, auf jede Weise die Lohn- und Ge­haltszahlungen zu sichern. Die Schalter der Reichs­bank sind geöffnet, und die Auszahlungen von Guthaben wer­den in voller Höhe vorgenommen. Allerdings werden von ihr Devisen nur noch gegen sofortige Barzahlung in Reichsbank- noten abgegeben, und zwar zu Kursen, die ungefähr mit fernen vom Sonnabend, den 11 Juli, übereinstimmen

Die Reichsbank hat in den beiden letzten Tagen keine Devisenverluste auszuweisen, sondern sogar einen Zugang.

Die Tatsache, daß die Reichsbank ihrer Einlösungspflicht durchaus nachkommt, hat ihren Eindruck auf das Ausland nicht verfehlt. Nach den anfänglich schwachen Markkursen, die wohl auf den ersten Einfluß einer gewissen Panik­stimmung zurüzuführen waren, hat sich eine allgemeine Er- Holung durchgesetzt.

Der Schutz der Währung ist also nach wie vor durch die Reichsbank gewährleistet,

außerdem liegt in der Verringerung des Markumlaufes an sich ein sehr wirksamer Schutz der Währung.

Umsassende Selbsthilfemabnahmen

Vor neuen Notverordnungen.

. Die Sparkassen und Banken sollen am Donnerstag wie­der geöffnet werden. Um den geordneten Bank- und Bör­senverkehr zu ermöglichen und die Wirtschaftskrise zu über­winden, berät die Reichsregierung gegenwärtig üver ein um­fassendes Selbsthilfeprogramm. Neben dem Reichsbankprä­sidenten würden auch die Führer der Finanzwelt und der Wirtschaft zu den Besprechungen zugezogen. Es ist wahr­scheinlich, daß die gefaßten Beschlüsse aus dem Wege der Notverordnung in Wirksamkeit gesetzt werden. Aus jeden I Fall wird bis spätestens Donnerstagvormittag ein genauer ; Plan über die zu ergreifenden Maßnahmen vorliegen.

Sofort nach feiner Rückkehr nach Berlin begab sich der Reichsbankpräfident in die Sitzung der fast ununterbrochen tagenden Reichsregierung, um über das Baseler Ergeb­nis zu berichten, worauf dan die weiter erforderlichen Be­schlüsse gefaßt werden sollen.

Reichspräsident von Hindenburg wird nach Abschluß EMeran^entbaits in Reudeck im Laufe des Mitt­woch in Berlin zurückerwartet.

Die Arbeitslosen bekommen ihr Selb

Von der Reichsanstalt für Arbeitslosen-Versicherung j wird mitgeteilt, daß die durch Notverordnung festgesetzten beiden Bankfeiertage keine Rückwirkung auf die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung und Krisenfürsorge haben. Die Bankverbindung der Reichsanstalt besteht überwiegend mit der Reichsbank, bei der es keine Bankfeiertage gibt.

Der Treuhänder für die Danatbauk

Die Reichsregierung hat den Staatssekretär a. D. Carl Bergmann in Berlin zum Ersten Treuhänder für die Danat- bank bestellt. Bergman ist Mitinhaber des Frankfurter Bankhauses Lazard, Speyer-Ellissen und gehört dem Ver- waltungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft an.

Kein deutsches Hilssgesuch

In dem amtlichen Bericht über die Baseler Verhand­lungen wird von einem hilssgesuch der deutschen Regierung bei den anderen Mächten gesprochen. Das ist nicht richtig. Ein solches hilssgesuch ist nicht ergangen, da der Reichshaus- i halt die ausländischen Kredite nicht benötigt. Es ist vielmehr die Gefährlichkeit der Gesamtlage in Deutschland, die durch Abzug der Kredite an die deutsche Wirtschaft und deren Folgeerscheinung sich eiNwickelt hat, dargelegt und um Er­wägung über die Mittel zur Abhilfe gebeten worden.

Verorb»«ng über Wechsel mb Scheiks Berlin, 15. Juli.

Die Reichsregierung hat folgende zweite Durchführungs­verordnung zu der Verordnung des Reichspräsidenten über Bankfeiertage vom 13. Juli 1931 erlassen: Auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten über Bankfeiertag« vom 13. Juli 1931 (Reichsgesetzblatt I Seite 361) wird verordnet:

Artikel I. Die auf Grund der Verordnung des Reichs­präsidenten vom 13. Juli 1931 festgesetzten Bankfeiertage gelten als staatlich anerkannte allgemeine Feiertage im Sinne der Wechselordnung und des Scheckgesetzes.

Artikel II. Sind in gerichtlichen, verwaltungsgericht- lichen und verwaltungsbehördlichen Verfahren für die Zah­lung von Gebühren, Auslagen oder Vorschüssen oder für i den Nachweis einer solchen Zahlung Fristen vorgesehen, an i deren Ablauf sich Rechtsnachteile knüpfen, und fällt der letzte Tag der Frist auf einen Bankfeiertag, so endet die Frist nicht vor Ablauf einer Woche nach dem letzten Bankfeiertage.

Artikel III. Diese Verordnung tritt mit Wirkung vom 14. Juli 1931 in Kraft.

Börsenruhe bis Wochenende

Der preußische Minister für Handel und Gewerbe hat an alle preußischen Wertpapierbörsen ein Telegramm ge­richtet, wonach die Wiederaufnahme des Börsenverkehr» in dieser Woche zu unterlassen ist.

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Im Alter von 84 Jahren ist gestern Wirklicher Geheimer Rat Friedrich von P a y e r, der letzt« kaiserliche Vizekanz­ler, nach kurzer Krankheit verschieden.

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