HersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisbla«
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-
Nr. 160 Erstes Statt) Sonnabend, den 11. Juli 1931 81. Po^r
Luther wirbt um Vertrauen
Schwierige Kreditverhandlungen in Paris - Politische Bindungen als Gegenleistung verlangt
Um den lredit
Schwierige Verhandlungen Luthers in Paris.
Paris, 11. Juli.
Während der Gouverneur der Bank von England bereits in Basel eingetroffen ist, blieb Reichsbankpräsident Dr Luther bis Freitagmkttag in Paris, wo er mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich, Moret, eingehende Besprechungen hatte, über deren Verlauf nichts bekannt ist. Am Sonntag erwartet man den deutschen Reichsbankpräsidenten bereits zur Sitzung der Internationalen Zahlungsoank in Basel
Ueber das Ergebnis der Pariser Besprechungen liegen zuverlässige Nachrichten im Augenblick noch nicht vor, doch heißt es, daß sich nun auch die französische Regierung eingeschaltet habe, ein Umstand, der sicherlich nicht zur Beschleunigung der Kreditaktion beitragen kann.
Auch in diesem Zusammenhang meldet die Pariser presse wieder die bekannten politischen Forderungen Frankreichs an, deren Erfüllung von Deutschland jetzt als Gegenleistung für die Beteiligung an dem internationalen Milliar- denkredit verlangt wird. Angesichts dieser Sachlage sollen die Verhandlungen des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther in Paris nicht ganz so glatt verlaufen sein wie in London, wo man, wie zuverlässig berichtet wird, bereit war, sich sofort an der Hilfsaktion zu beteiligen. In unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß die Entscheidung nun erst in Basel fallen wird.
In Paris erklärt man, daß die Röte der Reichsbant weniger die Folgen der amerikanischen Kreditkündigungen —- -ßüeu, ata vor allem der^ackiLLS^n^Kapilalflucht aus Deutsch- Tand. Tie ZeütkälbütlkE^es AusMEsrönn^.
erst an eine neue Kreditgewährung an Deutschland denken, wenn die Reichsbank energische Kreditrestriklionsmaßnahmen zur Verhinderung der weiteren Kapitalabwanderung ergreife. Man ^erklärt, daß unter diesen Voraussetzungen auch die Bank von Frankreich nicht zögern werde, an den geplanten Stühungsmasznahmen anteilig teilzunehmen.
Worum es geht
Ueber die notwendigen Maßnahmen zur Stützung des deutschen Kredits schreibt der Finanzsachverständige des „Manchester Guardian": Von den höchsten Bankkreisen werde gegenwärtig eine internationale politische Aktion zur Sicherung der finanziellen Stabilität Deutschlands verlangt. Ein großer internationaler Kredit der Zentralbanken mit Garantie der Regierungen sei das, was gegenwärtig erwogen werde.
„Deutschland benötigt eine Hilfe, ungefähr nach Art der Internationalen Aktion für Oesterreich im Jahre 1922, wo eine Anleihe auf allen Kapitalmärkten mit Garantie der Regierungen in den Anleihezetttren ausgenommen wurde,"
sei die den Korrespondenten mitgeteilte Ansicht einer hohen Autorität. Zwischen Dr. Luther und der Bank von England habe diese Woche ein freier und sorgfältiger Gedankenaustausch stattgefunden. Auch die Bank von Frankreich habe freimütig mit den Zentralbanken England und Deutschland zusammengearbeitet. Es sei anerkannt worden, daß die Aktion darauf gerichtet sei,
die störenden Bewegungen französischer Privatbanken zu zügeln, die Kredite von Deutschland zurückzuziehen.
„Finanziai Times" erklärt: Die verschiedenen Berichte, wonach die Zentralnotenbanken zur Gewährung von Krediten zwischen 50 und 100 Millionen Pfund Sterling aufgefordert werden sollen, sind in ihren Einzelheiten vielleicht ohne Grundlage, in der Hauptsache aber treffen sie zweifellos zu. Anscheinend soll in Basel ein großer Plan ausgearbeitet und in Wirksamkeit gesetzt werden.
Gegenwärtig scheint Deutschland von dem Hoover-Plan und seinen Folgen mehr Schaden als Ruhen zu haben.
Die fortgesetzte Abwanderung von Geld aus Deutschland braucht nicht unbedingt zu bedeuten, daß die dortige Lage als schlimmer betrachtet werde. Nervosität über den Ernst der allgemeinen Lage hat vielleicht die zaghafteren Kapital- anleger zur Zurückziehung ihrer Guthaben veranlaßt. Eine der Hauptfunktionen des internationalen Kredits, der jetzt veranlaßt wird, wird darin bestehen, den Kapitalanlegern Gewißheit zu geben, daß sie im Notfalls ihre Gelder wieder zurückziehen können, ohne eine ernste Wertverminderung infolge Sinkens des Wechselkurses befürchten zu müssen. Wenn es erst allgemein bekannt ist, daß Deutschland einen ausreichenden Vorrat von Sterlings, Dollars Franken und Gulden zur Verfügung hat, dann wird der Zufluß der Kredite, die Deutschland so dringend braucht, wieder glatt von- statten gehen.
Segen die politifdien Bedingungen
Angesichts der einflußreichen Kräfte, die a u ch i n E n g- l a n d am Werke sind, um Deutschland zur Annahme der politischen Forderungen Frankreichs zu zwingen, verdient ein Leitartikel des „Manchester Suar» ptan besondere Beachtung, zumal offenbar
von der Haltung Londons letzten Endes das Schicksal der großen Kreditaktion entscheindend beeinflußt werden wird. Das angesehene englische Blatt warnt vor politischen Zumutungen an Deutschland, indem es erklärt, England solle mit einem weitgehenden Vorschlag die Führung auf der Abrüstungskonferenz übernehmen, und führt hierbei u. a. aus, es fei vielleicht bedauerlich, daß ein oder zwei britische Blätter den Augenblick ergriffen hätten, um Deutschland in Erwiderung der Hilfe, die es unter dem Hooverplan erhalten werde, eine Geste zur Ebnung des Weges für die Abrüstungskonferenz nahezulegen. Das Blatt erinnert dann an die in einzelnen englischen Blättern gemachten Anregungen eines Flottenfeierjahres und eines Aufschubes des Prozesses der wirtschaftlichen Assimilierung mit Oesterreich und sagt weiter,
die Lage der deutschen Regierung sei außerordentlich, um so mehr, als es wahrscheinlich keine Wahl zwischen ihr und einer reaktionären Diktatur gebe. Der Glaube, daß die deutsche Regierung ihre innere Politik der Kontrolle von Frankreich oder England unterwerfe, würde hinreichen, um sie zu stürzen. Und das würde eine neue europäische Krise, ärger als die letzte, hervorrufen.
Es wäre daher gut, wenn Ausländer mit der öffentlichen Erteilung von Ratschlägen nicht freigebig wären. Die Hilfe für Deutschland sei kein Akt reiner Wohltätigkeit ge- I wesen. Und wenn irgend jemand ein Recht habe, von Deutschland eine Anerkennung zu verlangen, so seien das allein die Vereinigten Staaten.
Luthers Pariser Besprechungen
Paris, 11. Juli.
___.Dr. Cut her verläßt heute mit dem Flugzeug Paris, um naa) <e«^+-giu^i^ «j- -r gsse^ ^uk ^tntr-f-- fen wird.
Nach seiner Unterredung mit Finanzminister Flan - d i n hatte Reichsbankpräsident Dr. Luther übrigens gestern noch eine Unterredung mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich, M o r e t, die eine halbe Stunde dauert«. Gegen 18 Uhr hat sich der Reichsbankpräsident in das Gebäude der deutschen Botschaft begeben. Gegen abend hatte Ministerpräsident Lava! eine längere Unterredung mit Finanzminister F l a n d i n.
Nach einem Bericht der Agentur Havas hat sich der Gouverneur der Bank von Frankreich ebenso wie Reichsbankxrä- sident Dr. Luther geweigert, irgendwelche Auskunft über die gestrigen Besprechungen zu geben. Die Agentur Havas glaubt, daß die Verhandlungen eifrig fortgesetzt würden und daß die
Besprechungen in Paris nur der Auftakt zu weiteren, ebenso wichtigen Beratungen sein würden, die vor allem in Basel am 12. und 13. Juli gelegentlich der Sitzung des Verwaltungsrates der B.I.Z. gepflogen würden.
Der englische Verzicht
London, 11. Juli.
Das Schreiben, das das britische Schatzamt an den Präsidenten der B.I.Z. gerichtet hat, besagt im einzelnen: „Die Regierungen von Großbritannien, Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika und die Regierung von Indien haben grundsätzlich den Hooverplan angenommen.
Die oben, genannten Regierungen haben beschlossen,
auf die Forderung nach Zahlung der am 15. Juli fällig werdenden Teilsumme der ungeschützten Annuität zu verzichten,
ohne damit die Rechte der Inhaber der deutschen Ausländsanleihen von 1924 und der ö^prozentigen internationalen deutschen Staatsanleihe vom Jahre 1930 (Poung-Plan) zu beeinträchtigen, und unter der Voraussetzung, daß I die Bedingungen der Suspendierung dieser Zahlung und des schließlichen Transfers des suspendierten Betrages denen der abzuschließenden Vereinbarung entsprechen werden.
Die oben genannten Regierungen erachten es als noi- wendig, binzuzufügen, daß ihr Beschluß zu dem Zwecke gefaßt worden ist, den in Deutschland bestehenden Schwierigkeiten entsprechend dem Vorschlag des Präsidenten H o o v e r durch eine vollständige Suspendierung des Transfers sowohl in Bar- als auch in Sachlieferungen Erleichterungen zu oer- , schaffen. Selbstverständlich darf dies nicht als eine Schma- , lerung der Rechte dieser Regierungen aus dem Haager Abkommen ausgelegt werden, sofern irgendwelche Zahlungen durch Deutschland transferiert werden sollten."
Der Inhalt dieses Schreibens wurde den anderen Regierungen der Signatarmächte des Haager Abkommens vom 30. Januar 1930 und der amerikanischen Regierung übermittelt.
Der Ruf nach Abrüstung „Giornale d'Jtalia" über die Abrüstungskonferenz.
Rom, 11. Juli.
„Giornale d'Jtalia" erklärt zur Abrüstungsfrage, die u. a. Gegenstand der politischen Besprechungen S t i m s o n s in Rom war, weder die Regierung von Washington, noch die von Rom könne die Versuche einer Hinausschiebung des Datums der Abrüftungskpnfxrmz afs berechtigt und annehm»
vor verrachlen. (ts |et oesyatv Damit zu rechnen, daß die beiden Regierungen im Falle eines formellen Verschiebungs- antrages mit einer höflichen aber bestimmten Ablehnung antworten werden.
Brüssel, 11. Juli.
Der allgemeine Friedenskongreß hielt gestern seine Schlußsitzung ab. Er nahm eine Reche von Entschließungen an, darunter eine über die Abrüstung, in der als vordringlichste Aufgabe der Abrüstungskonferenz erklärt wird, die Heeres stärken und das Kriegsmaterial auf einen Stand herabzusetzen, der geringer ist als derjenige von 1914. Ferner soll sie in Fragen der Abrüstung den G r u n d - satz der Gleichheit zwischen den besiegten und den siegreichen Mächten bestätigen. Die Abrüstung soll sich ferner erstrecken auf die ausgebildeten Reserven und auf das in Depots liegende Material.
Der französische Abrüstungs- vorschlag
Paris, 11. Juli.
Ueber das Abrüftungsmemorandum der französischen Regierung, das gestern vom französischen Ministerrat gebilligt worden ist und das die Antwort auf die Rundfrage des Völkerbundes über den allgemeinen Stand der Rüstungen der einzelnen Länder darstellt, berichtet Havas u. a.: Das Memorandum zeige den Umfang der Rüstungsbeschränkungen auf, die seit dem Frieden vorgenommen worden seien im Vergleich mit dem Stande von 1914 und spreche sich schließlich zugunsten der Abrüstung durch die Methode der Budget- beschränkung aus.
Die Verhandlungen in »asel
--- Aufgaben der B3A !
Der nächsten Sitzung des Verwaltungsrats der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die am 13. Juli am Sitz der Bank in Bafel stattfinden wird, wird infolge der durch die Annahme des Hoover-Plans aufgeworfenen Probleme mehr Bedeutung beigemessen als den unmittelbar vorangegangenen Sitzungen, vor allem deshalb, weil die BJZ. bei der Inkraftsetzung und Durchführung des genannten Planes eine sehr wichtige Rolle zu spielen hat. Die Leiter der verschiedenen Zentralbanken werden am kommenden Montag in Basel vollzählig versammelt fein.
Im Vordergrund der Beratungen des Verwaltungsrats der BZZ. dürften die Vertragsregelungen stehen, die für die Inkraftsetzung des hoover-plans unbedingt erforderlich sind, insbesondere ein Vertrag zwischen Frankreich und der BJZ. über die Anlegung eines Garantiefonds durch Frankreich für den Fall, daß Deutschland in Uebereinstimmung mit dem Poung-Plan nach Ablauf des Feierjahres ein Bloratoriumsgesuch stellt.
Ferner wird sich der Verwaltungsrat mit dem Problem der Schaffung eines Fonds zu befassen haben, aus dem etwa kleineren Staaten Kredite gewährt werden sollen, die durch die Inkraftsetzung des Hoover-Plans allzu stark betroffen werden. Auch mit der Finanzlage Oesterreichs und Ungarns wird sich der Verwaltungsrat noch zu beschäftigen haben.
Frankreichs Delegierte für London
Paris, 11. Juli.
Im französischen Ministerrat, der unter dem Vorsitz Präsidenten der Republik stattfand, berichteten die in Fr kommenden Kabinettsmitglieder über den Stand der im Gang befindlichen Verhandlungen.
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rage
Auf Vorschlag des Finanzministers wurden folgende Persönlichkeiten zur Teilnahme an der Londoner Sachver- ständigen-Konferenz bestimmt: Direktor E s c a l i e r vom französischen Finanzministerium Coulondre. Direktor Der Wirtschaftsabteilung im Außenministerium, Unterdirek- tor Bizot vom Finanzministerium, de Preyster, Leiter der Sachlieferungsstelle im Finanzministerium, Finanz- inspektor M o n c c I a p vom Unterstaatssekretariat für Nationalwirtschaft. Der Ministerrat hat sich weiter mit dem Moratoriumsentwurf, den die französische Regierung für die Konferenz betreffend Einschränkung und Herabsetzung der Rüstungen vorbereitet hat, beschäftigt.
Es geht auch anders...
Sowjetruhland belohnt verurteilte Ingenieure.
Moskau, 11. Juli.
Gemäß der Rede Stalins vom 23. Juni, in der er eine bessere Haltung gegenüber den Ingenieuren versprochen hatte, hat nunmehr das Zent'-aloollzugskomitee 39 Bauingenieure einer Flugzeugfabrik, die wegen Sabotage verurteilt worden waren,
ZUM Weiterarbeiten begnadigt und fünf sogar mit Prämien von 1000 bis zu 10 000 Rubeln belohnt wegen ihrer wertvollen Erfindungen beim Bauen neuartiger • Flugzeugs h~*- —