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Hersfel-erTageblatt

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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Mnzriger für den Kreis Hersfelö

Nr. 151 Mittwoch, den 1. Juli 1931 8L Jahrgang

Verschärfte Gegensätze Paris-Washington

Da weder Amerika noch Frankreich Nachgiebigkeit zeigen, hat sich die Lage außerordentlich zugespitzt

Pariser Krise

R. P. Die Pariser Verhandlungen Mellons über das Schuldenfeierjahr stehen auf einem toten Punkt. Die Ex­ponenten zweier politischer Weltanschauungen haben ihr bis hierher und nicht weiter" sehr vernehmlich und sehr entschieden ausgesprochen: Hoover und L a v a l. Kein Zweifel, es geht um mehr als um die Milliarden, die nach dem Hooverschen Plan mit dem 1 Juli auf ein Jahr unge­zählt bleiben sollen. Es geht um mehr als um einen Meinungsstreit AmerikaFrankreich. Es geht um die Um­kehr auf einem ins Verderben führenden Wege. Es geht um die Frage, ob Frankreich wie bisher allein die Welt mit seinem machtpolitischen Streben beherrschen soll. Es geht in Wahrheit umden Frieden, um das politische und wirt­schaftliche Gleichgewicht in der Welt.

Laval hat vor wenigen Tagen den festen Willen Frank­reichs verkündet, seinegeheiligten Rechte", dieHeiligkeit der Vertrüge" zu verteidigen. Amerika und mit ihm der weitaus größte Teil der übrigen Welt beginnen jedoch im­mer deutlicher zu sehen, daß dieseHeiligkeit der Verträge" in Wahrheit eine verbrecherische Irreführung der öffentlichen Meinung und der Völker darstellt, und daß diese Verschie­bung der Wahrheit jenes furchtbare Unglück über die Welt brächte, das eine ganze Generation ins Verderben stürzen muß, wenn nicht schleunigst der Weg zur Umkehr gefunden wird.

Ein amtliches Washingtoner Communiquö stellt sehr eindeutig fest, daßalle Regierungen grundsätzlich dem Plan des Präsidenten Hoover zugestimmt haben, nur d i « französilche Regierung macht eine Aus - nahm e." Es ist wohl seit dem Kriege zum ersten Mal« geschehen, daß Frankreich von einer befreundeten 3tegie> runa p-is-ürtLrUttch er S^ worden ist. Es ist schon so, den Amerikanernfallen langsam die Schuppen von den Augen. Sie sind einmal, nämlich in Versailles, entsetzlich übers Ohr gehauen worden, damals als ihr Prä­sident Wilson alles für bare Münze und für reine Wahr­heit nahm, was die Franzosen ihm über Deutschland, sein« Untaten, seine Bevölkerung, seine Grenzen, seine Kolonien usw. sagten. Erst viel spater hat man in Amerika einge­sehen, wie es Frankreich verstanden hatte, die Unwissenheit der amerikanischen Vertreter. über europäische Angelegen­heiten auszunutzen und sie dadurch mitschuldig werden zu lassen an der Aufstellung eines Dokuments, von dem soeben ein Amerikaner in seiner Zeitung schrieb, daß es dieSval - tung zwischen Amerika und Europa und damit die entsetzlichen Folgen herbeiführte, die wir jetzt in der ganzen Welt beklagen.

Es erübrigt sich, hier nochmals auf die Einzelheiten ein- zugehen, die Hoover veranlaßten, der Welt ein Schulden- feierjahr vorzuschlagen. Es genügt, darauf hinzuweisen. daß mit der Bekanntgabe dieser Hooverschen Botschaft die Welt aufatmete, und daß in allen Ländern die Hoffnung er­stand, daß damit ein wesentlicher Schritt getan wurde, um die Ursachen der Weltkrise zu beseitigen.Nur di« französische Regierung macht eine Ausnahme^ Dieses Wort des amerikanischen Staatsdepartements sagt ungeschminkt wie die Dinge stehen. Selbst die Vasallen Frankreichs, Po­len und die Tschechoslowakei, haben den Hooverschen Plan angenommen, und auch Belgien, das im Verhältnis am schwersten unter den Auswirkungen des Hooverschen Mora­toriumsvorschlages zu leiden haben würde, ist grundsätzlich bereit, sich mit dem Plan abzufinden. Die Welt sehnt sich nach Frieden, Ruhe und wirtschaftlichem Ausgleich.Nur die französische Regierung macht eine Ausnahme!" Diese amerikanische Feststellung weist zwingend auf die franzö­sische Vorkriegspolitik hin, die nur ein Ziel kannte, Deutschlands Macht zu brechen und Deutschlands Einheit zu zertrümmern. DieHeiligkeit der Verträge" sichert Frankreich, solange sie in Geltung sind nicht nur seine Vormachtstellung in Europa, sie geben ihm auch die Gewißheit, daß Deutschland sich in Abhängigkeit von Frankreich befinden muß.

Die französische Presse versucht jetzt übereinstimmend, also auf amtliche Anweisuna, Deutschland zu veran- lassen, sich in den amerikanisch-französischen Meinungsstreit einzumischen. Sauerwein meint. Deutschland habe die Pflicht zu erklären, daß die franzö­sischen Vorbehalte (zu dem Hooverschen Plan) sich aus den Bestimmungen der feierlich unterzeichneten Verträge ver­stünden, und daß Deutschland daher keine Opposition da­gegen erhebe." DerPetit Parisien" verübelt es der Re­gierung,daß sie angesichts der Schwierigkeiten in den Pa­riser Verhandlungen weiter in der Zuschauerrolle verharre". Weshalb verlangt Frankreich plötzlich eine deutsche Ein­mischung? Es merkt, daß es in Hoover einen Verhandlungs­partner gefunden hat, der auf die üblichen französischen Win­kelzüge, schönen Reden und vagen Zusicherungen nicht ein- geht. Selbst Drohungen haben keinen Eindruck gemacht

Jetzt riskiert Frank ich, daß es in einer entscheidenden Frage, vielleicht sogar in der Schicksalsfrage der Welt iso­liert dasteht. Laval kann ohne Prestigeverlust von seinem stolzen Wort daß er die Grenze der französischen Zugeständ­nisse erreicht habe, nicht mehr zurück. Er kann nicht gut er­warten, daß Hoover nachgibt und allen Mächten, die seinen Vorschlag zum Teil bege-stert ausgenommen haben, zumutet, ihre Zusage zurückzuzielüm. FrMkrM kann er nicht wagen,

den Hooverschen Plan zum Scheitern und England dadurck in die unmögliche Lage zu bringen, seine Schuldennachlaß- zusicherungen an die Dominien wieder rückgängig zu machen Deshalb soll Deutschland einspringen und seinem amerikani­schen Gönner in den Rücken fallen. Man wird hoffen dür­fen, daß die deutsche Regierung auch nicht einen Augenblick diesen Gedanken auch nur in Erwägung zieht. Frankreich hat sich in seiner Überheblichkeit selbst in diese Lage hin­einmanövriert und hat der Welt einen ausgezeichneten An­schauungsunterricht von seinemFriedens- und Verständi- gungswillen" gegeben. Wir dürfen in Deutschland mit eini­ger Ruhe zusehen, wie es den Weg zur Umkehr findet.

Deutliche Svrache Wslliingtons

Ein Kommunique über die Pariser Verhandlungen.

Washington, 1. Juli.

Nach langen Beratungen mit dem Präsidenten Hoovei gab Unterstaatssekretär Castle über die Verhandlungen zwi­schen Schatzsekretär Mellon und dem französischen Minister- präsidemen Laval ein formelles Kommunique aus, in dem die französische Regierung als die einzige bezeichnet wird, die sich nicht einmal prinzipiell mit dem Plan Hoovers einver­standen erklärt habe.

Castle sagte wörtlich:Soweit wir unterrichtet sind haben jetzt sämtliche Regierungen im Prinzip dem Plan« des Präsidenten Hoover zugestimmt mit Ausnahme der fran­zösischen Regierung. Es haben sich einige Schwierigkeiler ergeben, den französischen Standpunkt mit dem Geist des Vorschlages des Präsidenten in Uebereinstimmung zu brin­gen. Zwischen dem Botschafter Edge und dem Schatzsekretär Mellon sowie den französischen Ministern finden noch Er­örterungen statt." Diesem Kommunique fügte Castle noch __bin zurWir verhandeln immer noch, das ist alles, was wir gegenwärtig sagen können."

Noch keine Lösung

Nach den letzten Havasmeldungen aus Paris hat man noch keine Lösung gefunden. Schatzsekretär Mellon und der amerikanische Botschafter seien jetzt über die französisch« Stellungnahme vollkommen unterrichtet. Der Meinungs­austausch zwischen Paris und Washington werde fortgesetzt werden, und Mittwoch würden die französischen Minister aufs neue den endgültigen Standpunkt beider Seiten einer Prüfung unterziehen.

Frankreich bleibt starrköpsig

Wir sind bis an die äußerste Grenze der Zugeständ­nisse gegangen," erklärte Frankreichs Ministerpräsident La- aal bei" einem Presse-Empfang,Hoover mag sich hin- ier seinem Kongreß verschanzen, ich verschanze mich hinter meine Kammer, die ihren Willen eindeutig zum Ausdruck zebracht hat. Die öffentliche Meinung würde es nicht ver­stehen, wenn wir noch weiter gingen. Ich bleibe fest. Am Mittwoch fällt die Entscheidung."

Amerikanische Sondresktion für Deutschland?

Verstimmung über Frankreichs Verhalten.

Washington, 1. Juli.

Im Weißen Hause wurde die übliche Pressekonferenz, die gestern stattfinden sollte, abgesagt. In ^Regierungstreuen beschränkt man sich auf die Feststellung, daß die Lage zur Zeit ernst und unbestimmt sei, da Frankreich als einziger Gläubigerstaat sich bisher weigere, an einer großzügigen internationalen Zusammenarbeit teilzunehmen. Bei allem ehrlichen und ernsten Bemühen, zu einer Verständigung mit Paris zu gelangen, sehe man hier kaum die Möglichkeit wei­teren Nachgebens, ohne den klaren Sinn des Hoover-Planes über Bord zu werfen. Man lehne selbstverständlich eine ame­rikanische Garantie für die Heiligkeit des Poung-Planes ab und

men.

man erklärt es für widersinnig, von Deutschland, dessen verzweifelte finanzielle Lage überall zugegeben werde, I zu erwarten, daß es den in Höhe des unaufschiebbaren Teiles ihm zu gewährenden Kredit in kurzer Frist zurückzahle.

Hoover besprach die Lage gestern in einer längeren Kabinettssitzung, nachdem er vorher erneut mit M e l l o n telefoniert hatte. In parlamentarischen Kreien um­gehende Gerüchte, für die eine Bestätigung jedoch nicht zu er­langen ist, besagen, daß Hoover nicht nachgeben, aber auch Deutschland nicht im Stich lassen werde, sondern schon jetzt mit seinen amtlichen und parlamentarischen Mitarbeitern be­rate, wie man

Hilfe für Deutschland nötigenfalls ohne Frankreichs Mitwirkung bringen könne.

Man steht hier auf dem Standpunkt, daß Hoover die Rettungsaktion mit dem ganzen Gewicht seiner Stellung eingeleitet habe und sie durchführen werde.

In parlamentarischen Kreisen wird die Möglichkeit er­wogen, daß im Falle eines Fehlschlagens der Pariser Ver­handlungen Hpover Stimson anweisen könnte, n i ch t nachPariszu gehen.

Der Senat billigt die französischen Vorbehalte

Paris, 1. Juli.

Der Senat hat am Sästusie der Debatte über die franzö­sische Antwort zu dem Hooverschen Vorschlag nach Erklä­rungen des Finanzministers Flandin und des Minister­präsidenten Laval eine Entschließung des Senators Berard mit 197 gegen fünf Stimmen angenommen, die lautet:

Der Senat ist der Ansicht, daß die Achtung der Verträge und Abmachungen die einzig feste Grundlage der interna­tionalen Beziehungen bildet. Der Senat erinnert an die Opfer und Zugeständnisse aller Art, die Frankreich seit 13 Jahren zugunsten der Aufrechterhaltung des Weltfriedens und zugunsten der Wiederherstellung der Eintracht und der europäischen Wirtschaft gebracht hat. Der Senat billigt die Erklärungen der Regierung und geht zur Tagesordnung über."

Die Lage heikler als je

Paris, 1. Juli.

Im Senat begann gestern abend die Aussprache über den Hooverschen Vorschlag. Im Laufe der Debatte ergriff Finanzminister Fland in das Wort, um, ähnlich wie in der Kammer, den Unte hied zwischen den finanziellen Aus­wirkungen des Vor!. lages und eines gewöhnlichen 1 Aoung-Morator ums auf die französischen Staats- finanzen zu erläutern. Bei dieser Gelegenheit ging Flandin ! auch auf die Lage ein, i w sich Frankreich gegenüber seinem I Gläubiger Amerik befinden würde, bei dem es nach i dem Schuldenregelungc kommen nur ein Moratorium auf drei Jahre in Höhe bei Mfte seiner Zahlungen beantragen könnte. Frankreich ha^e picht im Rahmen des ^toung« Planes bleiben können, weil es sich einem festen Vorschlag ^^rpübrr befand, nämlich dem Hoor rschen Borschlag, dessen edelmütige Geste Frankreich nicht zur kweisen könnte. Aber trotzdem habe Frankreich es für nr vendig erachtet, den Poung-Plan aufrecht zu erhalten und sich gegen die Nachteile zu schützen, die sich für das Land aus einem später von Deutschland vorgebrachten Moratoriumsantrag er­geben könnten. Aus diesem Grunde habe Frankreich den Grundsatz der Entrichtung der um schützten Annuitäten durch Deutschland aufrechierhalten. Man verhandele mit Amerika und rechne damit, zu einet Lösung zu gelangen, die die heiligsten Interessen Frankreichs schütze.

Nach dem Finanzminister Flandin ergriff Ministerprä­sident Lavalim Senat das Wort und erklärte, die Lage fei heikler, als sie jemals seit Kriegsende gewesen sei. Der H)oung-Plan und die Haager Abmachungen müßten aufrecht erhalten werden; denn sie stellten die endgültige und voll­ständige Reparationsregelung dar. Die gegenwärtige Wirt­schaftskrise sei ernst, vor allem für Deutschland. Alle Län­der hätten den Moratoriumsvorschlag Hoover angenommen und auch Frankreich konnte ihn nicht ablehnen. Aber es mußte Vorbehalte machen. Bei den Verhandlungen, die die französische Regierung fortsetzen werde, werde sie an die gerechte Sorge Frankreichs denken. Um Ueberraschungen, , wie die des Bekanntwerdens der Zollunionpläne und des Hooverschen Vorschlages in Zukunft zu vermeiden, sei es gut, wenn zwischen der Reichsregierung und zwischen der französischen Regierung eingehende und freimütige Aus­sprachen erfolgen. Diese Besprechungen würden ja auch demnächst stattfinden, und er habe das Vertrauen dazu, daß sie zum Ziele führen.

Nach der weiteren Aussprache erfolgte die bereits gemel­dete Abstimmung, die die Billigung der Vorbehalte der fran­zösischen Regierung gegenüber dem Hoover-Plan brächte.

Dennoch baldige Einigung?

Washington, 1. Juli.

Im Staatsdepartement wurde gestern erklärt, der Streit mit Frankreich drehe sich nur um folgende Punkte: 1. Ame­rika wolle, daß die deutsche Regierung den ungeschützten Teil alsbald in voller Höhe zu Budgetzwecken zurückerhalte; 2. daß die Rückzahlung dieses Kredits in 25 Jahren erfolge. Au diesem Punkte deutete man an, daß man eotl. auf eine kür­zere Zeit, etwa zehn oder 15 Jahre heruntergehen werde, nicht aber nur auf fünf Jahre. 3. Die Frage des Garantie- fonds gehe nicht Amerika an. Diese Angelegenheit müsse Frankreich mit den übrigen Poung-Plan-Gläubigern regeln. Zusammenfassend wird erklärt, man fei nicht entmutigt, son­dern erhoffe eine baldige Einigung, da ein Fehlschlag katastrophal wäre.

Italien verwirklicht Hoovers Plan

Washington, 1. Juli.

Die italienische Regierung ließ durch ihren hiesigen Bot­schafter dem Staatsdepartement mitteilen, daß Italien vom 1. Juli ab auf die ihm von den Schuldnerländern zustohenden Zahlungen vorläufig verzichten werde.

Belgiens Antwort

Brüssel, 1. Juli.

Die Regierung hat auf Hoovers Vorschlag erwidert, daß sie diesen als Beginn eines großen Unternehmens internatio­naler Solidarität auffaßt, das auf die Wiederaufrich» t u n g d e r D e 11 $ i r t (d) g f t abziele. Schon die AUL