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Hersfel-erTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 1S4 (Erstes Mit)Sonnabend, den 4. Juli 1931 81. Jahrgang

Hooverplan endlich gesichert

Die schwierigen Verhandlungen in Paris sind jetzt soweit gediehen, dah das Schuldenseierjahr nicht mehr gefährdet erscheint

Kein Ausweg

Wie sich im einzelnen die Hoover-Aktion für Deutsch­land auswirken wird, läßt sich zur Zeit noch keineswegs übersehen, da noch nicht bekanntgeworden ist, wie man sich in den maßgebenden Kreisen die Weiterentwicklung der durch das Eingreifen Amerikas aufgeworfenen Frage der Re- parationsrevision denkt. Aber eines scheint festzu­stehen: in Amerika und wohl auch in England besteht über die außerordentlich kritische Lage Deutschlands kein Zweifel mehr. Der soeben von einer Studienreise durch Europa nach Amerika zurückgekehrte Vorsitzende der amerikanischen Hoover-Kommission für Arbeitslosenhilfe, Oberst Arthur Woods, z. B. bezeichnete die wirtschaftliche und finan­zielle Lage Deutschlands als äußerst kritisch. Es bestehe die Gefahr, daßdie aufrührerischen Elemente die Oberhand gewinnen könnten". Der Hoover-Plan habe auf das Aus­land eine ausgezeichnete Wirkung ausgeübt und trage.mehr als alles andere zur Behebung der Arbeitslosigkeit bei.

Daraus ergibt sich die klare Erkenntnis, daß Deutschland aus sich selbst nicht mehr in der Lage ist, der Schwierigkei­ten Herr zu werden. Die Auspowerung durch die Tribute, ist schon zu weit vorwärtsgeschritten. Daraus erklärt sich auch, daß die innerdeutschen Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftsdepression ohne Wir­kung bleiben, sich z. T. schärfstens überschneiden. Soeben ist durch Schiedsspruch das bestehende Lohnabkommen im Ruhrbergbau auf drei Monate verlängert worden. In der Verbindlichkeitserklärung des Reichsarbeitsministeriums wird begründend gesagt, daß die wirtsmüktliöbe Laa» des . Nuhev^rgbuues um BüH ihm Zechenbesitzern verkang?er^ 10prozentigen Lohnabbau an sich ohne Zweifel gefordert hätte, daß der Schiedsspruch aber von der Erfül­lung dieser an sich berechtigten Forderung abgesehen habe in der Ueberzeugung, daß bei den derzeitigen Arbeitsver- Hältnissen, insbesondere bei der großen Zahl von Feierschich­ten und der sich aus der Notverordnung ergebenen Belastung der Bergarbeiter eine weitere Verminderung ihres Arbeits­einkommens zur Zeit nicht möglich ist".

Das ist ein krasser Widerspruch in sich selbst; denn ein Schiedsspruch soll den Interessen beider Parteien Rechnung tragen. Das Schmalenbachgutachten kam seinerzeit zu der ststellung, daß die sogen. Schmalenbachbetriebe (die von der Schmalenbach-Kommission untersucht wurden), mit einem Verlust von 32 Pfg. je Tonne arbeiteten. Dabei waren aber nicht in Rücksicht gezogen worden die Abschreibungen auf Haldenvorräte. Diese Abschreibungen belaufen sich allein auf 70 bis 80 Pfg. die Tonne. Außerdem ist in dieser Rechnung vollkommen unberücksichtigt geblieben, daß der von Schmalenbach für notwendig erachtete Abschreibungs­satz je Tonne (auf Kohle 1,74 Rm. und auf Koks 1,19 Rm.) unter allen Umständen entsprechend der geringen Förderung erhöht werden muß. Eine diese verschiedenen Umstände be­rücksichtigende Berechnung ergibt, daß für den gesamten Zechenbetrieb einschließlich Kokereien und Brikettfabrikation' nicht ein Verlust von 32 Pfg., sondern ein Verlust von meh­reren Mark vorliegt.

Es ist selbstverständlich, daß derartige Verluste niemals ganz durch Einsparungen an Lohn ausgeglichen werden können. Wollte man den Ruhrbergbau von der Lohnseite her wirklich sanieren, so müßte eine Lohnkürzung von min­destens 30 Prozent eintreten. Selbstverständlich ist eine solche Herabsetzung der Löhne unmöglich. Es muß unbe­dingt auf den anderen Gebieten der Selbstkosten, Steuern und Soziallasten, geholfen werden, wenn der Ruhrbergbau wieder zu Blut kommen soll. Man verweist dabei gern auf den Reallohn, der gegenüber dem Index eine größere Stei­gerung erfahren habe. Es ist richtig, daß ein Vergleich zwischen Reallohn und Index diese Behauptung bestätigt Man wird aber dabei zu berücksichtigen haben, daß das Ge­samteinkommen des Bergarbeiters infolge Feierschichten durch gesteigerte Sozialabgaben usw. nicht die Stabilität be­sitzt, die bei einer Vergleichberechnung notwendig wäre. Auf keinen Fall kann davon die Rede sein, daß das Einkommen der Bergarbeiter irgendwie übertrieben hoch wäre.

Die Verhältnisse haben sich kritisch gestaltet,so daß eine Erleichterung auf der einen Seite sofort eine entsprechende Er­schwerung auf der anderen Seite zur Folge hat. Mit den bisherigen Mitteln ist der Krise nicht mehr beizukommen; die finanzielle Decke in Deutschland ist eben zu klein ge­worden, zieht man sie nach der einen Seite, wird sie um so knapper auf der anderen. Der amerikanische Oberst Woods hat schon recht,die finänzielle und wirtschaftliche Lage Deutschlands ist äußerst kritisch", es gibt keinen Aus­weg, der von Deutschland selbst gebahnt werden könnte. Das Einkommen, der Lohn der Massen, ist gewissermaßen das einzige.flüssige Kapital", das aber nicht ausreicht, um Wirtschaft und Verwaltung ausreichend zu versorgen.

Einigung in Paris

Paris, 4. Juli.

Um Mitternacht hat einer der französischen Unterhändler dem Vertreter der Agentur Havas erklärt, daß sich die fran­zösischen und die amerikanischen Minister über die Durchfüh- rungsmodalitäten des hooverschen Vorschlages geeinigt ha­ben. Nunmehr muß noch die Zustimmung der anderen euro­päischen Gläubigermächte Deutschlands eingeholt werden.

Unterstaalssekretär Francois Poncet hat sich in die Kam­mer begeben, um dem dort anwesenden Ministerpräsidenten Laval den Text des Kommuniques zu unterbreiten, das das Zustandekommen der Einigung der Presse mitteilen soll.

Paris, 4. Juli.

Die angekündigte französisch-amerikanische Besprechung hat gestern abend im Innenministerium begonnen. An ihr nahmen teil Ministerpräsident L a v a I, Außenminister B r i a n d, Finanzminister F l a n d i n, Un- terstaatssekretärFrancois Poncet und die Amerikaner Schatz- sekretär Mellon, Botschafter E d g e.

Zehn Minuten nach Beginn der französisch-amerikani­schen Besprechung begab sich Ministerpräsident L a o a l in die Kammer, um dort das DekretzurSchließungderPar- lamentssession zu verlesen. Als Laval das Innen­ministerium verließ, erklärte er den Journalisten, das heute nachmittag vermutlich ein M i n i st e r r a t zusammentreten werde und daß die Verhandlungen mit den Amerikanern, die während seiner Abwesenheit weit gingen, günstig zu

Washington, 4. Juli.

Unterstaatssekretär Castle erklärte in der gestrigen Pressekonferenz, er hoffe, noch abends die

Verständigung mit Frankreich in allen bisher strittigen Punkten

mitteilen zu können. Auch in der Frage des Garantie- f o n d s scheine Frankreich nachzugeben und auf Deutschlands Einzahlung dieses Betrages zu verzichten.

Danach müßten in technischen Besprechungen der Finanzsachverständigen der beteiligten europäischen Län­der die Einzelheiten ausgearbeitet werden und Amerika hoffe, daß diese Besprechungen in versöhnlichem Geist erfolgen und

ein gutes Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich herbeiführen.

Diese Einstellung sei ebenso wichtig, wie die sachliche Eini­gung. Amerika werde sich an diesen rein technischen Bespre­chungen voraussichtlich nur in sehr geringem Umfange betei­ligen, da es sich vorwiegend um die Anpassung des Poung- Plans an die einjährige in diesem Monat beginnende Z a h - lungspause handelt.

Paris, 4. Juli.

Nach den uns bei Redaktionsschluß vorliegenden Berich­ten über die französisch-amerikanischen Verhandlungen soll die Lage als sehr günstig zu bezeichnen sein.

Eine grundsätzliche Entscheidung erwartete man gestern Nacht für die nächsten Stunden.

Dies gilt natürlich unter der Voraussetzung, wenn man den optimistischen Eindrücken in Washington, die allgemein auch in Paris geteilt würden, Glauben schenken kann. Hinsichtlich des von Frankreich einzuschießenden Garantiefonds von 500 Millionen sei das Zustandekommen eines Kom­promisses zu erwarten.

Voraussetzung hierfür dürfte aber sein, daß Deutschland im Jahre 1932 kein Moratorium anmeldet.

Die Verhandlungspartner sollen sich auf ein Verfahren ge­einigt haben, daß es Frankreich ermöglichen würde, dieser Lösung des Garantiefonds zuzustimmen. Ein derartiges System werde zweifellos die Z u ft i m m u n g der anderen an den Reparationszahlungen interessierten Mächte möglich machen. In dieser Hinsicht sei aber die Erklärung, die Schatz­kanzler S n o w d e n gestern nachmittag im Unterhaus abge­geben habe, keineswegs ermutigend. Jedoch erscheine es nicht, als ob die letzten Hindernisse, auf die man stoße, unüberwind, lich sein sollten.

Nachtfitzungen von Kammer und Senat

Paris, 4. Juli.

Im Senat erklärte gestern Ministerpräsident L a v a l, die Regierung befinde sich gegenwärtig in der Notwendigkeit, an den parlamentarischen Arbeiten und an internationalen Verhandlungen teilzunehmen. Er fordere den Senat auf, eine Nachtsitzung abzuhalten, um einen wichtigen Gesetz­entwurf zu verabschieden. Beide Parlamente hielten nachts Sitzungen ab.

Setze um jede« Breis Deutschlands und Frankreichs Flottenbaupolitik.

Berlin, 4. Juli.

Zu den irreführenden Behauptungen, die bei der Flot- tendebatte im französischen Senat aufgestellt wurden, wird von unterrichteter Seite erklärt: Der französische Marinemi­nister hat u. a gesagt, die Bewilligung der Mittel für zwei Kreuzer sei notwendig, um derLeipzig", die im Dezem­ber in Dienst träte, einen Gegenwert gegenüberzustellen.

Die deutsche Kreuzertonnage beträgt nach Fertigstel­lung derLeipzig" 5 Schiffe zu je 6000 Tonnen gleich 30 000 Tonnen, zu denen der alte KreuzerBerlin" von 3650 Tonnen hinzukommt, insgesamt also 33 650 Tonnen. Dem­gegenüber besitzt Frankreich 11 Kreuzer von 84 211 Tonnen und hat im Bau 5 Kreuzer von 46 496 Tonnen, zu denen noch zwei neue Kreuzer von je 7500 Tonnen hinzukommen sollen. Den deutschen 33 650 Tonnen stehen demnach 130 707 Tonnen plus 15 000 Tonnen gleich insgesamt 145 707 Ton­nen französischer Kreuzer gegenüber.

Vom Berichterstatter des Marineausschusses wurde ge­sagt, Frankreich habe genug Opfer gebracht und habe nicht nötig, noch weitere zu bringen. Wie sehen die französischen Opfer aus?

Frankreich besitzt neun Schlachtschiffe mit 194 556 Ton- nen. Selbst nach Fertigstellung von vier Panzerschiffen hak Deutschland nur 40 000 Tonnen entgegenzusetzen. Die fran­zösischen Linienschiffe tragen als schweres Kaliber dreißig 34-Zentimeter- und achlundvierzig 30,5-Zentimeler- Gesütze. gegenüber vierundzwanzig 28-Zentimeter-Geschützen Deutschlands.

An Flugzeugträgern besitzt Frankreich einen mit der bewilligten Fahrzeuge 82*mit insgesamt 115164 Ton­nen; Deutschland .29 mit insgesamt 21 265 Tonnen. An U-Booten besitzt Frankreich 90 mit insgesamt rund 90 000 Tonnen, Deutschland keine.

Der französische Marineminister hat ferner erklärt, es sei unmöglich, Frankreich das Recht zu einem Bau abzu- streiten, um auf dieDeutschland" zu antworten. Wie sieht die französische Antwort aus? Frankreich beabsichtigt, ein Schiff von 23 000 Tonnen Wasserverdrängung mit 30,5= bis 34-Zentimeter-Geschützen zu bauen. Wenn dieses Schiff als Antwort auf das PanzerschiffDeutschland" bezeichnet wird, so ist darauf hinzuweisen, daß Frankreich bereits im Jahre 1925, also zu einer Zeit, wo von dem deutschen Panzer­schiff noch feine Rede war, ein Schiff ähnlichen Typs als Ersatz für Linienschiffe vorschlug.

Warum will Frankreich trotz seiner erheblichen Ueber» legenheit über die deutsche Flotte selbst nach Ersatz der ver­alteten Schiffe die neuen 23 000-Tonnen-Schlachtkreuzer bauen? Aus dem Verhalten Frankreichs während der Wa­shingtoner und Londoner Verbandlungen geht hervor, daß Frankreich stärker als Seemacht werden will. Die wahren Gründe sind daher in dem Hinweis des Marineberichterstat­ters auf die italienischen Flottenbauten zu suchen.

Wenn jetzt Frankreich unter dem Vorwand einer Be­drohung durch Deutschland einen Schlachtkreuzer von 23 000 Tonnen mit hoher Geschwindigkeit, starker Armierung und erheblicher Panzerung baut, so ist es mit einem Schlage der italienischen Flotte überlegen.

Frankreich - eilt Festung

Paris. 4. Juli.

Der Senat hat die von der Kammer bereits verabschie­deten Kredite zur Fortführung der Grenzbestigungsarbeiten mit 277 gegen 24 Stimmen angenommen.

Kriegsminister Maginot erklärte, daß das Grenzver- keidigungsprogramm, dessen Durchführung bis 1935 dauern sollte, bereits 1934 durchgeführt sein werde. Es handelt sich bei den Krediten um 2,3 Milliarden Francs, nachdem für diesen Zweck bereits 1,4 Milliarden Francs bewilligt wor­den waren.

Severings SchieberlaK Mehr Rückhalt den Polizeibeamten.

Berlin, 4. Juli.

Der preußische Innenminister hat an sämtliche preu­ßischen Polizeiverwaltungen einen Erlaß gerichtet, der zu­nächst die bestehenden Bestimmungen über die Handhabung der Waffengewalt durch die Polizeibeamten in Erinnerung bringt. Weiter sagt der Erlaß, daß jeder Führer einer zu- sümmengefaßten Polizeimannschaft und

jeder Einzelbeamte zur Brechung tätlichen Widerstan­des gegen seine Person und sein Leben bzw. gegen die Skaatsautorität das Recht auch zum Gebrauch der Schußwaffe

habe. Wenn die bisherigen Erlasse von der Abgabe von Schreckschüssen sprächen, solle dies nicht dazu führen, daß die scharfe Anwendung der Schußwaffe unterbleibe. Er, der Minister, werde keinem Beamten, der auf Grund öMeß neuen Erlasses von der Schußwaffe Gebrauch Mache, f . t i. en Schutz versagen.