hersfelöerTageblatt
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 144 Dienstag, den 23. Juni 1931 S1. Jahrgang
Die Welt atmet auf
Hoovers Votschast erführt in der ganzen Welt begeisterte Aufnahme, nur Frankreich ist mitzqelaunt und mißtrauisch
Welt-Echo zur tzoooer-Attion
Die ganze Welt steht unter dem Eindruck der Botschaft des amerikanischen Präsidenten Hoover an die Haupt- gläubigermächte zugunsten eines einjährigen Zahlungs Moratoriums. Restlos ist die Weltöffentlichkeit der Meinung, daß dieser Schritt der bedeutsamste seit der Waffen stillstandsproklamation ist. In allen Ländern — mit Aus nähme Frankreichs und seiner engsten Verbündeten — unt auch dort nur unter dem Einfluß des französischen Drucke« —erwartet man. daß diese Aktion Hoovers den Weg zui Ueberwindung der wirtschaftlichen Weltdepression frei machen wird.
In bei amerikanischen Presse findet Hoovers Vorschlac meistens eine geradezu enthusiastische Zustimmung. Wenr auch verschiedentlich hervorgehoben wird, daß die amerikanische Regierung dadurch die Propaganda zur Schulde n st r e i ch u n g beeinflussen würde. Aber auch bei solchen Erwägungen überwiegt die Hoffnung, daß Hoover- Vorschlag nicht nur die finanzielle Zerrüttung Deutschlands sondern auch Europas aufhalte. Bezeichnend ist auch bis überwiegende Auffassung, daß das von Hoover oorgejchla- gene Zahlungsmoratorium die Billigung des Kongresses finden werde. Jedenfalls hat während der ganzer Amtszeit Hoovers noch keiner seiner Vorschläge einen sc rückhaltlosen Widerhall gefunden wie dieser impulsive Entschluß, dem Schuldenproblem mit einer entschlossenen Tal zu Leibe zu gehen.
Aber nicht nur die große amerikanische Presse, sondern
Enthusiastische Zustimmung in Amerika.
auch führende Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft Amerikas nehmen zustimmend, zum Teil be- fÄUiii HtzE^LüMlaa Stell UM, O o un g der bekanntlich dem zweiten Reparationsplan seinen Namen gab und der vielfach als demokratischer Präsidentschaftskandidat genannt wird, nennt die Aktion Hoovers „nicht nur den Vorschlag eines weisen Gläubigers, sondern auch das hilfreiche Wort einer großen Demokratie". Es gehöre lediglich
Intelligenz, Wut und guter Wille
dazu, um eine gedeihende Welt zu schaffen. Er stimme der Aktion des Präsidenten von Herzen zu. Senator S m o o t, der Vorsitzende des Senatsausschusses für Finanzen, nannte den Vorschlag des Präsidenten „einzig dastehend seit Beendigung des Weltkrieges". Er werde alles tun, um den Vorschlag zu fördern. L a m o n t erklärte, der Vorschlag der amerikanischen Regierung sei konstruktiv und müsse die Unterstützung aller finden, die eine größere Stabilität der Welt mit entsprechenden Vorteilen für das amerikanische Volk wünschten. Marburg nannte Hoovers Vorschlag einen Wendepunkt in der die ganze Welt umfassenden wirtschaftlichen Desorganisation. Der Vorschlag werde den ringenden Nationen das freudige Vertrauen wiedergeben, die Welt vor dem Abgrund bewahren, dem sie zusteuere und eine allgemeine Geschäftsbelebung nach sich ziehen. Der bekannte Anwalt Frederic C o u d e r t erklärte u. a., daß
Deutschland hätte dem Bankrott zutreiben
können, wenn die Vereinigten Staaten nicht gehandelt hätten. Ein früherer demokratischer Unterstaatssekretär im Kriegsministerium erklärte: „Ohne Stärkung des Deutschen Reiches 'werde Europa weiterleiden". Senator B o r a h sagte u. a.: „Ich übersehe nicht die Notwendigkeit einer Revision der Friedensverträge. Diese braucht jedoch Zeit. Europa ist noch nicht bereit dafür, aber die Revision wird kommen." Im übrigen spricht er die Hoffnung aus, daß während des einjährigen Zahlungs- aufschubs eine „drastische" R ü st u n g s b e s ch r ä n - k u n g und eine Revision des Reparationsproblems erreicht wird.
Die englische Meinung
geht ziemlich übereinstimmend dahin, daß das Manifest des Präsidenten der Vereinigten Staaten das wichtigste Ereignis für Europa seit dem Waffenstillstand darstellt und als unmittelbare Auswirkung des Besuches der deutschen Staatsmänner in Chequers zu gelten habe. Wie „Daily Herold" berichtet, herrschte in Londoner amtlichen Kreisen große Befriedigung über die von Hoover ergriffene Initiative. Die Regierung messe dem Schritt des amerikanischen Präsidenten größte Bedeutung bei und sei bezüglich des Ergebnisses äußerst zuversichtlich.
Nach Auffassung des Blattes stehe die allgemeine Annahme des Vorschlages hoovers außer Frage. Nur in Frankreich zeige sich Verstimmung bei denen, deren Wahlspruch ist, Deutschland niederzustoßen und sich den Teufel um die Folgen zu kümmern.
Auch „News Chronicle" ist hinsichtlich der französischen Einstellung bedenklich und fragt:
Wird Frankreich annehmen?
Trotz der Zurückhaltung der französischen Presse seien diejenigen, die Frankreich den Puls zu fühlen vermögen, der Ansicht, Haß es den amerikanischen Vorschlag nicht ablehnen
wird. „Daily Telegraph" nennt es eine außerordentlich bedeutsame Tatsache, daß der Vorschlag einer allgemeinen Er- leichterungsmaßnahme von Hoover kam, und daß dieser Vorschlag bereits zwei Wochen nach dem Besuch der deutschen Staatsmänner in Chequers erfolgte. „Daily Expres" bezeichnet die Mitteilung Hoovers als ein Angebot, „die größte Finanzkatastrophe aller Länder abzuwenden". Der Krieg werde jetzt wirklich ernstlich liquidiert. „Birmingham Post" meint: Wenn das Moratoriumsjahr gut verläuft, dann wird wahrscheinlich niemand bestrebter sein, es zu wiederholen als die Gläubigernationen.
Eine Reihe führender
Persönlichkeiten des britischen öffentlichen Lebens
hat gleichfalls zu dem Vorschlag Hoovers Stellung genommen. Lloyd George ist der Ueberzeugung, daß Hoover- Schritt sehr wesentlich zur Behebung der Weltwirtschafts- not beitragen wird. Der frühere Schatzsekretär Sir Robert Horne erklärte, Hoovers Mitteilung sei gerade noch zur rechten Zeit gekommen. Die Lage in Deutschland sei in der -,-^en v-it sehr ernst geworden. Eine Aktion mußte unternommen werden, wenn man ein deutsches Finanzchaos vermeiden wollte, das sich über ganz Europa hätte ausdehnen können. Der Staatssekretär für die Dominien, Thomas stellte fest, daß Hoovers Schrit: der erste, aber notwendige zur Erholung der Welt sei. Der bekannte Wirtschaftler Sir Josiah S t a m p erklärte, für Deutschland sei es unbedingt wesentlich, daß es innerhalb der nächsten Monate Hilfe erhält. Der Vorsitzende des Gewerkschaftskongresses, H a y - ^a y, sagte, eine endgültige, sei es völlige oder teilweise Streichung der Schulden und Reparationen würde sowohl Amerika als auch den Schuldnernationen zugute kommen
Frankreich verstimmt.
Bezeichnend ist die bisherige Haltung der französischen Presse Am besten wird wohl HeStimmung in Frankreich durch den »Briten y^.MfMTi1^^^
daß die französische Presse den Beschluß Hoovers „m i t schlechter Laune und Mißtrauen" bespreche. Au« den verschiedenen Pressestimmen erfährt man auch den Grund:
Man ist schlechter Laune darüber, daß für Frankreich unter Umständen die „Politik des Wohlstandes" vorüber sein könnte, und man ist mißtrauisch, weil verschiedene Andeutungen in der Botschaft Hoovers erkennen lassen, daß Amerika jetzt wieder aktiver sich um die europäische Politit kümmern werde. Dann wäre es aber wahrscheinlich mit der bisherigen französischen Pressionspolitik gegen Deutschland und die Wiktelslaaten vorüber, weil hoover das wirtschaftliche Interesse Amerikas und der Welt im Auge hat.
Besonders bedrückt ist man in Frankreich darüber, daß Amerika das Moratorium auch auf die geschützten Annuitäten ausgedehnt wissen will, was für Frankreich bedeuten würde, daß es mindestens 500 Millionen Mark Einnahme- ausfülle zu verzeichnen haben würde. Gerade dieser letztere Umstand, über den sich die radikale „RSpublique" ebenso wie Herriots „Ere Nouvelle" und das „Oeuvre" äußern, weift nach, wie Frankreich durch die hohen Tributlaften Deutschlands ein Wohlleben au fKo st en der übrigen Länder und zum Besten feiner Rüstungen führen konnte. Die „Ere Nouvelle" ist im übrigen über die demoralisierenden Wirkungen einer Verarmung Deutschlands keineswegs besorgt, sondern nur darüber, daß Frankreich bei Durchführung des Vorschlages Hoovers ein schlechtes Geschäft machen könnte. Weiter kommt zum Ausdruck, daß Frankreich', wenn es veranlaßt werden sollte, sich an dem Plan Hoovers zu beteiligen,
bestimmte politische Garantien
verlangen müßte. Man denkt dabei offenbar an ein Ost Locarno, an ein ausdrückliches Anschlußverbot gegenüber Oesterreich und an eMe Verschärfung der Abrüstungsbestim- mungen für Deutschland. In einem Teil der französischen Rechtspresse wird die französische Regierung angegriffen, weil nicht sie die Initiative ergriffen habe, um sich die Borteile zu sichern, die sich in tatsächlicher und moralischer Hinsicht jetzt für Amerika ergeben dürften.
Was man in Deutschland sagt.
In der deutschen Presse kommt fast übereinstimmend zum Ausdruck, daß das Eingreifen Amerikas Deutschland vor der Katastrophe retten werde. Die „Germania" meint Hoovers Angebot könne und dürfe nicht beschwert und verbunden werden mit politischen Forderungen und Belastungen, die neue Opfer über Deutschland brächten. Es müsse so genommen werden, wie es sei: als ein wirtschaftliches Dokument. In der „Vossischen Zeitung" bezeichnet der frühere Reichsfinanzminister Reinhold den Vorschlag Hoovers als die Rettung. An Frankreich liege es jetzt, ob es den innerpolitischen'Mut aufbringen könne, burd) eine große Geste, mit der es seinerseits die internationale Solidarität auf wirtschaftlichem Gebiet aufnehme, darüber hinaus auch für die Idee der Verständigung in Europa einen großen Schritt nach vorwärts zu tun. Der Sozialdemokra- tische Pressedienst gibt der Erwartung Ausdruck, daß Frankreich nicht aus Gründen des Prestiges oder weil es bei den letzten Verhandlungen nicht so in den Vordergrund getreten sei, die Notwendigkeit der Stunde verkenne.
Die Auswirkungen des Schuldenfeierjahres
Oesterreich stimmt hoovers Plan zu. — Folgt Frankreich nach?
Berlin. 29. Juni.
Der Vorschlag eines Schuldenfeierjahres, der von Hoover selbst bereits am 5. 3uni in einer Konferenz mit Stimson und Wellon gemacht wurde und dem auch Oesterreich jetzt zuge- stimmt hat, bildete auch am Montag in allen Kreisen des Jn- und Auslandes das Hauplgesprachsthema. Das Problem ist aber praktisch nicht weiter vorwärts gediehen. Es kommt jetzt darauf an, wie sich die französische Regierung einstellt. Man erwartet deshalb mit Spannung den Ausgang der Dienstagsitzung des französischen Ministerrats. Frankreich wird vielleicht noch besondere Vorschläge machen, um seinen Ausfall zu vermindern. Es wird aber damit gerechnet, daß auch Frankreich sich schließlich in die allgemeine Front zur Sanierung der Weltwirtschaft eingliedern wird.
Naturgemäß interessiert in Deutschland am meisten, wie sich das Schuldenfeierjahr auf unsere wirtschaftliche Lage auswirken wird. Im Zusammenhang damit beschäftigt man sich in politischen Kreisen auch lebhaft mit der Frage, was bei einer Einstellung der Reparationszahlungen am 1. Juli aus den Sachlieferungen werden wird. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß auch die Sachlieferungen eingestellt werden. Sie betragen im laufenden Etats- und Reparationsjahr etwa 450 Millionen Mark. Natürlich werden gewisse Industrien von einer Einstellung dieser Sachlieferungen betroffen werden. In unterrichteten Kreisen hält man diesen Schaden aber nicht für sehr groß, da nach Ansicht der Fachleute mehr als die Hälfte, schätzungsweise sogar 60 bis 80 Prozent normaler Export in den Sachlieferungen enthalten sind. Ein großer Teil der Lieferungen würde also ganz automatisch auf den Export übergehen. In Kreisen der Reichsregierung ist man 8 der Auffassung, daß die freiwerdenden Reparationsgetder kurzfristiger KrKtte verLHM, m^d.„ ' über hinaus aber auch hotmenbig sein wird, ?T!T?rr Ausgleich für den Ausfall eines Teiles der Sachlieferungen zu schaffen. Der Zweck des Schuldenfeierjahres ist ja gerade, die Wirtschaft wieder zu beleben. 660 Millionen von der Annuität hat bekanntlich die Reichsbahn aufzrckringen. Es ist zu erwarten, daß ein Teil dieses Betrages für Zwecke der Wirtschaftsankurbelung verwandt wird, um den Fortfall der Sachleistungen wett zu machen.
Wallstreet begrüßt Hoovers Erklärungen
New Park, 23. Juni.
In maßgebenden Finanzkreisen der Wallstreeet wird übereinstimmend erklärt, daß Hoovers Schritt von allen Seiten im Lande als erster konstruktiver Schritt zur Behebung der Weltwirtschaftskrise begrüßt werde. Wenn auch zugegeben werden müsse, daß der Durchführung des Zahlunos- aufschubs zahlreiche und noch nicht übersehbare Schwierigkeiten im Wege stünden, so bestände doch kein Zweifel, daß Hoovers Schritt die Wiederherstellung des Vertrauens in die zukünftige Entwicklung der Weltwirtschaft bedeute. Die ganze Welt müsse Hoover dafür dankbar sein, daß er sich zu diesem Schritt entschlossen habe.
Die Stellungnahme der fremden Mächte
Washington, 23. Juni.
Der britische Botschafter teilte dem Staatsdepartement mit, daß die vritifche Regierung den Vorschlag Hoovers be- grüße. Unterstaatssekretär Castle hatte daraus eine Besvre- Sung mit dem Gesandten Oesterreichs, der den Vorschlag oovers im Namen Oesterreichs zustimmte. Der italienische Botschafter teilte dem Staatsdepartement mit, daß er die Antwort aus Rom nicht vor heute erwartet. Der bulgarische Gesandte sprach dem Staatsdepartement offiziell die Dankbarkeit seiner Regierung aus.
Hunderte von Glückwünschtelegrammen sind aus allen Teilen der Welt im Weißen Hause eingegangen.
Die Kammer soll befragt werden
Interpellation Louis Marin über Hoovers Vorschlag.
Paris, 23. Juni.
Der Abgeordnete Louis Marin hat eine Interpellation über die Teilnahme Frankreichs an den Verhandlungen eingebracht, die zu der Erklärung des Präsidenten der Vereinigten Staaten geführt haben. Die Interpellation bezieht sich, auf den genauen Sinn der Vorschläge Hoovers, die Verhandlungen, die der Vorschlag im Gefolge habe und die Maßnahmen, die die französische Regierung zu treffen gedenke, damit die Kammer sich vor jeder Festlegung äußern könne, wie der Ministerpräsidentterst kürzlich versprochen habe.
Amerikanische Warnung an Europa
Rew Ifort 28. Juni.
In einem Leitartikel unter der Ucherschrist „Ein großartiger erster Schritt" erklärt World Telegramm:
Hoover habe die Krise nicht übertrieben. Sie könne gar nicht übertrieben werden. Deutschland sei dem Bankerott und der Revolution so nabi/ wie es eine Ration nm.iM