Hersfel-erTageblatt
L'SSS«W Hersfelder Kreisblatt
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Amtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfelö
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Zunks Vuchöruckerei in Hersfel-, Mltglled dt-vdZV.
Nr. 134
Donnerstag, den 11. Juni 1931
81. Jahrgang
Botschafter Houghton warnt Sie Machte
Die Auspowerung Deutschlands ein gefährliches Experiment
Enslandfahrer wieder in Berlin
3m Salonwagen der rNinister reiste quch Amerikas Botschafter.
Berlin, 11. Juni
Mit dem Lloyd-Sonderzug, dem der Salonwagen de? Reichskanzlers angehängt war, trafen gestern nachmittag kurz nach 5 Uhr Reichskanzler Dr. Brüning und Außen minister Dr. Lurtius wieder in Berlin ein. Mit den beider Herren und ihrer Begleitung reiste auch der amerikanisch« Botschafter in Berlin, S a ck e t t, der nach einem längerer Urlaub mit der „Europa" aus Amerika zurückkehrte. Dei Kanzler hatte den Botschafter schon aus dem Dampfer ein' geladen, mit ihnen gemeinsam die Fahrt nach Berlin zu unternehmen.
3um Empfang hatten sich neben der Gattin und Dem Töchierchen des Reichsaußenministers der britische Botschafter Sir Horace Rumbaldt, die Reichsminister Dietrich und Treviranus. die Staatssekretäre Dr. Pünder und von Bü- low, sowie andere Herren der amerikanischen und der britischen Botschaft und der deutschen Behörden im Bahnhof eingesunden.
Die „Europa" traf Mittwochvormittag gegen 9 Uhr in Bremerhaven ein Zum Empfang hatten sich Senator Boemers, Senator Dr Apelt, Amtshauptmann Dr. Kock (Bremerhaven) sowie vom Norddeutschen Lloyd Geheimral Stimming eingefunden. Die Begrüßung trug durchaus inoffiziellen Charakter. Interviews mit den beiden Ministern kamen nicht zustande. Es sei gelungen, so wurdc wiederholt erklärt, freundschaftlichste Beziehungen herzustellen; teilweise seien die Empfänge sogar sehr herzlich gewesen.
Dr. Brüning und Dr. Curtius begaben sich dann gegen 10.30 Uhr zu dem Lloyd-Sonderzug nach Berlin, der ihren Tvnderwagen mitführte. ’’ffipWTr^^ fit noch einmal von Pressevertretern bestürmt. Oberregierungs- rat Plank konnte jedoch wiederum nur erklären, daß man über Chequers deshalb nichts sagen könne, weil man sich in dieser Beziehung der englischen Regierung verpflichtet habe, vorläufig nichts zu sagen. Um 10.30 Uhr rollte der Sonderzug aus der Halle des Columbus-Bahnhofes
Demonstrationen gegen die Heimkehrer
Die Kommunisten hatten versucht, einen Demonstra- tionsumzug zu bilden, der jedoch durch umfangreiche Vor- kehrungen der Bremerhavener Polizei verhindert wurde Durch Handzettel hatten die Kommunisten zu Demonstrationen aufgefordert. Auch von nationalsozialistischer Seite wurde ein Zwischenfall Herbeigefübrt. Sie hatten ein Motorboot gemietet, mit dem sie oei dem Anlegungs- manöver des Ozeanriesen vor dem Columbus-Kai herum- fuhren Vor der Ankunft der „Europa" am Columbus-Pies wurde von der Schutzpolizei das Motorboot, das mit vier Nationalsozialisten besetzt war, die anscheinend bei der Ankunft des Schnelldampfers demonstrativ yervortreten wollten beschlagnahmt Das Boot wurde ins Schlepptau genommen die Insassen wurden sistiert, später aber wieder freigelassen Diese vier Nationalsozialisten stellten sich dann bei der Waschanstalt des Lloyd auf und entrollten eine Hakenkreuzfahne. Sie riefen „Deutschland erwachel", während eine in der Nähe stehende Gruppe von Kommunisten „Nieder mit Brüning!" schrie. Als die Polizei den Nationalsozialisten die Fahne abnehmen wollte, setzten sich diese zur Wehr. Der nationalsozialistische Redakteur Bruns soll angeblich mit der Fahnenstange nach den Polizeibeamten geschlagen haben. Darauf griffen die Beamten zum Gummiknüppel Die vier Nationalsozialisten wurden verhaftet und mit dem Polizeiwagen ins Gefängnis gebracht
Der oldenburgische Landtag eröffnet Ein Nationalsozialist Präsident.
Oldenburg, 11. Juni.
b o h m gab daran rung ab. Darin m
Der oldenburgische Landtag trat am Mittwoch zu einer ersten Sitzung nach der Wahl zusammen. .Zum Präsidenten wurde mit 34 Stimmen der Nationalsozialist Sichler gewählt, der vorher die Erklärung abgegeben hatte, daß er grundsätzlich bereit sei, Verfassuna und Geschäftsordnung zu achten und unparteiisch die Geschäftsordnung zu handhaben. Die Wahl des ersten Vizepräsidenten kam trotz dreimaligen Wahlganges nicht zustande, weil der sozialdemokratische Kandidat immer unter 50 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt. Die Wahl wird heute wiederholt. Der zweite Vizepräsident fiel mit 44 von 48 Stimmen an das Zentrum als der drittstärksten Partei. Ministerpräsident C a s s e - ' ' * ' eine kurze Erklärung der Staatsregie- rd mitgeteilt. daß das Staatsministerium von einem Rücktritt abgesehen habe
nach der Neuwah ..... ........
)enn es fei der 9 uffassung, daß es als Beamkenkabinett 'einer Partei gegenüber politische Bindungen eingegangen ei. Es wolle abwarten ob der Landtag anderweitige Be- chlüste fassen wolle. Die Nationalsozialisten ließen daraus erklären, daß sie vorläfig die jetzige Regierung dulden wollten. Ein deutschnationaler Antrag, die Regierung zu beauftragen, bei der Reichsregierung für die Aufhebung der jetzigen Notc erordnung hinzuwirken, wurde angenommen.
Ein offenes Wort houghton;
»Die anderen zahlen nichts, Deutschland zahlt für sie."
Der frühere Berliner Botschafter Houghton hielt bei der Semester-Schlußfeier des Carnegie-Institute of Technology eine Ansprache, in der er erklärte, Deutschland sei nicht imstande, sich ohne Hilfe aus den gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten herauszuarbeiten, und man könne nicht ein prosperierendes Europa oder prosperierende Vereinigte Staaten erwarten, solange sich Deutschland in wirtschaftlicher Finanznot befinde und sich dem Zusammen- bruch nähere. Sollte Deutschland Hilfe gewährt werden durch Einräumung einer Ermäßigung der Zahlungen an England oder durch Aufschub der Gesamtreparationen auf zwei oder fünf Jahre oder auf so lange Zeit bis seine Wirtschafts- und Finanzlage sich genügend gebessert habe, um es zu befähigen, seine Zahlungslast ohne die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruches wiederaufzunehmen, so müsse diese Hilfe von allen beteiligten Nationen gewährt werden und nicht von Amerika allein.
Die alliierten Länder stöhnten nicht unter ihrer Schuldenlast an die Vereinigten Staaten, sie zahlten nichts selbst, sie handelten lediglich als Ueberweisungsstellen und zahlten aus den Reparationen, die sie Deutschland ihnen zu zahlen zwangen. Die Last der Kriegsschulden an die vereinigten Staaten ruhe direkt auf dem deutschen Volke.
Houghton sprach dann von seinen persönlichen Eindrücken von Deutschland während der Inflationszeit und be= handelte die Wirkungen der Jahre Hindu ch gezahlten Re- paraiionsschulden auf die deutsche Wirtschaft und sagte wörtlich:
Deutschland ist meiner Ansicht nach an der Grenze der Möglichen angelangt. Ich kann keinen Vorteil für die Well von einem vollkommenen Zutammenbruch Dentschtnnd- sehen. Ich will nicht an "die möglichen Folgen für die Dell des Westens denken, die einkreten mühten, wenn in Mittel- europa das Chaos herrschte. Jedenfalls würden solche Ereignisse weder uns noch anderen Nationen helfen, aus den Weg der wirtschaftlichen Erholung zu kommen. Das deutsch« Volk auszupowern, könnte sich als kostspieliges Experiment herausstellen, und darauf läuft es hinaus, wenn man er zu überzeugen sucht, daß es für die nächsten 60 Jahre an die Buchstaben der Schuldverschreibung gehalten sei, deren Gerechtigkeit es verneint. Wir sollten bereit sein, um, wenn die anderen Nationen dazu kommen werden, auch unseren Beitrag an der Hilfsaktion für Deutschland zu leisten.
Starke Beachtung in Amerika
Diese Ausführungen Houghtons werden von der „New Dork Times" ausführlich und an auffallender Stelle wiedergegeben. Selbst im Leitartikel beschäftigt sie sich damit. Diese Aeußerungen, so heißt es, von einer so wohlinformierten Persönlichkeit, wie Houghton es ist, legten ein schlagendes Zeugnis von dem Mut und der Opferwilligkeit ab, mit der das deutsche Volk seit Jahren bestrebt gewesen wäre, seine nationale Einheit zu wahren und seine finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen.
Houghton habe aber auch nicht weniger überzeugend nachgewiesen, daß der Zusammenbruch Deutschlands ein Unglück für die ganze Welt wäre, und daß deshalb auch die vereinigten Staaten dieser Möglichkeit gegenüber nicht untätig beiseite stehen dürften.
Französisch-russische Berönnölungen auch über die bestarabische Frage?
Paris, 11. Juni.
Die Verhandlungen zwischen den französischen und sow- jetrussischen Sachverständigen über die Aufnahme von Handelsbeziehungen haben damit begonnen, daß die russische Delegation gewisse Forderungen hinsichtlich der Einfuhr von Waren gestellt hat und nunmehr die französischen Vorschläge erwartet. Auch über einen Nichtangriffspakt soll später verhandelt werden, aber hierüber verlautet noch nichts Bestimmtes, außer daß auch die bestarabische Frage angeschnitten werden soll.
lSerichtsbeschlubüber^efesselteFustiz"
Berlin, 11. Juni.
Die 18. Zivilkammer des Landgerichts I unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Herzog hat in der Klage, die Justizrat Dr. Werthauer gegen den Verlag Lehmann in München auf Unterlassung verschiedener beleidigender Behauptungen in der Broschüre „Gefesselte Justiz" angestrengt hatte, zu Gunsten des Antrags stellers entschieden. Die einstweilige Verfügung vom 11. April d I wurde durch die Kammer bestätigt, und es wurde dem Verlag gegen eine Strafe von 500 Rm in jedem Fall der Zuwiderhandlung verboten, die vom Gericht beanstandeten Stellen zu drucken oder zu verbreiten Die Kosten des Verfahrens wurden dem Verlag Lehmann zu drei Vierteln, Justizrat Werthauer zu einem Viertel auferlegt.
6in6etufttng des Reichstages Entscheidung bis Dienstag vertagt.
Berlin, 11. Juni.
Der Aeltestenrat des Reichstages hatte sich am Mittwochabend mit einem Anträge der Nationalsozialisten, der Deutschnationalen und der Kommunisten zu beschäftigen, wonach das Reichstagsplenum schon für nächsten Dienstag einberufen werden sollte. Für diesen Antrag stimmte auch der Vertreter der Wirtschaftspartei, während sich der Vertreter des Landvolks der Stimme enthielt.
Mit den Stimmen der übrigen Parteien wurde der Antrag abgelehnt. Auf Wunsch mehrerer Parteien wurde darauf mit Rücksicht aus die bevorstehenden Fraktionssihun- gen beschlossen, heute noch keine Entscheidung über eine vorzeitige Einberufung des Reichstages zu fällen, sondern am Dienstagvormittag eine neue Aeltestenratssitzung zu diesem Zweck abzuhalten.
In dieser Woche wird der Reichskanzler nur noch wenige ihm nahestehende Parteiführer über die Verhandlungen von Chequers und über die weiteren Absichten der Regierung unterrichten können. Die eigentlichen Verhandlungen der Regierung mit den Parteiführern werden erst Anfang nächster Woche beginnen können. In der Aeltestenratssitzung am Mittwoch hat die Regierung noch in keiner Weise Stellung genommen.
Der Reichskanzler spricht am 14. Juni.
Wie bekanntgegeben wird, wird der Kanzler am 14. Juni auf der Tagung der Zentrumsfraktion in Hildes- Heim eine große programmatische Rede halten, die auch das | Ergebnis von Chequers berücksichtigen wird.
Abänderungswünsche der Fraktionen.
Der BorsicW en Reichs- tagsfraktion hat Rch am MittwochvormittaA mit der durch den Erlaß der neuen Notverordnung geschaffenen politischen Lage beschäftigt. Er erkennt die Notwendigkeit an, die Finanzen des Reiches, der Länder und der Gemeinden aus eine sichere Grundlage zu stellen, ist aber der Auffassung, daß die zu diesem Zweck erlassene Notverordnung in einzelnen Teilen so harte Maßnahmen für die breite Masse der Bevölkerung enthält, daß ihre Abänderung dringend erforderlich erscheint. Der Fraktionsvorstand wird zunächst mit dem Reichskanzler in Verbindung treten, um festzustellen, inwieweit durch Verhandlungen die für notwendig gehaltenen Abänderungen erreicht werden können.
Preubeu und Notverordnung
Berlin, 11. Juni.
Der Aeltestenrat des preußischen Landtags beschloß, den kommunistischen Mißtrauensantrag gegen das Staals- minifferium wegen der aktiven Mitwirkung des Preußen- kabinetts an der Notverordnung der Reichsregierung auf die Tagesordnung der Donnerstag-Sitzung des Plenums zu sehen.
Weiter wurde beschlossen, den vom Staatsrat eingebrachten Gesetzentwurf über die Beteiligung Preußens an der Wohlfahrtserwerbslosen-Fürsorge mit 250 Millionen Mark am Donnerstag in zweiter und dritter Lesung zu erledigen. Die Abstimmung über den kommunistischen Mißtrauensantrag soll am Sonnabend stattfinden. Am Sonnabend erfolgt auch die Verabschiedung des Kirchenvertrages.
Der Preußische Staatsrat wird bereits am 17. Juni, nicht erst am 23. Juni, zu seinem nächsten Sitzungsabschnitt zusammentreten. Hauptgegenstand der Beratung werden die Ausführungsbestimmungen zu der Notverordnung des Reichspräsidenten bilden. Die Bestimmungen werden dem Staatsrat einige Tage vorher zugehen.
Berlöttgetmie des Berliner Bertroses
Berlin, 11. Juni.
Wie von zuständiger Seite mitgefeilt wird, soll das deutsch-russische Freundschaftsabkommen vom 24. April 1926, der sogenannte Berliner Vertrag, der am 29. d. M. ab- läuft, im wesentlichen in der gleichen Form verlängert werden. J
England und die Minderheitenfrage
London, 11. Juni.
Zum Schluß einer längeren Aussprache im Oberhaus über die Minderheitenfrage erklärte Lord P a r - in o u r im Namen der Regierung, England habe ernste Verpflichtungen hinsichtlich der Minderheiten übernommen. Wenn es sich um Schwierigkeiten einer Minderheit handelt, so komme es wirklich nicht darauf an, ob eine vertraglich» oder moralische Verpflichtung berührt werde. Die Frage sei nicht leicht. Es sei die Aufgabe des Völkerbundes, Die Friedens- und Zusammenarbeit im internationalen Leben zu fördern, und er glaube, daß größere Oeftentlichkeit in be^ug auf die Frage der Minderheiten und eine Einschaltung des Haager Gerichtshofes ratsam wäre. ,