Hersfel-erTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelü
Nr. 153
Freitag, den 3. Juli 1031
81. Jahrgang
Washington überführt Paris
3m Falle eines Moratoriums erleidet Frankreich größere Verluste — Vor einrm Moratoriumsantrag Deutschlands?
Amerikas emite Mahnung
Falsche Rechnung Frankreichs. — Alle müssen Opfer bringen
Paris, 3. Juli.
Die amerikanische Denkschrift über die Aus- einandersetzung mit Frankreich führt noch einmal klar dir zwingende Notwendigkeit, Deutschland zu helfen, den Fram Zofen vor Augen und rechnet ihnen vor, daß Frankreich erheblich größere finanzielle Einbußen erleiden würde, wenn Deutschland Zahlungsaussetzunx verlangen müßte. Die ganze Welt habe das amerikanisch! Anerbieten, das sich, wie die Preis- und Kurssteigerung auf allen Weltmärkten beweise, als Belebung des Vertrauens auswirke, angenommen. Nur Frankreich rege gewisse Bedingungen an, die, wenn die amerikanische Regierung sie richtig verstehe, verhindern sollen, daß die vorgeschlagene Hilfe Deutschland allein zugute komme. Nach einem Hinweis auf den amerikanischen Verzicht auf Eintreibung einer Summe von 262 Millionen Dollar unter der Bedingung daß auch von anderen Regierungen bedeutsame Opfer gebracht werden müßten, um die deutschen Zahlungsverpflichtungen von 400 Millionen Dollar abzudecken, erklärt bü
. Denkschrift aufs neue,
daß eben die Wirtschaftslage in Deutschland heikler sei als in irgendeinem anderen Lande.
In höflicher Form entkräftet dann die Denkschrift die einzelnen schon bekannten französischen Einwände. 11. a. wirk ausgeführt, Frankreich scheine darauf zu bestehen, daß bh von Deutschland bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich während des Feierjahres zu entrichtende Summe die Deutschland wieder zurückgeliehen werde, auf den französischen Kreditfonds gutgeschrieben werden solle, gerade als wenn Frankreich in der Tat die Hinterlegung vorgenommen hätte und für die Zukunft von jeder Vervflichtunc ---t/msichtlich des Garantiefonos befreit wäre. Das erscheine- unvereinbar mit dem Gedanken, daß die deutscherseits be; der BJZ zu entrichtende Zahlung während des Feierjahres
* eine rein formale Operation fei, die nur dazu bestimmt wäre das Fortbestehen der ungeschützten Zahlungen zu sichern.
Was anfänglich als eine bloße Formfrage angesehen werde, solle offenkundig jetzt auf einmal als eine wirklich vorzenommene Zahlung gelten. Jedenfalls erscheine es klar, daß dieser Vorschlag eine Abänderung des Poung-Plancs nach sich ziehen würde, was Frankreich doch vor allem vermeiden zu wünschen scheine.
Da die amerikanische Regierung nicht zu den Unterzeichnern des Poung-Planes gehöre, könne sie sich natürlich nicht damit befassen, eine Aenderung dieses Planes heroorzurufen Aber sie glaube, daß hier vielleicht ein Mißverständnis seitens Frankreichs vorliege hinsichtlich der Opfer, die von ihm nach dem Hooverschen Vorschlag erwartet würden. Es sei angesichts der gegenwärtigen Lage Deutschlands anzu- nehmen,
daß Deutschland, wenn der amerikanische Vorschlag scheitere, unvermeidlicherweise bekanntgeben werde, daß es die Entrichtung aller geschützten Reparationen auf- schiebe,
wies dies auch im Doung-Plan vorgesehen sei; dieser Teil der Regierungsschulden würde also nicht beglichen werden. Wenn man die notwendigen Opfer abwäge, dann könne man nur die Wirkung der ungeschützten Zahlungen in Berücksichtigung ziehen, wenn die notwendige ausländische Währung zur Vornahme dieser Zahlungen gefunden werden könne. Wenn aber nun der amerikanische Vorschlag scheitere und die geschützten Zahlungen entsprechend den Bestimmungen des Poung-Plans aufgeschoben würden, so würde Frankreich, selbst wenn die ungeschützten Zahlungen aufrechterhalten werden, hiervon nach Berücksichtigung der Prio- ritätszahlungen ungefähr 105 Millionen Dollar erhalten.
Franlreich wüte verpflichtet zu bezahlen:
1. den Garantiefonds entsprechend dem Ionng-Plan in Höhe von 106 Millionen Dollar und
2. etwa 110 Millionen Dollar auf Grund der Schulden- abkommen bei Amerika und England, während die Summen, die es als ungeschützte Reparationen — selbst wenn sie aufrechterhalten werden — erhalten würde, um die Hälfte niedriger wären. Wenn also der amerikanische Vorschlag scheitern würde, und wenn sich Deutschland auf die im Poung-Plan vorgesehenen Zahlungsaussetzungen berufen würde, würde Frankreich mehr als 100 Millionen Dollar verlieren.
Unmöglich könne man die Tatsache übergeheu. daß die Welt aus dem Zustand der gegenwärtigen Depression nicht herauskomme, wenn nicht von allen Seiten zeitweilige Opfer bewilligt werden.
Mit« Bariler »
Während die Presse Amerikas unb Englands die Denkschrift als bedeutsames Dokument würdigt, wird sie oon einem großen Teil der Pariser Presse außerordentlich heftig t> e f ä m pft. So erklärt „I our n a l", Hoovers Schritt sei eine gegen den Aoungpln'. gerichtet? „T o r p e d i e» r u n g". „Echo d e Paris" fällt ein scharfes Urteil. Es spricht von der „z i e m l i ch a r m s e l i g e n L o g i k e i n e s Hoover", der such darüber wundere, daß Frankreich als' Verteidiger des Poungplanes jetzt eine Aenderung vorneh
men wolle, als ob nicht vielmehr Frankreich die von Washington zertrümmerten Stücke des Gefäßes zusammenzu suchen hätte." Dieses Blatt beschwert sich ebenso wie „Journal" über den Ton, den Hoover gegenüber Frankreich am schlage.
Ein englischer KomromiZoorschlag?
Der Pariser Korrespondent des „Manchester Guardian' meldet, die britische Regierung habe einen Schritt i r Paris unternommen, um ein Uebereinkommen zu erleich- ^rn. Der Vorschlag solle das Depot Frankreichs bei bei im Falle eines Moratoriums nach Ablauf des Hoo- ver-Jahres betreffen.
Den Informationen zufolge soll die englische Regierunc bereit sein einzuwilligen, daß Frankreich ganz oder teilweise her Verpflichtung zur Deponierung enthoben werde unter 5er Bedingung, daß die französische Regierung den Vorschlag oes Präsidenten hoover in den übrigen Punkten annehme Das würde bedeuten, daß Frankreich zustimme, daß die bei aer VIZ. hinterlegten Beträge ausschließlich zugunsten Deutschlands verwendet werden, und die Rückzahlung inner- halb von 25 Jahren annehme.
„Manchester Guardian" stellt fest, daß offiziell in £on> bon nichts zugegeben wird, meint aber, es bestehe guter Grund für die Annahme, daß England tatsächlich in Paris, und zwar in seiner Eigenschaft als Unterzeichner des Ioung- Planes, interveniert habe.
Wie Reuter erfährt, verlautet in pariser politischer Steifen, daß die britische Regierung eine Konferenz vor Vertretern der Signatarftaaten des Zoung-Planes in Lon bon in Vorschlag gebracht habe, die so rasch als möglich zusammentreten soll.
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falls die Pariser Verhandlungen scheitern.
London, 3. Juli.
Eine amtliche Mitteilung besagt: „Die Regierung Seiner Majestät hat die ernstliche Hoffnung, daß die bezüglich des Vorschlages des Präsidenten hoover in Paris ftatffin- denden Erörterungen erfolgreich fein werden. Für den Fall, daß eine baldige Lösung nicht gefunden werden sollte, hat sie ihre Bereitwilligkeit ausgedrückt, eine Zusammenkunft von Vertretern der hauptsächlich interessierten Mächte zu einem baldigen Datum abzuhalken, um mit einem Mindestmaß von Verzögerung zu einer Vereinbarung zu gelangen."
Französisch-amerikanische Verhandlungen auf heute vertagt
Paris, 3. Juli.
Geheimnisvolle Zusammenkunft Flandins mit Mellon.
Die französisch-amerikanischen Verhandlungen, die gestern abend um 21 Uhr fortgesetzt werden sollten, sind abermals vertagt worden. Ueber die gestrigen Besprechungen wird von Havas folgendes Kommunique veröffentlicht:
„Finanzminister Flandin hat gestern nachmittag mit dem amerikanischen Schatzsekretär Mellon eine lange Besprechung gehabt. Ueber das Ergebnis dieser Zusammenkunft wird von eingeweihten Kreisen das st r e n g st e Stillschweigen bewahrt. Man hat jedoch den Eindruck, daß im Laufe dieser direkten Besprechung die Verhandlungen sich relativ befriedigend entwickelt hätten, und daß es möglich sei, daß das Zustandekommen einer Einigung dadurch erleichtert werde. Die französisch-amerikanischen Verhandlungen wurden heute vormittag 10 Uhr im Laufe der Vollkonferenz wieder ausgenommen. Im übrigen ist in politischen Kreisen.bekannt geworden, daß die Vertagung der französisch-amerikanischen Konferenz auf heute auf einen Wunsch des amerikanischen Schatzsekretärs Mellon zurück- zuführen sei. Außerdem habe ein Mitglied der französischen Regierung, das an den Verhandlungen teilnehme, in den Wandelgängen der Kammer erklärt, die französischen -inb per würden heute abend 21.30 Uhr eine Zusammenkunft mit dem amerikanischen Botschafter E d g e haben.
Optimismus in Amerika
Washington, 3. Juli.
Nach einer langen Konferenz mit Hoover erklärte gestern der stellvertretende Statssekretür Castle: Die Verhandlungen in Paris dauern in ausgezeichneter Atmosphäre an und wir sind sehr optimistisch in bezug auf ihren Ausgang. Der stellvertretende Schatzsekretär Mills und der Senator Dwaght M o r r o w nahmen ebenfalls an der Konferenz im Weißen Hause teil und begleiteten nach ihrer Beendigung Castle in das Staatsdepartement, um dort die Diskussion fortzusetzen.
Paris gegen London
Paris, 3. Juli.
Wie verlautet, hat Frankreich den Vorschlag der britischen Regierung, eine Konferenz der Signatare des Voung-Planes nach London einzuberufen, ab - gelehnt und eine Konferenz in Par is, statt in London vorgeschlagen.
Deutscher Moratoriumsantrag?
Längeres Warten nicht mehr möglich.
Wie an unterrichteter Stelle verlautet, ist franzöfischer- seits inoffiziell am Mittwoch erneut versucht worden, Deutschland zu veranlassen, offiziell zu erklären, daß es bereit sei, unter den in dem französischen Gegenvorschlag vorgesehenen Bedingungen Öle ungeschützten Zahlungen zu leisten. Von .deutscher Seite ist erklärt worden, daß Deutschland nicht in der Lage sei, eine solche Erklärung abzugeben, solange die französisch-amerikanischen Verhandlungen noch andauern Ein solcher Schritt müßte mindestens von den Amerikanern so aufgefaßt werden, als versuchte sich Deutschland in die amerikanische Aktion einzumischen. Eine solche Absicht liegt der deutschen Regierung fern,.
Andererseits Hai aber die deutsche Regierung durch deu deutschen Botschafter in Paris darauf Hinweisen lassen, daß mit Rücksicht auf den dicht bevorstehenden Zahlungstermin für die nächste Reparationszahlung Deutschland nur noch 24 Stunden auf diese Entscheidung in den franzosischameri- ' konischen Verhandlungen warten könne. Sollte diese Entscheidung bis dahin nicht gefallen sein, dürfte sich die Reichsregierung veranlaßt sehen, entsprechend den Vorschriften des Reuen Planes das Transfermoratorium zu beantragen.
i Bekanntlich müßte auf Grund eines solchen Antrages I der in dem Neuen Plan vorgesehene Beratende Sonder- f ausschuß zusammentreten, um die Gesamtlage zu prüfen und I den Regierungen sowie der BJZ. einen Bericht darüber unter- । breiten, welche Maßnahmen nach seiner Ansicht hinsichtlich der Anwendung des Planes ergriffen werden sollen.
Das Reichskabinett wird sich am heutigen Freitag, nachdem ihm inzwischen ein authentischer B^xicht.über den Ausaana stu:rzchchchmineictantschest Donnerstag-Beralüngen vor- liegen wird, mit dieser Frage zu beschäftigen haben.
An der Klippe vorbei
In welch großer Gefahr sich die deutsche Wirtschaft auch noch am Ende des Monats Juni befand, geht mit aller Deut- ichkeit aus dem neuen, jetzt veröffentlichten Reichsbankausweis hervor, dem allgemein mit größter Spannung ent- zegengesehen wurde. Gerade in dem Augenblicke, als der Neichsbank bi.» Erreichung eines Rediskontkredites von den Zentralbanken Amerikas, Englands, Frankreichs und der $33- gelang, befand sich die Deckung unmittelbar an der Grenze des ge tzlichen Minimums. Wie aus dem Ausweis hervorgeht, be ägt die Deckung der Roten durch Gold und deckungsfähige Devisen 40,1 Prozent (gegen 40,4 Prozent in der Vorwoche) Ohne den Rediskontkrcdit wäre es nur schwer möglich gewest den kritischen Punkt zu überwinden und die Veckungsgren noch -u wahren.
Zshl««g;p»se - A>;gobendrosselung hanfabund für Wirtschaftsfreiheit gegen Wirtschaftsnot.
Berlin, 5. Juli.
Der Hansabund für Gewerbe, Handel und Industrie । veröffentlicht unter der Devise „Wirtschaftsfreiheit gegen Wirtschaftsnot" eine Mahnung, worin es heißt, daß mit furchtbarer Eindringlichkeit der Welt zum Bewußtsein gebracht worden sei, daß die Vergewaltigung der wirtschaftlichen Lebensgrundlagen durch politische Eingriffe Deutschland. Europa, die Welt an den Rand des Chaos geführt habe. Die Botschaft Hoovers könne den Weg zur Rettung öffnen. Sie fei getragen von der Erkenntnis, daß die von der Politik erzwungenen Verlagerungen wirtschaftlicher Kräfte ausgeschaltet werden müssen. Ausschaltung der Reparationen und interalliierten Kriegsschuldenzahlungen, das war und sei ebenso Voraussetzung weltwirtschaftlicher Gesundung wie der Hansa-Bund in der Ausschaltung der kollektivistischen Störungszellen in unserem deutschen Wirt- ichaftskörper die Voraussetzung für die Gesundung und für die Ueberwindung der sozialen Notstände sehe. Wir ständen an einem entscheidenden Wendepunkt deutscher Geschichte und weltwirtschaftlicher Entwicklung. Es heiße nun, nach außen darum kämpfen, daß aus der von Amerika angeregten Atempause sich ein Dauerzustand freier weltwirtschaftlicher Zusammenarbeit, unbelastet von der zerstörenden Wirkung politisch bedingter Kräfteverlagerung entwickle.
Die Entlastung von den Reparationen dürfe nicht dazu verleiten, den Kampf aller gegen alle um die Verteilung der 1,5 Milliarden RM zu entfachen, die Konzentration aller Kräfte von den beiden großen Aufgaben abzulenken: Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Wirtschaft; Wiederherstellung der Entfaltungsmöglichkeiten freier Marktwirtschaft. Unabhängig von den Reparationen bleibe es erforderlich, durch stärkste Ausgabendrosselung den öffentlichen Bedarf um 3 Milliarden RM zu senken und den deutschen Geldmarkt von dem unerträglichen Druck von mehr als 2 Milliarden RM schwebender Schulden der öffentlichen Hand zu befreien. Durch Ausschaltung der Fehler des letzten Jahrzehnts deutscher Wirtschaftsgesetzgebung müsse man für die deutsche Wirtschaft einen Standort gewinnen, von dem aus sie binnen- und weltwirtschaftlich ein Höchstmaß an Leistung im Dienste deutscher kultureller und sozialer Entwicklung zu erringen vermag.