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Hersfel-erTageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Inzeiger für den Kreis Hersfelü

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Nr. 137

Montag, den 15. Juni 1931

81. Jahrgang

Der Reichsp

700 Jahre deutsches Ordensland W

Marienburg, 15. Juni. ^

Die Feier am westpreußischen Abstimmungsdenkmal.

Ost- und Westpreußen und mit ihnen ganz Deutschland gedenken gegenwärtig der Juli-Tage vor 700 Jahren, da Landmeister Hermann B a l k zum erstenmal die Weichsel überschritt und damit die Kulturarbeit der Deusch-Ordens- ritter im Osten anbahnte. Marienburg beging den Höhe­punkt aller Feiern durch einen Festakt in der Burg selbst, dem Reichspräsident von Hindenburg beiwohnte. Glockengeläut kündigte der Menge das Nahen Hindenburgs in der Stadt gegen 10 Uhr an. Vereine, Schulen, und Land­wehrverbände hatten Spalier gebildet.

Unter Vorantritt der Reitervereine und begleitet vom Jubel der Bevölkerung traf Hindenburg am historischen Rat­haus von Marienburg ein, wo er feierlich begrüßt wurde. Unter dem Geläut der Glocken gelangte der Reichspräsident dann zum

westpreußischen Abstimmungsdenkmal.

Er legte dort einen Kranz mit weißer Seidenschleife nieder. Der Erste Bürgermeister P a w e l z i k brächte die Freude der Ostmärker zum Ausdruck, an dieser deutschesten Stelle Deutschlands den Befreier West- und Ostpreußens begrüßen zu können.

Im Schloßhof der Marienburg schritt Hindenburg die Front der Ehrenkompagnie des III. Infanterieregiments ab, begrüßte die Veteranen und die Vertreter der Reichs- *und Staatsbehörden.

Dann begab sich der Reichspräsident in den im festlichen Licht erstrahlenden Großen Remter.

*

Die 700-Jahrfeier in des Meisters Großem Remter.

Wirklicher Geheimrat D. v o n B e r g, der Präsident des Provinziallandtages der Provinz Ostpreußen, hieß den Reichspräsidenten und alle Erschienenen willkommen. Er erinnerte an die

durch Hindenburg. Das Erinnern daran soll uns Spann­kraft geben, die Zeiten gegenwärtigen Elends zu überwinden. Wir gedenken unserer deutschen Stammesgenossen im abge­tretenen Pommerellen, im Memelgebiet und im Soldauer Land mit dem Bewußtsein, daß wohl Grenzpfähle aufge­richtet werden, nicht aber deutsche Herzen voneinander ge­trennt werden können. Das Abstimmungsdenkmal spricht es aus: Dies Land bleibt deutsch!

Hierauf hielt Oberstudiendirektor Dr. Schumacher, Marienwerder, eine große

Festrede, in der er der 700jährigen Geschichte des Preußenlandes und der nationalen und politischen Arbeit des Deutschen Ordens eingehend gedachte. Der weihevolle Raum des Großen Remters der Marienburg sei die würdigste Stätte für die 700-Jahr-Feier der Provinz. Der Weltkrieg, der Ostpreußen zur Stätte schwerster Heimsuchung, aber auch der glänzenden Siege des Generalfeldmarschalls von Hindenburg bei Tan- nenberg und den Masuren machte, ließ ganz Deutschland an dem großartigen Aufbauwerk für die hartgeprüfte Pro­vinz teilnehmen. Der Erfolg der Volksabstimmungen in Westpreußen und südlichen Ostpreußen hat glänzend bewie­sen, daß das alte Ordensland in 700jähriger Geschichte mit Deutschland aufs innigste verbunden ist. Die Festfeier möge Europa erneut ins Gedächtnis rufen, daß das alte Ordens­land einst der Vorkämpfer des Christentums gegen den heid­nischen Osten war, wie es heute wieder sein Bollwerk gegen die Feinde und Verächter der abendländischen Kultur ist.

Reichspräsident von Hindenvurg ergriff darauf das Wort. Er gab feinen tiefempfundenen Dank für den freundlichen Empfang der Stadt Ausdruck und fuhr fort:

Es ist mit eine besondere Freude, gerade in diesen Tagen in meiner alten Heimat weilen und heute hier in der alten Ordenshauptstadt anwesend sein zu können, um mit Ihnen rückblickend der Tage zu gedenken, an denen vor siebenhun­dert Jahren der Deutsche Orden seine kolonisatorische Tätig­keit in Preußen begonnen hat. Immer wieder sind während des Auf und Nieder dieser 700 Jahre hier im Osten auch die Zeiten schwerster Rot überwunden worden, wenn fester Wille und einiger Zusammenschluß vorhanden waren. Auch jetzt ist Deutschland und insbesondere das vom übrigen Vaterland durch den Versailler Vertrag abgetrennte Ostpreußen wieder in eine Zeit harter Bedrängnis, und gerade in Ostpreußen sind Kummer und Sorge in vielen Familien ungebetener Gast. Aber wir dürfen dennoch nicht verzagen. Wie unsere Vorfahren in zäher Ausdauer und unverbrüchlichem Gottver- truuen auch die schwersten Jahre überwunden, so müssen auch wir der Krise der Gegenwart Herr werden. Freilich: innere Einheit und geschlossene Widerstandskraft desganzen deut­schen Volkes sind VoraussehuKg für die Ueberwindung dieser, die deutsche Wirtschaft so schwer bedrückenden Rot und zur Erringung einer besseren Zukunst. An diese Einigung soll uns auch diese festliche Stunde mahnen!

Stehend wurde hierauf das Deutschlandlied gesungen, das den Festakt beendete.

' *

Beim Frühstück auf der Marienburg hielt Reichsminister Treviranus eine Rede, in der er in einem Rückblick auf die Geschichte des Ordenslandes u. a. ausführte:

Wir feiern heute eine Gzbuxtsstunde des großen.Vater-

äsident auf der lanves. Das Ordensianv mit feiner Geschichte Des Viuymes und der Not ist die Wiege Preußens. Auch während des Weltkrieges hat das Weichselland unter dem Zeichen des Ruhmes und der Not gestanden. Es ist die tiefe Tragik des Schicksals unserer Tage, daß mit dem Abschluß des Weltkrie­ges ein Teil dieses Landes uns abgenommen wurde. Um so fester ist das unvergängliche Gefühl des Einsseins gewor­den. Es ist undenkbar, daß jemals eine deutsche Reichsre. gierung, eine preußische Staatsregierung es preisgeben kann und wird. Ostpreußen ist kein verlorener Boden, sondern ein Eckstein des Reichsbaues, dessen Unversehrtheit die Grund­lage unseres nationalen Daseins ist. Neue Stürme drohen in dem Kampfe um den Frieden, den unser Volk besteht, weil es nicht ersticken will. Der deutsche Osten hat stets aus der größten Not auch die größte Kraft geschöpft. Das klein­liche Mißtrauen des Gezänks unserer Tage zu bannen und zueinander zu stehen für den Schutz und die Rettung dieses Landes, das wird zur Pflicht im Gedenken an die Tage des Deutschen Ordens, der sich selbst opferte, um einen Staat zu schaffen. Und so beschwören wir heute das Bild des Or­dens, weil Opfer für die Heimat gefordert werden, die ver­teidigt werden muß. Das ist die bleibende Größe jenes Tages, daß sie den preußischen Pflicht- und Opfergedanken in die Geschichte trug. Hier sind die Wurzeln unserer Kraft!

Barteisührerdesprechung beim Kanzler Gegen Reichstagseinberufung und Abänderung der Not- oeroronung.

Berlin, 14. Juni.

Reichskanzler Dr. Brüning kehrte Sonnabendvormittag aus Neudeck zurück, wo er dem Reichspräsidenten über die politische Lage berichtet hatte. Er nahm dann im Laufe des Vormittags die Besprechungen mit den Parteivertretern wieder auf. Die Besprechung mit den Sozialdemokraten, an der auch Dr. Stegerwald und d^r Führer der Zentrumspar­tei, Dr. Kaas, teilnahmen, führten noch zu keinem Abschluß Den Vertretern der Staatspartei erklärte der Kanzler, daß MMi^ lichkeit sähe, wie man die in entgegengesetzter Richtung lau­fenden Abänderungswünsche der verschiedenen Parteien mit­einander in Uebereinstimmung bringen könne.

Aus den Unterredungen gewann man den Eindruck, daß der Kanzler seine Uebereinstimmung mit der Auffassung des Reichspräsidenten dahin bekanntgab, daß sowohl eine vor­zeitige Einberufung des Reichstages wie auch eine Abände­rung der Rotverordnung unzweckmäßig sei.

Dr. Dietrich verteidigt

die Notverordnung

Die Reichsregierung will das Reparationsproblem aufrollen.

Berlin, 15. Juni.

Auf dem Landesparteitag der Staatspartei Badens sprach Reichsfinanzminister Dietrich über die politische Lage und die neue Rotverordnung, zu der der Landespartei- tag am Schluß seiner Beratungen eine Entschließung ange- nommen hatte, in der dem Reichsfinanzminister das Ver­trauen ausgesprochen und er aufgefordert wird, weiterhin im Reichskabinett zu verbleiben. Der Minister führte zur augenblicklichen politischen Lage aus, es werde darauf an« kommen, wieweit das Verständnis sich dafür durchsetze, daß die staatspolitischen Notwendigkeiten den Einzelinteressen vorgehen. Wenn der Streit um die Verteilung der Lasten nach Innen so scharf würde, daß er die gegenwärtige Regie­rung zu Fall bringt, so würden die Folgen nicht nur eine ungeheure Belastung vor allen Dingen der deutschen Wirt­schaft und erneute Verschärfung der Arbeitslosigkeit, sondern auch die Erschwerung der außenpolitischen Lage sein. So­dann verbreitete sich der Reichsfinanzminister ausführlich über die N o t v e r o r d n u n g, die den Zweck habe, die Reichsfinanzen in Ordnung zu bringen. Er widerlegte im einzelnen die gegen die Notverordnung geltend gemachten Bedenken. An der schwierigen Finanzlage seien die Welt­wirtschaftskrise, die Reparationszahlungen und der überflüs­sige Apparat der öffentlichen Hand schuld. Dr. Dietrich ging dann auf die Reparationsfrage ein und vertrat den Stand­punkt, daß das Eintreiben der Schulden kapitalschwacher Länder durch kapitalstarke Länder ein Gefahrenmoment erster Ordnung in der Weltwirtschaft darstelle. Daß die Regierung entschlossen sei, der Frage des Reparationspro- blems nicht aus dem Wege zu gehen, habe sie durch ihr Ma­nifest gezeigt. Zum Schluß kam der Minister auf die um« laufenden Gerüchte der Errichtung der Diktatur zu sprechen und sagte, daß sich durch eine Diktatur die Lage nicht bessern, sondern lediglich insofern verändern würde, als den Unzu­friedenen der 9)1 und verbunden würde. Schwere Entschei­dungen stünden heute und morgen bevor.

Das Zentrum stimmt ihr zu

Vernünftige Regelung der Reparationsfrage gefordert.

Hildesheim, 15. Juni.

Die Zentrumsfraktion des Reichstages und der Reichs­parteivorstand berieten hier die politische Lage. Reichskanz­ler Brüning und Reichsarbeitsminister Stegerwald erstatteten einleitend Berichte. Der Reichskanzler fand für seine Palitik volles Verständnis und eKimütige Anerkennung. Für die unmittelbar bevorstehenden Entscheidungen und für die schweren Aufgaben der kommenen Monate bracht« die

Marienburg

Tagung dem Reichskanzler uneingeschränktes Vertrauen ent­gegen.

Die einmütige Auffassung der Reichstagsfraktion und des Reichsparteivorstandes wurde in einer Entschließung fest« gelegt. Sie besagt u. a., daß gegen Einzelheiten der letzten Rotverordnung auch in der Zentrumspartei stärkste Bedenken bestehen. In Zeiten gesicherter wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse wären manche Einzelbestimmungen der

Rotverordnung umständlich und unerträglich.

Um aber die Nation zu erhalten, um eine geordnete Staats- und Wirtschaftsführung zu ermöglichen, um das Absinken in ein finanzielles und wirtschaftliches und damit politisches Chaos zu vermeiden, stützt die Deutsche Zentrumspartei auch heute die Reichsregierung.

Die Deutsche Zentrumspartei weiß, daß Die Reichsregie­rung unter Abwägung aller Möglichkeiten den Weg für eine durchgreifende Erleichterung untragbarer Reparationslasten vorbereitet und betreten hat und stärkt die Regierung in die­sem Bemühen, weil nur bei einer baldigen Lösung der Repa­rationsfrage die wirtschaftliche und politische Beruhigung eintreten kann, die Deutschland wie auch andere Staaten und Völker Europas vor revolutionären Erschütterungen und vor Verelendung bewahren kann. Wir rufen,deshalb alle Gut­gesinnten und Einsichtigen in der Welt auf, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, bevor es zu spät ist. Roch größere Opfer kann das deutsche Volk nicht mehr tragen. Wir haben ein Recht aus Leben und Frechen in einem geordneten und befriedeten Europa.

Da die Einberufung des Reichstages die nationale Ar­beit der Reichsregierung gefährdet, wird das Zentrum die Einberufung a b l e h n e n.

Nach dem Schluß der Sitzung verließ der Reichskanzler, vom Publikum mit Hochrufen begrüßt, das Versammlungs­lokal und fuhr um 17.20 Uhr im Kraftwagen, begleitet von Prälat Kaas, nach Berlin.

Zur Unterredung Brüning Dingeldey über Tributrevision und Notverordnung.

_ Berlin, 15, Juni,

Bei der Besprechung des Reichskanzlers Dr.STuttTn'g mit dem Führer der Deutschen Volkspartei, Reichstagsabge­ordneten Dr. Dingeldey, die in Hannover stattfand, sol­len die Fragen der Tributrevision, der Sicherung des Zieles der Notverordnung durch organische Reformen und einen einheitlichen Finanz- und Wirtschaftsplan und der Gewin­nung der besten Männer zur erfolgreichen Durchführung die­ser Arbeiten erörtert worden sein. Die Bedeutung der Aus­sprache habe vor allem darin gelegen, daß die sachlichen Ge­sichtspunkte wieder in den Vordergrund gestellt worden seien.

Briand erneuert sein

Friedensbekenntnis

Paris, 15. Juni.

Auf der Tagung des Verbandes ehemaliger, kein« Pen­sion beziehender Frontkämpfer in Gourdon (Dep. Lot), an der zahlreiche Senatoren und Abgeordnete teilnahmen, hielt Außenminister B r i a n d eine Rede. Er erklärte, daß eigentlich die Frontkämpferveranstaltung von Gourdon eine bessere Propaganda für den Frieden sei als alle Reden, die er halten könne. Der Minister betonte in seinen Ausfüh­rungen, Frankreich wolle zur gegenwärtigen Stunde Mittel juristischer Lösung in die Regierungsberatungen bringen, die dazu dienen sollten, Gewalt und Macht durch Ausgleichs- und Schiedsgerichtsverfahren zu ersetzen. Briand feierte weiter den Gedanken des europäischen Friedens und verwahrte sich gegen den Vorwurf, den Versailler Vertrag sabotiert zu haben.

Der Minister bezeichnete den Verzicht Deutschlands auf Elsaß und Lothringen und seine Bereitschaft, mit Frankreich über die französische Ostgrenze zu verhandeln, als etwas Gewaltiges", das seiner (Briunds) Politik Anerkennung ab­nötigen müsse.

Briand streifte im weiteren Verlaufe seiner Rede das Verhältnis der europäischen Staaten zum Kelloggpakt und erklärte, es sei nicht angängig, daß die zivilisierten Völ­ker, die diesen Pakt unterzeichnet hätten, den Krieg unter dem Einfluß irgendeines Angriffes wieder aufleben lassen könnten. Wenn man aber bei der Organisation des Friedens nur an Deutschland und Frankreich denke, sehe man schlecht und nicht weit genug. Die Organisierung des Friedens müsse ganz Europa umfassen. Er habe die gewagte, ihm so oft vorgeworfene Initiative ergriffen, die europäischen Nationen aufzufordern, sich zusammenzuschließen und die notwendigen Bande der Solidarität zu knüpfen. Seitdem habe man er« lebt, daß Europa sich endlich darüber klar sei, daß es un« möglich so gespalten und egoistisch bleiben könne, wenn es feine Zivilisation retten wolle. Er verspreche, so lange er tätig sei, und so lange er atme^auf diesem Wege fortju- fahren. Briand appellierte am Schluß an den gesunden Sinn namentlich der Frauen, in deren Händen die Friedens­sache wohl behütet sei und schloß mit dem Ausruf:Ich werde Gourdon mit neuer Kraft verlassen. Ihr habt aus mir einen von den Soldaten des Friedens gemacht, der bereit ist, bis zum Ende zu kämpfen!"

Wie aus Oviedo (Spanien) gemeldet wird, haben die Kohlenbergwerksgefellschaften im Revier von Mieres die Schließung der Bergwerke wegen Gefährdung der Ordnung beschlossen.