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Hersfel-erTagebl all

Hersfelder kreisbla«

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelü

Nr 14S Mittwoch, den 24. Juni 1931 81. Jahrgang

Pnzetgenpnir: die etnkpalttg» Petttzetle 15 Pfennig, »k Reflam^dlt 50 Pfennig, (©runöf^rift kowus). Bei wlr-«hol«mgen wird ein entspreckender prel«- VachlaS gewährt. Mr ök Schriftleitung oerant- »»Mch: Dranz Zank tu httefeld. Zerafprecher Nr.^

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Frankreich stellt Bedingungen

Während Washington ein Gesamtmoratorium verlanqt, besteht Paris auf der Unantastbarkeit der ungeschützten Annuitäten

Die Welt hinter Koover

Die Weltwirtschaft gewinnt Milliarden.

Die bis jetzt aus den beteiligten Ländern vorliegenden offiziellen Mitteilungen über die Stellungnahme der einzel­nen Regierungen zu der Botschaft Hoovers lassen bereits erkennen, daß sich von keiner Seite eine Ablehnung zeigt Zum größten Tei.l wird der Vorschlag Hoovers begeistert ausgenommen. Welchen Einfluß die amerikanische Ini­tiative auf Wirtschaft und Politik hat, geht am besten aus der Haltung der Weltbörsen hervor:

Die Stimmungshausse, die am Montag einheitlich alle großen Wertpapierbörsen erfaßt hatte, hak der Weltwirtschaft eine stattliche Milliardensumme eingetragen. Nur der Glaube an eine bessere Zukunft bzw. die Hoffnung, daß der Hsoverfche Welt-Appell nicht ungestört verhallen wird, haben genügt, um an den internationalen Effektenmärkten ein geradezu stürmisches Anziehen der Kurse herbeizuführen. Die Montagbörse hat z. B. durch die Hausse an allen amerika­nischen Effekten- und Warenbörsen das Volksvermögen der Vereinigten Staaten um über eine Milliarde Dollar ver­mehrt. Jede Preiserhöhung eines Bushels Weizen auch nur um einen Cent bedeutet einen Wertzuwachs von sieben Millionen Dollar, und ähnlich ist es mit der Baumwolle.

Frankreich erstrebt Garantien

Der französische Botschafter in Washington hat sich, einer Nachricht des hiesigen Havasvertreters zufolge, Staats­sekretär Stimson gegenüber zu dem Vorschlag des Prä­sidenten Hoover in dem Sinne geäußert, daß Frank­reich die edelmütigen Gefühle begrüße, die Hoovers Ini­tiative herbeigeführt haben, und daß Frankreich bereit wäre, dem Vorschlag des Präsidenten zusammen; es habe aber den^ Wünsch! das Problem einer aufmerksamen Prüfung zu unterziehen, ehe es seine amtliche Antwort zur Kenntnis bringe.

Mit internationalen finanziellen oder diplomatischen Ver­handlungen vertraute Persönlichkeiten seien der Ansicht, daß eine Zustimmung Frankreichs von Garantien begleitet sein müsse, daß das Moratorium hoovers, das nur für ein Jahr Geltung habe, den Poung-Plan nicht verletzen dürfe, und daß man die Unantastbarkeit der ungeschützten An­nuitäten Deutschlands beachten müsse.

Bestimmte Finanzkreise Frankreichs faßten deshalb ins Auge, daß Deutschland für 1931/32 500 Millionen Mark oder die ungeschützte Tranche in deutscher Währung zahlt, die Frankreich über die BJZ. für Darlehen an interessierte Na­tionen zur Verfügung stellt. Das im französischen Budget auftretende Defizit könnte durch die Ausgabe kurzfristiger Schatzscheine zum Ausgleich gebracht werden. In keinem Falle würde man zur Auferlegung neuer Steuern schreiten. Um diese verschiedenen Maßnahmen, die auf Frankreich viel schwerer als auf England und Italien lasten werden, zu rechtfertigen, müsse man betonen, daß Frankreich sowohl in politischer wie in sozialer Beziehung an der Wohlfahrt Europas besonders interessiert sei.

Pariser Entscheidung vertagt

Im Elysee fand Dienstag vormittag unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik Doumer ein Ministerrat statt, in dem der Vorschlag Hoovers auf einjährige Zahlungs­aussetzung geprüft wurde. Nach dem offiziellen Communi- que erstattete Außenminister Briand Bericht über die Vor- aussetzungen, unter denen die französische Regierung mit diesem Vorschläge befaßt wurde. Finanzminister Flan- din und Budgetminister Pietri sprachen über die Folgen, die die Durchführung der amerikanischen Anregung auf die französischen Finanzen haben würde.

Die Diskussion über dieses Thema wird im Laufe eines Winifterrats Mittwoch vormittag fortgesetzt werden. Dabei wird auch der Text der Antwort festgelegt werden, die dem Präsidenten hoover znpZtellt werden soll.

Ein Gegenvorschlag?

Aus einer Auslassung desPetit Parisien" geht her­vor, daß die französische Regierung in Washington einen Gegenvorschlag unterbreiten will, der von dem Vorschlag Hoovers ausgehen soll, aber den Poung-Plan als solchen be­stehen lassen will. So schreibt Sauerwein, dessen Verbin­dung mit dem Quai d'Orsay allgemein bekannt ist: Nach der ersten Prüfung erscheint es möglich, daß der Vor- schlag Hoovers im ganzen prinzipiell angenommen werden kann .ohne daß eines unserer Rechte aufgehoben wird. Die Worte des Präsidenten Hoover über die Kriegsschulden be­ziehen sich and) auf die Reparationen Der Young-Plan muh bestehenbleiben."

Sauerwein spricht dann von der Notwendigkeit einer volikischen Waffenruhe, während der die Erörterung der delikaten Fragen über die Revision der Verträge eine Zeit­lang eingestellt werden soll. Die amerikanische Idee müsse mit dem Europaplan Brlands in Verbindung gebracht werden.

Amerika verlangt aber Gesamtmoratorium

Wie Associated preß aus Washington von maßgebend­ster autoritativer Stelle erfährt, bezieht sich der Porschlag des Präsidenten hoover auf einjährigen Zahlungsaufschub

Des Reichskanzlers Hochpolitische Erklärung

Französisches Chequers vorgeschlagen

Berlin, 24. Juni.

Reichskanzler Dr. Brünlng sprach Dienstag abenk über den Deutschlandsender über die allgemeine politischl Lage.

Dr. B r ü n i n g führte u. a. aus: Alle Völker der Erd» stehen unter dem tiefen Eindruck des historischen Schrittes den am Söntag der Präsident der Vereinigten Staaten unter­nommen hat, um der ungeheuren Krise, die über fast all« Völker hereingebrochen ist, zu steuern und den Hilfe zu brin­gen, die ihr zu erliegen drohen. Das deutsche Volk und im deutsche Regierung haben mit herzlicher Dankbar­ke i t die Vorschläge des Präsidenten Hoover angenommen Eine neue Hoffnung für Europa und Deutschland sehen mii aus diesem Vorschläge erwachsen. Er bringt Deutschland eine Hilfe in einem entscheidenden Augenblick seiner Ge­schichte, in dem Schwierigkeiten bis zum äußersten sich auf- getürmt haben. Der erste wirksame Anfang für eine bessert Zukunft ist erfolgt; aber warnen muß die Reichsregierung vor dem Glauben, als ob durch diesen Vorschlag des amerika­nischen Präsidenten, wenn er von allen in Frage kommenden Nationen angenommen wird, mir über die Gesamtheit der uns bedrängenden Nöte hinweg seien.

Nachdem der Reichskanzler dann die schwierige Finanz­lage des Reiches geschildert hatte, wobei er vor allem auf die Arbeitslosenfürsorge und den Minderertrag an Steuern so­wie das Sinken der Einkommen und Löhne hinwies, kam er auf den riesigen Devisenabfluß der vergangenen Woche zu sprechen. Er sagte hierzu, daß der Versuch, der nunmehr jum brüten Male wn^t m-,rde große Teile der Deutsch­land gewährten kurzfristigen Kredite plötzlich wieder heraus- zuziehen, nunmehr behoben sei. Dieser ungeheure Sturm habe aber gleichzeitig allen Einsichtigen mit drastischer Schärfe die

Verbundenheit der Weltwirtschaft

im Positiven und im Negativen gezeigt. Er hat aus der

Not einzelner Völker und besonders Deutschland eine Not der ganzen Welt gemacht. Aber zu glauben, daß nach An­nahme des Hoover-Vorschlags alle Nöte in Deutschland be­seitigt wären, sei die gefährlichste Jllussion, in die sich das deutsche Volk hineinwiegen könnte. Die Reichsregierung hat harte Maßnahmen zur Rettung der Finanzen ergreifen müs­sen und muß an ihnen festhalten. Sie hält daran fest, daß sie bereit sei, Härten und besonders drückende Maßnahmen der Notverordnung abzuändern. Sie ist aber nicht in der Lage, irgendwie an dem gesamten finanziellen Ergebnis der Not­verordnung rütteln zu lassen.

Der außenpolitische Teil seiner Ausführungen hatte folgenden Wortlaut:

Das vorgeschlagene Feierjahr soll nach der Proklamation des Herrn Präsidenten der.Vereinigten Staaten nicht nur der Wiederherstellung des internationalen Vertrauens auf wirtschaftlichem Gebiet und damit dem wirtschaftlichen Wie- deraufbau der Welt dienen, es verfolgt gleichzeitig den Zweck, die politischen Beziehungen zwischm den Ländern von stören­den Spannungen zu befreien und eine auf überzeugter Zu- sammenarbeit der Staaten beruhende friedliche Weiterent­wicklung zu fördern und zu festigen. Beides steht in einem notwendigen Wechselverhältnis. Ohne Gesundung der Wirl- chafts- und Finanzbeziehungen ist keine Beruhigung der po- itischen Lage, ohne diese politische Beruhigung keine Besei­tigung der Wirtschaftsnot denkbar. Das Gedeihen Europas und der Welk hängt davon ab, daß diejenigen, die ein tragi­sches Geschick im Weltkrieg zu Feinden werden ließ, nunmehr entschlossen und weitsichtig auf beiden Seiten sich zu den Ent­schlüssen aufraffen, welche die beklemmende Not der Stunde von allen Regierungen und Völkern fordert. Für dieses große Ziel wird der amerikanische Vorschlag Raum schaffen, wenn er von den in Frage kommenden Ländern in demselben hochherzigen Geiste angenommen wird, in dem er von seinem Urheber gemacht worden ist.

Die deutsche Regierung ist bereit, mit allen Kräften an der Erreichung dieses Zieles der amerikanischen Initiative mitzuarbeiten. Sie hat den aufrichtigen Willen, auch von der politischen Seite her zusammen mit allen Regierungen an die Losung der Fragen heranzugehen, die für die Be­ruhigung Europas von Bedeutung sind. Je mehr die schwere wirtschaftliche und soziale Not sich mildert, unter der das deutsche Volk leidet, um so stärker und einmütiger wird seine Bereitschaft und seine Fähigkeit hervortreten, ein Bollwerk der Ruhe und der Ordnung in Europa zu sein. Die Größe der Stunde und die aus ihr sich ergebende Verantwortlichkeit lassen nicht die Hoffnung und die Erwartung aussprechen, daß alle diejenigen, die für die Formung der öffentlichen Meinung von maßgebendem Einfluß find, sich bewußt blei­ben, von welch entscheidender Bedeutung in diesem Augen­blick Maßhaltung und Selbstdisziplin bei allen unseren Volks­genossen in allen Aeußerungen und Kundgebungen sind für Deutschland und Europa.

Die deutsche Regierung ist sich bewußt, daß bei alledem der zukünftigen Gestaltung der

Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich

eine besonders wichtige Rolle zufällt. Wenn in der Entwick­lung dieser Beziehungen manche Schwierigkeiten und Hem­mungen hervorgetreten sind, wenn es in der Öffentlichkeit aus beiden Seiten der Grenze vielfach zu bewegten Ausein­andersetzungen gekommen ist, so halte ich trotzdem an der Ueberzeugung fest, daß all das nicht unüberwindbar ist, daß vielmehr bei beiderseitigem guten Willen Mittel und Wege sich finden lassen werden, um das Uebereinstimmende und Gemeinsame in den Interessen der beiden Völker in den Vordergrund zu bringen und im Bewußtsein der beiden Völker so zu verankern, daß es die Gewähr der Dauer in sich trägt. Weil ich davon überzeugt bin, daß eine wirklich aus­geglichene und fruchtbare Zusammenarbeit unter den Völkern Europas und die für den lebendigen Wirtschaftsaustausch mit der Neuen Welt notwendige Stabilisierung des euro­päischen Friedens erst an dem Tage gesichert erscheint, wo zwischen den beiden großen Nachbarvölkern das Vergangene seelisch überwunden ist und der Blick sich gemeinsam der Zu­kunft und ihrer geistigen »wirtschaftlichen und politischen Ge- stalkung zuwendet, gerade deshalb ist es das Bestreben der von mir geführten Regierung, über Verstimmungen des Augenblicks hinaus vorwärts zu denken und alles sachlich Verankwortbare zu tun, um die großmütige Aktion des Prä­sidenten hoover ihrem verdienten und im Interesse Europas und der Welt notwendigen Erfolge zuzukühren.

Die deutsche Regierung wird es ihrerseits an gutem Willen nicht fehlen lassen. Ist die Einigung über das Feier­jahr zustandegekommen, so wird es um so leichter sein, in offener Aussprache den Weg frei zu machen für eine großzügige praktische Zusammenarbeit der beiden Länder.

Ich würde es begrüßen, wenn sich für eine solche einleitende Aussprache eine Gelegenheit fände, wie sie neulich die Zu- sammenkunsk in Ebeauers für eine Erörterung zwischen Deutschland und England geschaffm hctt. Die Ausgaben, vor denen Frankreich und Deutschland stehen, sind für beide Län­der zu groß und zu dringend, als daß es nicht möglich sein sollte, in vertrauensvollem und rückhaltlosem Meinungs­austausch zu einem gemeinsamen Boden zu finden, von dem aus die Lofung dieser Aufgabe aussichtsvoll in Angriff ge­nommen werde.

der Kriegsschulden- und der Reparationszahlungen a u ch auf die ungeschützten deutschen Repartions- Zahlungen. .

Von anderer Seite verlautet, daß irgendwelche Ver­suche der französischen Regierung, unter Berufung auf den Ioung-Plan. Vorbehalte zu machen, in Washington stärksten Widerstand begegnen würden, da man lediglich von einet uneingeschränkten Durchführung des Hooverschen Planes sich eine wirkliche Besserung der deutschen Finanzlage ver­spricht.

Washingtons Zissernmaterial sür Frankreich

Nach privaten Informationen hat der Unterstaats­sekretär des amerikanischen Schatzamtes Mills dem fran­zösischen Handelsattache in Washington zur Weiterleitung nach Paris zwei Zifferntabellen übergeben, von denen die eine belegt, in welchem Maße Frankreich bei Inkrafttreten des Hooverschen Moratoriums finanziell betroffen werden würde. Die andere Tabelle zeigt die finanziellen Folgen für Frankreich im Falle der Ablehnung des Vorschlages.

Die Zahlen find vertraulich, bis die französische Re­gierung s'ie geprüft hat. Es wird nur milgeteilt, daß sie auf das deutlichste die Lage in Dollar und Eents darstellen und auf das deutlichste zum Ausdruck bringen, daß es in Frankreichs eigenem Interesse liegt, den Plan anzunehmen.

Die Meinung der Vasallen

In der tschechischen Presse wird der Moratoriums­plan Hoovers recht zurückhaltend beurteilt. Die meisten Blätter stellen sich auf den Standpunkt, daß Amerika in Deutschland nur seinen eigenen größten Schuldner retten »volle. Die geschickte deutsche Propaganda, so schreibVen- foo", das Blatt der Partei des Ministerpräsidenten, habe durch die Uebertreibung der Notlage Deutschlands eine Angst vor deutscher Anarchie und dem Bolschewismus hervorzu- rufen verstanden. Frankreich müsse seine wohlerworbenen Rechte wahren, um so mehr, als Deutschlands Wünsche durch dieses Moratorium noch lange nicht befriedigt seien. Die nationaldemokratischeNarodny Listy" verlangt eins E n t e n t e k o n t r o l l e D e u t sch l a n d s.

Die maßgebende polnische Presse nimmt gleich­falls erst heute zu dem Hooverschen Vorschlag Stellung. Auffallend ist dabei die Haltung derGazeta Polska", des Blattes der Regierung. Das Blatt hofft, daß es auf Grund )es Hooverschen Vorschlages zu einer Einigung kommt, sicherlich sei die Lage Frankreichs, das nun auf 120 Mill. Dollar verzichten solle, überaus schwierig.

Kurjer Poranny" meint, daß Frankreich für seine großen finanziellen Zugeständnisse p o l i t i s ch e L e i stu n - gen verlangen müsse. In dieser Hinsicht sei auch Polen an diesem Weltproblem stark interessiert.

Frankreich und Amerika dürften jetzt die Festigung der polnischen Unabhängigkeit nicht außer acht lassen und mußten von Deutschland kategorisch ein für allemal den verzicht aus territoriale Ansprüche gegenüber Polen verlangen.