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Rersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Reisfeld

Nr. 136 (erstes Blich

Sonnabend, den ir. Juni 1931

81. Jahrgang

Demissionsgerüchte um Brüning

Volkrpartei bleibt bei Relchrtazreinberninng Entscheidungen in Neudeck

Keine Kabinettsumbildung

700 andre Ostpreußen

Von Dr. W. Steffens, M. d. L, Marienburg.

Am Sonntag, den 14. Juni, wird die Provinz Ostpreu­ßen feierlich die 700jährige Wiederkehr der Zeit begehen, da der Deutsche Orden in dieses Land einzog. An geweihter Stätte, im Remter der Marienburg, wird man in Anwesen­heit des hochverehrten Reichspräsidenten von Hinden - bürg, des Sohnes westpreußischer Erde, des Retters Ost­preußens aus Kriegsnöten, dankbar der Begründer des Deutschtums in diesen Landen gedenken. Im Hasten und Jagen unserer schweren Tage ist es sehr berechtigt, eine stille Stunde der Besinnung der Vergangenheit zu weihen, eine Stunde der Dankbarkeit, eine Stunde aber auch der Er­hebung an den gewaltigen Ruhmestaten früherer Geschlech­ter und der Stählung des Kampfwillens gegen alle Nöte und Gefahren der Gegenwart und Zukunft.

Vor 700 Jahren sind die ersten Sendboten des Deutscher Ordens, die Männer mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Grund in das damals unwirtliche Land eingezogen. In 50= jährigen schweren Kämpfen haben sie es dem Orden, haben sie es dem Deutschtum gewonnen. Nicht in den kriegerischen Kämpfen liegt Wesen und Bedeutung ihrer Tat, sondern in ihrer Kulturarbeit. Sie waren mit dem Schwert kaum je ist für eine große segensreiche Kolonisation so wenig Blut geflossen! nur die Wegbereiter für die langen Scharen deutscher Männer und Frauen, Ritter und Mönche, Bauern, Handwerker und Kaufleute, die nun ihren Einzug in dieses

Die Marienburg, der frühere Sitz der Ordensritter.

Land hielten. Aus allen deutschen Gauen strömten sie nach Osten und verschmolzen sich hier in gemeinsamer, schwerer Arbeit auf hartem Boden, in rauhem Klima und in der ge­meinsamen Abwehr äußerer Gefahr zu einem einheitlichen, starken Grenzer- und Siedlervolk. Der Boden wird urbar gemacht, deutsches Recht, deutsche Sitte und Ord­nung breiteten sich siegreich aus, und als Wahrzeichen deut­scher Kultur und deutscher Kraft erhoben sich die ragenden Burgen des Ordens, die Dome der Städte mit emsig schaf­fender deutscher Bevölkerung. Wir vergegenwärtigen uns * meist nicht genügend, welch gewaltige Leistung deutsche Zähigkeit, Fleiß und Unternehmungsgeist hier vollbracht. Es war nur möglich, das alles zu erreichen, weil alle Kräfte auf ein großes Ziel gerichtet und zusammengefaßt wurden, weil ein unbeugsamer Wille zur Selbst­behauptung alle diese entsagungsbereiten Menschen belebte und sie befähigte, Schulter an Schulter siegreich den Kampf für ihr Deutschtum zu bestehen.

Sobald diese Gesinnung, dieser harte Behauptungs­und Kulturwille erschlaffte, die Einheit der Bevölkerung zer­brach und Zwietracht und Eigenbrötelei, Verweichlichung und Genußsucht, ja gar Landesverrat Platz griffen und die Widerstandskraft gegen fremde, slawische Einflüsse lahmten da ging es mit der deutschen Herrlichkeit im Ordenslande bergab; es erfolgte naturnotwendig jener furchtbare Zufam- menbruch des Ordens unter dem polnischen Angriff. So bieten die 700 Jahre ost- und westpreußischer Geschichte auf die wir nun zurückblicken, eine Wellenbewegung von Kampf und Erschlaffung, Sieg und Niederlage. Sonnen-

Ödes Glückes und dunkler Nacht der Not. Seitdem der

Friedrichs des Großen wieder feine schützenden Schwingen über das ganze Ostpreußen breitete, begann er­neut ein glänzender Aufstieg; namentlich dort, wo polnische Wirtschaft jeden Aufschwung gelähmt hatte, lernte man die Segnungen preußischer Zucht und Ordnung wieder schätzen, und Handel und Wandel blühten auf. Die o st p r e u ß i s ch e Eigenart, das Erbstück jener großen Zeit der deutschen Ordensherrschaft, die stählerne Kraft, die entsa- gungsbereite Tapferkeit im steten täglichen Kampf mit den Tücken des Klimas und der Rauheit des Bodens, ebenso wie im geistigen und kriegerischen Ringen mit habgierigen Feinden, sie hat sich seitdem immer und immer wieder glänzend bewährt. Sie hat sich auch bewährt in jerzen dyyklen Schicksalstagen, als wiederum große Stücke ^ss allen Ordenslandes, we st preußische Erde und

Menschen und D a n z i g und M e m e l durch sinnlose Ge­walttat von uns gerissen wurden Land und Men­schen, auf die wir nie und nimmer Ver­zicht leisten werden! Das Furchtbarste: Ostpreu­ßen ward durch den wahnwitzigenKorridor" vom Mutterlande abgetrennt, ward zurKolonie"! Nur der vermag das trostlose Gefühl der Vereinsamung nachzufühlen, der selbst unter diesen ostpreußifchen Menschen lebt, der weiß, wie sie völlig, mit allen Fasern ihres Her­zens, im Deutschtum verwurzelt sind. Das bewiesen die glor­reichen Abstimmungen, das beweisen auch die vielen Vereine heimattreuer Ost- und Westpreußen, die überall im Reich verstreut, die Liebe zur engeren Heimat pflegen als das sicherste Fundament der Liebe zum großen deutschen Vater­land.

So schwer heute die wirtschaftlichen Nöte in Ostpreußen drücken, so hart das Gefühl der räumlichen Trennung von den lebendigen Kräften des Deutschtums im Reich den Ost­preußen quält, so bedrohlich die rücksichtslosen Ausdehnungs- tendenzen gieriger Nachbarn die nationale und territoriale Sicherheit Ostpreußens gefährden der Ost preuße verzagt nicht! Gerade an deck Schwierigkeiten und Nöten und Gefahren stählt sich fein Mut, seine Widerstands­kraft, sein deutscher Behauptungswille wenn nur das übrige Deutschland ihn nicht verläßt! Die 700-Jahrfeier in Marienburg wird dazu beitragen. Das j Schicksal des tapferen Bürgermeisters von Marienburg, I Bartholomäus Blume, das im Festspiel vor dem ehrwür­digen alten Rathaus an den Zuhörern vorüberziehen soll, wird ihnen warnend die Folgen innerer Zerrissenheit und erhebend und anspornend den Heroismus deutscher Treue aufzeigen. Die weihevolle Stimmung und die Festreden im Remter der Marienburg mit seinen tausendfältigen großen ; Erinnerungen wird den Stolz aus die ruhmreiche Vergan­genheit. neu. erweckeu. chch dep .I-arU-n WMM UWL» hinter den Altvorderen zürückzustehen, in Sonderheit alles daran 311 setzen, jene uns widerrechtlich entrissenen Gebiete, deren Städtewappen den Remter mahnend schmücken, dem deutschen Vaterlande zurückzugewinnen. Am Abstimmungs- denkmal wird unser Hindenburg einen Kranz niederlegen: Symbol, Mahnung und starker Ausdruck eines unerschütter­lichen Willens zum Durchhalten. Denn an diesem Denkmal vor der Marienburg stehen die Worte, die nicht nur an diesem Tage, sondern immer, immer in allen oft- und west- preußischen, allen deutschen Herzen erklingen müssen als Be­kenntnis und als Warnung an unsere Nachbarn:

Dies Land bleibt deutsch!!

Regierungskrise?

Brüning berichtet dem Reichspräsidenten.

Berlin. 18. Juni.

Durch den Beschluß der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei, für die Einberufung des Reichstages zu stim­men, hat sich die inerpolitische und parlamentarische Lage überraschend schnell zugespitzt. Im gegenwärtigen Augen­blick ist nicht zu erkennen, wie sich die Dinge bis zum Wieder- zusammentritt des Aeltestenrats des Reichstages weiterent- , wickeln werden.

Am Freitag ist der Kanzler in Begleitung des Staats­sekretärs Meißner nach Reudeck gefahren, um dem Reichs­präsidenten eingehend Bericht zu erstatten. Es ist anzu- nehmen, daß die Berichterstattung nicht nur das Ergebnis der Konferenz von Lhequers, sondern auch die durch den Beschluß der Deutschen Volkspartei neugeschaffene Lage um­faßt. Es ist also durchaus möglich, daß zwischen Reichspräsi­denten und Kanzler eine Aussprache darüber stattgefunden hat, welche Schritte zu unternehmen sind, um eine Krise zu vermeiden oder, wenn sie sich ankündigl, ihr mit ent­sprechenden Maßnahmen zu begegnen.

DemWons-Drohungen

Der Kanzler hatte, wie kurz erwähnt, bereits im Laufe des Freitagnachmittag und -abend Besprechungen mit den Parteiführern. Dabei hat er, wie jetzt auch von zuständi­ger Seite bestätigt wird, mit aller Entschiedenheit betont, daß er einen Beschluß des Aeltestenrats auf Einberufung des Reichstages mit der G e s a m t d e m i s s i 0 n des Kabinetts beantworten werde. Er hat feinen Widerstand gegen einen Zusammentritt des Reichstages damit begründet, daß ein- I mal die außerordentlich kritische Lage ein schnelles und i zielklares Handeln erforderlich mache, zum anderen, daß die Besprechungen von Chequers weitere umfangreiche Vor­arbeiten auf dem Gebiet der Außenpolitik erforderten, die eine Beunruhigung durch parlamentarische Krisen nicht ver­trügen.

Man nimmt in politischen und auch in zuständigen Kreisen an, daß der Kanzler nach seiner Rückkehr aus Reu- deck sofort mit den Parteiführern in Verbindung treten wird, um erneut die Gründe der Regierung zu betonen und auf die Möglichkeiten hinzuweisen, die der Reichsregierung nach der Verfassung gegeben sind, um die Maßnahmen durchzu- führen, die sie zur Ablvehr von Rotgefahren für erforder­lich hält. Man will jedenfalls an zuständiger Stelle nicht den Eindruck aufkommen lassen, als ob der Kanzler gewillt sei, dem Druck der Parteien nach der einen oder anderen Richtung nachzugeben.

Brüning auch gegen Umbildung des Kabinetts

Bekanntlich hat die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei dem Kanzler erklärt, daß sich ihre Stellung­nahme nicht gegen feine Person richte, sondern nur bezwecke, im Interesse einer festen Politik eine Umbildung der Regie­rung herbeizuführen. Wie verlautet,, lehnt der Kanzler zur Zeit eine Regierungsumbildung ab. Ob er nach einer etwaigen Demission bereit sein würde, einen neuen Auftrag zu übernehmen und ein neues Kabinett zu bilden, wird in Kreisen, die ihm nahestehen, bezweifelt. Andererseits wird behauptet, daß der Reichspräsident kaum gewillt sein würde, die Demission des Kabinetts anzunehmen.

Hintergründe des vollsparteilichen Beschlusses

Wie in parlamentarischen Kreisen behauptet wird, ist der Beschluß der volksparteilichen Reichstagsfraktion auf Einberufung des Reichstages vor allem darauf zurückzu- führen, daß behauptet wurde, der Kanzler sei zu sachlichen Konzessionen an die Sozialdemokratie bereit und werde des­halb gegen gewisse Abänderungen der Notverordnung nichte einzuwenden haben. Diese Behauptung wird von zuständi­ger Seite als abwegig bezeichnet. Weiter ist die Deutsche Volkspartei der Meinung, daß auch im Hinblick auf die weitere Entwicklung nicht allein in tributpolitischer Hinsicht, sondern auch, was die innen- und finanzpolitischen Erforder­nisse angehe, eine stärkere, von parlamentarischen Einflüssen noch unabhängigere Regierung gebildet werden müsse.

Reichsausschub billigt Fraltionsbeschlub

Der Reichsausschuß der Deutschen Volkspartei trat am Freitagvormittag zu einer Sitzung zusammen, in der der über die politische Lage gab, wie sie sich seit dem Erlaß der Notverordnungen" gestaltet hat. Die Ausführungen Dr. Dingeldeys wurden mit stürmischen Beifall ausgenommen.

Anschließend wurde eine Entschließung einstimmig an­genommen, in der zum Ausdruck gebracht wird,daß der Reichsausschuß in Geschlossenheit hinter dem Par­teiführer steht und zu seiner Führung volles Vertrauen

In einer eingehenden Aussprache wurde zu den Ein­zelfragen Stellung genommen und über die Auffassung der Parteiorganisationen berichtet. Die Tagung wurde durch eine Rede des Abgeordneten Dingeldey geschlossen, in der er der Genugtuung darüber Ausdruck gab,daß die Par­tei als einheitlicher kampfbereiter Körper den politischen Aufgaben im Vertrauen darauf entgegensieht, daß sie mit ihrer Arbeit der Zukunft des Vaterlandes am besten die­nen werde."

Das Ergebnis der Reichsausschußtagung der DVP. kann nicht anders als die Bestätigung des Beschlusses der Reichstagsfraktion aufgesaßt werden, daß zur Klärung der Lage und zur Abänderung der Rotverordnung die Einbe­rufung des Reichstages für erforderlich gehalten wird.

Auch Landvolk für Kabinettsumbildung

Die Landvolkpartei, deren Stellung, wenn die Deutsche Volkspartei auf ihrem Fraktionsbeschluß beharrt, immer entscheidender wird, hat eine Erklärung herausgegeben, aus der zu ersehen ist, daß auch sie für eine Umbildung des Kabinetts im gegenwärtigen Augenblick eintritt, und zwar richtet sich ihr Angriff gegen den Reichsaußen- minister und gegen den Reichsfinanzmini- st e r. Außerdem will sich die Landvolkpartei vor der Ent­scheidung über die Wiedereinberufung des Reichstages Klar­heit darüber verschaffen, wie die Regierung sich die weitere Behandlung der Reparationsfrage denkt. Schließlich erklärt die Landvolkvartei, daß für sie dieSicherung der Fortführung der gegenwärtigen Agrarpolitik eine ihrer Kardinalforderungen sei.

Die FraMonen tagen

In dem Fraktionszimmer herrscht zur Zeit Hochbetrieb. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion erörterte einmal den Inhalt der Notverordnung, zum anderen die augenblick­liche Lage. Nach einem Bericht des Nachrichtenbüros des Vereins'deutscher Zeitungsverleger war die Stimmung in sozialdemokratischen Kreisen ausgesprochen pessimistisch. Es wurde unter anderem über die Unterredung berichtet, die die Vertreter der Sozialdemokratie mit dem Kanzler hatten. Der Kanzler habe betont, daß die Einberufung des Reichs- tages mit schweren Gefahren für die Kreditverhältnisse ver­bunden sei. Nach der Rückkehr des Reichskanzlers und nach einer Fühlungnahme im Reichskabinett sollen die Be­sprechungen fortgesetzt werden. Aus diesem Grunde kam die sozialdemokratische Reichstagsfraktion noch zu keinem Beschluß in der Frage der Einberufung des Reichstages. Dieser wird vielmehr b i s D i e n s t a g z u r ü ck g e st e l l t. Nach einer Mitteilung des Sozialdemokratischen Presse- bleustes soll die Reichsregierung zu Aenderungen in der Not­verordnung unter der Voraussetzung bereit sein, daß dadurch deren finanzielle Erträgnisse nicht beeinträchtigt werden In der Frage der Notverordnung wurde beschlossen,eine Ab­änderung zu verlüngen, die den berechtigten Forderungen der breiten Mast« der Volkes entspricht".