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HersselöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS

Nr. 148 (ßrftes Blatt) Sonnabend, den 27. Juni 1931 81. Jahrgang

Monatlicher vr-ngyrel« durch 61t Post bezogen 1.50 Relcho-Mark, ausschließlich v^trügeld, für hersseld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für fibholer 1.00 Reichs-Mark. druck und Verlag von Ludwig Zunks Suchdruckerei in tzersfeld, Mitglied des vdZV.

Wiederbelebung der Weltwirtschaft

Frankreichs Gegenplan und Amerikas Stellnnguahme Hilfe auch für Südamerika

Der schwarze 28. Juni

4- Der 28. Juni wird für Europa und besonders für Oesterreich und Deutschland stets ein Tag tiefster Trauer blei­ben. Vor nunmehr 17 Jahren krachten in Serajewo jene Schüsse, die das österreichischeThronfolgerpaar durch die Hand eines fanatischen Serben niederstreckten und die damit den gewallten Anlaß für den furchtbaren Welt­krieg gaben. Fünf Jahre später, an dem gleichen 28. Juni, fand in Versailles die schmachvolle Unterzeichnung des so­genannten Versailler Friedensvertrages statt, nachdem wenige Wochen vorher Clemencau den deutschen Unterhänd­lern erklärt hatte, sie seien nach Versailles befohlen worden, nicht um zu verhandeln, sondern den Spruch der Alliierten anzunehmen oder abzulehnen.

Das ermordete Thronfolgerpaar.

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Es ist kein Zufall, sondern das Ergebnis der Entwick­lung wirtschaftlicher Naturgesetze, daß heute die Welt fast in einer ähnlichen Spannung gehalten wird wie vor 17 Jah­ren, durch eine Tat, die unter Umständen von gleicher schick- salswendender Bedeutung sein kann: die Schulden- feierjahrsbotschaft Hoovers. Die Reihe der 28.-Juni-Tage von 1914 über 1919 bis 1931 zeigt die furcht­bare Auswirkung einer ruchlosen Tat, hinter der nicht fanati- ierte Einzelpersönlichkeiten, sondern Staaten standen, die eit Jahren diesen Weltbrand vorbereitet haben. Mag man in Paris und anderswo auch heute noch den Versuch unter­nehmen, den Sinn des Kriegsschuldartikels 231 des Ver- sailler Diktats als unumstößliche Wahrheit hinzustellen: es gibt wohl kaum noch einen Menschen in der Welt, der von der Unerschütterlichkeit dieses Schuldparagraphen überzeugt wäre. Gerade die Tat des 28. Juni 1914 hat durch die Geschichtsforschungen und durch die Aussagen Beteiligter den unumstößlichen Beweis dafür erbracht, wo die Krieas- schürer saßen. Die Namen Poincarö, Millerand, Jswolski, Paleolog sind die Personen, die sich heute schon vom Wahr- heitshorizont der Kriegsschuldforschung klar und deutlich abheben Wenn wir in diesen Tagen der Erörterung über die Hoover-Aktion wiederum feststellen müssen, daß einzig und allein Frankreich Schwierigkeiten macht, dann ist die Er- klärung durchaus leicht; was in Serajewo begonnen und in Versailles beendet wurde, soll nach Frankreichs Willen ewig bestehen bleiben, nämlich die Unterdrückung und Nieder- Haltung Deutschlands.

Es müßte schlecht um die Zukunft Europas und um den Frieden der Welt stehen, wenn wir die Hoffnung auf- m wollten, daß diesen beiden schwarzen Juni-Tagen der re 1914 und 1919 nicht jene Sonnenwende folgte, die den Fluch der bösen Tat langsam aber sicher abwärts steigen läßt. Heute schon ist die Erkenntnis von den furchtbaren Auswirkungen dieser ruchlosen Tat und dessen, was var» ausging und nachfolgte, so allgemein, daß es nur der muti­gen Tat eines Mannes bedarf, um hier die Welt mit sich zu reißen Ob es Hoover gelingt, oder ob ein noch stärkerer erstehen muß, liegt noch im Dunkel der Zukunft. Aber das eine wissen wir: der 28. Juni 1914 und 1919 zeigt heute mehr denn je die Schuldigen, die auch das Unglück der Weltvon heute auf dem Ge­wissen haben.

L. : «M«" mw

Notverordnung und Hoooer-Attio»

Umbildung des Kabinetts erst im September.

# Bekanntlich wurde vor etwa 14 Tagen behauptet, daß zwischen dem Kanzler und dem Vorsitzenden der Deut­schen Volkspartei, Dr. Dingeldey, eine Aussprache stattgefun- den habe, die sich auf die Anwendung der Notverordnung und die Umbildung des Reichskabinetts bezogen habe. Aus den mehrfachen Aeußerungen Dr. Dingeldeys in der Oef- fentlichkeit mußte entnommen werden, daß der Kanzler eine baldige Umbildung des Kabinetts zugesagt habe. Wie in politischen Kreisen behauptet wird, hat Dr. Dingeldey am Mittwoch erneut mit dem Kanzler die Frage der Kabinetts­umbildung besprochen. Dabei scheint der Kanzler den volks- parteilichen Parteiführer erklärt zu haben,

daß im gegenwärtigen Augenblick außenpolitischer Hoch­spannung es nicht verantwortet werden könne, wenn die Aktionsfähigkeit des Kabinetts durch eine Umbildung beeinträchtigt würde.

Jedenfalls verlautet, daß an eine Umbildung der Reichs­regierung zur Zeit nicht gedacht wird, daß aber bei programmäßiger Entwicklung der außen- und innenpoliti­schen Verhältnisse spätestens imSeptember auch die Frage der Kabinettsumbildung eine Lösung erfahren werde Ferner hat sich der Kanzler mit der Frage eine Ab­änderung der Notverordnung befassen müssen, und zwar auf Grund des Schreibens, das Dr. Breitscheid als Führer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in deren Auf trage dem Kanzler hatte zugehen lassen. In diesem Schrei­

ben waren bestimmte Forderungen gestellt worden, die eine Milderung der in der Notverordnung vorgesehenen Refor­men für die Arbeitslosenversicherung zum Ziele haben. Die Forderungen der Sozialdemokratie wurden bekanntlich da­mit begründet, daß durch den Hoover-Plan die Finanzlage

finden würde. - -lergestM «HAsi ist

ucy uictuyw eine tue fciui^c ^ULiUyjviui.ö ji:iuxH wu^< Mit diesem Schreiben hat sich dieser Tage das Reichskabinett

beschäftigt und beschlossen,

die beteiligten Ressorts aufzufordern, in eine Nach­prüfung einer Reihe von Nolverordnungsbestimmungen einzutreten und festzustellen, ob ohne ernstere finan­zielle Auswirkungen offensichtliche Härten beseitigt wer- werden können.

Diese Prüfungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Reichs­kanzlei hat jedoch das Schreiben Dr. Breitscheids in dem Sinne beantwortet, daß die Reichsregierung sich vertret­baren Milderungen gewisser Nolverordnungsbestimmungen nicht verschließen werde. Aus dem Schreiben geht weiter hervor, daß sie bereit ist, an entsprechenden Anträgen für die Behandlung im Reichstag selbst mitzuarbeiten und ihre Annahme zu empfehlen. Die Formulierung des Antwortschreibens der Reichskanzlei ist so gehalten, daß man weder eine Annahme noch eine Ablehnung der sozial- demokratischen Forderungen daraus entnehmen kann. Jeden­falls geht das Schreiben auf Einzelheiten der Forderung nicht ein, vor allem nicht auf die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen die Jugendlichen wieder in die Arbeitslosenversicherung einbezogen werden sollen. Offen­bar will die Regierung erst die Weitentwicklung und vor allem die Auswirkung der Hoover-Aktion abwarten, um feststellen zu können, in welchem Ausmaße sich die amerika­nische Hilfe auf die Finanzen und auf die Wirtschaft des Reiches entwickelt.

England entlüftet seine Schuldner

London, 27. Juni.

In Verfolg der Entscheidung der britischen Regierung Hoovers Vorschlag anzunehmen, ist, wieTimes" berichtet, den Regierungen, die vereinbarungsgemäß ihre Kriegsschul­den an Großbritannien in Raten zahlen, milgeteilt worden daß weitere Zahlungen dieses Jahr nicht erwartet werden

Die englische Regierung hat die diplomatischen Vertre­ter von Polen, Rumänien, Südslawien, Estland und Lett­land von ihrem in der letzten Erklärung Snowdens bekannt­gegebenen Beschluß über die Kriegsschulden in Kenntnis ge­setzt.

Sie hat zugleich mitgeteilt, daß sie bereit sein wird, so­bald der Hoovervorschlag allgemeine Annahme gefunden hat, ihren Ländern alle Zahlungen für Wlederaufbauan- leihen und andere kleinschulden auf ein Jahr vom 1. Juli an zu stunden. Diese Schulden sind zwar keine Kriegsschul­den nach Auffassung der Regierung, wohl aber durch die Verhältnisse der Nachkriegszeit entstanden.

Schnelle Arbeit Italiens

Washington, 27. Juni.

Das amerikanische Staatsdepartement veröffentlicht eine vom italienischen Botschafter überreichte zweite Note, in der erklärt wind, Italien beabsichtige, den Woratoriumsvor- schlag Hoovers am 1. Juli prompt und restlos auszuführen.

- England stundet Wiederausbauanleihen

Sie französische Rote

Einigung kommt bestimmt."

Washington, 27. Juni.

Die französische Antwortnote auf den Hoover-Vorschlac ist nunmehr veröffentlicht worden. In Regierungstreuen if man der Ansicht, daß es bestimmt zu einer Einigung zwi schen Washington und Paris kommen werde, wenn uck gewisse Details noch der Glättung bedürfen.

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In der französischen Note heißt es im wesentlichen: Die französische Regierung hat mit lebhaftem Interesse von dem Vorschlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten Kennt­nis genommen und erklärt sich mit den hochherzigen Gefüh­len, die diesen Vorschlag inspiriert haben, einverstanden. Un die Frage des Präsidenten Hoover zu beantworten, ist du französische Regierung bereit, das französische Parlament zu ersuchen,

daß Frankreich provisorisch und während der Frist eines Jahres davon absieht, irgendeine von Deutschland geleistete Zahlung zu behalten.

' Aber angesichts der Art der freiwillig eingegangenen und erst kürzlich unterschriebenen Verpflichtung des Poungplans, angesichts auch der FeierUchkeü, mit der der definitive und nichtaufschiebbare Charakter der ungeschützten Annuitäter anerkannt worden ist, in denen die notwendige Permanenz ; Des Reparationsgrundsatzes zum Ausdruck kommt, würde ' -ine große Gefahr bestehen, das Vertrauen in den Wert der

! Unterschriften und der Kontrakte zu erschüttern und so gegen ! Das beabsichtigte Ziel zu verstoßen, wenn bet der vorge- ; schlagenen Aussetzung der Zahlungen die nichtaufschiebbar« I Annuität in gleicher Weise wie die geschützte behandelt wer­den würde. Die französische Regierung betont insbesondere.

Den würde. Die französische Regierung betont insbesondere. Daß eine formelle Assimilierung zwischen den privaten Schulden Deutschlands (Bounganleihe und Kreuger-Anleihe) jnb den noch nicht mobilisierten ungeschützten Annuitäten

Die Zahlung der

land auszusehen und dennoch zuzulasfen, daß der Zinsen- dienst für die beim Publikum untergebrachte Zoung- anleihe fortgesetzt wird, würde einem fundamentalen Grundsatz und einer ausdrücklichen Bestimmung direkt zuwiderlaufen.

Die Regierung ist also der Ansicht, daß ein allererstes Jnter- -sse moralischer Art dafür besteht, daß selbst während der Dom Präsidenten Hoover vorgesehenen Frist die Zahlung der ungeschützten Annuitäten in keiner Weise aufgeschoben wird. Die französische Regierung glaubt, gerade im Interesse des Erfolges dieser Bemühung präzisieren zu sollen, daß

die allgemeine Aussetzung der Zahlungen allein ein ungenügendes Heilmittel zu sein scheint. Die gegenwär­tig die deutsche Wirtschaft bedrohenden Gefahren haben einen anderen Ursprung und gehen namentlich auf starke Krediteinschränkungen oder auf die Zurücknahme ausländischer Kapitalien zurück.

Die Lösung der deutschen Krise scheint nicht nur. in einer Herabsetzung der Lasten des Reichsbudgets, sondern auch in -iner Erweiterung der Kredite zu liegen. Deshalb erklärt die ranzösische Regierung sich vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments bereit, der Internationalen Zablungsbank die hrem Anteil an der nichtaufschieobarenAn- i u i t ä t entsprechende Summe für ein Jahr zur Ver - ügung zu st eilen und mit einziger Ausnahme der Beträge, die für die Ausführung der restlichen gegenwärtig roch laufenden Sachlieferungsverträge notwendig sind, was übrigens für die deutsche Wirtschaft von Nutzen ist. Es ver­steht sich von selbst, daß die so verwendeten Beträge nach Ab- auf der als Frist für die provisorische Aussetzung des ^oung-Planes vorgesehenen einjährigen Periode wieder verfügbar werden würden.

Amerika hat nicht nachgegeben"

In einem Kommunique zur französischen Antwortnote gibt Stimfon seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß Frankreich bereit ist, für ein Jahr auf sämtliche deutschen Zahlungen zu verzichten. Mehr habe Hoover nicht oorge- chlagen; insbesondere habe ihm

eine Revision der internationalen Schuldenverträge, einschließlich der mit Amerika geschlossenen, ferngelegen.

Ueber das Verfahren, durch das der einjährige Aufschub ilter Zahlungen erreicht werden könne, müßten noch Ver- -andlungen geführt werden; denn

Frankreichs Vorschlag erfülle die vom Präsidenten ge­plante Erleichterung der Schuldnerstaaten nicht in vol­lem Umfange.

Da bereits mehrere Mächte Hoovers Plan zugestimmt hätten und der erste Juli nahe sei, seien Mellon und Edge bemüht, mit der französischen Regierung zu einer möglichst schnellen Einigung zu gelangen. Im Staatsdepartement wurde Wert darauf gelegt, zum Kommunique Stimfon festzu stellen, daß die amerikanische Regierung weder nachgegeben habe, noch ein Kompromiß schließen wolle,

sondern nach wie vor darauf bestehe, daß Hoovers Plan, völliger Verzicht auf alle deutschen Reparationszah' -en ür die Frist eines Jahres, durchgeführt werde. Man se, ) Frankreich im Interesse der Behebung der W -lnse einen Weg finden werde, um dieses Ziel in die Tat umzu-