Hersfrl-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Mmtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö
Nr. 143 Montag, den 32. Juni 1931 81. Jahrgang
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Amerika übernimmt die Führung
Hoover schlägt einjährigen Zahlungsaufschub vor - Die Reichsregierung akzeptiert den Borschlag
Ernste Zeichen
Mellons „Prioatbesuch" in London hat sich zu einer hochpolitischen Mission entwickelt, von der unter Umständen eine schicksalswendende Neugestaltung der europäischen Politik ausgeht. Auch wenn man in offiziellen Kreisen erklärt, daß Mellon keinen Auftrag hatte, in Europa tribut- und reparationspolitische Konferenzen zu führen, so steht doch nunmehr fest, daß Mellon und in Bälde auch Stimson mit dem Auftrag durch Europa reisen, hier einmal nach dem Rechten zu sehen Amerika befindet sich in einer ähnlichen Wirtschaftskrise wie die europäischen Länder. Ab- zuwärten, bis in Europa wieder Ruhe und normale Verhältnisse eingekehrt sind, bedeutet für Amerika ein Experiment, dessen Ausgang in jeder Hinsicht ungewiß ist. Auch eine Wirtschaftskrise kann, wenn man sie hinschleppen läßt, sich zu einem Krebsleiden entwickeln, das dann entweder überhaupt unheilbar ist oder nur unter sehr schwierigen Operationen beseitigt werden kann.
Jetzt tritt unerwartet der amerikanische Präsident Hoover mit einer Erklärung an die Oeffentlichkeit, die nicht mehr und nicht weniger enthält als die Feststellung, daß im amerikanischen Interesse Deutschland unter allen Umständen geholfen werden muß Vielleicht hat man in manchen Kreisen Deutschlands zu dieser Erklärung entweder ungläubig gelächelt, oder man hat erleichtert aufgeatmet. Die wenigsten aber haben in der Erklärung Hoovers wohl das gesehen, was sie wirklich ist, nämlich die Feststellung, daß Deutschland vorderKatastrophe steht. Dabei bleibt es sich gleich, ob Hoover die wirtschaftliche oder die politische Katastrophe Deutschlands als die größere Gefahr für die übrige Welt ansieht. Es ist leider eine Tatsache, daß wir uns in Deutschland vor lauter politischem und wirtschaftlichem Fa- durüöe«<»tzWMH«MMe wenig diese Eigenschaften geeignet sind, uns wirtschaftlich und politisch nach außen und innen wieder frei zu machen. Wir empfinden und fühlen täglich, daß die T r i b u t e D e u t schlau d s Untergang sind. Aber leider haben wir uns nie darüber einigen können, welcher Weg beschritten werden soll, um davon frei zu kommen.
Deshalb hoben wir uns von der Entwicklung treiben lassen, anstatt sie in die richtigen Bahnen zu lenken. Trotz mancher Freundschaftsbande, die sich gerade unter dem früheren amerikanischen Botschafter Schurman zwischen Deutschland und Amerika auch auf kulturellem Gebiet entwickelt haben, beurteilt der Durchschnittsamerikaner seine Beziehungen zu irgendeinem Lande vom rein wirtschaftlichen und geschäftlichen Standpunkt aus. Das hat sich gerade bei der Neuregelung der Reparationszahlungen gezeigt, wo Amerika mit Deutschland ein Sonderabkommen traf, womit sich die Amerikaner frei machten von jenen europäischen Bestrebungen, Wirtschaft und Politik miteinander zu verbinden. Von diesem Standpunkt werden die Amerikaner auch nicht abgehen, selbst wenn sie sich jetzt gezwungen sehen sollten, die Tribut- und Schuldenfrage unter einem einheitlichen Gesichtswinkel neu zu behandeln. Es ist sogar möglich, daß Amerika von jenen europäischen Methoden angewidert ist, die politische und wirtschaftliche Machtstellung in erpresserischer Weise auszunützen.
Von diesem diplomatischen Erpressertum haben wir in diesen Tagen ein besonders drastisches Beispiel erlebt. Frankreich versuchte, die „Unabhängigkeit Oesterreichs" gegenüber Deutschland dadurch zu „schützen", daß man es zwingen wollte, sich in die völlige Abhängigkeit von Frankreich zu begeben und jedem Anschlußgedanken gegen ein Anleihelinsengericht abzuschwören. Das wurde in dem Augenblick bekannt, als Mellon mit den englischen Staatsmännern und Finanzsachverständigen über eine wirtschaftliche Rettung Europas verhandelte. Sein Bericht nach Washington dürfte diese Tatsache kaum verschwiegen haben. Englands schneller Entschluß, einen Anleihe-Kredit vorzu- schießen und Oesterreich auch sonst alle notwendige finanzielle Hilfe in Aussicht zu stellen, geht zwar angeblich allein auf die Initiative der Bank von England zurück — MacDo- nald und Mellon werden sich aber sehr wahrscheinlich vor dieser englischen Finanzintervention darüber unterhalten haben.
Auch ein anderes Gesprächsthema wird zwischen Mac- Donald und Mellon behandelt worden sein, die franzö- isch-russische Annäherung. Diese hat sich unter Umständen vollzogen und wird in einer bestimmten Rich- ung weiterbetrieben, daß man in Amerika wegen dieser ranzösischen Politik doch recht bedenklich zu werden be- jinnt. Das heutige Amerika würde bestimmt ein zweites Mal das Versailler Diktat nicht unterzeichnen. Man sieht aber immer deutlicher, daß die in Versailles von Frankreich vertretene Politik des fanatischen Machtwillens ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Auswirkungen heute noch genau so verfolgt wird, wenn auch mit anderen Mitteln. Amerika merkt selbst die Folgen und ist nicht gewillt, diese noch zu vermehren. Stimson sollte anfänglich hauptsächlich wegen der Abrüstungskonferenz nach Europa fahren. Es ist jetzt aber bereits ziemlich sicher, daß er end) in der Tribut und Schuldenfrage vom Präsidenten Hoover einen besonderen Auftrag erhalten wird. Amerika wird Frankreich jetzt vor die kfare Frage stellen, ob es wirklich den Frieden und die
wirtschaftliche Ordnung will oder ob es seine Versailler Katastrophenpolitik fortzusetzen beabsichtigt.
Amerika ist davon überzeugt, daß 'vor allem ein Zu- sammenbruch Deutschlands jetzt vermieden werden muß. weil sonst die Weltwirtschaftskatastrophe unausbleiblich ist Ein wirtschaftlicher und finanzieller Zusammenbruch Deutschlands bedeutet — darüber ist man sich in Amerika offen- bar klarer als in Deutschland selbst — d i e Bolschewik -'erung. Diese Gefahr ist ernster denn je Die Sprache "r Kommunistenblätter in Deutschland, das immer stärkere Hervortreten systematisch aufgezogener „Erwerbslosendemon- Itrationen" die triumphierende Feststellung der Moskauer „Jswestja" von der weitertreibenden deutschen Krise, sind Anzeichen, die man im Ausland mit zunehmender Besorgnis beobachtet, wenn anscheinend auch die deutschen zuständigen Behörden darüber mit einer gewissen S. glofigkeit hinweggehen. Es sind ernste Zeichen,' die auf die Lage Deutschlands hinweisen und Amerika scheint gewillt zu sein, die Initiative zu ergreifen, um rechtzeitig vorzubeugen und um ein Weltunglück zu vermeiden.
Hoover für einjährigen
Zahlungsaufschub
Washington, 22. Juni.
Präsident Hoover hat dem Missionschef eine Ecklä- ' rung überreicht, wonach die amerikanische Regierung einen einjährigen Zahlungsaufschub für alle Regierungsschulden und Reparationen vorschlägt.
Nach einer Reutermeldung handelt es sich bei den Finanzplänen Hoovers weiter up- eine Regelung. nach der das «augsrittlgen Kredit aus Grand von in New Pork deponierten deutschen Wertpapieren gewähren würde, wobei die Notwendigkeit der heutigen Erneuerung dieser Papiere vermieden würde.
1 Im Berliner Auswärtigen Amt ist ein Kabelhericht der deutschen Washingtoner Botschaft eingegangen. Er enthält eine ausführliche Darstellung der Vorschläge, die der amerikanische Präsident in der Frage der Schulden stun- dung, der Anleihegewährung für Europa und der finanziellen Entlastung Europas aufgestellt hat.
Das Reichskabinett, vor allem fein reparationspolitischer Ausschuß, setzte seine Beratungen mit den in Berlin weilenden deutschen Botschaftern bis zum Sonnabend abend fort.
In dem Wortlaut der Erklärung heißt es:
Die amerikanische Regierung schlägt einen einjährigen Aufschub aller Zahlungen auf Schulden der Regierungen, Reparationen und Wiederaufbauschulden vor, und zwar sowohl bezüglich des Kapitals wie der Zinsen, ausgenommen natürlich Schuldenverpflichtungen der Regierungen, die sich in Privathänden befinden. Vorbehaltlich der Zustimmung des Kongresses ist die amerikanische Regierung bereit zu einem Aufschub aller ihr seitens fremder Regierungen geschuldeten Zahlungen während des am 1. Juli 1931 beginnenden Llatsjahres unter der Bedingung, daß die wichtigeren Gläubigerstaaten ebenfalls alle ihnen geschuldeten Zahlungen auf Regierungsschulden für ein Jahr aufschieben.
Dieser Schritt ist von 21 Senatoren und 18 Mitgliedern des Repräsentantenhauses bereits gebilligt worden, ferner vom Botschafter Dawes und Owen Poung.
Nachdem im einzelnen die Ursachen der jetzigen Weltwirtschaftskrise dargelegt werden, deren Beseitigung durch diesen amerikanischen Schritt eingeleitet werden soll, heißt es:
. Der Kern des Vorschlages ist, den Schuldnern Zeit zur Wiedererlangung ihrer nationalen Prosperität zu geben, und ich richte an die Amerikaner den Rat, in ihrem eigenen Interesse gute Gläubiger und gute Nachbarn zu sein.
Ich möchte diese Gelegenheit dazu benutzen, meine Ansicht über unsere Beziehungen zu den deutschen Reparationen und den uns von den europäischen alliierten Regierungen geschuldeten Summen offen zu äußern:
Unsere Regierung hat sich nicht an der Auflegung der Reparationen beteiligt, noch sich irgendwie bezüglich ihrer Festsetzung geäußert. Wir haben mit voller Absicht keinen Anteil gehabt an den allgemeinen Reparationen oder an der Aufteilung von Kolonien oder von Privateigentum. Die Rückzahlung der Anleihen, die wir den Alliierten für den Krieg und für Wiederaufbauzwecke gewährten, wurde auf einer Basis geregelt, die weder mit den deutschen Reparationen irgendwie zusammenhing noch von deren Zahlung abhängig gemacht wurde. Daher ist die Reparationsfrage notwendigerweise ein rein europäisches Problem, mit dem wir nichts zu tun haben. Ich billige nicht im entferntesten die Streichung der uns geschuldeten Summen. Das Weltvertrauen würde durch einen derartigen Schritt nicht gefördert werden. Keiner unserer Schuldner hat das je vorge- schlagen, aber da die Basis der Fundierung dieser Schulden die Zahlungsfähigkeit des Schuldners unter normalen Verhältnissen war, so führen wir nur konsequent unsere eigenen Prinzipien durch, wenn wir die gegenwärtigen anormalen Verhältnisse in der Welt ip Rechnung ziehen. Ich bin davon überzeugt, daß das amerikanische Volk nicht den Wunsch hat, den Versuch zu machen, beim Schuldner mehr beraus.mbolen
als er zählen kann, und meiner Ansicht nach verlangt ein« weitschauende Politik, daß unsere Regierung die gegenwärtige Situation in ihrer Realität anerkennt. Diese Haltung entspringt vollkommen unserer bisher befolgten Politik. Wir werden dadurch nicht in die Diskussion rein europäischer Probleme, zu denen die Reparationsfrage gehört, hineingezogen, wir wollen lediglich unsere Bereitschaft ausdrücken, zur baldigen Erholung der Wellprosperität, an der unser Volk so stark interessiert ist, unseren Teil beizutragen.
_ 2ch möchte noch hinzufügen, daß wir, obgleich dieser schritt mit der für nächsten Februar angesetzten Konferenz zur Beschränkung der Landrüstungen nichts zu tun hat, doch die Hoffnung haben, angesichts des starken Einflusses des Wettrüstens auf die gegenwärtige Depression werde unser Schritt zu freundschaftlicheren Beziehungen beitragen, die für die Losung dieser wichtigen Rüstungsfrage so notwendig sind.
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Die Autorität des Präsidenten der Vereinigten Staaten bezüglich der Lösung dieser Probleme ist begrenzt, da er hierin vom Kongreß unterstützt werden muß. Dem Präsidenten ist von führenden Mitgliedern beider Häuser des Kongresses herzliche Unterstützung zugesichert worden.
Eine Stimme aus der Finanzwelt.
Rew park, 22. Juni.
Dem Vertreter des W.T.B. erklärte ein führender Bankier, daß berechtigter Grund zu der Hoffnung bestände, daß die gegenwärtige Krise sich auf einem Wendepunkt befinde. Die Erklärungen Hoovers werden zweifellos sofort das Vertrauen in die schließlich^ Lösung der gegenwärtigen Wirt- idjafts^unb finanziellen Schwierigkeiten in der Welt stärken.
Für die Regierung werden sich allerdings dadurch erhebliche Schwierigkeiten ergeben, daß der Kongreß normaler Seife erst im Dezember wieder Zusammentritt. Man er.
^u^uuii und Bunoesreseroe- betende eine verfassungsmäßige Möglichkeit fänden, um wenigst- ns eine vorläufige Entlastung Deutschlands in die Wege zu leiten.
Reichsregierung akzeptiert Hoovers Vorschlag
Auch England und Italien einverstanden. — Welche Haltung nimmt Frankreich ein?
Berlin, 22. Juni.
Die Reichsregierung ist über den Vorschlag des amerikanischen Präsidenten ebenso wie die anderen Hauptmächte aus dem Wege über ihre Botschaft in Washington am Freitag abend unterrichtet worden. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, hat sie der amerikanischen Regierung bereits ihre Zustimmung zu dem Vorschlag mitgeleilt.
Die Zustimmung ist um so freudiger erfolgt, als man in Berlin wohl zu würdigen weiß, was die Einschaltung der Vereinigten Staaten in die Bemühungen zur Beseitigung der Weltwirtschaftskrise bedeutet. Die Erleichterung, die Deutschland nach dem amerikanischen Vorschlag zuteil würde, belauft sich nach den Berechnungen an zuständigen Stellen auf etwa 1500 Millionen; von der Gesamtsumme, die während dieses Zeitraumes fällig wäre, muß man nämlich etwa 200 Millionen für weiterlaufende Zinfenverpflichtungen abziehen. In diesem Zusammenhang ist auch zu unterstreichen, daß die Reoisionsmöglichkeilen durch das Ferienjahr nicht beeinträchtigt werden. Es ist aber nach Auffassung Berliner Stellen schließlich richtiger, die Zahlungen auf Wunsch des Gläubigers als gegen die Front der Gläubiger einzustellen. Eins wefentlick)e^Frage für die weitere Entwicklung ist natürlich, welchen Standpunkt die übrigen Mächte einnehmen. Es ist anzunehmen, daß England ebenfalls unmittelbar sein Einverständnis erklären wird, ebenso Italien. Problematischer scheint im Augenblick noch
die Stellung Frankreichs.
Auch in deutschen politischen Kreisen wird nicht verkannt, daß Frankreich gewisse Opfer bringen mühte. Frankreich erhält von uns über 800 Millionen Mark und hat selbst mehr als 400 Millionen Mark an Kriegsschuldenverpflichlungen zu zahlen, erleidet also einen Ausfall von rund 400 Millionen Mark. Es ist aberschließlich wohl kaum anzunehmen, daß Frankreich sich einer Gesamtaktion Amerikas und Europas entziehen wird.
Man darf auch daran erinnern, daß gerade der französische Außenminister in zahllosen Reden immer am stärksten die Solidarität der Völker und die Rotwendigkeit ihrer Zusammenarbeit proklamiert hat. Man darf deshalb von Frankreich erwarten, daß es sich einer Aktion anschließt, die diesem Geiste entspringt, zumal hinter ihr die Autorität des amerikanischen Präsidenten steht. Der Vorschlag Hoovers ist zudem so aufgebaut, daß er ja auch den europäischen Gläubigerstaaten materiell entgegenkommt. Das geschieht vor allem mit der ausdrücklichen Einbeziehung auch der Zinszahlungen. Sie betragen nach dem Schuldenabkommen in der fraglichen Zeit bei Frankreich etwa das Dreieinhalbfache und bei Eng- and fast das Fünffache der Schuldentilgung. Alle eingeweih- en Kreise sind sich darüber klar gewesen, daß die Revi- ionsmöglichkeit durch drei Ereignisse stark gehemmt und er- chwert wird, die in dem Zeitraum bis zum nächsten Sommer fallen; das find die Wahlen in Amerika und Frankreich, ist weiter die Abrüstungskonferenz. Ueber diese Schwielig-