HersfelöerTageblatt
Nr. 140
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
Donnerstag, den 18. Juni 1931 81. Jahrgang
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Große Dinge in der Entwicklung
Ein radikaler Plan: Streichunq aller Reparationen und Kriegsschulden — Starke Männer nötig
Wo bleibt das Kapital?
Die Notverordnung der Reichsregierung hebt in ihrer einleitenden Begründung u. a. die Notwendigkeit der Agenkapitalbildung der deutschen Wirtschaft hervor. Nur wenn die deutsche Wirtschaft auf die durch Produktionsund Handelsgewinne angesammelten Eigenkapitalreserven zurückgreifen und der deutsche Geldmarkt sich auf deutsche Kapitalfonds stützen kann, werden uns Erschütterungen, wie wkr sie gerade in den letzten Tagen durch amerikanische und französische Interventionen auf dem Devisenmarkt erlebt haben, erspart, bleiben In der weitesten Oeffentlichkeit macht man sich oft über die Kapitalansammlungen in Deutschland einen völlig falschen Begriff Besonders verbreitet ist die Meinung, daß gerade die Schwerindustrie, zu welcher der gesamte Steinkohlenbergbau, der Eisenerzbergbau, die Kokereiindustrie, die Großeisenindustrie — Hochofen-, L-tahl- und Walzwerke — und die mit Anlagen dieser Art unternehmungsmäßig verbundene Weiterverarbeitung gerechnet wird, entsprechend der Ausdehnung ihrer Anlagen und der Gewichtigkeit ihres wirtschaftlichen Wertes die aufkommenden Kapitalien an sich ziehe und dadurch den deutschen Kapitalmarkt von flüssigen Geldern entblöße
Es erscheint notwendig, gerade angesichts der behördlichen und privatwirtschaftlichen Bemühungen, die deutsche Wirtschaft wieder zu beleben, die Verhältnisse nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu beleuchten Das Institut für Konjunkturforschung hat vor kurzem interessante Feststellungen über die „Kapitalbildung und Investition in der deutschen Volkswirtschaft 1924/28" der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht Darin wird u. u. erklärt, daß „die unterdurchschnittliche Jnvestitionsintensität der Schwerindustrie in -«Hm«, gervH'ßm -Widerspruch zu Den VorstÄMnHen weiter Kreise steht, die, beeindruckt durch den starken Kapitalbedarf und die bekannten großzügigen Rationalisierungspro- gramme, insbesondere der Ruhrindustrie, hier eher einen außergewöhnlichen Jnvestitionsaufwand für Neuanlagen anzunehmen geneigt seien Demgegenüber sei darauf Hinzuweisen, daß die neuaufgenommenen Kapitalien, hier wie auch in den übrigen Industriegruppen nicht nur dem Anlageausbau dienten, sondern auch vor allem für den Erwerb von Beteiligungen und Quoten, die Finanzierung des Absatzes, die Erhöhung der Liquidität, für die Konsolidierung alter Schulden und die Deckung von Betriebsverlusten Verwendung fanden". Diese sehr interessante Feststellung des Konjunkturinstitutes wird durch den statistischen Hinweis ergänzt, daß die Schwerindustrie in der Neuanlagenent- wicklung nur an 23 Stelle der 44 insgesamt untersuchten Industriezweige, in der Vorratsentwicklung sogar erst an 26. Stelle steht. , Die Jnvestitionsintensität der Schwerindustrie ist also in den Jahren 1924 bis 1928 entgegen ler landläufigen Meinung verhältnismäßig schwach gewesen. Das Institut gibt für die gesamte Schwerindustrie für den fünfjähriger Zeitraum von 1924 bis 1928 lediglich einen Anlagezusatz von 723,3 Mill Mark an, bleibt also trotz des wesentlich weiter gesteckten Rahmens der Untersuchung um nicht weniger als 263 Millionen Mark hinter den seinerzeiti- gen Angaben des Enqueteausschusses zurück und dürfte sich auf etwa den vierzigsten Teil des Investitionsbetrages der gesamten deutschen Volkswirtschaft belaufen.
Wo aber ist denn das im Laufe der legua Jahre in Deutschland gebildete Neukapital geblieben? Auch darauf gibt der Bericht des Konjunkturinstitutes eine klare und eindeutige Antwort, nämlich: der Löwenanteil der gesamten Kapitalinvestititon in den letzten Jahren kommt ausschließlich der öffentlichen Hand zu. Zu den Neu- investitionen der eigentlichen öffentlichen Verwaltungswirt- schaft von Reich, Ländern und Gemeinden, die in den Jahren 1924 bis 1928 nicht weniger als 5,7 Milliarden Mark ausgemacht haben, tritt zunächst der öffentliche Wohnungsauf- wand mit mehr als 6 Milliarden Mark, der vorwiegend kommunale Grundstückserwerb mit etwa 700 Millionen Mark, der Erwerb von Beteiligungen seitens der öffentlichen Hand, die Ausdehnung der Kasfenreferven usw. Allein hieraus ergibt sich ein öffentlicher Anlage- und Vorratszuwachs von 13 bis 14 Milliarden Mark, zu dem jedoch noch der Anlage- und Vorratszuwachs in 8er wesentlich von der öffentlichen Hand beherrschten Elektrizität-, Gas- und Wasserversorgung, sowie in der Verkehrswirtschaft mit 7 Milliarden Mark hinzuzurechnen ist. Die Gesamtinvestitionen der öffentlichen Hand machen erheblich mehr als 20 Milliarden Mark aus, während die gesamte Privatwirtschaft in dem gleichen Zeitraum rund 14 Milliarden Mark für Anlagen und Vorratszuwachs aufwenden konnte.
Das Verhältnis zwischen der Investitionstätigkeit der Privatwirtschaft einerseits und der öffentlichen Hand andererseits hat sich gegenüber der Vorkriegszeit also völlig verschoben. Damals iberragte die privatwirtschaftliche Investitionstätigkeit die der öffentlichen Hand bei, weitem Heute ist es genau umgekehrt, obwohl immer noch die öffentliche Wirtf^- " "—
fchaft, gemessen an ihrem Vermögen, erheblich Privatwirtschaft zurückbleibt. Es zeigt sich in diesen Zahlen die ganze konsiskatorische Wirkung unseres Steuersystems, die die privatmirtschaftliche Kapitalbildung lahmlegte, die Kaufkraft der Unternehmungen vernichtete, um statt dessen die öffentliche Kapitalbildung in großzügiger
inter der
Weife zu fördern. Der Devise, daß der Ansgabenkreis des Staates ständig erweitert werden müsse, wurde die Steuerkraft der Wirtschaft selbst dann geopfert, wenn die unwirtschaftliche Verwendung der Steuergelder eindeutig' nachgewiesen werden konnte. Die Feststellung der Enquete über die Bauwirtschaft, daß das System der öffentlichen Neubaufinanzierung wirtschaftlich völlig verkehrt und durchaus verhängnisvoll gewesen sei, hat lediglich die jahrelangen Erfahrungen der Privatwirtschaft bestätigt.
So fällt der Vorwurf, Fehlinvestitionen vorgenommen zu haben, nicht auf die Privatwirtschaft, nicht auf die Schwerindustrie, sondern er füllt mit voller Wucht auf die öffentliche Wirtschaft, die in weitgehendem Umfang auf Kosten der Vrivatwirtschaft Fehlinvestitionen vornahm.
Tribut- und Schuldenaltion?
Der amerikanische Schahsekretär Mellon in Europa.
# Soeben ist der amerikanische Schatzsekretär Mellon in London eingetroffen, um, wie er nochmals ausdrücklich erklärt, „sich zu erholen", ohne sich dabei mit politischen oder wirtschaftlichen Fragen zu befassen. Diesen Beteuerungen legt man in politischen unterrichteten Kreisen keine Be- deutung bei.
Man ist vielmehr davon überzeugt, daß Mellon ebenso
wie der amerikanische Staatssekretär Stimson den Auftrag hat, inoffiziell die europäischen Verhältnisse zu studieren und zu sondieren, welche Möglichkeiten bestehen, um der Weltwirtschaftskrise beizukommen.
Man geht.,mit den Mujpwtzu:wsi^ker In unterrichteten Kreisen ist es nämlich kein Geheimnis daß heute die Reparations- und Kriegsschuldenfrage das Problem ist, das in den nächsten Monaten den Angelpunkt der internationalen Besprechungen und Erhebungen bilden wird. Es gehen da offenbar ganzgroßeDingevor sich, nachdem trotz allen offiziellen Getues in den Kreisen der Wirtschaft und der internationalen Finanz volle Uebereinstimmung darüber besteht, daß ohne eine umfassende Revision dieser beiden Krisenprobleme der wirtschaftlichen Weltdepression nicht beizukommen ist.
Schon vor einiger Zeit verlautete, daß der einstige englische Botschafter in Berlin, Lord d'Abernon, einen Plan aus
gearbeitet habe, der den am Poung-Plan beteiligten Regie
rungen zur Prüfung unterbreitet wurde und der eine radikale Lösung des Tribut und Kriegsschuldenproblems entwickelt. Er sieht angeblich eine völlige Streichung der Reparationen und Kriegsschulden vor unter Voraussetzungen allerdings, die für alle beteiligten Länder auf anderem Wege Opfer verlangen mit dem Unterschied, daß diese innerhalb der betreffenden Länder ihre Verwertung finden.
Es handelt sich offenbar um einen Vorschlag, der nach sehr eingehendem Studium^der Verhältnisse in den einzelnen Ländern und ihren Beziehungen zueinander aufgestellt worden ist mit dem Ziele, die ständige Beunruhigung politischer, wirtschaftlicher und finanzpolitischer Art zu beseitigen und eine Gleichgewichtslage zu schaffen, durch die die internationalen Wirtschaftsbeziehungen sich wieder auf normaler Grundlage entwickeln können.
Wenn diese sehr bestimmt auftretenden Behauptungen richtig sind, dann wird verständlich, weshalb der Kanzler unter allen Umstünden sich Hegen die Einberufung des Reichstages gewehrt hat und auch in feinen Zusicherungen an die Parteien so karg und unbestimmt wie möglich geblieben ist.
Hur in einem Punkt scheint er unbedenklich bindende Zusagen gegeben zu haben, nämlich in der Frwge der Umbildung seines Kabinetts. Es stehen ganz große Aufgaben inner- und außenpolitischer Art zur Diskussion.
Nur ganz starke und ganz unbeeinflußte Personen mit Sachkenntnis und sicheren Verhandlungstakt werden in der Lage sein, diese Probleme zu meistern. Die Parteien, denen darüber andeutungsweise Mitteilungen gemacht worden zu sein scheinen, haben offenbar den Ernst der Stunde erkannt und dem Kanzler durch ihre Entscheidung eine Ermächtigung gegeben, die weit über das hinausgreift, was bisher einem Kanzler an Vertrauen geschenkt worden ist. Es wäre verfrüht, heute darüber schon Näheres mitzuteilen, abgesehen davon, daß die Dinge noch nicht so weit gediehen sind, daß sich die Lage bereits klar abzeichnete.
Das eine aber steht fest, daß die Verhandlungen über die Umbildung des Kabinetts bereits im Gange find und unter Umständen sehr schnell zu einem Abschluß führen können.
Die Tatsache, daß in dieser Woche die Botschafter der Haupt-, sächlich in Frage kommenden europäischen Hauptstädte in Berlin versammelt sind, deutet gleichfalls daraus hin, daß die angekündigte außenpolitische Aktion ihren offiziellen Anstoß erhält.
WeltabrWuugslonsertur 1932
Völkerbundssekretariat ladet zum 2. 2. 1932 ein.
Genf, 18. Juni.
Wie vom Völkerbundssekretariat mitgeteilt wird, hat der Generalsekretär des Völkerbundes jetzt die offiziellen Einladungen für die Weltabrüstungskonferenz, die am 2. Februar 1932 in Genf beginnt, ergehen lassen.
Es sind sämtliche dem Völkerbund angehörenden Staaten eingeladen worden, außerdem Afghanistan, Brasilien, Costarica, die Vereinigten Staaten von Amerika, Aegypten, Ecuador, Mexiko, die Türkei und Sowjetrußland. Die ein- geladenen Staaten wurden gebeten, dem Völkerbundssekretariat zu gegebener Zeit die Benennung und Zusammensetzung ihrer Vertretungen mitzuteilen.
Englischer Vorschub für Wien
Frankreichs Niederlage auf dem österreichischen Kampfplatz.
Wien, 18. Juni.
Das große Ereignis der entfcheidungsfchweren Nacht, die dem Rücktritt des Kabinetts Ender gefolgt ist, ist die Nachricht, daß die Bank von England der Oesierreichifchen Nationalbank 150 Millionen Schilling als Vorschuß auf die
ebenso große Schatzwechselanleihe überwiesen hat. Dadurch hat England im letzten Augenblick ein verhängnisvolles Anwachsen der Währungsbesorgnisse abgewendet, aber auch entscheidend in die Frage der neuen Regierungsbildung ein-
A YA dys neue. Sabines! nicht auf Frankreichs Gnade angewiesen ist.
England war offenbar völlig darüber im Bilde, daß Frankreich die schweren finanziellen Sorgen Oesterreichs für seine politischen Ziele in rücksichtsloser Weise auszunutzen strebte Es war darüber unterrichtet, daß die seit Wochen in Paris geführten Verhandlungen über die Begebung von 150 Millionen österreichischer Schatzscheine, je drängender die Lage Oesterreichs wurde, um so deutlicher Frankreichs politische Forderungen erkennen ließ. Die englische Regierung ist der französischen nicht auf diplomatischem Wege entgegengetreten, sondern durch eine Tat zuvorgekommen.
Zur Regierungsbildung in Österreich
Wien, 18. Juni.
Der Mittwoch war bis weit in die Abendstunden mit Empfängen der Parteiführer beim Präsidenten Miklas ausgefüllt. Die Bemühungen gingen vor allen Dingen dahin, eine Neubildung der Regierung Dr. Enders auf der bisherigen Verbindung zu ermöglichen. Dr. Enders, der, wie verlautet, an sich wenig geneigt fein soll, die Regierung nochmals zu übernehmen, würde sich trotzdem zur Bildung des neuen Kabinetts bereitfinden, wenn die großoeutfchen Abgeordneten und der Landbund sich weitgehend einigen werden, dahin, daß sie dem Erfahrungsprogramm des Kanzlers nicht wieder Schwierigkeiten in den Weg legen. Er verlautet, daß weder die Großoeutfchen, noch die Landbündler die geforderte bindende Erklärung zu geben gedenken.
Unterhaus und Weltdepression
Line Antwort MacDonalds.
London, 18. Juni.
Im Unterhaus fragte ein Mitglied den Premierminister,
* er angesichts des zunehmenden Ernstes der Weltdepression die Einladungen zu einer Internationalen Konferenz in der Art der Konferenz von Genua im Jahre 1922 ergehen lassen werde, um die Wirtschaftslage mit all ihren Merkmalen zu prüfen. MacDonald erinnerte den Fragesteller daran, daß der Völkerbund augenblicklich eine Untersuchung der Ursachen der Weltdepression unternehme, und daß verschiedene Ausschüsse seiner Organisation sich damit befaßten, alle täglichen Formen der Anschlüsse zu studieren. Unter diesen Umständen, so bemerkte der. Premierminister, sehe ich keinen Vorteil in einem Versuch, eine andere Weltkonferenz unab- | hüngig vom Völkerbund einzuleiten.
Hindenburg beglückwünscht Doumer
Paris, 18. Juni.
Reichspräsident von Hindenburg hat dem neuen Präsidenten der französischen Republik, Paul Doumer, aus Anlaß seines Amtsantrittes ein Glü. wunschtelegramm ge« sandt. Der französische Präsident hat dem Reichspräsidenten sofort gedankt.
Zusammenkunft Mellon — MacDonald.
London, 18. Juni.
Schatzkanzler Mellon wird während der nächsten Tage mit Premierminister MacDonald und mehreren anderen Mitgliedern des britischen Kabinetts Zusammentreffen.